Einer Trennung mit Kind gehen zumeist heftige, unüberwindbare Konflikte auf Paarebene voraus, denn leichtfertig löst man sich aus einer solchen Beziehung selten. Entsprechend beladen ist das Miteinander in der Nachtrennungszeit und es überrascht nicht, dass so manche Trennung letztlich vor Gericht endet. Obschon es dann in aller Regel um das Kind geht – offiziell – um Umgangszeiten oder das Sorgerecht, steckt oft genug unbewusst die Idee dahinter, den Trennungskonflikt final durch eine höhere Instanz klären lassen zu wollen.

Aus genau dieser Überlegung heraus – beweisen zu wollen, wer der „Böse“ in der Konstellation ist, wer „schuld“ ist, wer „im Unrecht“ ist – kommt es immer wieder vor, dass Betroffene Zeugen vom zuständigen Gericht laden lassen wollen und empört und wütend reagieren, wenn dieser Vorschlag nicht einmal kommentiert wird. Also kann nichts, das von Dritten erlebt, gehört oder beobachtet wurde in einem familienrechtlichen Verfahren weiterhelfen? Auch dann nicht, wenn es wichtig ist?

Doch, es kann. Dazu muss man allerdings wissen, wie die jeweilige Aussage auch zum Familiengericht gelangen kann und welche Inhalte dort überhaupt von Interesse sind, denn Zeugen läd ein Familiengericht in aller Regel nicht, extrem seltene Sonderfälle ausgenommen.

 

Zeugen gibt es dort, wo es Täter gibt

Einer der wohl klarsten Gründe für die Ablehnung von Zeugenladungen beim Familiengericht liegt in der grundsätzlichen Ausrichtung dieser Gerichte. Wie bereits in früheren Artikeln ausgeführt, ist das Familiengericht angehalten, keinen „Gewinner“ zu produzieren, um die bestehenden Konflikte nicht weiter anzuheizen. Keinen „Gewinner“ produzieren meint im Umkehrschluss auch, keinen „Schuldigen“ oder „Täter“ auszuweisen. Das typische Prinzip, dass einer Recht und einer Schuld haben muss, wie es im Straf- oder Verkehrsrecht relativ üblich ist, greift im Familienrecht nicht. Im Gegenteil. So wurde vor Jahrzehnten ausdrücklich die Schuldfrage in Scheidungssachen abgeschafft. Wer an einer Trennung also die (Haupt-)verantwortung trägt kann und darf durch ein Gericht nicht mehr bewertet werden und schon gar nicht darf es Relevanz für Fragen des Kindes entwickeln.

So galt bis ins Ende der Siebziger hinein auch in Scheidungssachen noch das Verschuldensprinzip. Allerdings nicht im Hinblick darauf, wer nachher die Kinder bekommt oder wen sie wie oft sehen dürfen, stattdessen musste man, um sich überhaupt scheiden lassen zu können, dem anderen Ehepartner ein „Fehlverhalten“ nachweisen. Man musste praktisch belegen dass und weshalb ein Fortführen der Ehe nicht zumutbar sein soll. An den Beleg dieser „Schuld“ waren dann u.a. auch Unterhaltsansprüche geknüpft und dergleichen mehr. Es wurde also davon ausgegangen, wenn eine Ehe scheitere, müsse einer allein daran die „Schuld“ tragen. Zur selben Zeit war es allerdings auch üblich nach einer Trennung oder Scheidung grundsätzlich einem das alleinige Sorgerecht zuzusprechen und für den jeweils anderen den Umgang auszuschließen war nicht selten.

Eben diese Überlegung steckt allerdings oft hinter dem Wunsch der Zeugenladung. Ein Verwandter oder Freund, vielleicht auch ein Nachbar soll bezeugen, dass die/der andere das schlechtere Elternteil ist, der schlechtere Mensch oder den zweifelhafteren Lebenswandel führt. Das läuft allerdings dem Grundprinzip des Familienrechtes entgegen. Solche Informationen können weder einbezogen werden, noch tragen sie zu einer Deeskalation bei. Insbesondere die direkte Konfrontation mit Dritten, die gegen einen der Anwesenden „aussagen“ liefe dem zuwider. Daher lehnen Familienrichter/innen das Laden von Zeugen in aller Regel ab. Seltene Ausnahmen bilden Fachpersonen wie zum Beispiel behandelnde Kinderärzte/ärztinnen oder Therapeuten/innen.

 

Was will das Gericht wirklich wissen?

Auch Beweismittel werden häufig eingereicht, ohne kritisch zu hinterfragen, ob sie in der eigentlichen Sache überhaupt Aussagekraft besitzen. So ist ein Foto des betrunkenen Vaters vor zehn Jahren mit Indianerbemalung zwischen ebenso alkoholisierten Freunden für die Frage des Umgangs ebenso irrelevant wie der Umstand, dass die Mutter irgendwann einmal in psychotherapeutischer Behandlung gewesen sein mag. Das Gericht entscheidet nicht und will auch gar nicht darüber befinden, wer der bessere Mensch ist. Das würde jedweden Rahmen sprengen – und die Qualifikation der Beteiligten.

Eben das versuchen jedoch viele Betroffene. Durch Belege und Zeugenaussagen zu teils Jahren und Jahrzehnten zurückliegenden Ereignissen oder Umständen, die während der noch bestehenden Beziehung nie ein Problem darstellten nachzuweisen, dass der jeweils andere die schlechtere, moralisch unterlegene Person ist und leiten daraus einen eigenen Anspruch auf Sonderrechte im Bezug auf die gemeinsamen Kinder ab.

Wenn für die Betreuung und das Sorgerecht für ein Kind von Relevanz wäre, wie tadellos der Lebenswandel, der soziale Kreis oder die generelle Einstellung einer Person ist, was würde dies übertragen aus Trennungskonflikten für nicht von Trennung betroffene Familien in ganz Deutschland bedeuten? Ab welchem Lebenswandel müsste schlusslogisch das Jugendamt Kinder aus Familien herausnehmen, wenn mit demselben Argument Umgang nicht kindeswohldienlich sein soll?

Für zur Hilfe gerufene Gerichte dreht sich alles um das jeweils betroffene Kind und dessen objektive Interessen. Es gilt das Kindeswohl als Orientierungsgröße und insbesondere in Fragen des Umganges mit den leiblichen Eltern kann an einen Ausschluss oder empfindliche Einschränkungen überhaupt nur gedacht werden, wenn unmittelbare Gefahr für das Kind vom Kontakt ausgeht. Das zum einen sind Informationen, welche ein Familiengericht ohne Zweifel verwertet – Hinweise auf Gefährdungen des Kindes durch einen Elternteil.

Eine andere, viel subtilere Nutzbarkeit von Beobachtungen und Aussagen Dritter ist die Untermauerung der Glaubwürdigkeit von Betroffenen. Leider aber selbstverständlich sind Betroffene einer Trennung mit Kind sehr gefangen in ihrer subjektiven Realität der Situation. Ihre Sicht der Dinge und deren Verlauf driften häufig deutlich auseinander. Teils so deutlich, dass allen Unbeteiligten klar sein muss, einer von beiden kann nicht die ganze Wahrheit sagen, denn beide Versionen können nicht stattgefunden haben. Es wird gelogen, überspitzt oder schöngeredet und das in Einzelfällen bis ins Extrem. Dann wird aus dem am Wochenende zwei Bier trinkenden Vater ein Alkoholiker und aus der emotionalen Mutter eine Borderlinerin.

 

Zeugen werden vom Familienericht nicht geladen, können aber aussagen

Besonders interessant werden Schilderungen und Aussagen Dritter dann, wenn es zu einem Zwischenfall gekommen ist, zum Beispiel bei einer Übergabe zum Umgang, und völlig unterschiedliche Darstellungen der Beteiligten vorliegen. Kommt dergleichen häufiger vor wird umso wichtiger, die Glaubwürdigkeit der Elternteile kritisch zu prüfen, auch weil im Trennungsstreit und im Kampf um das Kind mitunter regelrechte Kampagnen von Elternteilen gegen den jeweils anderen zelebriert werden.

Steht also die Behauptung im Raum, es sei zu Handgreiflichkeiten gekommen, weswegen das Kind unmittelbar vor dem agressiven Elternteil zu schützen sei und der andere streitet dies ab, kann eine unabhängige Schilderung der Ereignisse zum Beispiel durch eine zufällig Zeugin gewordenen Nachbarin oder einen bewusst mitgebrachten Zeugen hilfreich sein. Dennoch: Das Familiengericht wird auch einen solchen Zeugen nicht laden. Eine Versicherung an Eides statt, die zusammen mit entsprechender Stellungnahme oder einem Antrag des Betroffenen eingereicht wird, wird allerdings zur Kenntnis genommen, auch wenn das Gericht sich nicht konkret darauf beziehen wird. Tatsächlich unmittelbar relevant werden derartige Versicherungen zum Beispiel dann, wenn Misshandlung oder sexueller Missbrauch vorgeworfen wird, der Beschuldigte zum relevanten Zeitpunkt mit dem Kind aber gar nicht alleine war und der oder die Anwesende Dritte aussagt, nichts dergleichen sei geschehen.

Dabei gilt grundsätzlich zu beachten, dass alle vergangenen Vorkommnisse insbesondere aus der Zeit der Beziehung gewöhnlich keine Bedeutung für die Kindschaftssache haben. Wie sich jemand in der Beziehung verhalten hat, ist für dessen oder deren Eignung als Mutter oder Vater schlicht nicht wesentlich.

 

Von Zeugen absolut nichts wissen will ein/e Gutachter/in

Wer hingegen einen vom Gericht bestellten Gutachter/eine Gutachterin partout zu Gesprächen mit Dritten, insbesondere ansonsten an der IST-Situation Unbeteiligten motivieren will um deutlich zu machen, wie „schuld“ oder „böse“ der andere ist, wird auf Granit beißen und hat den Sinn eines solchen familienpsychologischen Gutachtens nicht verstanden. Ebenso wie das zuständige Gericht ist es weder Aufgabe noch Wunsch eines/einer Gutachters/Guchtachterin, festzustellen, welches Elternteil der bessere oder sympathischere Mensch ist. Wesentlich ist im Zuge eines Gutachtens die Erziehungseignung und die Bindungsqualität zu dem Kind, dessen weiteres Schicksal oft genug wesentlich durch die Ergebnisse der Begutachtung beeinflusst werden.

Das allerdings kann ein fachfremder Dritter – zudem oft genug in enger Beziehung zu einem der Beteiligten stehender – gar nicht beurteilen. Es fehlt nicht nur an einer entsprechenden Qualifikation sondern und insbesondere an der nötigen Neutralität in der Sache.

Vielmehr demonstriert der auf Zeugen bestehende Elternteil, dass noch nicht verstanden worden ist, dass niemand einen Schuldigen oder „Täter“ in der Sache sucht. Das jedoch verhindert oft genug friedliche Einigungen zwischen den Eltern und zeigt, dass ein konstruktiver Umgang mit dem Paarkonflikt offenbar noch nicht funktioniert. Je nachdem wie heftig das Ansinnen ausgeprägt ist, dem anderen „Schuld“ nachzuweisen können sogar Fragen an der Bindungstoleranz auftauchen. Und diese wiederum gehört zur Erziehungseignung, insbesondere in Trennungsfällen.

 

Wann ergibt eine schriftliche Aussage eines Dritten beim Familiengericht Sinn?

  • Wenn zu einem spezifischen Vorfall sehr unterschiedliche Darstellungen vorliegen
  • Wenn grundsätzlich und fortgesetzt Falschdarstellungen in einer spezifischen Sache vorgebracht werden (Misshandlungsvorwurf, Missbrauchsvorwurf)
  • Wenn die Kooperations- und Erziehungsfähigkeit eines Betroffenen sinnvoll untermauert werden kann, besonders wenn diese abgestritten wird (z.B. durch Kinderärzte, Lehrer/innen, Erzieher/innen des Kindergartens, Therapeuten/innen)

 

Welche schriftlichen Aussagen Dritter bringen Sie hingegen nicht weiter?

  • Jedwede Aussage oder Stellungnahme, die darauf abzielt, den jeweils anderen als Person oder Mensch abzuwerten oder „anzuschwärzen“, unabhängig vom konkreten Prozessthema.
  • Praktisch alle Aussagen, welche sich auf (lange) zurückliegende Ereignisse beziehen oder auf Umstände, die keinen Bezug zu den gemeinsamen Kindern aufweisen.
  • In der Regel Aussagen unmittelbar von der Situation betroffener Personen wie z.B. neuer Partner der Elternteile, Großeltern des Kindes u.ä.

 

Im Besonderen Abstand zu nehmen ist von „Zeugenaussagen“ des betroffenen Kindes, die durch einen der Elternteile „aufgenommen“ werden. Nicht nur bringen solche Aussagen und deren Verlangen das Kind in einen schweren Loyalitätskonflikt, wenn es „gegen“ Vater oder Mutter anklagende Äußerungen vorbringen soll, darüber hinaus steht für die Schilderung des Kindes nicht zufällig eine neutrale Anhörung durch Verfahrensbeistand und/oder zuständige Richter zur Verfügung. Eine solche Aussage zu provozieren, festzuhalten und dem Gericht einzureichen ist ausdrücklich nicht Aufgabe der vom Konflikt betroffenen Elternteile.