Das Parental Alienation Syndrome ist ohne Zweifel eines der schlimmsten Erlebnisse, das einem Elternteil nach einer Trennung mit Kind widerfahren kann. Vom eigenen Kind/den eigenen Kindern offen und feindseelig abgelehnt zu werden ist kaum zu ertragen. Zudem fallen häufig schon früh erste Verhaltensauffälligkeiten ins Auge, die den entfremdeten Elternteil alarmieren, ihn aufmerksam werden und vielleicht sogar bereits PAS vermuten lassen.

Die emotionale Ausnahmesituation, die daraus entsteht, die Angst vor der weiteren Entwicklung und nicht zuletzt auch die vollkommen nachvollziehbare Fassungslosigkeit über das, was vor sich geht und darüber, dass es überhaupt funktioniert, führt nicht selten zu emotionalen Reaktionen auf das Verhalten des Kindes, die zwar das kurzweilige Gefühl versprechen, sich Recht und Gehör verschafft zu haben, die Situation “PAS” allerdings noch verschärfen, das Fortschreiten der Entfremdung womöglich sogar beschleunigen.

Wir haben für Sie eine Liste der destruktivsten aber häufigsten Reaktionen auf Entfremdungsanzeichen beim Kind zusammengestellt und wollen Ihnen im Rahmen einer Artikelserie näherbringen, wie Sie besser auf ihr entfremdetes Kind reagieren können. So sollten Sie also auf gar keinen Fall reagieren, wenn Ihr Kind Anzeichen von Entfremdung zeigt:

 

Teil 1

Das Verhalten des Kindes persönlich nehmen

So sehr man auch wissen mag, dass ein Kind sich nicht von alleine plötzlich so verhält, so sehr ist man Mensch und es nagt durchaus die Frage, wie sich denn das Kind so beeinflussen lassen kann, wo man doch alles für es getan hat, sich nie etwas zu Schulden hat kommen lassen. Der Gedankengang ist vollkommen natürlich – und nicht minder falsch:

Wenn das Kind sich so “einfach” gegen die eigene Person aufbringen lässt, hat es Sie denn je wirklich lieb gehabt?

Wir denken schnell in erwachsenen Kategorien, wenn unsere Kinder sich in einer Weise verhalten, die wir Kindern einfach gar nicht zugestehen wollen. Für dieses Erlebnis fehlt es uns an geübten Reaktionsmustern gegenüber dem Kind, also greifen wir schnell auf diejenigen Muster zurück, die wir für solche Fälle haben – für Erwachsene, die uns in dieser Art begegnen.

Und wie wir Erwachsenen – zurecht – unterstellen, dass Sie sich mehr oder weniger bewusst und aktiv dazu entschieden haben, uns feindseelig zu begegnen ohne Grund, so unterstellen wir das auch unbewusst dem Kind. Es hätte ja nicht müssen, denken wir uns.

Oft bagatellisieren wir dabei gedanklich, was das Kind erlebt, wenn es gegen einen Elternteil beeinflusst wird und vergessen die Abhängigkeit des Kindes von seinen Eltern und das noch immer vorhandene Trennungstrauma. Wir sind einfach nicht imstande, uns in die Psyche eines – womöglich auch noch kleinen – Kindes hinein zu versetzen. Umso älter das Kind wird, umso schlimmer, denn umso mehr unterstellen wir eine bewusste, rationale Entscheidung.

Das Kind hat nach eigenem Empfinden einen Elternteil bereits nahezu verloren. Jetzt droht der verbliebene Elternteil an, das Kind ebenfalls von sich zu stoßen, wenn es nicht wie gewünscht reagiert oder spielt manipulativ mit der Loyalität des Kindes.

Für das Kind geht es nicht um Sympathien – für das Kind geht es instinktiv emotional um das nackte Überleben, denn ganz ohne Eltern kann es das nicht. Zumindest sagt ihm das der Instinkt. Wenn diese eine Sozialbindung zu den Eltern verloren geht, dann ist alles verloren. Es muss alles tun, was in seiner Macht steht, um zu verhindern, vom verbliebenen Elternteil auch noch verlassen oder abgelehnt zu werden.

Wir hingegen sind zunächst einmal an unserer Eitelkeit gepackt, solange die Symptome noch schwach sind. Das Verhalten des Kindes empfinden wir als undankbar oder frech, verwechseln vielleicht sogar die ersten deutlichen Anzeichen von PAS mit Trotzanfällen oder vorpubertärem Abgrenzungsverhalten. In genau diesen Altersabschnitten ist es besonders schwierig, PAS rechtzeitig wahrzunehmen – wenn Begründungen wie Trotz oder Pubertät naheliegen.

Denn beides ist weit weniger beängstigend als PAS und wie erwähnt greift Entfremdung und das daraus resultierende Verhalten im ersten Moment unsere Eitelkeit an. Es ist sehr bequem, dann eine gesellschaftlich akzeptierte Erklärung für die Ablehnung des Kindes zur Hand zu haben. Nicht nur nach außen sondern auch für sich selbst.

Kommen diese alternativen Erklärungen nicht in Frage oder haben wir verstanden, dass wir es mit etwas ganz anderem zu tun haben, verändert sich die Situation schlagartig. Schnell steigen wir in die Perspektive des PAS mit ein und fokussieren uns darauf, was wir selbst tun oder nicht getan haben und versuchen, Rückschlüsse daraus zu ziehen, an welcher Stelle wir nach der Trennung mit Kind “nicht genug” getan haben oder etwas nicht “gut genug” gemacht haben. Es liegt in der Natur des erwachsenen Menschen, nach der ersten emotionalen Reaktion nach einer rational nachvollziehbaren Lösung, einem Muster zu suchen.

Zudem man sich zunächst kaum vorstellen kann, wohin sich ein Parental Alienation Syndrom mit der Zeit entwickeln kann und wird, wenn es nicht aufgehalten wird. Die Vorstellung, das eigene Kind könnte eines Tages vor einem stehen und in kalter, offener Ablehnung Beschimpfungen und Vorwürfe ausstoßen – und das mit fünf, sechs oder sieben Jahren – scheint vollkommen absurd.

Die Angst vor der Entfremdung tut ihr Übriges. Man will es nicht recht sehen und wahr haben und selbst wenn man es sieht, will man davon überzeugt sein und bleiben, das eigene Kind ließe sich nicht weiter in diese Spirale hineindrängen.

“Mein Kind nicht, mein Kind liebt mich!”

 

QUICKTIP

Die quälendste Frage, sobald das Kind nach einer Trennung Entfremdungssymptome zeigt, ist: “Habe ich das verursacht? Habe ich etwas falsch gemacht?” Und diese Frage ist legitim. Vielleicht haben Sie Fehler gemacht. Die eigene Fehlbarkeit zu negieren, weil der andere das Kind beeinflusst ist ebenso unnütz wie sich uneingeschränkt selbst dafür verantwortlich zu machen, dass die Entfremdung überhaupt fortschreiten kann.

PAS ist ein komplexes und überaus groteskes psychologisches Phänomen, das zunächst unser Verständnis einer Eltern-Kind-Beziehung überfordert. Das Bild eines entfremdeten Kindes scheint surreal, absurd und vollkommen widernatürlich, wobei vielen bereits die Trennung mit Kind zuvor kaum vorstellbar erschienen sein mag.

Bewahren Sie einen kühlen Kopf, denn Ihre Emotionen werden Sie fehlleiten. In Ihrem emotionalen Erleben haben Sie mit größter Wahrscheinlichkeit noch kein nützliches Werkzeug für diese Situation und andere Lösungsansätze können mehr schaden als nützen.

Suchen Sie innere Distanz zu dem, was geschieht – nicht zu ihrem Kind. Denken Sie an eine Art Lese-Rechtschreib-Schwäche. Sie wissen, Ihr Kind ist clever und intelligent und trotzdem klappt das mit den Buchstaben und Worten irgendwie nicht. Sie wissen, Ihr Kind liebt Sie und braucht Sie und trotzdem klappt das mit der gelebten Liebe irgendwie nicht.

Erliegen Sie nicht der Versuchung, das eigene Verhalten nicht mehr zu reflektieren, weil ja der andere das Kind dazu bringt, sich so zu verhalten und Sie nur hilfloses Opfer der Ergebnisse sind.

Sie sind Elternteil und verantwortlich für die Erziehung, Prägung und damit auch für das Verhalten Ihres Kindes – aber nicht Sie alleine. Schieben Sie Ihre Verantwortung nicht weg, überbewerten Sie jedoch auch nicht Ihren Einfluss als einer von mehreren Faktoren.

Bleiben Sie sachlich, so gut Sie nur können. Bewahren Sie einen kühlen Kopf und realisieren Sie, dass dieses Entfremdungsphänomen, das Sie beobachten, sehr viel komplexer und komplizierter ist als die Frage, wie lieb Ihr Kind Sie hat.

 

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