Viele finden sich nach einer Trennung mit Kind früher oder später vor einem Familiengericht wieder, sei es, um das Sorgerecht zu klären, das gemeinsame Sorgerecht herzustellen, eine feste Umgangsregelung durch das Gericht einzufordern oder auch den Lebensmittelpunkt des Kindes zu verändern – also das Aufenthaltsbestimmungsrecht für sich alleine einzufordern.

Mitunter lässt es sich bereits in der Anhörung erahnen und einige Wochen später, wenn Gerichtspost im Briefkasten zu finden ist, ist es amtlich: Es ist nicht so ausgegangen, wie man es sich erhofft hat. Man hat sich nicht mit seinem Antrag durchgesetzt oder ist mit einer Beschwerde in der zweiten Instanz gescheitert – gleich wie, man hat „verloren“, der eigene Antrag wurde zurückgewiesen oder zumindest wurde ihm nicht statt gegeben.

Für viele Betroffene tut sich in diesem Moment gefühlt ein Loch im Boden auf. Alles scheint vorbei, nichts mehr zu retten, alles verloren. Das ist die emotionale Seite dieser Erfahrung. Sachlich kann es ganz anders aussehen – doch oft ist die emotionale Belastung so groß, dass es zu entsprechenden Gedanken an dieser Stelle gar nicht kommt.

 

Was ist passiert und was bedeutet das?

Wie so oft ist Sachlichkeit und Ruhe von entscheidender Bedeutung. Manche Elternteile sind so aufgebracht und aufgelöst, dass sie das vorliegende Schriftstück gar nicht mehr wirklich erfassen können. Inhaltliches Lesen funktioniert nicht mehr, irgendwo bei „wird zurückgewiesen“ setzt selektive Wahrnehmung ein und folgend werden nur noch Stichworte – vorzugsweise als schlecht empfundene – wahrgenommen. Was tatsächlich dort steht ist somit erst einmal völlig unklar.

Quicktip 1: Hören Sie erst einmal auf, zu lesen, so lange Sie es nicht verarbeiten können – Sie regen sich nur zusätzlich auf, ziehen falsche Schlüsse und tun womöglich etwas Unüberlegtes. Legen Sie die Papiere erst einmal bei Seite.

Nicht selten werden auch Missverständnisse, die in Zusammenhang mit dem gesamten Verfahren bestanden haben, in dieses Lesen des Beschlusses mit hinein getragen. Dann bezieht sich das, was Sie lesen, gar nicht auf das, woran Sie denken. Oft genug aber sind die eigenen Gedanken schon so weit fortgeschritten und entwickelt, dass man aus der eigenen Sicht nicht mehr herauskommt. Daher:

Quicktip 2: Rekrutieren Sie einen „Sachleser“ für solche Dokumente. Bitten Sie einen möglichst emotional unbeteiligten Dritten, Die Papiere durch zu lesen, ohne ihm oder ihr zuvor zu sagen, wonach Sie suchen oder was Sie wollten. Lassen Sie einfach das Papier für sich sprechen und bitten Sie denjenigen anschließend darum, Ihnen wahlweise zu erklären oder aufzuschreiben, was er oder sie gelesen hat.

Fakten sammeln, Klarheit schaffen, Situation bewerten

Wie bereits erwähnt verstellen in der Regel große Emotionen den klaren Blick auf das, was geschehen ist und welche Bedeutung diese Entwicklung nun für den weiteren Weg hat. Wenn Sie es also auch mit Unterstützung durch sachliche Dritte nicht schaffen, einen sachlichen Gesamtüberblick zu gewinnen, dann geben Sie sich selbst einige Tage Zeit und Abstand. Ohne Durchblick erreichen Sie gar nichts.

Ist Ihnen ein möglichst sachlicher Blick auf die Dinge wieder möglich, sollten Sie versuchen, die Situation, ihr Entstehen und den weiteren Weg so gut als möglich ohne Wertung zu erfassen. Gibt es mehrere mögliche weitere Entwicklungen, bedenken Sie jede einzelne davon in Ruhe.

Quicktip 3: Nehmen Sie Papier und Stift und malen Sie auf, was passiert ist. Ziehen Sie Verbindungslinien und beginnen Sie am Anfang. Notieren Sie sich dazu jeweils, welches Ergebnis Sie erhofft haben und an einer anderen Stelle, was Sie beantragt haben. Beachten Sie dabei unbedingt, dass Sie nichts hineinmischen, das außerhalb gerichtlicher Auseinandersetzungen geschehen ist und nicht als Antrag oder innerhalb einer Stellungnahme dem Gericht vorgelegt wurde.

Auch hierbei kann Ihnen ein sachlicher Dritter helfen, nichts zu vermischen. Bleiben Sie konsequent bei dem, was gerichtlich abgelaufen ist. Wenn Sie das o.g. Übersichtspapier erstellt haben, gehen Sie zurück zum Anfang und notieren Sie jeweils zu Ihren erhofften Ergebnissen, was Sie mindestens(!) hätten erreichen müssen, um Ihre Vorstellung umsetzen zu können.

Brauchten Sie zum Beispiel tatsächlich das Sorgerecht aufgrund der Umgangsverweigerung oder hätte eine andere Umgangsregelung oder die Bestellung einer Umgangspflegschaft ausreichen können, um den Umgang sicher zu stellen? Hätten Sie tatsächlich das Aufenthaltsbestimmungsrecht alleine gebraucht, um Ihre Schulwahl gegen die des anderen Elternteils durchzusetzen oder hätte genügt, die Zustimmung zum Besuch dieser Schule gerichtlich ersetzen zu lassen?

 

Was wollen sie eigentlich?

Um grundsätzlich beurteilen zu können, ob und wie Sie ihr Vorhaben noch einmal angehen sollten und könnten, ist es von absoluter Wichtigkeit, dass Sie zunächst einmal konkret wissen, was Sie wollen. Das meint nicht, was Sie beantragen oder in einem Beschluss lesen möchten, sondern konkret das gelebte Ergebnis, um das es Ihnen geht. Welche Lebensrealität ist Ihr Ziel und warum?

Hinterfragen Sie sich, denn mit größter Wahrscheinlichkeit sind Sie bereits derart im Gerichtsjargon aufgerieben, dass Sie nur noch in Anträgen denken. Vergessen Sie die Anträge und konzentrieren Sie sich auf die gelebte Realität: Gesetz dem Fall Sie bekommen alles, was Sie möchten, wie sieht dieses Ergebnis im tatsächlichen Erleben aus. Was geschieht? Was geschieht nicht mehr?

Quicktip 4: Nehmen Sie ein weiteres Blatt zur Hand und schreiben Sie so konkret wie möglich auf, wie Ihr Wunschergebnis in gelebter Realität ausgesehen hätte. Was hätte das ganz konkret bedeutet – für Sie, für den anderen Elternteil aber auch und insbesondere für das Kind. Welche Lebensrealität hätten Sie für das Kind geschaffen, wenn Sie erreicht hätten, was Sie erreichen wollten? Beschränken Sie sich dabei nicht auf unterstellte Emotionen sondern reden Sie Klartext mit sich selbst – wie hätte ein typischer Wochenablauf für das Kind ausgesehen?

Wiederum kann hierbei ein sachlicher(!) Dritter, der sich Ihre Gedanken anhört und Ihnen Feedback gibt, sehr wertvoll sein. Schnell schleichen sich in Trennungskonflikten und persönlichen Verletztheiten gewisse Überzeugungen ein, die objektiv gar nicht nachvollziehbar sind. Sie selbst sind betroffen und damit nicht objektiv – auch wenn Sie selbst es anders empfinden mögen. Suchen Sie sich aktiv den Abgleich mit der objektiven Realität, um nicht abzudriften.

 

Nutzen Sie die Zeit um zu verstehen, was schief gelaufen ist

Grundsätzlich gibt es praktisch keine endgültigen Entscheidungen im Familienrecht. Viele Anordnungen und Beschlüssen sind von vorn herein zeitlich begrenzt oder müssen das sogar sein, andere beinhalten „natürliche“ zeitliche Sollbruchstellen. Ein Umgangsbeschluss zum Beispiel, der ein zweijähriges Kind betrifft, hat seine „natürlichen“ Sollbruchstellen beim Eintritt in den Kindergarten und spätestens bei Einschulung.

Nutzen Sie diese Zeit, um bewusst und aktiv daran zu arbeiten, die Umstände zu schaffen, unter denen Ihr gewünschtes Ergebnis tatsächlich umgesetzt werden könnte.

Auch hierbei ist wieder wichtig, dass Sie das unliebsame Ergebnis objektiv betrachtet und verstanden haben, was „schief“ gelaufen ist. Denn nur, wenn Sie verstehen, warum Sie nicht erreicht haben, was Sie erreichen wollten, haben Sie eine reelle Chance, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Quicktip 5: Nehmen Sie Ihre erstellte Darstellung der Lebensrealität zur Hand, in der Sie beschreiben, wie Ihr Wunschergebnis real für alle Beteiligten ausgesehen hätte und nehmen Sie einen roten Stift. Fügen Sie jetzt mit Hilfe von Zuweisungspfeilen mögliche Komplikationen ein, die sich hätten ergeben können. Was wäre im schlimmsten Fall herausgekommen, wenn Sie erreicht hätten, was Sie erreichen wollten?

Je nachdem welchen IST-Zustand Sie nun aber zunächst einmal aushalten müssen, kann es sinnvoll und ratsam sein, Unterstützung zu suchen, zum Beispiel fachpädagogischer oder therapeutischer Art – je nachdem worum es ging. Insbesondere bei den sehr seltenen Umgangsausschlüssen oder dem Verlust des Sorgerechts kann zeitnahe Unterstützung und die Möglichkeit zu Reden sehr sinnvoll sein. Ihr Kind braucht Sie in jedem Fall gesund und auch mental fit.

 

Fragen Sie diejenigen, die es wissen müssen

Allein diese Personen korrekt zu identifizieren und mit den Richtigen zu sprechen ist in der Emotionalität der Situation Trennung und Familienrechtskonflikt eine Kunst, die es erst zu erlernen gilt.

Schon weil diese Gespräche mitunter unangenehm sein können. Wir alle sprechen lieber mit Personen, die uns in unserer Sicht der Dinge unterstützen, gerne auch völlig kritiklos, die uns in unserem Rechtsempfinden bestärken und vermeintlich zu uns halten. Das löst jedoch kein Problem, sondern verstärkt nur den eigenen Ergebnisdruck.

Sprechen Sie mit den Menschen, die Ihren Fall kennen und andere Positionen vertreten haben – dem Verfahrensbeistand, dem Jugendamt oder auch einer aktiven Umgangspflegschaft zum Beispiel. Lassen Sie sich erklären, weshalb eine andere Haltung als Ihre eigene eingenommen wurde und welche Punkte dabei ausschlaggebend waren.

Besprechen Sie sich auch mit Menschen, die das, was Sie erreichen wollten, erfolgreich gerichtlich durchgesetzt haben und setzen Sie sich mit den Unterschieden in Ihrem eigenen und dem anderen Fall aktiv auseinander. Weshalb wurde dem Antrag dort stattgegeben und in Ihrem Fall nicht?

Nicht immer führt das dazu, dass Sie nun plötzlich wissen, wie Sie es hätten machen müssen. Nicht selten kommt stattdessen die bittere Erkenntnis, dass Ihr Antrag nie eine reelle Chance hatte und Sie sich in eine fixe Idee hineingesteigert haben oder wichtige Aspekte nicht bedacht hatten. Aber grade das sind wichtige Erkenntnisse, die Ihnen nur in der Auseinandersetzung mit anderen Standpunkten zugänglich werden.

Quicktip 6: Fragen Sie sich – nachdem Sie all das getan haben – ehrlich und offen, ob Ihr Antrag im besten Interesse Ihres Kindes war und das Ergebnis tatsächlich das denkbar Beste für Ihr Kind gewesen wäre, oder Sie nicht doch persönliche Gefühle und Kränkungen über das Kind hätten heilen wollen.

Kommen Sie – nach all den vorab genannten Schritten – zu dem Schluss, dass Ihr Wunschergebnis für das Kind am Besten gewesen wäre und zwar objektiv und tatsächlich, dann haben Sie ab sofort eine neue Aufgabe: Überzeugen Sie Verfahrensbeistand und Jugendamt davon. Arbeiten Sie aktiv mit diesen Stellen zusammen und lassen Sie sich beraten, wie Sie eine Situation schaffen können, in der Ihr Wunschergebnis als erneuter Antrag bei Gericht eine reelle Chance hat. Bringen Sie in Erfahrung, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen und seien Sie offen für Anpassungen des Ergebnisses ans das Sinnvolle und Mögliche.

Fallen Sie nicht in eine Abwehrhaltung, die Sie feindseelig und unkooperativ werden lässt. Denn wenn das geschieht, haben Sie wirklich verloren.