Stellen Sie sich folgendes vor: Sie sind leitender Sanitätsoffizier und befinden sich mitten in einem Kriegsgebiet. Alle konnten Sie bisher nicht retten, manche stehen auf Messers schneide und minütlich kommen neue schwerst verwundete Soldaten oder Kameraden, die Ihnen Verletzte melden, die nicht transportierbar sind. Ständig steht die Frage im Raum: Amputieren oder hoffen? Sie haben zu wenig Leute, um alle gleichzeitig zu versorgen, laufen der Zeit hinterher und versuchen, irgendwie überall gleichzeitig zu sein und zumindest so viele wie möglich lebend aus dem Ganzen heraus zu bringen.

Da kommt plötzlich ein Soldat angelaufen, verstellt Ihnen den Weg und erklärt: “Ich habe mir den Fuß verstaucht, glaube ich! Vielleicht ist auch etwas gezerrt oder sogar gebrochen, jedenfalls kann ich gar nicht mehr richtig laufen! Sie müssen das sofort röntgen, untersuchen und mich behandeln, es geht mir wirklich schlecht!”

 

Willkommen in der Alltagsrealität des Jugendamtes

So oder sehr ähnlich muss sich ein durchschnittlicher Mitarbeiter des Jugendamtes fühlen, wenn ein Trennungselternpaar oder auch ein einzelnes Elternteil vorstellig wird, um die subjektiv natürlich schwierigen und drängenden Probleme zu lösen, die sich mit der Trennung ergeben haben.

Dem Kind geht es in aller Regel nach Maßstäben des Jugendamtes blendend – es ist bestens versorgt, wohlgenährt, blitzsauber und unversehrt.

Und nun soll derselbe Mitarbeiter, der am frühen Morgen ein Kind in Obhut genommen hat, weil es kurz vor dem Verhungern stand und in einem zweiten Fall dringende Rücksprache mit der Familienhilfe halten muss, weil das Kind offenbar noch immer nicht regelmäßig einigermaßen gewaschen zur Schule erscheint – trotz mehrmaliger Anmahnung – sich mit der Fragestellung auseinandersetzen, ob drei Tage am Stück beim Umgangselternteil kindeswohlschädlich sein könnten, während zwei es nicht sind – damit wäre der Betreuungselternteil einverstanden. Oder mit der Frage, ob der neue Partner/die neue Partnerin eine Kindeswohlgefährdung darstellt, weil er/sie der Grund für die Trennung war.

 

Kindeswohl – ein sehr dehnbarer Begriff

Dieser Begriff “Kindeswohl“, nach dem sich die Gerichte richten müssen, mit dem Eltern und Anwälte argumentieren und von dem Verfahrensbeistände schreiben, der hat im Jugendamt eine ganz andere Bedeutung. Kindeswohl ist das, was die Herausnahme zwingend erfordert, wenn bleibende Schäden beim Kind drohen. Wenn mittels Gericht und im Eilverfahren das Sorgerecht entzogen werden muss – dann geht es um das Kindeswohl. Ein Kleinkind, das im Haushalt der Eltern beinahe verhungert – da geht es um das Kindeswohl.

Es muss schwierig sein, diese Alltagsrealität dann zu durchbrechen und sich bei Trennungskonflikten mit Kindeswohlgefährdungen durch zu viele Süßigkeiten, zu viel Fernsehen oder unliebsamen Umgang mit Dritten auseinander zu setzen, ohne sarkastisch zu werden.

Aber auch das ist Teil der Aufgabe, auch das sind Kinder, deren Wohl gewahrt werden muss, auch wenn sicherlich viele Mitarbeiter im Jugendamt nicht nachvollziehen können, woher denn eine Kindeswohlgefährdung unter den genannten Umständen kommen sollte.

Die Mitarbeiter im Jugendamt sind keine Psychologen oder Paartherapeuten sondern eher Rettungssanitäter, die gewöhnlich zu Notfällen gerufen werden – mal mehr, mal minder schweren. Viele tragen dem Rechnung und verweisen Trennungseltern direkt weiter an die angeschlossene Erziehungsberatung, eine andere Beratungseinrichtung, die vergleichbare Gespräche anbietet oder gleich an das Gericht. Man bemüht sich durchaus, niemanden einfach im Regen stehen zu lassen, aber eigentlich hat man ganz andere Probleme.

 

Konfliktvermeidung und Autoritätstaktik

Es ist auch diese Alltagsrealität der Jugendämter, die viele Mitarbeiter gewohnte und erprobte Lösungsansätze auf Trennungseltern übertragen lassen:

Den Konflikt, der das Problem auslöst, möglichst vermeiden und klare Ansagen machen.

In den üblichen Fällen des Jugendamtes ist das meist die sinnvollste, schnellste und effektivste Lösung. Der Urkonflikt wird vermieden – zum Beispiel, indem eben eine Familienhilfe regelmäßig in die Familie kommt und sicherstellt, dass die Kinder essen und gebadet werden und diese Familienhilfe mit einer deutlichen Motivation der betroffenen Eltern zur “freiwilligen” Unterzeichnung des entsprechenden Papieres installiert.

Nur so kann das Jugendamt halbwegs zeitnah helfen. Auch wenn die Betroffenen glauben, keine Hilfe zu brauchen.

Sitzt nun aber ein Trennungselternpaar im Jugendamt und es geht um Umgangsausgestaltung oder vermeintliche Kindeswohlgefährdung durch Fernsehen, dann wird dieser erprobte Lösungsansatz schnell kontraproduktiv. Der Konflikt wird auf kürzestem Wege vermieden – zum Beispiel indem demjenigen, der weniger Radau schlägt, eindringlich geraten wird, doch von seiner Forderung Abstand zu nehmen und eine klare Ansage gemacht, die bei vielen Trennungselternteilen den Eindruck erweckt, das Jugendamt habe entsprechende Entscheidungsgewalt.

Dabei ist die Perspektive des Jugendamtsmitarbeiters, wann eine wirkliche Gefährdung des Kindeswohls zu befürchten wäre, ausschlaggebend.

In der Regel kann er/sie keine Gefährdung erkennen, jedoch könnte sich eine einstellen, wenn die Eltern sich immer mehr zerstreiten. Also wird versucht, den Streit schnellstmöglich abzustellen. Dass es für das Kindeswohl ernsthaft relevant sein könnte, ob ein Kind nun drei Mal oder vier Mal im Monat beim Umgangselternteil ist, wird man einem Mitarbeiter des Jugendamtes, der/die am Morgen noch ein Kind im Krankenhaus besucht hat, weil ihm zu Hause von den Eltern diverse Knochen gebrochen wurden, nicht erklären können.

 

Personalengpässe und Flüchtigkeitsfehler

Dementsprechend bemüht ist man insgesamt, den Fall “Trennung” aus dem Arbeitsordner zu schaffen, denn es gibt Wichtigeres, sehr viel Ernsteres zu tun – oft Lebensbedrohliches für irgendein Kind, irgendwo in der Region.

Kommt dann der allgegenwärtige Personalmangel hinzu – denn Jobs beim Jugendamt sind nicht zwingend beliebt, zudem sind die Budgets knapp – fehlt es oft simpel an Ressourcen. Soll dann das Jugendamt Umgänge begleiten, muss irgendjemand sich einige Stunden im Monat in einen Raum mit Elternteil und Kind setzen, oft um einfach nur zu beobachten, dass alles reibungslos verläuft. In dieser Zeit stemmen im Büro nebenan dann zwei Kollegen die Arbeit von fünf.

Je nach zuständigem Jugendamt und der entsprechenden Leitung machen manche das dennoch sehr gewissenhaft – auf Kosten anderer Fälle – und andere bemühen sich um Prioritäten. Dann fällt begleiteter Umgang häufig hintüber und die Termine ziehen sich über Wochen hin, bis man ein Zeitfenster finden kann. Es muss schwierig sein, das stundenlange Beobachten des Spielens zwischen Elternteil und Kind dem Hausbesuch bei einer Gefährdungsmeldung vorzuziehen. Dort können zwei Tage mehr oder weniger viel Schaden anrichten.

Entsprechend sind auch einzelne Mitarbeiter im Jugendamt, abhängig von der eigenen Belastung mit kritischen Fällen, darum bemüht, sich nicht vermeidbar lange mit Trennungsfällen zu beschäftigen, in denen nicht selten die Eltern einen Schiedsrichter suchen und nicht Hilfe für die Kinder.

Auch wenden sich Trennungseltern häufig mit eigentlich juristischen Fragestellungen an die Jugendämter. Dahingehend sind die Mitarbeiter der Jugendämter allerdings gar nicht qualifiziert. Weder können noch dürfen sie Rechtsrat erteilen und auch grundsätzlich muss ein Jugendamtsmitarbeiter in Sachen Umgangs- und Sorgerecht nicht fachkundig sein, abgesehen von der Frage, wann ein Zustand so gravierend ist, dass ein Sorgerechtsentzug in Erwägung gezogen werden muss.

So kommt es nicht selten zu gut gemeinten Ratschlägen, die allerdings rechtlich nicht richtig sind.

 

Quicktip

  • Verwechseln Sie das Jugendamt nicht mit einem Schiedsgericht oder einer Paartherapie. Der Fokus des Jugendamtes sind eindeutig die betroffenen Kinder und die Vermeidung bzw. das Abstellen akuter Gefährdungen.
  • Das Jugendamt hat keinerlei Entscheidungsgewalt in Trennungsdingen. Es kann ihnen also nicht auf kurzem Dienstweg eine wie auch immer geartete Entscheidung beschaffen. Alle ausgesprochenen Empfehlungen sind genau das – Empfehlungen.
  • Hilfreich kann jedoch sein, dass das Jugendamt einen Elternteil, der beratende gemeinsame Gespräche ablehnt, direkt zu Einzelgesprächen einladen kann, vorbereitend auf gemeinsame Gespräche. Dieser Weg ist oft einen Versuch wert, um überhaupt eine Form von lösungsorientierter Kommunikation anzustoßen, den dieser Einladung folgen die Meisten.
  • Vergessen Sie nicht, wann das Jugendamt gewöhnlich tätig wird – wenn in Frage steht, ob ein Kind im Haushalt der Eltern verbleiben kann. Entsprechend sollten Sie sich hüten, das Jugendamt zu irgendwelchen Sanktionen, Handlungen oder Kontrollbesuchen beim anderen Elternteil anstacheln zu wollen.
  • Wenn Sie sich tatsächlich sicher sind, dass eine akute Kindeswohlgefährdung im Sinne des Jugendamtes stattfindet – das bedeutet Verwahrlosung, Misshandlung oder dergleichen – dann ist eine sogenannte Gefährdungsmeldung zu erstatten. Ein Anruf beim Jugendamt oder eine Email genügen ausdrücklich nicht.
  • Häufig wird das Jugendamt in Familienrechtsverfahren zu Umgang- und Sorgerecht als Prozessbeteiligter geladen. In aller Regel schließt sich das Jugendamt dann jedoch den Vorträgen des Verfahrensbeistandes an, der ebenfalls mit Fokus auf das Kind arbeitet, jedoch meist sehr viel konkreter in den Fall eingearbeitet ist.
  • Jugendämter sind da, um zu helfen. Wenn Sie also Unterstützung benötigen, fragen Sie nach dieser Hilfe ohne Scheu, sei das im Umgang mit dem Kind oder in anderen Belangen. Jugendämter haben neben eigenen Ressourcen vielfältige Kontakte zu anderen Hilfsorganisationen und können Ihnen im Zweifel raten, wohin Sie sich wenden können.
  • Es kann aber zum Beispiel auch mit dem zuständigen Jugendamtsmitarbeiter vereinbart werden, dass das Kind in den Räumen des Jugendamtes zum Umgang übergeben wird, um so ein Aufeinandertreffen der Eltern zu verhindern, ohne dass eine Umgangspflegschaft bestellt werden muss. Auch können unter Vermittlung des Jugendamtes schriftliche Vereinbarungen getroffen werden, die zwar nicht rechtlich bindend, oft jedoch deutlich verbindlicher sind als bloße mündliche Absprachen.
  • Auf eine Sache reagieren praktisch alle Jugendämter allergisch und das aus simpler Erfahrung im sonstigen Alltagsgeschäft: Kooperationsverweigerung. Also kooperieren Sie, auch wenn Sie zunächst keine gemeinsame Chemie finden können – bemühen Sie sich darum. Eine echte Alternative gibt es nicht.
  • Wenn Sie dazu kommen – sagen Sie bei Gelegenheit einfach einmal “Danke!” zu Ihrem Jugendamtsmitarbeiter. Das hört er/sie viel zu selten.