[Vorwort: Aufgrund der statistischen Regelsituation wird im folgenden Artikel die Rede von Säuglingen sein, die nach einer Trennung bei der Kindesmutter leben und Umgang mit dem Kindesvater ausüben. Obschon natürlich bekannt ist, dass es auch Säuglinge gibt, die nach einer Trennung beim Vater bleiben, sind diese Fälle deutlich seltener. Auch erheblich seltener als der Verbleib von Kleinkindern und älteren Kindern beim Vater. Daher soll folgend auf die überwiegend typische Konstellation Bezug genommen werden.]

Während bei einer Trennung mit Kind die meisten Eltern sich darüber im Klaren sind, wie das Sorgerecht genau geregelt ist – gemeinsames oder alleiniges Sorgerecht – bestehen zum Umgangsrecht immer wieder große Unsicherheiten. Verwundern kann das nicht, hat doch der Gesetzgeber zwar klar geregelt, dass ein Umgangsrecht vor Allem des Kindes mit beiden Eltern aber auch jeden Elternteils mit seinen Kindern besteht, mehr aber nicht.

 

Umgangsrecht mit einem Säugling bedeutete Umgang mit der Mutter

Noch vor wenigen Jahren war es Usus, dass Umgang mit einem Säugling praktisch nur in Form von Besuchen bei der überwiegend betreuenden Mutter stattfinden konnte, die mehr oder weniger per se das alleinige Sorgerecht für das Kind erhielt. Regelmäßig wurden dazu einerseits die Mütter mehr oder weniger gedrängt, den Umgang in ihren eigenen vier Wänden stattfinden zu lassen, andererseits stand Umgang ohne Beisein der Mutter praktisch außer Frage. Diese Haltung war zweifellos auch dem Umstand geschuldet, dass gesellschaftlich akzeptiert Männern die alleinige Versorgung und Pflege eines Säuglings nicht zugetraut wurde. Es kursierte sogar die Annahme, Säuglinge hätten per se eine innige Bindung an die Mutter und praktisch keine an den Vater, diese entwickle sich erst im Kleinkindalter.

Leider zeigen auch heute noch vereinzelte Entscheidungen vorwiegend kleiner Amtsgerichte, dass noch nicht allerorten derartige Haltungen vom mordernen Familienverständnis abgelöst wurden. Insbesondere in strittigen und hochstrittigen Trennungsfällen, wenn das betreuende Elternteil im Grunde gar keinen Umgang zulassen will, wird mitunter noch auf solche Lösungen zurückgegriffen – und oft genug das Problem damit noch verstärkt, denn frisch nach der Trennung können die Eltern häufig kaum ohne Spannungen beieinander sein.

Heute wissen wir, auch dank moderner Forschung, dass die Idee, Säuglinge könnten sich nur eng an eine Person binden, nicht der Realität entspricht. Selbstverständlich entwickelt auch ein Kleinstkind enge Bindungen an alle ihm zur Verfügung stehenden Bezugspersonen, sofern diese Bindung entsprechend aufgebaut und gepflegt wird. Kümmert sich also ein Elternpaar gemeinsam um ihr neugeborenes Kind, entwickelt dieses Kind auch an beide Elternteile eine enge Bindung. Es gibt dann zwei sogenannte Hauptbezugspersonen. Nicht, wie lange angenommen, grundsätzlich nur eine. Eine naturgegebene Sonderstellung der Mutter beim Kind, gibt es demnach nicht.

 

Streitfrage Stillen und Umgangsrecht

Ein immer wieder vorgebrachter Einwand gegen eine übliche Umgangsregelung auch bei einem Säugling ist das Stillen. Denn Stillen kann nun einmal direkt nur die Kindesmutter und zudem muss das Kind, wenn es gestillt wird, mehr oder minder zwangsläufig im Abstand weniger Stunden zu diesem Zweck zur Mutter gebracht werden. Dieser Umstand wurde zwischenzeitlich sogar von Lobbyvereinigungen aktiv als Möglichkeit propagiert, das Umgangsrecht eines Vater mit seinem noch kleinen Kind einzuschränken, indem auf das Stillen verwiesen und so lange wie nur irgend möglich gestillt wird, auch über die Empfehlungen von Ärzten und Hebammen hinaus.

Empfohlen wird das ausschließliche Stillen eines Säuglings bis zum sechsten Lebensmonat um Allergien vorzubeugen und die Entwicklung des Kindes optimal zu unterstützen. Allerdings meint Stillen aus medizinischer Sicht die Ernährung mit Muttermilch – nicht den Vorgang. Ab dem siebten Lebensmonat sollte dann beigefüttert werden, während jedoch auch weiterhin gestillt wird. Das sind Empfehlungen für ein Ideal. Tatsächlich gibt es zahlreiche Mütter, die nicht stillen wollen oder können oder nicht die vollen sechs Monate stillen möchten. Andere Mütter wollen schnell wieder in den Beruf einsteigen und können das mit direktem Stillen nicht vereinbaren. Für all diese Möglichkeiten gibt es Lösungen, sei das in Form von Ersatznahrung, die natürlich leider nicht all die wertvollen Inhaltsstoffe der Muttermilch aufweisen, oder in Form des Abpumpens von Milch, damit der Säugling auch von anderen Personen gefüttert werden kann.

Natürlich beinhaltet das unmittelbare Stillen mehr als Nahrungsaufnahme. Es geht auch um Nähe und Geborgenheit, häufig sprechen Mediziner auch von der Anregung aller Sinne des Kindes wie Schmecken, Riechen und Fühlen. Allerdings setzen diese zusätzlichen Effekte nicht voraus, dass das Kind immer direkt gestillt wird. Der medizinisch betrachtet wesentliche Teil ist die Ernährung mit Muttermilch. Tatsächlich erleidet ein Säugling aber keinen Schaden, wenn er nicht oder nicht immer direkt an der Brust gestillt wird. Vielmehr geht es um einen zusätzlichen Nutzen für das Kind.

 

Auch gegen Übernachtungsumgänge spricht nichts

Wohl gewissen Berührungsängsten geschuldet zögern noch immer manche Gerichte, ganz normale  Umgangsregelungen auch für Säuglinge zu treffen. Besonders betroffen davon sind lange Umgangstage und Übernachtungen. Es herrscht die latente Idee, das Zusammensein mit dem Vater sei für das Kind eine Art Aufregung, womöglich sogar Stress und es müsse dann wieder zurück zur Mutter um Ruhe zu finden.

Das ist natürlich Unsinn.

Kümmern sich Eltern von Beginn an gemeinsam um ihr Kind, besuchen gemeinsam entsprechende Vorbereitungs- und Fortbildungskurse für den Umgang mit dem Säugling nach der Geburt und sind entsprechend gut mit dem Kind vertraut, gibt es keinen Grund für die Unterstellung, das Kind würde ein Zusammensein mit dem Vater als belastend empfinden. Ähnliche Gedanken kämen zudem nicht auf, wenn das Kind zum Beispiel von der Großmutter betreut würde. Hier zeigen sich späte Auswüchse von handfestem Sexismus, der Männern den Umgang mit Kleinstkindern nicht zutrauen möchte. In unsere heutige Zeit passen solche Ideen gewiss nicht mehr.

Entsprechend gilt aber natürlich für einen Säugling dasselbe, wie für alle Trennungskinder in Fragen des  Umgangsrechtes und grade auch des ständigen Aufenthaltes: Wer hat das Kind vor der Trennung überwiegend betreut?

Haben sich die Eltern die Betreuung geteilt, steht umfangreichem Umgang und auch Übernachtungen gar nichts entgegen, wenn die Ernährungsfrage geklärt werden konnte. Hat allerdings bis zur Trennung ein Elternteil alleine den Mammut-Anteil der Betreuung geleistet, sich deutlich überwiegend um das Kind gekümmert, dann muss das berücksichtigt werden. Hier können Aufbauregelungen nützlich sein, die einerseits die Stärkung der Bindung des Kindes an das nicht überwiegend betreuende Elternteil fördern und andererseits dem Elternteil selbst Zeit einräumen, sich mit der Pflege und Betreuung eines Kindes im entsprechenden Alter vertraut zu machen. Dabei sollte allerdings nie vergessen werden, dass alle Eltern nach Geburt des ersten Kindes den Umgang mit und die Pflege dieses Kindes von Null einüben und das in aller Regel ohne Kontrolle von außen gut funktioniert und kaum argwöhnisch beobachtet wird, ob das Kind die Pflegeversuche der Eltern schadfrei übersteht. Es darf davon ausgegangen werden, dass Eltern in aller Regel ihrem Kind nicht mutwillig Schaden – auch nach einer Trennung und einzeln nicht.

 

Oft haben die Eltern ein Problem, nicht die Kinder

Tatsächlich fällt es häufig nicht den Kindern, sondern vielmehr den Müttern sehr schwer, sich über Stunden und ggf. auch über Nacht von ihrem neugeborenen Kind zu trennen. Die Behauptung, das Kind nehme durch dieses Fortsein von der Mutter Schaden ist dann Schutzbehauptung um das eigene Sehnen nach der Nähe des Kindes nicht formulieren zu müssen. Eben das ist jedoch vernünftig, nicht nur um allen Beteiligten den Umgang mit der Situation zu erleichtern, sondern auch um selbst die eigene Haltung bewusst wahr zu nehmen.

Grade nach einer Trennung mit Kind gründen viele Konflikte und später auch oft genug Gerichtsverfahren auf solchen unausgesprochenen eigenen Bedürfnissen und können von vorn herein vermieden werden, indem nicht nur nach außen, sondern auch sich selbst gegenüber ehrlich reflektiert wird, weshalb eine bestimmte Haltung vertreten wird.

Möchte sich eine Mutter nicht von ihrem Säugling trennen, kann dies aber nicht offen formulieren, so dass Kompromisse gefunden werden können, die das Problem wenn nicht beheben, dann doch zumindest lindern könnten, entsteht zwangsläufig ein latenter Vorwurf gegen den Kindesvater, das Kind sei dort per se weniger gut aufgehoben als bei der Mutter. Es fehle dem Säugling dort etwas. Dieser Vorwurf wertet den Vater als Bezugsperson des Kindes erheblich ab und schafft die Behauptung einer Ungleichheit der Eltern von Natur aus. Wir wissen heute, dass diese früher auch öffentlich vertretene Haltung nicht der Realität entspricht – dennoch führt sie immernoch regelmäßig zu hochstrittigen Trennungen.

 

Kürzer und öfter vs. länger und seltener

Und dann gibt es da noch dieses regelmäßige Zitat, ein noch sehr kleines Kind sollte häufiger aber kürzer  Umgang wahrnehmen, während ein älteres Kind seltener, dafür jedoch längeren Umgang wahrnehmen sollte. Tatsächlich war es trotz Recherche nicht möglich, herauszufinden, von wem diese Aussage ursprünglich stammt – zitiert wird sie hundertfach.

Tatsächlich gibt es eine sinnvolle Begründung für die Idee, dass jüngere Kinder häufiger Umgang haben sollten – denn umso jünger das Kind, umso unausgereifter das Zeitgefühl. Ein Säugling kann einen Zeitraum von mehreren Wochen zwischen Umgängen kaum verarbeiten, auch ein Kleinkind würde bei nur vierzehntägigem Umgang mutmaßlich immer wieder Ansätze vom Fremdeln zeigen. Desto älter ein Kind wird und umso konkreter es den Zeitraum von Umgang zu Umgang begreifen und als vorübergehend verstehen kann, umso sicherer es also wird, dass der Umgangselternteil wiederkommt – immer wieder – umso weniger kritisch ist der zeitliche Abstand.

Kleinkinder und Säuglinge aber benötigen häufigeren Kontakt um die Bindung zur Bezugsperson pflegen zu können.

Keine sinnvolle Begründung allerdings lässt sich finden für “kürzer”. Es gibt keine Belastung des Kindes durch den Kontakt zum nicht betreuenden Elternteil oder durch die Trennung vom überwiegend betreuenden Elternteil. Einzige Erklärung für diese Kombination aus “kürzer” und “häufiger” ist eine mathematische: Damit am Ende ein Säugling nicht exzessiv mehr Umgang mit dem nicht betreuenden Elternteil hat als ein älteres Kind – denn laut einer Entscheidung des BGH ist das Alter das Kindes kein Argument um z.B. Übernachtungen beim Umgangselternteil auszuschließen – müssen die Umgänge natürlich, wenn sie häufiger stattfinden, insgesamt kürzer sein, damit letztlich eine Art Regelumfang an Umgang erreicht wird.

Eine belastbare Begründung dafür, dass ein kleines Kind oder ein Säugling keine längere Zeit in Obhut des nicht betreuenden Elternteils verbringen könnte, gibt es ausdrücklich nicht.