Eine Trennung der Eltern ist für die betroffenen Kinder immer eine Katastrophe. Urvertrauen und Weltverständnis werden erschüttert, weil sich plötzlich Dinge bewegen und verändern, die sich eigentlich, dem Verständnis des Kindes nach, unerschütterlich an Ort und Stelle befinden sollten. Die gesamte Realität, in der das Kind bis dahin aufgewachsen ist, zerfällt.

Hinzu kommt, dass die Eltern in dieser Situation oft zu sehr mit sich und ihren (verletzten) Gefühlen befasst sind, um die Situation des Kindes wirklich zu erfassen und auf seine Nöte zu reagieren.

Oft ist die Überzeugung, das Kind „käme gut mit der Trennung zurecht“ eher Wunschdenken und Projektion, wenn das Kind (noch) keine Auffälligkeiten zeigt oder diese als nicht als unangenehm empfunden werden.

Ebenso häufig werden die betroffenen Kinder zur Projektionsfläche für beide Trennungseltern. So braucht dann das Kind Ruhe, wenn eigentlich der eine Elternteil Ruhe will oder dringend Zeit mit beiden Elternteilen gemeinsam, weil der andere Elternteil die Beziehung noch nicht loslassen kann oder will. Es wird zum Prellbock, zum Werkzeug, zur Plakatwand und zum Boten für Nachrichten, die den anderen provozieren, ärgern oder verletzen sollen.

Doch Kinder sind cleverer, als wir oft glauben wollen und häufig, wenn noch nicht zu alt, auf eine sehr gesunde Weise mit ihren Instinkten verbunden. Sie schaffen sich, was sie brauchen und holen sich, was nötig ist, wenn es irgend geht – egal wie.

Das führt dazu, dass Trennungskinder in ihrer Komplexität, Konsequenz und Lösungsorientierung faszinierende bis erschreckende Strategien entwickeln – völlig unbewusst meist – um sich gegen den Druck, die Instrumentalisierung und die Bedrohung durch die Trennungsfolgen zu schützen.

 

Not macht erfinderisch

Einige dieser erstaunlichen Lösungen, die Kinder für sich und mitunter gegen die eigenen Eltern entwickelt haben, wollen wir ohne weitere Kommentierung hier vorstellen. Wir glauben, es braucht keinen Kontext, die Beispiele sind selbsterklärend. Da es sich teils um inhaltlich vollständig übernommene reale Berichte handelt, wandeln wir Alter, Geschlecht und sonstige Rahmendaten ab, um die Identität der Betroffenen zu schützen:

Die 7jährige Tochter, die in einen über Jahre andauernden Trennungs- und später Sorgerechtsstreit der Eltern hineingeriet pflegte bei Übergaben, bei denen die Eltern aufeinander trafen zunächst bitterlich zu weinen, sich halbherzig an die Mutter zu klammern und nur zögerlich zum Vater zu gehen und in dessen PKW einzusteigen. Sobald die Mutter dann wieder zurück ins Haus gegangen war, drehte sich das Mädchen zum Vater: „Schnell, gib Gas, Papa!“

Ein Zweijähriger lebte nach der Trennung der Eltern bei der Mutter, die den Jungen sowohl gegen den Vater des Kindes als auch gegen weitere nahe Bezugspersonen in dessen Umfeld massiv beeinflusste. Allerdings weigerte sich die Mutter im Rahmen dieser Ablehnung, den Vater des Kindes dem Jungen gegenüber als solchen zu bezeichnen und benannte ihn stets mit dem Vornamen. Da der Vater selbst und auch weitere Personen ihn allerdings in Gegenwart des Jungen stets mit „Papa“ ansprachen, griff die Beeinflussung der Mutter ins Leere und der Junge lebte eine geraume Weile in grundloser Angst vor einem „Peter“, dem er nach eigener Wahrnehmung nie begegnete. Nach einigen Monaten bemerkte die Mutter ihren „Fehler“ und begann nun, den Sohn gezielt gegen „Papa“ aufbringen zu wollen. Daraufhin belagerte der Junge den Vater beim Umgang mit der Frage nach dessen Namen, wandelte dann den Vornamen des Vaters in einen Spitznamen ab und entzog sich auf diesem Wege der Beeinflussung durch die Mutter – denn wieder war der „böse Papa“ nicht mehr da. Nur der „Pepe“, den der Junge lieb hatte und haben konnte.

Eine Zwölfjährige, die mit der umgangsberechtigten Mutter im Urlaub war und vom Vater die Order bekommen hatte, sich täglich abends telefonisch via Handy bei ihm zu melden, um Bericht über die Ereignisse des Tages zu erstatten, „verlor“ ihr Handy auf dem Weg zum Urlaubsort im Auto der Mutter und „fand“ es erst am Abreisetag wieder.

Eine Dreijährige sammelte beim Umgang mit dem Vater stets Stöckchen, Steinchen und Blümchen und fragte den Vater, ob sie diese Dinge „mit zu Mama nach Hause“ nehmen dürfe, was der Vater bejahte. Lange Zeit war dem Vater schleierhaft, was das Mädchen mit diesen Dingen anstellen wollte, insbesondere da sie diese Frage nie in Bezug auf Spielsachen o.ä. stellte, bis er später erfuhr, dass die Mutter alles „offensichtlich“ vom Vater mit nach Hause gebrachte sofort kritisierte und entsorgte, einschließlich geschenkter kleiner Spielzeuge, gemalter Bilder und dergleichen. Stöckchen und Blümchen hielt die Mutter jedoch offenbar für beim Spielen im Freien irgendwie in die Kleidung geratenen Schmutz und ließ sie unbeachtet, so dass das Mädchen ab und zu erfolgreich etwas hinein schmuggeln konnte. So schaffte sie sich selbst Übergangsobjekt.

Ein Fünfjähriger, der vom Vater, bei dem er überwiegend lebte, bereits seit der Trennung ein Jahr zuvor erheblich gegen die Mutter beeinfluss wurde (PAS) und sie deshalb nicht freimütig umarmen oder mit ihr kuscheln konnte, etablierte fantasievolle Spiele, welche einen engen Körperkontakt zwischen Mutter und Kind praktisch unvermeidbar machten. Es dauerte Monate, bis die Mutter das Konzept durchschaute und richtig reagierte: Sie gab dem Spiel einen Namen, der nichts mit Zuneigung oder Körperkontakt zu tun hatte und schaffte so für den Jungen einen Vorwand um jederzeit körperliche Nähe einfordern zu können.

Eine Sechsjährige schimpfte beim umgangsberechtigten Vater über die Mutter, bei der sie überwiegend lebte, wie ein Rohrspatz, bezichtigte sie, das Kind zu vernachlässigen und seine Bedürfnisse zu ignorieren. Auch äußerte sie irgendwann vehement den Wunsch, nicht zur Mutter zurück zu kehren, sondern beim Vater zu leben. Dem Vater fiel nicht auf, dass viele der durch das Kind vorgebrachten Vorwürfe exakt seinen eigenen entsprachen, von denen er überzeugt war, sie niemals gegenüber dem Kind geäußert zu haben. Erst als die Mutter einen Antrag auf Umgangsausschluss bei Gericht stellte, weil das Mädchen zu Hause dieselbe Strategie anwandte und dort ebenso alle Vorwürfe der Mutter gegenüber dem Vater aufschnappte und wiederholte, bis sich dies durch unüberlegte Aussagen und ein Missverständnis bei der Tochter zu der Behauptung aufschaukelte, der Vater schlage das Mädchen, kam das Gesamtszenario ans Licht. Vor Gericht wurde dann das ganze Ausmaß deutlich – das Mädchen hatte den Loyalitätskonflikt für sich damit gelöst, einfach kategorisch zu dem Elternteil Stellung zu beziehen, bei dem sie sich jeweils grade aufhielt und aus den Vorwürfen der Eltern gegeneinander quasi eine Art Spiel konstruiert, bei dem man alles sagen darf, was den abwesenden Elternteil zum „Bösen“ macht – unabhängig von dessen Wahrheitsgehalt.

Eine Achtjährige entwickelte sich nach der Trennung der Eltern scheinbar sehr positiv und schien demnach von der Trennung nicht belastet – im Gegenteil. Die Schulnoten wurden besser, das Kind war im Alltag sehr viel ausgeglichener und freundlicher, und äußerte niemals Sehnsucht nach dem Vater, der in Folge der Trennung ausgezogen war. Lediglich in den Tagen unmittelbar nach Umgangswochenenden beim Vater veränderte sich das Verhalten des Mädchens kurzzeitig und es kam zu Streit zwischen Mutter und Tochter, Schlafstörungen und vereinzeltem Einnässen in der Nacht. Nachdem es zwischen den Eltern zu Streit über eine angemessene Umgangsregelung kam, weil die Mutter den Umgang reduzieren wollte, verweigerte die Mutter über mehrere Monate hinweg jeden Kontakt zwischen Vater und Kind. Als daraufhin der Vater das Umgangsrecht einklagte und die Mutter die augenscheinlich weitere hervorragende Entwicklung der Tochter ohne Kontakt mit dem Vater argumentativ ins Feld führte, wurde eine psychologische Begutachtung angeordnet. Im Einzelgespräch des bestellten Psychologen mit der Tochter stellte sich heraus, dass diese unter panischer Angst litt, von der Mutter auch noch oder vom Vater gänzlich verlassen zu werden. Kurzzeitig das Gefühl der Sicherheit erlebte sie lediglich unmittelbar nach den Umgangswochenenden – währenddessen bemühte sie sich beim Vater ebenso um dessen Gunst wie sonst bei der Mutter -, so dass ungetrübtes kindliches Verhalten durchscheinen konnte und es zu alterstypischen Konflikten und deutlichen Anzeichen der Belastung kam. Daher bemühte sie sich in ständiger Sorge, die Mutter gegen sich aufzubringen, darum, alles recht zu machen und gefällig zu sein, sei dies durch gute Noten oder durch Nichterwähnen des Vaters. Die Tochter war davon überzeugt, hätte sie die Sehnsucht nach dem Vater je formuliert, hätte die Mutter sie verstoßen und umgekehrt wäre der Vater ganz gegangen, wenn sie dort nicht besonders brav gewesen wäre und die Mutter nie erwähnt hätte.

Nach Vorlage des Gutachtens einigten sich die betroffenen Eltern innerhalb weniger Tage auf eine umfangreiche Umgangsregelung und eine gemeinsame Mediation – außergerichtlich. Außerdem erhielt die Tochter therapeutische Unterstützung.