Es ist selten geworden, dass ein Familiengericht in einer Kindschaftssache keinen Verfahrensbeistand bestellt, der die Interessen des Kindes unabhängig von jenen der Eltern vertreten soll. Das bedingt sich schon allein durch die steigende Zahl strittiger Trennungen und der damit ebenso steigenden Zahl von Sorgerechts- und Umgangsrechtsverfahren. Betroffene Eltern wissen mit der Funktion des Verfahrensbeistandes oft wenig anzufangen, verstehen nicht, worin genau seine oder ihre Aufgabe liegt und nicht selten werden die Stellungnahmen des Beistandes fälschlich sogar als “Gutachten” bezeichnet.

 

 

Wer ist der Verfahrensbeistand?

Verfahrensbeistände sind in der überwiegenden Mehrheit (sozial-)pädagogische Fachkräfte, seltener Juristen, dann häufig mit Zusatzqualifikation, wobei keine zwingenden Qualifikationskriterien existieren. Theoretisch kann ein Gericht jede beliebige Person zum Verfahrensbeistand bestellen, sofern keine unmittelbare Befangenheit für eine elterliche Seite absehbar ist, zum Beispiel durch Blutsverwandtschaft. In aller Regel durchlaufen Verfahrensbeistände spezifische Weiterbildungen insbesondere im pädagogischen Bereich, gleicher Maßen muss ein Verfahrensbeistand über die rechtlichen Rahmenbedingungen in familienrechtlichen Verfahren im Bilde sein, um seine Aufgabe tatsächlich wahrnehmen zu können.

Wird ein Verfahrensbeistand durch das zuständige Gericht bestellt, begleitet dieser gewöhnlich das jeweilige Kind durch alle weiteren anhängigen Verfahren. So sind diese umgangssprachlichen “Anwälte der Kinder” oft über Jahre hinweg an laufenden Fällen beteiligt und begegnen den betroffenen Eltern und Kindern immer wieder, beispielsweise zunächst im Rahme eines Verfahrens um das Aufenthaltsbestimmungsrecht, dann weiter in einem Verfahren um das Umgangsrecht und letztlich erneut in einem Verfahren um das Sorgerecht allgemein. Gerichte vermeiden gewöhnlich einen Wechsel des bereits in den Fall eingearbeiteten Beistandes. Ihn elternseitig “los” zu werden ist nahezu unmöglich. Befangenheit ist kein Argument, denn der Verfahrensbeistand darf und muss parteiisch sein – für das Kind. Zu einer kooperativen Zusammenarbeit existiert im Grunde keine wirkliche Alternative.

 

 

Was tut der Verfahrensbeistand?

Umgangssprachlich auch als “Anwalt des Kindes” bezeichnet nimmt der Verfahrensbeistand eben diese Aufgabe wahr – mit einer wesentlichen Abweichung zur Tätigkeit eines “richtigen” Anwaltes: Zu seiner Aufgabe gehört auch, das tatsächliche Interesse des Kindes festzustellen und ggf. zu prüfen, ob der durch das Kind geäußerte Wille authentisch ist, also tatsächlich den Wünschen des Kindes und nicht etwa den Beeinflussungen eines Elternteils entspringt und mit den objektiven Interessen des Kindes vereinbar ist. Abhängig vom Alter des Kindes kann das bedeuten, dass der Verfahrensbeistand feststellt, dass ein Kind tatsächlich glaubwürdig äußert, lieber beim anderen Elternteil leben zu wollen, dies allerdings seinen objektiven Interessen entgegensteht, zum Beispiel weil die Betreuungsmöglichkeiten dort nicht vorhanden oder die Erziehungsfähigkeit des Elternteils fraglich ist.

Der wesentliche Schwerpunkt der Aufgabe liegt ohne Zweifel darin, die subjektiven Interessen der Eltern von den objektiven Interessen des Kindes zu unterscheiden. So begründen in aller Regel beide Elternteile entgegenstehende Anträge jeweils mit dem Kindeswohl und der Ausführung, der ihrerseits vorgelegte Antrag entspreche den Interessen des Kindes. Allerdings können die unmittelbar betroffenen Eltern die objektiven Bedürfnisse des Kindes innerhalb eines so komplexen Rahmens wie eine Trennung ihn erzeugt in aller Regel nicht (mehr) unverfälscht erkennen. Die eigenen Wünsche und Interessen mengen sich unter und ersetzen teils die Interessen des Kindes sogar vollständig.

 

Ein Beispiel:

Ein sorge- und umgangsberechtigter Vater beantragte, das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die damals dreijährige Tochter auf ihn alleine zu übertragen. Das Kind lebte bis dahin stets bei der Mutter, die bis zum dritten Geburtstag des Kindes keinem Beruf nachgegangen war und dann eine Teilzeitstelle angetreten hatte, die sich gut mit den Betreuungszeiten der durch das Kind besuchten Krippe vereinbaren ließ. Der Vater seinerseits war beruflich sehr viel auf Reisen und in aller Regel neben den Wochenenden maximal zwei volle Tage pro Woche am Wohnort anwesend. Er legte im Rahmen seines Antrages ein Betreuungskonzept vor, demnach die Tochter nach dem Umzug zum Vater die Betreuungseinrichtung zwei Stunden länger täglich besuchen und anschließend im Wechsel von den Großeltern väterlicherseits oder der neuen Lebensgefährtin betreut werden sollte. Seinen Antrag begründete er mit der Erklärung, das Kind wolle beim Vater leben, es habe dies mehrfach klar gesagt und weine beim Abschied nach Umgangsterminen bitterlich, was anzeige, dass es nicht zur Mutter zurück wolle.

Der bestellte Verfahrensbeistand führte Gespräche mit den Eltern und lernte auch das Kind persönlich kennen. Schließlich beantragte er – stellvertretend für das Kind – den Antrag des Vaters zurückzuweisen und somit den Lebensmittelpunkt bei der Mutter zu belassen. Folgendes war geschehen: Der Verfahrensbeistand hatte tatsächlich persönlich erleben können, wie das kleine Mädchen beim Vater die vom Vater zitierte Aussage machte – allerdings sagte sie nicht, sie wolle beim Vater wohnen sondern beim “Papa bleiben”, wenn die Umgangszeit zuende ging. Völlig altersgerecht drückte das Kind somit die ganz selbstverständliche Verlusttrauer aus, die Trennungskinder in der Regel durchleben und in diesem Alter besonders sensibel wahrnehmen. Der Vater seinerseits, der einen eher grundsätzlichen Wunsch, das Kind solle bei ihm leben, obschon er selbst die Betreuung nicht gewährleisten konnte, bereits seit der Trennung immer wieder formuliert hatte, hatte diese Aussage der Tochter umgehend entsprechend seiner persönlichen Wünsche interpretiert und das Verfahren zum Aufenthaltsbestimmungsrecht veranlasst.

Das Gericht folgte dem Antrag des Verfahrensbeistandes. Es sah keinerlei Grund, das Kind aus der gewohnten Umgebung heraus zu nehmen, Zweifel am Wohlergehen des Kindes bei der Mutter bestanden nicht und wurden auch durch den Vater nicht vorgebracht. Das Kind verblieb somit bei der Mutter. Eine durch den Verfahrensbeistand vorgeschlagene Umgangsausweitung lehnte der Vater mit Verweis auf seine berufliche Belastung folgend ab.

 

 

Tatsächlich folgen die Gerichte mehrheitlich den Anträgen bestellter Verfahrensbeistände. Dabei kann, muss ein Beistand aber keinen Antrag im Namen des Kindes stellen, zu jedem das Kind betreffenden Antrag der Eltern nimmt der Verfahrensbeistand jedoch Stellung und gibt somit seine oder ihre Bewertung und Einschätzung der Situation aus Sicht des Kindes wieder. Diesen Stellungnahmen fällt auch Gewicht zu, allerdings deutlich nicht das Gewicht eines Antrages im Namen des Kindes durch den Verfahrensbeistand. Praktisch kann man beobachten, dass der Antrag eines Verfahrensbeistandes einer Art Veto-Funktion ähnelt. Gibt der Beistand lediglich eine Einschätzung ab, obliegt es dem Richter/der Richterin, dieser zu folgen oder auch nicht. Reicht jedoch der Verfahrensbeistand im Namen des Kindes einen eigenen Antrag ein, kann das als Veto gegen gegensätzlich lautende Anträge aus das Kindeswohl berührenden Gründen betrachtet werden.

In der Regel arbeiten Verfahrensbeistände eng mit dem zuständigen Jugendamt und auch weiteren, zum Beispiel einer aktiven Umgangspflegschaft, zusammen und tauschen sich aus. Nicht selten schließt sich das zuständige Jugendamt einfach den Anträgen des Verfahrensbeistandes an – das ergibt doppeltes fachliches Gewicht für diese.

 

 

Zusammenarbeit mit dem Verfahrensbeistand

Für große Verunsicherung sorgt bei Betroffenen immer wieder die Frage, ob und inwiefern der Verfahrensbeistand für die Eltern (im laufenden Verfahren) ansprechbar ist. Es existieren zweifellos gewisse Berührungsängste und auch die Sorge, den Eindruck zu erwecken, den Beistand beeinflussen zu wollen, treibt viele um. Umgekehrt wird häufig befürchtet, der Verfahrensbeistand könnte sich auf “die andere Seite” schlagen.

Tatsächlich ist die Rolle des Beistandes für die Elternteile sehr nützlich und hilfreich – sofern sie verstehen, worin diese besteht. Da die Parteilichkeit des Verfahrensbeistandes für das Kind ausdrücklich notwendig ist, bringt die Beteiligung im Verfahren einen – meist pädagogischen – Fachansprechpartner ins Spiel, der – auf Nachfrage – den Eltern jeweils rückmelden kann, inwiefern er oder sie Diskrepanzen zwischen den von den Eltern angenommenen und den tatsächlichen Kindesinteressen sieht. So kann ein Verfahrensbeistand als wertvoller Sparringspartner fungieren.

Gespräche mit dem Verfahrensbeistand sind nicht nur möglich, sie sind wichtig, auch um die eigene prozessstrategische Position immer wieder mit realistischen Erwartungen und kindgerechten Ansätzen abzugleichen. Natürlich ist nicht jeder Verfahrensbeistand neutral. Auch unter diesen Menschen gibt es ideologische Überzeugungen und diesen muss begegnet werden, denn wie alle Menschen können auch Verfahrensbeistände vom Gegenteil überzeugt werden – allerdings in aller Regel durch Gespräche, nicht durch Drohungen, Beleidigungen oder Versuche, den Beistand absetzen oder ersetzen zu lassen.

Hierin schlummer ein ganz immeses Risiko, denn der Verfahrensbeistand steht auch für die vernünftige Zugänglichkeit der Eltern gegenüber anderslautenden Meinungen und Haltungen, welche dem Kind zu Gute kommen sollen. Ist der Verfahrensbeistand also nicht Ihrer Meinung, wird an Ihrer Reaktion auch ein Teil Ihrer Erziehungsfähigkeit gemessen werden – denn wenn Sie nicht einmal in Erwägung ziehen können, dass etwas dran sein könnte an dieser Haltung, die Ihrer eigenen nicht entspricht, gehen Sie dann ebenso mit kritischen Anmerkungen des Kinderarztes zur Ernährung des Kindes um? Oder mit besorgten Hinweisen des Betreuungspersonals in einer Krippe oder einem Kindergarten? Können Sie grundsätzlich von Ihren Überzeugungen abweichende Einschätzungen bezüglich des Kindes konstruktiv aufnehmen und damit umgehen oder treibt Sie im Kern das sture Wissen, dass Sie und nur Sie wissen, was richtig und gut für das Kind ist?

 

 

Quicktip:

  • Der Verfahrensbeistand ist nicht neutral. Er oder sie ist parteiisch für das Kind. Sollte also ein Elternteil nach Auffassung des Beistandes die Interessen des Kindes berücksichtigen und der andere nicht, wird sich der Verfahrensbeistand klar und offen scheinbar “auf die Seite” dieses Elternteils schlagen.
  • Stellungnahmen des Verfahrensbeistandes sind gewichtig, Anträge im Namen des Kindes folgen nur die wenigsten Gerichte nicht oder nicht zumindest in Grundtenor.
  • Sie dürfen und sollten aktiv den Austausch mit dem Verfahrensbeistand suchen, allerdings stets mit klarem Bewusstsein der Aufgabe, die er oder sie wahrnimmt. Der Verfahrensbeistand ist weder Erziehungsberater noch Paartherapeut noch Richter.
  • Wie stets rund um das Familiengericht gilt: Täter und Opfer, Gut und Böse – gibt es praktisch nicht und ist auch nicht von Interesse. Auch nicht für den Verfahrensbeistand.
  • Ein einmal bestellter Beistand begleitet in der Regel alle(!) weiteren Verfahren, die unmittelbar das Kind betreffen als dessen Interessenvertretung, sofern die Kindesinteressen ins Gewicht fallen. Sie haben also ggf. über Jahre hinweg mit diesem Menschen zu tun.
  • Eine echte Alternative zur Kooperation gibt es nicht. Es ist nahezu unmöglich einen Verfahrensbeistand absetzen oder ersetzen zu lassen. Entsprechende Versuche ohne absolut stichhaltige Begründung (ist mit einer Partei verwandt, hat eine Elternteil körperlich angegriffen o.ä.) fallen regelmäßig negativ auf den jeweiligen Elternteil zurück.