Eine der häufigsten Fragen von Eltern nach einer Trennung mit Kind ist jene, wie ein “übliches” Umgangsrecht aussehen könnte bzw. wieviel Umgang gut für das Kind sei.

Grundsätzlich ist hier zunächst wichtig zu wissen, dass der Gesetzgeber selbst keinerlei Vorgaben macht. Es existieren weder Empfehlungen zum Umgangsumfang im Gesetzestext noch Einschränkungen bezüglich der Gestaltung.

Der Umgangsumfang muss sich lediglich orientieren an dem Recht des Kindes auf Umgang mit beiden Eltern und dem Wohl des Kindes – er darf dem Kind also nicht schaden.

Somit kann man die rechtliche Situation zusammenfassen mit: Es muss Umgang mit beiden Eltern stattfinden, sofern keine erheblichen, das Kind unmittelbar gefährdenden Gründe dagegen sprechen – Einschränkungen für den Umfang existieren rechtlich nicht.

Möglich wäre theoretisch also jede denkbare Ausgestaltung – und außergerichtlich ist das auch tatsächlich so. Einvernehmlich können die betroffenen Eltern jede beliebige Umgangsregelung treffen.

Häufig entstehen beim Versuch eine solche Regelung eigenständig zu treffen allerdings Probleme, die so weit eskalieren können, dass am Ende ein Gericht entscheiden muss. Meist unnötig und mit vermeidbaren Kosten und Belastungen für beide Elternteile verbunden.

Wenn Eltern nach einer Trennung den Umgang außergerichtlich gemeinsam regeln wollen, beginnt oft alles mit der Frage

 

Wieviel Umgang ist gut für das Kind?

Im Grunde eine sehr befremdliche Frage, wenn man bedenkt, was sie bedeutet: Wie viel Kontakt mit dem eigenen Vater/der eigenen Mutter hält das Kind aus, bevor es dadurch Schaden nimmt? Häufig wird geäußert, die Sorge beziehe sich weniger darauf, wo und bei wem das Kind sei als auf das “nicht im gewohnten zu Hause sein”. Man befürchtet also, das Kind nehme schaden, wenn es zu lange von zu Hause fort ist.

Nicht selten besuchen die betroffenen Kinder jedoch täglich für mehrere Stunden eine Kinderkrippe oder den Kindergarten und verbringen ganze Wochenenden bei den Großeltern. In vielen Gerichtsbeschlüssen zum Kindesumgang finden sich diese und ähnliche Widersprüche. Das Kind besucht Ferienfreizeiten wochenweise, übernachtet regelmäßig bei Oma und Opa oder ist ganztags fremdbetreut, aber der andere Elternteil soll es nicht länger als wenige Stunden wöchentlich sehen, das wäre zu viel “weg” für das Kind.

Oft zeigt sich hier zuerst und am deutlichsten, dass die Trennung zwischen Eltern- und Paarebene noch  nicht funktioniert.

Wenn eine erste Umgangsregelung getroffen werden soll, ist die Trennung häufig noch sehr frisch und mit sachlichem Blick zeigt sich rasch, dass der betreuende Elternteil unbewusst seine aktuelle Haltung dem zweiten Elternteil gegenüber auf das Kind überträgt. Es geht dann gar nicht so sehr darum, wie viel Mama/Papa das Kind “ertragen” kann, sondern darum, wieviel Mama/Papa der andere Elternteil ertragen kann.

Das darf aber nicht ausschlaggebend sein.

 

Umgangsrecht gewähren/zulassen/aussetzen

Ein äußerst weit verbreiteter Irrtum in Bezug auf das Umgangsrecht des Kindes ist die Annahme, derjenige Elternteil, bei dem das Kind überwiegend lebt bzw. direkt nach der Trennung gemeldet ist, habe die Entscheidungsgewalt über den Umgangsumfang oder die Ausgestaltung. Das ist schlicht falsch.

Nicht umsonst heißt es außergerichtliche Einigung der Eltern bzw. Umgangsregelung im Einvernehmen. Nicht selten entwickelt sich durch diese Haltung der erste Elternkonflikt – einer will Umgang, der andere entscheidet darüber, wieviel er haben darf. Frisch nach der Trennung sind Konflikte und Meinungsverschiedenheiten ohnehin schnell entstanden und oft genug endet es damit, dass der betreuende Elternteil die Herausgabe des Kindes oder das Einräumen von Umgangszeiten praktisch als Sanktion gegen den anderen Elternteil verweigert.

Das Kind wird zum Erziehungsmittel gegenüber dem Ex-Partner.

Das Recht des Kindes, mit beiden Eltern Beziehungspflege zu betreiben, gerät dabei vollkommen aus den Augen. Es geht nicht mehr um das Kind und seine Interessen. Es wird zum Druckmittel und allzu oft erinnern die Verhältnisse fast an eine Geiselnahme:

“Du kriegst das Kind nur, wenn du xy tust!”

Im Sinne des Kindes ist das nicht. Im Gegenteil. Für Kinder ist nicht nur der Kontakt als solches wichtig, sondern auch die Zuverlässigkeit, die Regelmäßigkeit dieser Kontakte. Das meint nicht, dass ein zweijähriges Kind Schaden nimmt, wenn es abwechselnd Dienstags oder Mittwochs jeweils beim anderen Elternteil ist, aber wenn es einmal wöchentlich, dann nur monatlich, dann wieder alle drei Tage und letztlich einmal im halben Jahr Kontakt zum anderen Elternteil hat, widerspricht das den Grundsätzen der Kontinuität, zu denen auch der zuverlässige Kontakt mit dem anderen Elternteil gehört.

Das Kind kann dann einfach nicht einschätzen, dass und ob der andere Elternteil wiederkommt. Für ein ohnehin von einem Trennungstrauma belastetes Kind ein Supergau, der die Verlassensängste immer und immer wieder schürt.

 

Bindungstoleranz und Beziehungsqualität

Häufig wird nach Trennungen und in Fragen des Umgangs das Thema, wer das Kind vor der Trennung überwiegend betreut hat, vollkommen überstrapaziert. Immerhin zeigen Kinder in intakten, nicht von Trennung betroffenen Familien keine Bindungsstörungen zu denjenigen Elternteilen, die es nicht überwiegend betreuen, selbst wenn ein Elternteil z.B. beruflich viel reist oder auf Montagen fährt – weshalb also sollte sich das mit Trennung plötzlich ändern?

Tatsächlich spiegelt sich hier der Kern der sog. Bindungstoleranz. In einer intakten Familie hält der anwesende Elternteil den abwesenden Elternteil im Bewusstsein der Kinder wohlwollend präsent, arrangiert vielleicht regelmäßige Telefonate, malt gemeinsam mit den Kindern Bilder oder bastelt kleine Geschenke für den Abwesenden. Kurzum: der anwesende Elternteil fördert aktiv die Bindung zum abwesenden Elternteil. Trotz physischer Abwesenheit wird die Beziehung und Bindung so weiterhin gepflegt und eine Entfremdung tritt nicht ein.

Nach einer Trennung aber wollen viele vom ehemaligen Partner/von der ehemaligen Partnerin am Liebsten erst einmal gar nichts mehr wissen, geschweigedenn über sie/ihn sprechen, schon gar nicht mit dem Kind.

Der abwesende Elternteil verschwindet förmlich aus der Welt des Kindes. Nicht nur ist er physisch nicht mehr anwesend, es ist für das Kind auch oft so, als sei er plötzlich gar nicht mehr existent, womöglich als wäre er nie da gewesen. Alle Bilder werden abgehängt, auf denen der abwesende Elternteil zu sehen ist. Seine/ihre Sachen sind fort. Man spricht plötzlich auch nicht mehr über den abwesenden Elternteil und malt keine Bilder mehr für ihn zusammen. Das Kind begreift die Situation “Trennung” noch nicht und kann das alles nicht einordnen.

Es nimmt nur wahr: Hier verschwindet grade eine/r!

 

Die große Angst, dass Mama/Papa verschwindet

Kinder wissen zwar nichts von Entwicklungspsychologie, Bindungstheorie und frühkindlicher Prägung, aber sie wissen instinktiv, dass sie ihre engsten Bezugspersonen – die Eltern – brauchen. Und wenn einer der beiden sich plötzlich in Luft aufzulösen scheint, dann ist das ein unendlich beängstigendes Szenario.

Nicht nur rüttelt es erheblich am Urvertrauen des Kindes – denn Kinder gehen zunächst einmal kategorisch davon aus, dass Mama/Papa sie gar nicht verlassen kann: Physikalisch unmöglich durch emotionale Gravitation. Diese Variante existiert im kindlichen Universum einfach nicht – darüber hinaus ist eine Trennung für Kinder im Alter des magischen Denkens ganz besonders problematisch, weil sie nich imstande sind, die Zusammenhänge zu erfassen, ohne eine Verbindung zu sich selbst zu sehen. Sie beziehen das Geschehen automatisch bzw. sehr schnell auf sich selbst. So entsteht dann auch die symptomatische Frage, was das Kind falsch gemacht habe, weswegen Mama/Papa weg gegangen sei.

Kinder begreifen das Konstrukt Trennungsfamilie nicht und müssen es erst erlernen. Erklärungen helfen da nur bedingt. Die Angst, dass einer der Eltern sie verlässt, muss erst durch die Erfahrung kompensiert werden, dass beide Eltern nach wie vor da sind, verfügbar, ansprechbar und mit dem Kind in Liebe verbunden.

 

Umso schlechter das Elternverhältnis, umso mehr Umgang

Das führt zu einer Erkenntnis, die viele Jahre lang praktisch spiegelverkehrt von deutschen Familiengerichten umgesetzt wurde:

Umso schlechter das Verhältnis der Eltern untereinander, umso wahrscheinlicher ist es, dass der jeweils anwesende Elternteil nicht in der Lage ist, den abwesenden Elternteil in wohlwollender Präsenz für das Kind zu halten und somit die Bindung zum abwesenden Elternteil aktiv zu unterstützen. Und umso mehr Umgang muss das Kind demnach zwingend selbst mit dem anderen Elternteil haben, um diese Bindungsarbeit kompensieren zu können.

Auch heute noch entscheiden manche Gerichte nach der Überzeugung, wenn ein Elternkonflikt vorliege, übertrage sich dieser mit zunehmendem Umgang auch zunehmend auf das Kind, weil die Eltern sich durch die Übergaben häufiger begegnen. Allerdings ist dieses Problem mühelos durch Abholungen und Abgaben bei Kindergarten oder Schule lösbar oder dritte Bezugspersonen wie zum Beispiel die Großeltern können solche Begegnungen übernehmen, um Konflikte vom Kind fern zu halten.

Auch die Befürchtung, der Konflikt werde stärker auf das Kind übertragen, weil die Eltern sich bei mehr Umgang umso mehr auseinandersetzen müssten ist nur bedingt gerechtfertigt. Mit dem heute üblichen gemeinsamen Sorgerecht können beide Elternteile unabhängig voneinander in regelmäßigem Kontakt mit Kindergarten, Schule, Kinderarzt und Vereinen, in denen das Kind aktiv ist, weitgehend ohne zusätzlichen direkten Kontakt miteinander alle wesentlichen Informationen für den Alltag mit Kind in Erfahrung bringen.

Tatsächlich braucht das Kind umso mehr eigene Erfahrung und Begegnung mit dem abwesenden Elternteil, umso weniger der anwesende Elternteil den Expartner/die Expartnerin in seiner/ihrer Eltern-Kind-Bindung unterstützen kann.

 

Übliches, Mögliches und Sinnvolles

Möglich ist also jede denkbare Umgangsregelung, auf die sich Eltern nach Trennung mit Kind einigen können und wollen. Sinnvoll ist so viel Kontakt wie möglich mit beiden Eltern, um dem Kind durch das Trennungstrauma und über evtl. Bindungsunsicherheiten hinweg zu helfen.

Häufig sperren sich vorwiegend die Elternteile, bei denen das Kind nach der Trennung gemeldet ist und überwiegend lebt gegen umfangreiche Umgangsregelungen mit dem Argument, das Kind müsse zur Ruhe kommen. Ebenso häufig wird die Befürchtung angebracht, durch zu häufige und umfangreiche Umgänge mit dem anderen Elternteil werde das Kind irritiert, es solle sich an die neue Lebenssituation gewöhnen.

Was bedeutet das nun? Das Kind soll sich daran gewöhnen, dass der andere Elternteil “weg” ist? Aus welcher Notwendigkeit heraus? Welche Form der Unruhe entsteht für das Kind durch umfangreichen Kontakt zu beiden Eltern? Für das Kind ist der andere Elternteil nicht weg – nur für den ehemaligen Partner. Auch hier liegt eine Vermischung von Eltern- und Paarebene mit den Interessen des Kindes nahe.

Üblich ist insbesondere bei Umgangsregelungen, die durch Familiengerichte getroffen werden derzeit ein vierzehntägiges Umgangsrecht von Freitag bis Sonntag und ein zusätzlicher Umgangstag ggf. mit weiterer Übernachtung wöchentlich oder im entgegengesetzten zweiwöchentlichen Rythmus. Feiertage und die Schulferien des jeweiligen Bundeslandes werden hälftig unter den Eltern aufgeteilt. Das Kind hierbei von Krippe/Kindergarten/Schule abzuholen und auch dort am folgenden Morgen wieder hin zu bringen wird immer häufiger beschlossen. Übernachtungsumgänge gehören nach allgemeiner Auffassung zum Umgangsrecht des Kindes unabhängig von dessen Alter dazu, sofern keine triftigen, das Wohl des Kindes berührende Gründe dagegen sprechen.

Ein in Deutschland noch recht junges Thema nach Vorbild anderer Länder ist das sogenannte Wechselmodell, also die nahezu hälftige Betreuung des Kindes auch nach Trennung und Scheidung. Dies allerdings ist ein Thema, wem wir einen eigenen Artikel gewidmet haben.