Unsere Welt ist voller Gefahren für Kinder, keine Frage. In welchem Umfang allerdings getrennte Elternteile nach eigener Aussage mit drogensüchtigen, gewaltbereiten, ständig Alkohol konsumierenden, in schlechter Gesellschaft befindlichen und per se mit einer fragwürdigen Persönlichkeit gesegneten Menschen Kinder haben, erstaunt. In einschlägigen Themenforen und -gruppen will der Strom an Ex-Partner/innen hochgefährlicher so-gut-wie-Krimineller gar nicht abreißen. Und oft genug springen andere Betroffene sofort auf die genutzten Reizworte an und bestärken diese Wortkriegsführung noch.

Ein Beispiel (stark entfremdet, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig):

Eva A. (23) berichtet hochalarmiert, dass ein Gericht dem Exfreund und Vater des gemeinsamen Sohnes (2) unbegleiteten Umgang zugesprochen habe, dabei sei der Kindesvater drogenabhängig, trinke ständig Alkohol und verbringe seine Freizeit mit Kriminellen. Sofort springen der verzweifelten Eva einige andere Betroffene zur Seite – sie solle sofort den Umgang aussetzen, das Kind nicht mehr herausgeben, zum Jugendamt gehen, Anzeige erstatten. Es dauert Stunden bis die erste kritische Nachfrage auftaucht, was genau das denn überhaupt bedeute „drogenabhängig“ und wer diese kriminellen Freunde seien und was sie mit dem Kind zu tun hätten. Es entspinnt sich eine Diskussion, in der auch immer wieder gebetmühlartig das Argument aufkommt, es sei egal, Beweise brauche es nicht, wenn auch nur die entfernte Möglichkeit bestünde, dass irgendwelche Beeinträchtigungen für das Kind drohen, solle sofort der Umgang boykottiert werden. Mühsam entblättert sich dann nach und nach die gesamte Szene: Eva ist seit grade einmal einem halben Jahr vom Vater des Kindes getrennt, es ging in wildem Streit auseinander und Eva hielt von Beginn an nichts von Kontakten des Kindes mit dem Vater und boykottierte von Grund auf den Umgang. Der Vater ließ ihn daraufhin via Gericht festlegen und schon dort kam der Vorwurf des Drogenmissbrauchs auf, jedoch wurde dort klar, dass der Vater bereits seit Beginn der insgesamt 4jährigen Beziehung mit Eva A. an den Wochenenden gelegentlich Cannabis konsumiert hatte. Sie übrigens auch vor der Schwangerschaft. Man war sich diesbezüglich offenbar sehr einig. Erst nach der Trennung und mit Aufkommen des dringenden Verlangens, den Kontakt zu unterbinden, wurde dann aus dem gelegentlichen Cannabis-Konsum ein drogenabhängiger Kindesvater und eine unmittelbare Bedrohung für das Kind, die mit ähnlicher Mentalität ausgestatteten vorher gemeinsamen Freunde des Kindesvaters zu Kriminellen – denn die seien ja auch drogenabhängig. Vor der Trennung hatte Eva A. keine Schwierigkeiten darin gesehen, das Kind auch alleine in Obhut des Vaters zu lassen, wenn sie zum Beispiel Freunde besuchen wollte. Der Vater war auch ganze Wochenenden mit dem Kind alleine, wenn die Kindesmutter Verwandte in größerer Entfernung besucht hatte. Fachpersonen haben den Antrag des Vater dann geprüft, Mitarbeiter des Jugendamtes waren auch beim Kindesvater zu Hause, konnten keinerlei Gefährdung des Kindes feststellen und das Gericht ordnete Regelumgang an.

Solche und vergleichbare Fälle finden sich zu Dutzenden und Hunderten. Dabei ist grade bei jungen Getrennten angeblicher Cannabis-Konsum des Ex-Partners ein häufig angebrachter Verhinderungsgrund für Umgangskontakte, während ansonsten auch angebliche Gewaltbereitschaft, Verantwortungslosigkeit oder Vernachlässigung als grobe Defizite des anderen Elternteils angebracht werden.

In aller Regel kommen diese Vorwürfe im Zuge laufender Prozesse oder Beratungsverfahren auf, wenn es um die Frage geht, wer welche Rechte am Kind und in welchem Umfang haben soll. Geht es um das Sorgerecht, überwiegen Vorwürfe, welche die Erziehungsfähigkeit in Frage stellen, allem voran Alkoholkonsum, Drogensucht oder psychische Krankheitsbilder. Handelt es sich um einen Konflikt um das Umgangsrecht kommen zudem noch Vorwürfe der Verantwortungslosigkeit und leichtfertigen Gefährdung des Kindes zum Beispiel bei als riskant empfundenen Aktivitäten, pädagogische Mängel, schlechter Umgang, ein nicht kindgerechtes Umfeld und eine angeblich mangelhafte Beziehung zum Kind hinzu.

Auch und besonders bei Fragen des Umgangsrechtes tauchen Kritiken an weiteren Personen auf, mit denen das Kind im Zuge dessen in Kontakt kommt oder käme, insbesondere die Großeltern oder ein neuer Partner/eine neue Partnerin.

 

Was ist Kindeswohlgefährdung

Im Kern drehen sich diese Argumentationen stets um die Frage, ob und wenn ja wie weit eine Gefährdung des Kindes vorliegt. Denn eben das – eine Kindeswohlgefährdung – müsste gegeben sein, damit ein solcher Vorwurf, sofern erwiesen, überhaupt in irgendeiner Weise Einfluss auf Sorge- oder Umgangsrecht entwickeln könnte. Entgegen weit verbreitetem Missverständnis gibt es nach einer Trennung keinen Wettbewerb um die moralische Überlegenheit oder die Frage, welcher Elternteil der bessere Mensch ist. Vielmehr muss im Rahmen einer sogenannten Negativprüfung etwas zu Tage treten, das so erheblich ist, dass das Kind geschützt werden muss.

Zur Orientierung:

  • Wann darf die Herausgabe des Kindes zum Umgang verweigert werden?
    Bei unmittelbarer direkter Gefährdung des Kindes, zum Beispiel weil der abholende Erwachsene deutlich stark alkoholisiert ist, sichtlich instabil zum Beispiel durch Drogenkonsum oder im Rahmen eines psychischen Zusammenbruches. Wenn also die nachvollziehbare, objektive Gefahr besteht, dass dem Kind unter Aufsicht des anderen schwerer Schaden unmittelbar droht.
  • Welche Gründe rechtfertigen nicht, die Herausgabe des Kindes zu verweigern?
    – Jedwede Streitigkeit zwischen den Eltern, unabhängig vom Inhalt.
    – Begleitpersonen des abholenden Elternteils und/oder Personen im Haushalt oder Umfeld des Elternteils, sofern von diesen keine unmittelbare erhebliche Bedrohung für das Kind ausgeht (vergl. oben).
    – Jedwede Uneinigkeiten über die Gestaltung der Zeit mit dem Kind.
    – Bei Vorliegen einer gerichtlichen Umgangsvereinbarung alles was keine unmittelbare und erhebliche Kindeswohlgefährdung darstellt (siehe oben) und nicht durch dasselbe Gericht angeordnet worden ist. Das schließt ausdrücklich auch Ratschläge des zuständigen Jugendamtes mit ein, dort besteht keine Entscheidungsbefugnis, Umgangsbeschlüsse aufzuheben oder abzuändern, das darf nur das zuständige Familiengericht.

 

Aber das Jugendamt/die Erziehungsberatung hat gesagt…

Nicht selten sind in ein derart strittiges Verfahren diverse Parteien involviert. Häufig laufen Konfliktgespräche auf mehreren Kanälen gleichzeitig – beim zuständigen Gericht sind Anträge anhängig, es finden Termine beim örtlichen Jugendamt statt und zudem (gemeinsame) Termine mit der zuständigen Erziehungsberatung. Womöglich sind zudem Kinderärzte, Therapeuten oder auch Erzieher/innen und Lehrer/innen der betroffenen Kinder irgendwie in die Thematik einbezogen.

Zu größten Konflikten führt dann nicht selten, dass im Rahmen von Gesprächen an irgendeiner Stelle ein/e Erzieher/in oder auch ein/e Mitarbeiter/in des Jugendamtes sich derart äußert, dass unter gewissen Umständen dann der Umgang ausgesetzt werden sollte/das Kind zum anderen Elternteil umziehen solle. Ein Elternteil, das ohnehin eben diesen Kontaktabbruch forciert nimmt eine solche, oft einfach lose dahingesagte Aussage, als Zustimmung und Absolution auf und setzt einen Umgangsboykott durch.

Reagiert der andere Elternteil dann nicht zeitnah und konsequent, können, bis ein Gericht dazu kommt klare Regeln für alle Beteiligten aufzustellen, Monate oder sogar Jahre ins Land ziehen.

 

Kein Umgang? Kaum möglich.

So verstricken sich Eltern nach Trennung mit Kind nicht selten über Jahre hinweg in wilde Streitigkeiten, die immer und immer wieder vor Gericht landen oder enden. Dabei treibt betreuende Elternteile nicht selten die Idee, den Umgang zur Gänze ausschließen oder ausschließlich begleitet stattfinden lassen zu wollen.

Das wird allerdings nicht passieren. Gerichte ordnen vollständige Umgangsausschlüsse ausschließlich dann an, wenn alle anderen Möglichkeiten ausscheiden. Das kommt zum Tragen zum Beispiel bei massiv beeinflussenden Elternteilen, die auch in Anwesenheit einer fachkundigen Begleitperson unbeeindruckt und uneingeschränkt auf das Kind einwirken oder bei Elternteilen die derart instabil oder suchtkrank sind, dass den Kindern ihre bloße Erscheinung, also das Erleben des Elternteils in diesem Zustand, nicht zugemutet werden kann.

In allen anderen Fällen ist die Ultima Ratio der begleitete Umgang. Das trifft ausdrücklich auch und grade dann zu, wenn nach Meinung des Gerichtes dem umgangsberechtigten Elternteil das Kind nicht alleine überlassen werden kann, eben weil eine psychische Erkrankung, eine Sucht oder sogar ein Missbrauchsvorwurf im Raum steht. Die Wahrscheinlichkeit also, einen Umgangsausschluss zu erwirken ist nahezu Null, wenn nicht absolut konkrete, belegbare und schlimmste Gefährdungen für das Kind unmittelbar vom umgangsberechtigten Elternteil ausgehen und diese durch eine Begleitperson nicht ausgeschlossen werden können. Dann und nur dann kommt ein Umgangsausschluss überhaupt in Frage.

Wird tatsächlich ein solcher Ausschluss beschlossen, dann grundsätzlich zeitlich begrenzt. Eine solche Begrenzung verlangt der Gesetzgeber ausdrücklich – ein Gericht darf also keinen Umgangsausschluss festlegen, ohne ihn zeitlich zu beschränken. Üblicher Weise auf Monate, seltener auf ein bis zwei Jahre, je nach Einzelfall. Nach diesem Zeitraum wird neu geprüft – und zwar ausdrücklich wie und ob Umgang, dann zunächst begleitet, wieder hergestellt werden kann.

Darüber sollte man sich im Klaren sein. Der Gesetzgeber, sämtliche Gerichte und praktisch alle kompetenten Fachpersonen sind ausdrücklich bestrebt, Umgang zu ermöglichen. Das Kind hat grundsätzlich ein Recht auf Umgang, ebenso jedes Elternteil.

 

Alleiniges Sorgerecht – schwierig.

Nicht weniger erheblich sind die Widerstände, wenn versucht wird, einem Elternteil das Sorgerecht entziehen oder gar nicht erst gemeinsam übertragen zu lassen. Hier sind durch die vom Gesetzgeber ausdrücklich verlangte Negativprüfung sogar konkrete und unmittelbar das Sorgerecht tangierende, kindeswohlrelevante Ausschlussgründe notwendig. Diese liegen in der Regel aber nicht vor. Das Argument der mangelnden Kommunikation zwischen den Eltern wird heutzutage und weiterhin zunehmend von Gerichten nicht mehr ohne Weiteres angenommen.

Näheres erfahren Sie im Artikel Alleiniges Sorgerecht.

 

Irre Mama, gefährlicher Papa – armes Kind!

Ein Nebenkriegsschauplatz unter solchen – meist massiven – Vorwürfen gerät oft genug völlig aus den Augen: Das Kind erlebt diese konstruierte Anti-Haltung gegenüber dem betroffenen Elternteil mit.

Die Idee, das Kind bemerke nichts und wisse nichts, weil niemand offen dem Kind gegenüber solche Anschuldigungen ausspricht – sofern das der Fall ist – ist naiv. Kinder erleben die Stimmungen mit, hören, wie man am Telefon mit anderen Erwachsenen darüber spricht oder bemerken schlicht anhand von wilden Streitigkeiten bei Übergaben, woher der Wind weht. Zudem nicht wenige Elternteile, die auf der Suche nach einer Kindeswohlgefährdung beim anderen Elternteil sind, das betroffene Kind ganz gezielt und mehr oder minder subtil ausfragen.

„Wie war es denn? Was fandest du alles doof? Was hast du denn zu Essen bekommen? Aber das magst du doch gar nicht…“

Je nach Alter des Kindes genügt es völlig, oft genug zu hinterfragen, was denn alles „doof“ ist oder war beim anderen Elternteil kombiniert mit dem deutlichen – übersteigerten – Mitgefühl des jeweils anderen für das, was das Kind „durchmachen musste“ und eine handfeste Beeinflussung des Kindes hat begonnen. Ohne jedes Unrechtsbewusstsein des beeinflussenden Elternteils allerdings, denn man kümmert sich ja nur, interessiert sich ja nur, will ja nur die Wahrheit ans Licht bringen.

 

Teuer, nervenaufreibend und völlig ergebnislos

Am Ende verlaufen 80% dieser Konfliktfälle identisch bis sehr ähnlich: Es werden diverse Umgangs- oder Sorgerechtsverfahren in mehreren Instanzen betrieben, immer im Bestreben und der Hoffnung, den anderen Elternteil wahlweise aus der Pflicht oder dem Kontakt zum Kind heraus zu bekommen. Erfolglos, denn für beide Ziele sind mehr als hohe Hürden durch den Gesetzgeber gelegt.

Schließlich sind Jahre ins Land gezogen, diverse tausend Euro in Gerichtskassen, auf Anwaltskonten und an Drittstellen geflossen und das Ergebnis ist dasselbe wie zuvor: Gemeinsames Sorgerecht und Regelumgang.

Man hätte sich all das also sparen können und eine Menge Geld gleich mit. Im Wirbel der häufig noch frischen Emotionen ist der klare Blick auf diesen Ausgang allerdings oft verstellt. Wenn solche Verfahrensketten geführt werden, dann geht es in 90% der Fälle nicht um die Kinder. Nicht im Mindesten. Vielmehr zeigt sich dort anschaulich, was geschieht, wenn der Paarkonflikt der Eltern von der Paarebene auf die Elternebene projeziert wird und der Versuch unternommen wird, ihn gerichtlich auszutragen. Im Grunde geht es nicht einmal darum, ob und wieviel Umgang stattfindet oder ob gemeinsames oder alleiniges Sorgerecht besteht. Eigentlich geht es darum, dass ein Gericht einen „guten“ und einen „schlechten“ Elternteil bestimmt. Einen Sieger und einen Verlierer. Einen, der Recht hat und einen, der im Unrecht ist.

Wenn das bewusst gemacht wird, dann tritt das gesamte Paradoxon zu Tage – denn deutsche Familiengerichte sind von Grund auf darauf ausgelegt und vom Gesetzgeber ausdrücklich angehalten, just keinen Schuldigen auszuweisen, just keinem Alleinrecht oder Alleinschuld zuzusprechen. Dort soll und darf es keine Gewinner und Verlierer geben – der Hauptgrund, aus dem die Gerichtskosten nahezu immer hälftig aufgeteilt werden.

Einen Sieger gibt es am Ende nie. Bestenfalls Verlierer und davon gleich mehrere.