Schaffen es Eltern nach der Trennung mit Kind sich so weit kooperativ zu begegnen, dass eine Umgangsvereinbarung Thema wird – außergerichtlich von den Eltern selbst entworfen – ist damit ein wichtiger und richtiger Schritt getan. Grundsätzlich sollte immer zunächst eine außergerichtliche Einigung versucht werden – das hält für alle Beteiligten den Stresslevel niedriger, ebenso die finanzielle Belastung. Allerdings empfiehlt es sich durchaus, eine solche Umgangsvereinbarung schriftlich zu fixieren und mindestens beidseits zu unterzeichnen. Auch die örtlichen Jugendämter dienen gerne als Beisitzer bei Unterzeichnung einer solchen Vereinbarung und zuletzt kann eine außergerichtliche Umgangsvereinbarung der Eltern auch gerichtlich gebilligt – also praktisch vor dem Familiengericht vereinbart – werden.

 

Warum schriftlich?

Viele Trennungseltern versuchen es unmittelbar bei und nach der Trennung zunächst mit rein mündlichen Absprachen. In der Regel zeigt sich jedoch bald das enorme Konfliktpotential solcher “von Mal zu Mal”-Regelungen. In der Nachtrennungsphase sind alle Beteiligten nicht eben erpicht auf ausgedehnte Kommunikation miteinander und das Konfliktpotential ist enorm – und das ist vollkommen normal und gehört zu einem gesunden Trennungsprozess. Wird nun aber durch eine unstete rein mündliche Umgangsregelung immer und immer wieder neues Verhandeln um Termine und Zeiten notwendig, sind Konflikte vorprogrammiert.

Zudem sich zu oft ein theoretisches Gefälle zwischen den Elternteilen einstellt: Der umgangsberechtigte Elternteil “fragt” nach Terminen und Zeiten und der betreuende Elternteil “gestattet” den Umgang in diesem oder jenem Umfang. Das Kernproblem hieran ist, dass die Eltern nicht auf Augenhöhe verhandeln, sondern ein Elternteil in die Rolle eines Bittstellers gedrängt wird – ohne jede belastbare Grundlage. Denn haben die Eltern das Sorgerecht gemeinsam, gibt es keinerlei Begründung für die Entscheidungsgewalt auf Seiten des betreuenden Elternteiles und auch bei alleinigem Sorgerecht lässt sich darüber streiten, inwiefern eine Entscheidungsbefugnis in Bezug auf das Umgangsrecht damit einhergeht.

Nicht selten entstehen Ideen wie das Aussetzen von Umgangskontakten als “Strafe” für unliebsames Verhalten des Expartners aus eben dieser Situation und der mit der Zeit etablierten Idee, ein Elternteil “erlaube” dem anderen Elternteil den Umgang. Zahllose völlig eskalierte Trennungskonflikte fußen auf exakt dieser Überzeugung, es existiere irgendein Entscheidungsrecht des betreuenden Elternteils. Eine klare, schriftliche Umgangsregelung verhindert ein solches Gefälle, wenn darauf geachtet wird, dass die Inhalte einen fairen und vernünftigen Umgang ermöglichen. Zudem lässt sich so klar protokollieren, was vereinbart wurde. Eine schriftliche Vereinbarung der Eltern selbst ist zwar nicht rechtlich bindend, spiegelt jedoch eindeutig die zuvor getroffene Vereinbarung, sofern es doch zu weiterer Eskalation – zum Beispiel vor Gericht – kommt. Dann gilt es zu klären, weshalb die Umgangsvereinbarung einseitig aufgekündigt wurde.

 

Erlaubt ist, was gefällt

Grundsätzlich gibt es keinerlei Beschränkungen für eine Elternvereinbarung über das Umgangsrecht. Eltern können also festschreiben was sie wollen und was den jeweiligen Lebensumständen tatsächlich entspricht. So ist ein echtes Wechselmodell ebenso möglich wie jede andere Ausgestaltung der Kontakte. Auch den genauen Inhalt der Vereinbarung können Eltern völlig frei wählen – das Papier entfaltet ja keinerlei Rechtskraft. Entsprechend gibt es auch keine “Fehler” im eigentlichen Sinne. So sind wöchentliche Wechsel ebenso möglich wie dreitägige Wechsel, die zusätzliche Vereinbarung, dass ein Elternteil sich um den Fußballverein und der andere sich um den Musiklehrer kümmert oder das alte Regelmodell vierzehntägiger Übernachtungswochenenden. Die Eltern sind also in der Regelung vollkommen frei.

Allerdings sollte immer die Umsetzbarkeit realistisch geprüft werden. Arbeitet ein Elternteil zum Beispiel in Schichten, müssen diese vom Umgangsmodell irgendwie berücksichtigt werden. Leben die Eltern nach der Trennung durch eine erhebliche Entfernung voneinander getrennt, müssen andere Modelle in Erwägung gezogen werden als bei wenigen Kilometern zwischen den Wohnorten. Kindergärten, Krippen oder Schulen haben unterschiedliche Schlusszeiten, die berücksichtigt werden müssen und auch die Großeltern wollen womöglich einmal das Enkelkind für ein Wochenende “ausleihen”. Auch das Alter des Kindes und ggf. auch dessen explizite Wünsche und in jedem Fall seine Bedürfnisse müssen Berücksichtigung finden. So sind grade ältere Kinder oft wenig von ohne sie vereinbarten Umgangsregelungen begeistert – ein Kind ab ca. 10 Jahren sollten Sie also ruhig miteinbeziehen, allerdings ohne ihm die Last aufzubürden, die Umgangsregelung alleine entwickeln zu sollen. Aber es darf natürlich Wünsche äußern. Kleinere Kinder brauchen aufgrund mangelnden Zeitgefühles tendenziell häufigere Wechsel, weil die für sie nicht greifbare Zeitspanne des Nicht-Sehens eines Elternteils Angst machen kann.

 

Es geht nicht um die Erwachsenen

Jenseits ganz pragmatischer Umstände wie Arbeitszeiten und Krippenschließzeiten ist die wesentliche Orientierungsgröße bei außergerichtlichen Umgangsvereinbarungen das Interesse und die Bedürfnisse der betroffenen Kinder. Ob und wie dringend die Eltern sich noch sehen wollen oder können, ist nicht relevant. Auch der Wunsch, dem anderen kurz nach der Trennung möglichst wenig Raum im eigenen “neuen” Leben einzuräumen ist kein Argument. Ausschließlich das Bedürfnis und Recht der Kinder nach und auf beide Eltern ist ausschlaggebend.

Das bedeutet auch, dass die Eltern dazu verpflichtet sind, sich im Interesse der Kinder mit eigenen Bedürfnissen und Wünschen zurück zu halten. Schafft man zudem eine gesunde Distanzierung zum Thema und kann sich auf offene Dialoge einlassen, kann eine gut durchdachte Umgangsvereinbarung zu einem wahren Segen werden – denn wer träumt nicht von einem Top-Babysitter tageweise und den damit verbundenen Freiräumen? Eigene Hobbies und abendliches Ausgehen findet wieder Platz, es entsteht Luft für die Elternteile, jenseits des Vater- oder Mutterseins auch wieder das Sie-selbst-sein ganz bewusst leben zu könne. Viele Eltern würden sich diese Möglichkeit sehnlichst wünschen.

Die wohl mit Abstand häufigste Projektion elterlicher Befindlichkeiten auf Trennungskinder steckt in dem Satz “Das Kind muss erst zur Ruhe kommen.” Ja, natürlich muss es das. Aber nicht im Sinne irgendeiner Kontakteinschränkung, denn nicht das Kind hat sich getrennt und es hat sich auch niemand vom Kind getrennt. Das Kind durch “Ruhe” als Synonym für eine Kontaktpause an eine Lebensrealität gewöhnen zu wollen, die gar nicht seine eigene sondern jene des jeweiligen Elternteiles ist, macht weder Sinn noch ist es im Sinne des Kindes, das eigentlich eine ganz andere Situation leben und erlernen muss – Mama und Papa wohnen jetzt nicht mehr im selben Haus, ich gehöre aber trotzdem zu beiden – genau wie vorher.

 

Nicht die Eltern müssen Umgang miteinander haben

Viele frisch Getrennte scheuen eine konkrete Umgangsregelung auch deshalb, weil befürchten, auf diesem Wege häufiger mit dem ehemaligen Partner/der ehemaligen Partnerin konfrontiert zu werden. Tatsächlich lässt sich genau das aber mit einer sinnvollen Regelung verhindern – zum Beispiel durch die Abholung des Kindes aus dem Kindergarten oder der Schule und dem Zurückbringen am Folgetag zu Kindergarten- oder Schulbeginn. Es ist durchaus möglich, Umgang so zu gestalten, dass die Eltern gar nicht aufeinandertreffen müssen.

Auch können zum Beispiel die Großeltern eingespannt werden und Übergaben des Kindes übernehmen, wenn zum Beispiel am Wochenende keine externe Abholung möglich ist. Viele Großeltern freuen sich über diese Einbeziehung in die neue Familienrealität ihres Enkelkindes. Eine Trennung mit Kind ist immer auch generationenübergreifend.

Notwendige Kommunikation betreffend der Kinder kann zum Beispiel durch ein kleines Umgangsbüchlein (siehe 15 Tricks, um es dem Kind zu erleichtern) erfolgen oder auch via E-Mail. Auf diesem Wege streitet es sich deutlich schlechter als persönlich. Viele Konflikte können, grade unmittelbar nach einer Trennung, so gar nicht erst entstehen. Das kommt dann allen zu Gute – besonders den Kindern. Wenn Sie sich gegenseitig nicht sehen können – lassen Sie es sein. Finden Sie bessere Lösungen. Für das Kind viel wichtiger als persönlicher Austausch der Eltern über Details der Zeit beim anderen ist das Erleben, dass beide Elternteile relativ entspannt mit dem Umgang umgehen können und niemand dem anderen die Zeit mit dem Kind neidet oder schon Stunden vor einer Abholung oder Rückgabe die Stimmung kippt.

 

Weitsichtig, realistisch und fair – so sieht eine funktionierende Umgangsvereinbarung aus

Tatsächlich haben wir schon erlebt, dass völlig einseitige “Umgangsvereinbarungen” erstellt wurden, die im Grunde ein Katalog an Forderungen des einen Elternteils gegenüber dem anderen abbildeten. Und dann wunderte sich der erstellende Elternteil darüber, dass die Vereinbarung schon nach kurzer Zeit einfach nicht mehr eingehalten wurde.

Eine gute Umgangsvereinbarung ist niemals einseitig sondern berücksichtig die Umstände bei beiden Elternteilen.

 

Die wichtigsten Eckdaten:

 

  • Ein Kind kann nach einer Trennung ohne Probleme auch direkt bei beiden Elternteilen übernachten. Wenn Kleinstkinder vor der Trennung immer von demselben Elternteil zu Bett gebracht wurden, kann hier allerdings eine kurze Eingewöhnung notwendig werden – was jedoch ausdrücklich nicht bedeutet, es finden keine Übernachtungen statt, bis das Kind es “will” oder sich nicht mehr gegen das zu-Bett-gehen sträubt – das tun viele nicht von Trennung betroffene Kinder auch, ohne damit eine Bindungsstörung oder dergleichen auszudrücken.
  • Besucht das Kind eine Krippe, den Kindergarten, einen Hort oder geht zur Schule empfiehlt es sich, Abholungen und Rückgaben des Kindes nach Möglichkeit dort stattfinden zu lassen, so dass die Eltern nicht häufiger als notwendig aufeinandertreffen. Das verhindert nicht nur Konflikte bei persönlichen Aufeinandertreffen vor dem Kind sondern unterstützt insbesondere zu Beginn auch den Trennungsprozess positiv, weil der/die ehemalige Partner/in nicht immer wieder in der neuen Lebensrealität am Wohnort präsent wird.
  • Kooperation nicht auf Biegen und Brechen – viele Eltern zelebrieren unmittelbar nach der Trennung mit Kind gemeinsame Unternehmungen im Glauben, ihm so einen Gefallen zu tun. Tatsächlich ist nicht selten das Gegenteil der Fall, weil das Kind ungefiltert der völlig veränderten und oft unterkühlten Dynamik zwischen den Eltern ausgesetzt ist. Machen Sie solche Dinge wirklich nur dann, wenn Sie beide völlig entspannt mit der Situation umgehen können. In einer Vereinbarung hat dergleichen in jedem Fall absolut nichts zu suchen. Wenn Sie solche besonderen Termine nicht flexibel vereinbaren können, sollten Sie sie gar nicht ins Auge fassen.
  • So viel von beiden Eltern wie möglich – Die Frage, wie viel Umgang ein Kind mit seinen Eltern haben “sollte” ist befremdlich. Das Kind erlebt keine Belastung durch Kontakt zum/zur Ex – der betreuende Elternteil hingegen mitunter schon und projeziert diese Wahrnehmung auf das Kind. Lösen Sie sich aus dieser Idee. Es ist nicht das Kind, das den anderen möglichst nicht mehr sehen will, sondern Sie.
  • Wochenenden, Ferien und Feiertage sollten geregelt sein – und fair aufgeteilt, so dass beide Eltern die Möglichkeit haben, mit dem Kind zu feiern, Urlaub mit Kind zu machen und besondere Unternehmungen umzusetzen. Durch jährlichen Tausch der Feiertage können Sie erreichen, dass jeder Elternteil einmal Heilig Abend oder Ostersonntag mit dem Kind erleben kann.
  • Bedenken Sie auch möglichst verlängerte Wochenenden explizit – es ist schade, wenn durch eine undurchdachte Umgangsregelung kein Elternteil das lange Wochenende mit dem Kind nutzen kann. Teilen Sie auch solche langen Wochenenden fair untereinander auf.
  • Denken Sie an Hobbies und besuchte Vereine des Kindes. Wenn Sie diese Aktivitäten untereinander “aufteilen”, können beide Eltern weiterhin intensiv am Leben des Kindes teilhaben, ohne sich ständig darüber austauschen zu müssen, was das Kind beim nächsten Training oder in der nächsten Stunde mitbringen muss. Natürlich ist dann selbstverständlich, dass der andere Elternteil regelmäßig über den Stand der Dinge informiert wird – monatlich mit einer E-Mail zum Beispiel. Den Rest erzählt ja auch das Kind.
  • Sinnvoll kann zudem sein, besondere Veranstaltungen ganz bewusst in die Vereinbarung mit aufzunehmen wie zum Beispiel das Laternenlaufen im Kindergarten, das Sommerfest in der Schule oder die Weihnachtsfeier im Hort. Auch diese Veranstaltungen sollten untereinander aufgeteilt werden und zwar im Sinne dessen, dass ein Elternteil sich um das organisatorische rund um den Termin kümmert. Kommen sollten natürlich zu solchen Gelegenheiten beide, sofern das friedlich möglich ist.
  • Vergessen Sie bei der Regelung des Umganges nicht die Großeltern, insbesondere deren Geburtstage, ebenso wie ihre eigenen. Omas und Opas wünschen sich in der Regel sehr, ihre Enkelkinder an ihren Geburtstagen zu sehen. Daher empfiehlt es sich, dass die Kinder am jeweiligen Tag beim entsprechenden Elternteil sein können, um die Feier zu besuchen.
  • Auch bedenken sollten Sie die Frage, was geschieht, wenn das Kind einmal erkrankt und wie Sie generell einen Terminausfall behandeln wollen – unabhängig davon, wer den Termin absagen muss.