Die Trennung der Eltern, erschüttert die gesamte Lebensrealität der Kinder. Nichts ist mehr so, wie es vorher war. Einer der beiden Elternteile zieht aus, nicht selten zieht auch das Kind mit einem Elternteil aus, plötzlich sind Papa und Mama nicht mehr immer verfügbar.

Stattdessen erlebt das Kind nach der Trennung eine Umgangsregelung, die zunächst vollkommen befremdlich wirkt. Papa oder Mama soll jetzt nur noch zu festgelegten Zeiten für das Kind da sein. Von 10.00 Uhr bis 18:00 Uhr oder nur noch an jedem zweiten Wochenende. Der zeitliche Abstand von einer Woche ist für ein Kind, je nach Alter, eine nicht nachvollziehbare Zeitspanne.

Mit jedem Wechsel von einem Elternteil zum anderen Elternteil ist die Verlustangst erneut da und die Sehnsucht nach demjenigen Elternteil, bei dem das Kind nun im Augenblick nicht ist, gleichzeitig jedoch auch die Freude über den Elternteil, bei dem es nun zunächst sein darf.

 

 

Ein wohlbekanntes Phänomen

Praktisch alle Eltern berichten nach Trennung mit Kind von Verhaltensauffälligkeiten des Kindes insbesondere wenn es „vom anderen wiederkommt“. Dass natürlich auch nach dem Wechsel zum „anderen“ das Kind erst ankommen muss und sich ähnlich oder zumindest auch auffällig verhält, wird selten wahrgenommen, denn man ist ja dann nicht dabei.

Schnell konstruiert sich aus dieser Beobachtung die Idee, der Kontakt mit dem anderen Elternteil müsse in irgendeiner spezifischen Form belastend oder sogar schädlich für das Kind sein. Reagiert das Trennungskind nach einem Wechsel mit Distanzierung oder Ablehnung des Elternteiles, bei dem es nun zunächst bleibt, ist auch der Vorwurf der Beeinflussung sehr schnell zur Hand.

Oft vollkommen unbegründet.

Kinder müssen die Situation Trennung erst verarbeiten und insbesondere wieder Sicherheit finden, dass beide Eltern nach wie vor erreichbar sind, dass niemand verschwindet, niemand verloren geht. Sinnvolle, zeitgemäße Umgangsregelungen sind hierbei ebenso hilfreich wie bindungstolerantes Verhalten der Eltern gegenüber dem jeweils anderen Elternteil und eine kooperative Elternebene, auf der beide Eltern im Sinne des Kindes trotz Trennung konstruktiv miteinander umgehen können. Konflikte zwischen den Eltern, Abwertungen des anderen Elternteils, Vorwürfe oder auch stete Bekundungen, wie sehr man das Kind doch vermisse, wenn es fort ist, erschweren dem Trennungskind die Situation erheblich und halten es in steter Sorge und Unsicherheit.

 

 

Häufige Verhaltensauffälligkeiten sind:

 

  • Anhänglichkeit/Nähebedürfnis zum Elternteil bis hin zum Klammern
  • Distanziertheit/Ablehnung des Elternteils bis hin zu körperlichen Attacken
  • Unruhe, Aufgedrehtheit und scheinbarer Energieüberschuss
  • Schlechtes Einschlafen/Durchschlafen in der darauffolgenden Nacht
  • Langes „Ankommen“/geübte Routinen klappen nicht gut
  • Sehr umfassendes erzählen von und beschäftigen mit Dingen, die „beim anderen“ erlebt wurden
  • Austesten der Haltung zum anderen Elternteil – das Kind versucht aktiv eine Koalition mit dem anwesenden Elternteil scheinbar „gegen“ den abwesenden Elternteil zu bilden und beobachtet die Reaktion des anwesenden Elternteils. (zu beobachten z.Bsp. wenn das Kind latente Ablehnung des abwesenden durch den anwesenden Elternteil spürt, ohne dass diese ausgesprochen wird)

 

Dass auch Kinder, die ansonsten durch die Trennung wenig belastet scheinen häufig in den Wechselnachmomenten doch sehr deutlich zeigen, dass die neue Lebensrealität sie überfordert, bedenken viele Eltern nicht. Auch weil in der eigenen Wahrnehmung die Auffälligkeit ja nicht „beim anderen“ stattfindet sondern bei sich selbst. Grade nach einer Trennung mit Kind ist oft auch die Angst beider Eltern, das Kind an den jeweils anderen zu verlieren enorm hoch. Es fehlt an Erfahrung mit und Vertrauen in die Belastbarkeit der Eltern-Kind-Bindung. Das führt zu Überreaktionen.

Die wohl wichtigste Erkenntnis ist jene, dass solchen Verhaltensauffälligkeiten, die vornehmlich durch Verlustängste und Frustration entstehen, auf gar keinen Fall mit einer Reduktion des Kontaktes zu einem Elternteil begegnet werden darf. Zwar zeigen sich dann zwangsläufig die Symptome oft seltener, einfach weil seltener Kontakt stattfindet, doch die Situation des Kindes verbessert das nicht, im Gegenteil. Oft wird hier projeziert, dass die Belastung des Elternteils durch die Auffälligkeit des Kindes auch eine Belastung des Kindes durch ein „zu viel“ sein müsste, denn dem Elternteil ist es „zu viel“. Oft ist das Gegenteil der Fall, grade bei Auffälligkeiten immer nach Rückkehr zum betreuenden Elternteil. Gerade dann kann oft eine konkrete und zeitnahe Ausweitung der Kontakte mit dem anderen Elternteil zu einer deutlichen Entspannung des Kindes führen, weil Verlustängste abgebaut werden.

 

 

Wie kann man dem Kind helfen?

 

  • Setzen Sie sich aktiv dafür ein, dass dem Trennungskind auch zeitlich beide Eltern erhalten bleiben durch eine umfangreiche und zeitgemäße Umgangsregelung.
  • Vermitteln Sie dem Kind aktiv, dass beide Eltern immer da sind, auch wenn sie grade nicht in der selben Wohnung sind, z.Bsp. indem Sie auch im Alltag mit dem Kind den anderen Elternteil in Erzählungen, Überlegungen und Gespräche mit dem Kind präsent halten.
  • Schaffen Sie sog. Übergangsobjekte, also Gegenstände, die das Kind daran erinnern, dass beide Eltern da sind. Das kann ein Geschenk des anderen Elternteils sein, etwas, das sie als Eltern nach der Trennung gemeinsam mit dem Kind zu genau diesem Zweck kaufen oder basteln und das mit dem Kind wechseln kann oder auch ein getragenes Kleidungsstück des anderen Elternteils zum Kuscheln und Schnuppern.
  • Hängen Sie dem Kind grade direkt nach der Trennung ein Foto des anderen Elternteils im Kinderzimmer auf oder, wenn Sie das emotional leisten können, hängen Sie ein Foto des anderen Elternteils zu den Fotos übriger Familienmitglieder.
  • Sprechen Sie niemals in Hörweite des Kindes schlecht über den anderen Elternteil und grenzen Sie jedwede Konflikte, sie zwischen Ihnen und dem ehemaligen Partner bestehen mögen kategorisch und konsequent vom Kind ab.
  • Entwicken Sie gemeinsam mit dem anderen Elternteil feste Rituale, die das Trennungskind in beiden Haushalten erlebt. Rituale vermitteln Sicherheit.