Nach einer Trennung mit Kind zeigen sich schnell die neuen, daraus entstehenden Prioritäten für alle Betroffenen – in aller Regel der Umgang mit dem Kind/den Kindern. Denn grade in diesem Punkt, der Beziehungspflege zwischen dem Elternteil, das nicht länger ständig mit dem Kind zusammenlebt und dem Kind verursacht die Trennung die wohl deutlichsten Einschnitte im zukünftigen Leben. Grade auch deshalb sind Umgangsregelungen und auch gerichtliche Umgangsbeschlüsse Hauptthema unter betroffenen Eltern. Sei das weil einer mehr Umgang will oder weil der andere nicht mehr Umgang zulassen möchte.

 

Wenn das Kind keinen Umgang will

Inwiefern bei der Frage nach Umgang nach einer Trennung mit Kind auch dessen Ansichten und Meinungen ins Gewicht fallen hängt unmittelbar vom Alter des Trennungskindes ab. Nicht nur betroffene Eltern und Fachkräfte sondern insbesondere auch mit entsprechenden Fällen betraute Familiengerichte wägen anhand des Alters unmittelbar ab, inwiefern sowohl Wünsche aber auch Verweigerungshaltungen des Kindes sich auf eine Umgangsregelung auswirken können und müssen.

Dieses Prinzip funktionier allerdings in zwei Richtungen. Einerseits wird einem Kleinkind, das weint, wenn es vom einen zum anderen Elternteil wechseln soll noch nicht die Reflektionsfähigkeit unterstellt damit wirklich jemanden ablehnen zu wollen. Ein zwei oder drei Jahre altes Kind kann das Konzept Umgangsrecht einfach noch gar nicht begreifen und wird hin und wieder auch weinen, wenn es sich von einem Elternteil verabschieden soll. Trennungsängste können in manchen Altersphasen vollkommen normal sein und kommen dann nicht selten bei beiden Elternteile vor – das Kind weint also wenn es zum Umgang gehen soll und wenn es danach wieder zurück zum Betreuungselternteil soll, weint es auch. Hier wird also eine vermeintliche Verweigerungshaltung aufgrund des Alters des Kindes nur bedingt angenommen.

Vollkommen anders sieht es aus wenn ein/e Zwölfjährige/r weinend verweigert ins Auto des sie/ihn erwartenden Umgangselternteils einzusteigen. Bei einem Kind, besser Jugendlichen in diesem Alter geht man in der Regel davon aus, dass der vertretene Standpunkt – auch wenn er, zum Beispiel aufgrund von Manipulationen, nicht der ureigene sein mag – so verfestigt ist, dass es erheblichen Schaden für das Kind bedeuten würde, wenn man es zu diesem Umgang einfach zwingt.

Entsprechend unterschiedlich nähert man sich solchen Verweigerungshaltungen an. Während bei Kleinkindern in der Regel durch einige begleitete Umgänge wieder eine belastbare Basis zwischen Elternteil und Kind geschaffen werden soll, greift man bei älteren Kindern eher zu therapeutischer Unterstützung, zunächst für das Kind alleine, um die Gründe für die Ablehnung aufzuarbeiten und so Ansätze für einen neuen Beziehungsaufbau zu finden.

 

Pubertät vs. Papa-Wochenende

Das allerdings beschreibt die Extremfälle. Zu ganz anderer Überforderung führt es viele Betroffene nach einer Trennung mit Kind, wenn das schon ältere Kind, häufig am Beginn der oder mitten in der Pubertät aus regelrecht fadenscheinigen Gründen das Einhalten einer halbwegs zuverlässigen Umgangsregelung verweigert. Dabei kommt es selten zu einer Totalverweigerung. Eher will das Kind jedes zweite Wochenende lieber nicht, weil es mit Freunden etwas unternehmen will oder Veranstaltungen des Sportvereins vorzieht.

Viele Eltern verrennen sich aus nachvollziehbaren Gründen nach der Trennung schnell in Formalitäten. Regelungen, auch und grade Umgangsvereinbarungen müssen detailgenau und möglichst unmissverständlich sein. Was an Paarkonflikt noch übrig ist wird rigoros auf jeden Konfliktraum projeziert, der sich anhand des einzigen Kontaktpunktes – des Umganges mit dem gemeinsamen Kind – noch ergibt. All der Ärger aus der vorhergehenden Beziehung und alle Vorbehalte gegenüber dem anderen Elternteil kompensieren sich schließlich in der Frage, wie viele Minuten zu früh oder spät ein Umgangstermin beginnen oder enden darf. Da sich durch diese Versachlichung aber auch Konflikte von Grund auf ausbremsen lassen, wird dieser Lösungsansatz allseits begrüßt. Überregulation im Umgangsrecht ist die Regel. Oft genug, spätestens aber in hochstrittigen Konstellationen, geht es auch nur so.

Mit zunehmendem Alter fehlt in diesen Verhandlungen allerdings regelmäßig eine Partei: Das heranwachsende Kind. Während es mit fünf oder sechs Jahren noch zähneknirschend den Geburtstag eines Freundes ausfallen lässt um stattdessen Papa oder Mama zum Umgang zu besuchen, kann aus der Frage, ob ein Kinobesuch wirklich wichtiger ist als das vierzehntägige Umgangswochenende mit eine/n Pubertierende/n schnell zur totalen Eskalation führen. Und mit Recht. Oft genug hat sich das Kind im Haushalt des Betreuungselternteils längst deutlich abgenabelt, diese Entwicklung kommt jedoch bei den Umgangsterminen nicht wirklich vor, weil es sich nicht ergibt. Dem Umgangselternteil fehlt das Erleben der Loslösungskonflikte, die sich meist aus alltäglichen Situationen ergeben. Zudem sind häufig sowohl Eltern als auch Kinder bemüht in der wenigen gemeinsamen Umgangszeit Konflikte per se zu vermeiden.

Dadurch findet oft die Pubertät mehr oder weniger geschlossen in der Erlebnisrealität des überwiegend betreuenden Elternteils statt.

Umso irritierter reagieren Umgangselternteile häufig wenn das Kind plötzlich – anders als die Elternteile selbst in der Regel – die Umgangstage nicht mehr als ausgemachtes Highlight der Woche empfinden und scheinbar banale und austauschbare Unternehmungen mit Freunden vorziehen. Insbesondere dann, wenn eine größere räumliche Distanz zwischen den Elternteilen keine persönlichen Verabredungen mit Freunden beim Umgangselternteil zulässt und/oder sich im Rahmen des Umgangs so sehr auf Eltern-Kind-Zeit konzentriert wurde, dass das Kind am Wohnort des Umgangselternteils kein weiteres soziales Netzwerk hat, gerät dieser Umstand mit einsetzender Pubertät oft zum ernsten Problem.

 

Nicht jeder Konflikt ist Entfremdung

Eine latente Angst davor, die Beziehung zum Kind einzubüßen, sich zu entfremden, sorgt in dieser Situation dann häufig für völlig vermeidbare Eskalationen. Wenn das pubertierende Kind beginnt Umgangstermine zu verweigern oder nur noch unwillig wahr zu nehmen wird häufig so sehr in der Nachtrennungssituation nach Auslösern gesucht, dass die einfachste Erklärung vollkommen ignoriert wird: Das Kind verbringt zu Hause mutmaßlich auch kaum noch Zeit konkret mit dem betreuenden Elternteil. Es wohnt zwar dort aber Eltern-Kind-Zeit im engeren Sinne findet womöglich schon seit Monaten nicht mehr statt, weil das Kind sich abnabelt.

Fand zuvor ein über Jahre andauernder Kampf um das Umgangsrecht statt, gerät hier schnell der Umgangselternteil in eine folgenschwere Fehlinterpretation. Dass der andere Elternteil in diesem Fall tatsächlich gar nichts mit der Verweigerung zu tun hat wird nicht wahrgenommen oder als Erklärung abgewiesen mit Verweis auf Beispielfälle mit sehr viel jüngeren Kindern. Entfremdung wird vermutet, Manipulation unterstellt. Dass in all dem jeder Versuch den pubertierenden Jugendlichen per gerichtlicher Anordnung in ein festes Kontaktmuster zu zwingen dazu führen muss, dass die volle Gewalt des pubertären Abgrenzungszornes sich auf den Umgangselternteil entläd, gerät völlig außer Sicht.

So geraten manche Umgangselternteile – ohne sich dessen bewusst zu sein – aus einem latenten Konflikt mit dem Ex-Partner in einen ernsten Konflikt mit dem eigenen Kind und das ausgerechnet in einer Entwicklungsphase, in welcher das Kind seine Eltern ausdrücklich von sich stößt und das auch soll und muss. Allerdings kann das Elternteil bei dem das Kind nach der Trennung wohnt dem gelassener entgegensehen, denn wo soll es denn hin? Am Ende trifft man sich am Küchentisch oder der Waschmaschine ja doch wieder und es ist Raum da, sich zu entfernen ohne zu entfremden. Für einen Umgangselternteil stellt sich die Situation vollkommen anders dar. Fälle in denen es mit einsetzender Pubertät aus genau dieser Entwicklung heraus zu einem (ggf. vorübergehenden) Kontaktabbruch kommt sind nicht selten. Wobei zu erwähnen bleibt, dass auch nicht wenige Trennungskinder in genau derselben Entwicklungsphase vom Haushalt des einen Elternteils in den des anderen wechseln. Auch das als durchaus logische Konsequenz eines Abnabelungsprozesses mit Netz und doppeltem Boden.

 

 

Quicktip

  • Stellen Sie sich darauf ein und seien Sie darauf vorbereitet, dass eine Umgangsregelung – auch ein Wechselmodell – nicht bis zur Volljährigkeit des betroffenen Kindes funktionieren wird. Erwarten Sie das nicht. Das ist nicht realistisch.
  • Eine wie im Artikel beschriebene Problematik setzt mit Einsetzen der Pubertät ein, also rund um das elfte oder zwölfte Lebensjahr. Übertragen Sie es nicht auf eine/n Sechsjährige/n.
  • Machen Sie sich bewusst, dass auch Trennungskinder pubertieren und nehmen Sie grundsätzlich keinen Konflikt mit dem Kind persönlich.
  • Unterstellen Sie dem Kind keine Parteinahme für den anderen Elternteil und reagieren Sie keinesfalls mit einem trotzigen „Wenn du nicht willst, bitte!“.
  • Setzen Sie sich mit der gewachsenen Selbstbestimmtheit Ihres Kindes auseinander und tragen Sie dem Rechnung.
  • Fragen Sie das Kind, wie eine Kontaktregelung sinnvoll in sein Leben passt.
  • Nutzen Sie ggf. die Möglichkeit, gemeinsam mit dem Kind (und ggf. auch ohne das andere Elternteil) z.B. die örtliche Erziehungsberatung aufzusuchen. Dort kann man vermitteln.
  • Bedenken Sie auch in der Umgangsgestaltung das zunehmende Alter des Kindes. Bestehen Sie nicht auf überstarre Abläufe wie man sie kleineren Kindern gestaltet und bedenken Sie, dass „mit Papa/Mama abhängen“ irgendwann ganz selbstverständlich keine Lieblingsbeschäftigung mehr ist.
  • Lassen Sie sich von demjenigen helfen, der es wissen muss: Fragen Sie ihr Kind. Wie es den Umgang gestalten möchte, was es unternehmen möchte, worauf es Lust hätte.
  • Brechen Sie nicht gleich in Panik aus, wenn ihr Kind einmal keine Lust hat. So lange das nicht zum Dauerzustand wird, erleben Sie an dieser Stelle nur, was auch nicht getrennte Eltern in der Pubertät durchmachen.