Wenn Eltern sich trennen, erleben die davon betroffenen Kinder eine für sie regelrecht absurde Verzerrung der Realität. Nicht nur geht einer von beiden weg – das wird per se als eigentlich undenkbar empfunden – darüber hinaus ist auch die Instanz „Eltern“ mit einem Mal scheinbar nicht mehr da. Stattdessen ist da Mama oder Papa, bei welchem das Kind lebt und „der/die andere“. Im Wust der eigenen emotionalen Belastung vergessen die beteiligten Erwachsenen häufig, dass neben den rabiaten Veränderungen im Alltag des Kindes und womöglich einem Umzug auch ganz konkrete emotionale Konflikte entstehen – wie bei den beteiligten Erwachsenen.

 

Vorwürfe, das Kind verlassen zu haben

Schnell wird dabei allerdings bei klarem Blick bewusst, dass ein Kind, insbesondere jüngeren Alters, diese emotionalen Situationen noch gar nicht ein- und zuordnen kann. So gehören Vorwürfe des Kindes, man habe es verlassen oder die Familie verlassen zu den wohl häufigsten. Welches Elternteil die Trennung initiiert hat ist dabei vollkommen unerheblich, für das Kind hat derjenige verlassen, der nicht länger mit ihm zusammenlebt. Dabei muss dieses Empfinden des Kindes nicht zwingend laut und wütend geäußert werden. Oft genug verbergen sich Vorwürfe, die grob auf diesen Inhalt hinaus laufen hinter ruhigen Fragen, das Trigger-Wort „verlassen“ ist allerdings ein Signal, das wahrgenommen werden sollte.

Denn jemanden oder etwas zu verlassen ist etwas anderes, als sich zu trennen oder auszuziehen. Jemanden zu verlassen beinhaltet eine emotionale Komponente auf der Beziehungsebene, die zwischen den Elternteilen eine Daseinsberechtigung haben mag, sicherlich war jedoch ein Verlassen des Kindes nie Intention des ausgezogenen Elternteils.

Wie kommt das Kind darauf?

Meist durch simple Beobachtung. Ein Elternteil löst sich für das Kind aus dem Familienverbund, indem es örtliche Distanz schafft – also auszieht. Dieses Weggehn ist für das Kind mit starken Ängsten verbunden, die es in dem Eindruck formuliert, auch selbst verlassen zu werden. Insbesondere frisch nach der Trennung ist für das Kind noch keine Sicherheit entstanden, dass trotz der neuen Situation beide Elternteile weiterhin erreichbar und ansprechbar sind, grade dann, wenn das Kind noch zu jung ist für selbständigen Kontakt zum Beispiel via Telefon, SMS oder Internet.

Was tun gegen diese Vorwürfe?

  • Lassen Sie sich unter keinen Umstände zu Erklärungen über die „Schuldfrage“ hinreißen. Darum geht es nicht. Wer die Trennung initiiert hat ist nicht das Thema.
  • Nehmen Sie das Kind in seiner Angst ernst und hören Sie zu. Unterbrechen Sie nicht um Begrifflichkeiten zu korrigieren oder dergleichen. Es geht nicht darum, wie man etwas benennt sondern darum, was Ihr Kind fühlt.
  • Erklären Sie altersgerecht dass die Verbindung zwischen den Eltern als Paar und die Verbindung zwischen den Eltern und dem Kind voneinander unabhängige Themen sind.
  • Überlegen Sie gemeinsam mit dem Kind, wie man dem schlechten Gefühl entgegenwirken könnte. Kann es in der Woche zum Beispiel Bilder für Sie malen mit den Dingen, die es erlebt hat? Kann mit Unterstützung des anderen Elternteils ein Telefonabend in der Woche vereinbart werden, so dass die Zeit zum nächsten Treffen nicht zu lang wird? Seien Sie kreativ.
  • Sagen Sie ihrem Kind ausdrücklich, wie lieb sie es haben und das nichts daran etwas ändern wird.

 

 

 Vorwürfe, den anderen Elternteil vertrieben zu haben

Wo Umgangselternteile sich dem Vorwurf des Verlassens entgegen sehen, trifft die betreuenden Elternteile in gleichem Maße der Vorwurf, den anderen Elternteil praktisch vertrieben zu haben. Hierbei variiert die Art dieser Vorwürfe stark mit dem Alter der betroffenen Kinder. Während kleinere Kinder sich diesbezüglich oft recht abstruse Zusammenhänge zusammenreimen, können grade ältere Kinder und Teenager teils wirklich verletzende weil nicht immer realitätsferne Vorhaltungen äußern.

Insbesondere wenn die Trennung für das Kind sehr plötzlich und unvorbereitet geschieht, es keine ruhigen, klärenden Gespräche beider Eltern mit dem Kind vor der räumlichen Trennung gab oder die Trennung sogar in einem eskalierenden Streit in Hör- oder Sichtweite des Kindes stattgefunden hat, kompensiert das Kind seine eigenen Ängste einen Elternteil zu verlieren in Vorwürfen dem verbliebenen Elternteil gegenüber.

Dabei liegt die Forderung des Kindes, es „wieder gut zu machen“, damit der andere zurückkommt oft fast greifbar in der Luft.

Wie kommt das Kind darauf?

Eine Trennung ist, neben vielem anderen, immer auch ein extremer Verlust von Kontrolle und Vorhersagbarkeit für das Kind innerhalb seiner Lebensrealität. Gefühlt wird schlagartig alles unberechenbar. Wenn ein Elternteil „gehen“ kann, was ist sonst noch möglich? Innerhalb diesem Gefühl der völligen Hilflosigkeit, sucht das Kind nach Mechanismen der Beeinflussung. Irgendetwas muss man doch „dagegen“ tun können. „Jemand“ muss etwas tun können. Der simpelste Schluss, der zudem eine Lösbarkeit der Situation in Aussicht stellt ist dann: der betreuende Elternteil hat sich falsch verhalten, wenn er/sie sich richtig verhält, kommt der/die andere zurück. Im Grunde sind Vorwürfe dieser Art ein aggressiver weil verzweifelter Appell an den verbliebenen Elternteil, wieder alles heil zu machen.

 

Was tun gegen diese Vorwürfe?

  • Lassen Sie sich unter keinen Umstände zu Erklärungen über die „Schuldfrage“ hinreißen. Darum geht es nicht. Wer die Trennung initiiert hat ist nicht das Thema.
  • Reagieren Sie nicht wütend, rechtfertigen Sie sich nicht. Begreifen Sie das, was geschieht als das, was es ist: Ihr Kind hat große Angst und Sorge und weiß sie nicht anders auszudrücken.
  • Wenn kein erklärendes Gespräch beider Eltern mit dem Kind bezüglich der Trennung stattgefunden hat und eines möglich ist, holen Sie es gemeinsam mit dem anderen Elternteil nach.
  • Erklären Sie dem Kind altersgerecht die bestehende Situation und schaffen Sie Berechenbarkeit, indem Sie zum Beispiel erklären, dass Sie gemeinsam feste Tage aussuchen werden, an welchen es den anderen Elternteil besucht. Machen Sie dem Kind begreiflich, wie der andere Elternteil zukünftig für das Kind greifbar sein wird oder bieten Sie Kontrollmöglichkeiten an – zum Beispiel, dass das Kind jederzeit telefonisch Kontakt zum anderen Elternteil herstellen kann.

 

Vorwürfe über Geld und andere Elternthemen

Keines der Elternteile ist hingegen gefeit vor Vorwürfen Themen betreffend, von denen man häufig annimmt, das Kind habe darin gar keinen Einblick. Umso irritierter reagieren Betroffene, wenn das Kind plötzlich beklagt, das Umgangselternteil zahle ja zu wenig Unterhalt oder das betreuende Elternteil ruiniere den anderen Elternteil finanziell durch die Unterhaltsforderungen. Auftauchen können bei diesen Szenen praktisch alle trennungsrelevanten Themen von Vorwürfen bezüglich Untreue in der Partnerscharf, Faulheit, Bosheit dem anderen Elternteil gegenüber oder sogar angebliche Erziehungsdefizite.

Gemeinsam haben solche Vorwürfe in aller Regel eines: Das Kind hat sie sich geborgt. Gewöhnlich von einem der Elternteile, den Großeltern oder anderen Bezugspersonen.

Dabei muss nicht, wie häufig fälschlich angenommen, jemand aktiv auf das Kind einwirken, um es dazu zu bewegen, solche Vorwürfe zu äußern. Bei entsprechender Persönlichkeit des Kindes genügt es, wenn Gespräche zwischen Erwachsenen belauscht werden oder Telefonate in Hörweite des Kindes mit entsprechendem Inhalt geführt werden.

 Wie kommt das Kind darauf?

Insbesondere selbstbewusste  Kinder übernehmen gerne und schnell Verantwortung im Elternstreit und wollen Konflikte „klären“, die sie kognitiv noch gar nicht verarbeiten oder in vollem Umfang begreifen können. Fehlende Konfliktlösungsfähigkeiten führen dann altersgemäß schnell dazu, dass ungefiltertes vorwerfen der vermeintlichen Konfliktauslöser im Verstehen des Kindes dazu geeignet sein sollen, den Streit beizulegen. Denn wenn jeder weiß, was er falsch macht und es lässt, vertragen sich alle wieder miteinander und streiten nicht mehr. Die Verantwortung, in welche sich das Kind hierbei selbst hineindenkt ist allerdings zwangsläufig überfordernd und kann erheblichen emotionalen Schaden beim Kind anrichten, denn mit der Verantwortung für die Schlichtung nimmt das Kind automatisch auch eine Verantwortung für ein eventuelles Scheitern dessen und für den Elternkonflikt und die Trennung per se mit an.

 

 Was tun gegen diese Vorwürfe?

  • Lassen Sie sich unter keinen Umstände zu Erklärungen über die „Schuldfrage“ hinreißen. Darum geht es nicht. Diskutieren Sie grundsätzlich keine Elternthemen mit dem Kind.
  • Erklären Sie genau das auch Ihrem Kind: Es gibt Elternthemen und Kinderthemen und sämtliche die Trennung und ihre Folgen betreffenden Streitthemen sind Elternthemen, die das Kind gar nichts angehen. Das klären Mama und Papa unter sich.
  • Informieren Sie den anderen Elternteil über das Verhalten des Kindes. Nicht vorwürflich, sondern informativ. Das Kind zeigt durch solche Einmischungen eine vermeidbare Belastung durch den Elternkonflikt, der sie gemeinsam entgegenwirken müssen.
  • Suchen Sie ggf. das Gespräch mit dem anderen Elternteil oder, wenn dies nur bedingt möglich ist, Unterstützung durch eine Beratungsstelle, die den kindgerechten Umgang mit den Trennungsthemen mit Ihnen übt.
  • Führen Sie kategorisch keinerlei Gespräche über Elternthemen in Gegenwart des Kindes. Weder mit anderen Erwachsenen noch telefonisch. Wenn Sie mit dem anderen Elternteil sprechen oder telefonieren und diese Gespräche ein gewisses Eskalations-Potential aufweisen, achten Sie darauf, dass das Kind unzweifelhaft außer Hörweite ist.
  • Wenn das Kind schon lesen kann, lassen Sie grundsätzlich niemals offizielle Schriftstücke die Trennung betreffend für das Kind zugänglich herumliegen.