Spätestens wenn sich eine Trennung mit Kind so weit hochschaukelt, dass Umgang oder Sorgerecht von einem Gericht geregelt werden müssen, taucht er auf, dieser Begriff. In jedem familienpsychologischen Gutachten nimmt er eine gewichtige Stellung ein. Bindungstoleranz ist wichtig und kann „kriegsentscheidend“ sein, denn es kommt immer wieder vor, dass Sorgerecht oder Aufenthaltsbestimmungsrecht für ein Kind neu geregelt werden aufgrund eines eklatanten Mangels an Bindungstoleranz bei einem Elternteil. Zumeist betrifft das dann denjenigen, bei welchem das Kind bis dahin lebte.

 

Was ist Bindungstoleranz?

Tatsächlich erst einmal nichts elternexklusives, auch wenn es in aller Regel in diesem Kontext wichtig wird, meist im Rahmen von Nachtrennungsstreitigkeiten. Bindungstoleranz ist, was das Wort sagt: Die Toleranz gegenüber Bindungen des Kindes zu anderen Personen.

Oft wird Bindungstoleranz fälschlich sehr inflationär mit Entfremdung und Manipulation in einen Topf geworfen, das allerdings trägt diesem komplexen Phänomen kaum Rechnung. Die nicht getrennten Eltern, welche dem Kind das Spielen mit Kindergartenfreund X verbieten sind im Grunde in diesem Kontext nicht bindungstolerant. Auch der Vater oder die Mutter, welche den Kontakt zwischen dem Kind und einem Nachbarn unterbindet, den er oder sie suspekt findet ist an dieser Stelle nicht bindungstolerant dieser Person gegenüber.

Es dreht sich bei der Bindungstoleranz also grundsätzlich darum, inwieweit zugelassen wird, dass vom Kind selbst oder durch einen Dritten initiierte zwischenmenschliche Beziehungen mit dem Kind bestehen, gepflegt und vertieft werden können. Dabei geht man gar nicht davon aus, dass absolute Bindungstoleranz des Optimum sein soll. Denn das würde bedeuten unreflektiert alle durch das Kind oder Dritte initiierten Beziehungen des Kindes uneingeschränkt laufen zu lassen. Auch zu dem suspekten Nachbarn, der dem Kind immer Süßigkeiten schenken will und dem Schulfreund, der mit Mühe noch  nicht von der Schule geflogen ist, weil er immer wieder in Straftaten verwickelt ist.

Vielmehr denkt man bei der Bindungstoleranz an eine Art Grundhaltung und bemüht sich darum, deren sinnvolle Ausprägung bei einem Elternteil einzuschätzen. Wer das Kind nicht zum Nachbarn lassen möchte, wird hier nicht als probelmatisch bindungsintolerant gelten und auch das Verbieten von Spielfreunden wird zwar teils als kritisch aber nicht als kindeswohlgefährdend betrachtet. Wobei auch hier natürlich Einzelfälle die Ausnahme bilden. Kindeswohlgefährdende Bindungsintoleranz könnte sich auch äußern, indem einem Kind jedweder Kontakt zur Außenwelt verunmöglicht wird – durch beide Eltern. Bei Kindern, welche in Sekten aufwachsen, ist dieses Thema mitunter relevant.

 

Bindungstoleranz gegenüber Pflegeeltern

Im Grunde geht es bei der Bindungstoleranz um eine problematische weil destruktive Überregulierung durch Eltern oder einen Elternteil gegenüber Dritten, zu welchen das Kind Bindungen aufbaut oder aufbauen könnte oder sollte.

Ein typisches Beispiel für kindeswohlgefährdende Bindungsintoleranz, bei dem nicht die leiblichen Eltern betroffen sind, führt immer wieder dazu, dass die biologischen Eltern in Obhut genommener und bei Pflegefamilien untergebrachter Kinder immer weniger und nicht selten nur noch begleitete Umgangskontakte wahrnehmen dürfen. Das Problem ist dann häufig: Treffen leibliche Eltern und Kinder aufeinander, drücken die Eltern uneingeschränkt ihren Unmut gegenüber der Inobhutnahme und Unterbringung in der Pflegefamilie aus. Auch harsche Kritik an den Pflegeeltern ist keine Seltenheit.

Das torpediert die entstehende Bindung der Kinder zur Pflegefamilie. Diese Bindung ist allerdings für die Kinder und ihre psychische Gesundheit und Entwicklung in dieser Situation sehr wichtig. Ohne eine gewisse Bindung an die Pflegeeltern kommen die Kinder nicht zur Ruhe, fühlen sich nicht sicher, womöglich sogar bedroht oder bedrängt. Der eigentliche Sinn einer Fremdunterbringung, die Kinder zumindest vorübergehend aus schädlichen Einflüssen heraus zu nehmen und zu entlasten, wird praktisch ad absurdum geführt und eine neue, völlig unnötige psychische Belastung der Kinder produziert. Das kann so weit führen, dass die Kinder in gut funktionierenden Pflegefamilien nicht länger belassen werden können, weil durch die heftige Ablehnung der Eltern ein so starker Loyalitätskonflikt entstanden ist, dass den Kindern Schäden beim weiteren Verbleib drohen.

 

Bindungstoleranz gegenüber Großeltern und Stiefeltern

Ein nach Trennung mit Kind häufig auftauchendes Problem, das allerdings nicht ansatzweise so starke Beachtung findet wie die Bindungsintoleranz gegenüber einem Elternteil ist die Bindungstoleranz gegenüber Großeltern – hier bildet sich seit einigen Jahren eine zunehmend erstarkende Lobby der Opas und Omas – und noch deutlicher im Hintergrund steht die Bindungstoleranz gegenüber Stiefelternteilen, obschon grade an dieser Stelle nicht selten heftige Ablehnung, Entfremdung und Manipulation stattfindet. Während Stiefeltern zwangsläufig erst mit einer von Statten gegangenen Trennung der Kindeseltern überhaupt in die Szenerie einrücken, können insbesondere Großeltern allerdings auch ganz ohne Trennungskontext unter den Folgen von mangelnder Bindungstoleranz zu leiden. Denn auch dann, wenn keine Trennung vorangegangen ist, der Kontakt zu den Großeltern jedoch unterbunden wird, mangelt es offenkundig an Bindungstoleranz gegenüber Großvater und/oder Großmutter.

Es zeigt sich deutlich, dass Bindungstoleranz auch ein gesellschaftspolitisches Thema ist. Welche Bindung eines Kindes zu welchen Bezugspersonen wird allgemein als wünschenswert, wichtig oder wertvoll empfunden und welche nicht? Der Nachbar mit den Süßigkeiten ist entbehrlich und kann abgelehnt werden, während im Falle von Großeltern kritischere Betrachtung stattfindet. Generell aber ist die Bindungstoleranz der Eltern für alle Bezugspersonen des Kindes relevant. Die Entscheidung, mit wem das Kind Umgang und Kontakt hat, obliegt nach dem Gesetz eindeutig den Sorgeberechtigten. Im Falle unregelmäßiger und eher zufälliger Begegnungen – darunter würden wohl auch Spielfreunde und Nachbarn zu sehen sein – sehen Gerichte die Entscheidungsgewalt im Rahmen der Alltagssorge. Entsprechend kann jeder Trennungselternteil in seiner Zeit mit dem Kind einzeln entscheiden, mit dem das Kind zu dieser Zeit Kontakt haben soll und zu wem nicht.

Dass von dieser Regelung allerdings das jeweils andere Elternteil ausgenommen ist, zeigt wiederum deutlich die grundliegende Unterscheidung der Bindungswichtigkeit im Gegensatz zu z.B. Großeltern, die zwar ein eigenes Umgangsrecht gerichtlich beantragen können, die jedoch im Grundsatz erst einmal nicht von dieser Entscheidungsbefugnis der Eltern ausgenommen sind. Tatsächlich müssen Großeltern – wie vor der Gesetzesnovellierung unverheiratete Väter im Bezug auf das gemeinsame Sorgerecht – gegen eine Positivprüfung ankämpfen, wenn sie Umgang einklagen wollen, insbesondere wenn bis dahin keine Bindung zu dem Kind besteht. Das bedeutet: Es muss belegt werden, dass und weshalb dieser Kontakt dem Kind zum Vorteil gereicht. Dem entgegen steht die Negativprüfung, wie sie nun nach Novellierung den Vätern den Zugang zum gemeinsamen Sorgerecht erleichtert: Dabei muss belegt werden, inwieweit das gemeinsame Sorgerecht dem Kind schaden würde.

 

Warum mangelt es manchen an Bindungstoleranz?

Grundsätzlich können zwei Haupttriebfedern für mangelnde Bindungstoleranz ausgemacht werden: Projektion und Eifersucht.

Wenn Betroffene mit den Blüten von mangelnder Bindungstoleranz – zumeist Unwilligkeit, Umgang zuzulassen, willkürliche Beschneidungen der Kontakte aber auch Manipulation und aktive Entfremdung – konfrontiert sind, steht rasch der Vorwurf im Raum, der bindungsintolerante Elternteil handle so um dem anderen bewusst zu schaden, denjenigen zu verletzen oder ihm/ihr etwas heim zu zahlen.

Tatsächlich ist das selten der Fall.

Viel mehr dreht sich dieses Verhalten um den bindungsintoleranten Elternteil selbst und dessen Fähigkeit, damit umzugehen, dass sein oder ihr Kind eine Bindung und Beziehung auch zu Menschen aufbauen und unterhalten kann, die er oder sie selbst nicht mag oder sogar aktiv ablehnt. Im Kerngedanken, weshalb das Kind diese Person auch ablehnen soll oder zumindest keine Nähe aufbauen soll zeigt sich dann der tatsächliche Motivator: Entweder die Angst, das Kind an den oder die andere/n zu „verlieren“, ausgestochen zu werden, abgelöst oder ersetzt zu werden – dann handelt es sich um Eifersucht.

Oder aber das Kind wird zur Projektionsfläche der eigenen Haltung gegenüber dem anderen Elternteil/einer anderen Bezugsperson. Weil man selbst ablehnt, soll und muss auch das Kind ablehnen. Einerseits um die eigene Haltung als allgemein logisch zu bestätigen – „Siehst du, sogar das Kind merkt, was du für eine/r bist!“ – sich also selbst die Sicherheit über das Kind zu produzieren, dass man nicht aus subjektiven Motiven „gegen“ eine Person eingestellt ist, sondern weil der andere gar keine andere Haltung zulässt. Hier wird die gesamte Verantwortung für die emotionale Situation zwischen zwei Erwachsenen auf einen der beiden Beteiligten alleine geladen. Der oder die ist schuld, macht alles falsch, trägt alleine die volle Verantwortung für die eigene Ablehnung. Andererseits um die eigene Bindung zum Kind auf eine überzogene Weise zu stärken, indem ein Loyalitätskonflikt aktiv herbeigeführt wird. Dem Kind wird vermittelt: Wenn du mich magst, dann kannst du den/die auf keinen Fall mögen. Indem das Kind selbst dazu gebracht wird, das Feindbild abzulehnen, wird die eigene Verantwortung für die Situation abermals an anderer stelle platziert. Nun ist man selbst nicht schuld, das Kind will ja nicht.

So wird das Kind dazu gedrängt, sich parteiisch auf die Seite eines Elternteils zu schlagen. Der Grundstein für Entfremdung und im Extrem sogar ein Parental Alienation Syndrome.

 

Keine Bindungstoleranz – und nun?

Die Erfahrung zeigt, dass mangelnde Bindungstoleranz und deren Auswirkungen wie Umgangskonflikte, Umgangsboykotte und Beeinflussung durch konsequentes und schnelles Handeln eingedämmt werden kann. Wichtig ist, das Kind nicht tief in diese emotionale Spirale hineingeraten zu lassen und insbesondere zu handeln, bevor eine Entfremdung oder sogar Ablehnung der Bezugsperson eintritt. Hier sind mitunter schnelle und entschlossene Schritte nötig, sei dies zum örtlich zuständigen Jugendamt mit der Bitte um Vermittlung oder auch vor Gericht.

Ein sich immer weiter ausdehnender Kontaktabbruch bestärkt und beschleunigt Entfremdungen und Loyalitätskonflikte. Umso rascher hier gehandelt wird, umso weniger Schaden erleidet letztlich das Kind.

Eskaliert die Bindungsintoleranz in Umgangsboykotte und das völlige Verweigern von Kontakt zur Bezugsperson, kann, je nach allgemein vermuteter Schwere der Problematik, sogar ein Sorgerechtsentzug im Raum stehen. Zwischenzeitlich sind mehrere Fälle gerichtlicher Entscheidungen bekannt, in denen einem Elternteil das Sorgerecht oder zumindest das Aufenthaltsbestimmungsrecht aufgrund mangelnder Bindungstoleranz entzogen wurde.

Das Kind wird dann, in letzter Konsequenz, aus diesem Einfluss heraus genommen. In der größten Not auch in eine Fremdunterbringung.