Lange Zeit wurden Übernachtungen nach einer Trennung mit Kind häufig erst ab einem Alter von 3 oder 4 Jahren bzw. sogar erst ab Schuleintritt überhaupt in Erwägung gezogen. Ein Hauptargument war hierbei, das Kind könne sich dann klar artikulieren und Bedürfnisse äußern. Die bei diesem Argument inbegriffene Unterstellung an Umgangselternteile, sie seien nicht in der Lage, das eigene Kind zu versorgen, so lange dieses ihnen nicht unmittelbar sagt, was es braucht, macht die damalige Sicht der zuständigen Gerichte und die sich darin spiegelnde gesellschaftliche Haltung sehr deutlich.

 

Das Alter des Kindes ist kein Ablehnungsgrund

In einem viel zitierten Beschluss stellte das OLG Saarbrücken im Januar 2013 ausdrücklich fest, dass das Alter des Kindes allein nicht als Argument gegen Übernachtungsumgänge dienen könne. Auch das Argument, das Kind habe noch nie auswärts übernachtet kann nicht gelten, da das Kind sich in Obhut einer engen Bezugsperson befindet.

Demnach ist eine Übernachtung beim anderen Elternteil nach einer Trennung grundsätzlich nicht gleichzusetzen mit Übernachtungen zum Beispiel bei Spielfreunden des Kindes.

In verschiedenen Beschlüssen der letzten Jahre finden sich deutliche Aussagen dazu, dass Übernachtungsumgänge in der Regel dem Kindeswohl dienen und einen wichtigen Beitrag zur Beziehungspflege des Kindes zum nicht überwiegend betreuenden Elternteil leisten.

Daher sind Umgangsregelungen, die Übernachtungen des Kindes auch beim nicht überwiegend betreuenden Elternteil beinhalten, heute auch bei Kleinkindern mindestens vierzehntägig üblich. Ausschlaggebend ist hierbei ggf. noch die Bindung des Kindes an den betroffenen Elternteil.

 

Übernachtungsumgang muss ggf. aufgebaut werden

Hat sich vor der Trennung mit Kind deutlich überwiegend der andere Elternteil um das Kind gekümmert oder gab es unmittelbar nach Trennung erst einmal keinen oder nur selte Kontakt mit dem Kind, kann es notwendig sein, den Umgang bzw. eher das Nicht-Zusammensein mit dem anderen Elternteil langsam aufzubauen, um das Kind nich zu überfordern. Die Nacht ist dann ein besonders sensibler Zeitraum.

Auch muss bedacht werden, dass für das Kind oft die neue Wohnung des Umgangselternteils fremd ist, während nicht selten der betreuende Elternteil mit dem Kind zunächst in der vormals gemeinsam bewohnten Wohnung verbleibt. Auch das kann es notwendig machen, dem Kind eine gewisse Eingewöhnung in die Gesamtsituation zu ermöglichen, insbesondere wenn es noch nie im Urlaub war und auch ansonsten nie außerhalb der bekannten Elternwohnung übernachtet hat.

Vergessen Sie nicht, dass das Kind vermutlich noch mitten im Trennungstrauma steckt. Es hat also grade die Erfahrung gemacht, dass Eltern „weg gehn“ können. Mit einer Trennung sind für Kinder viele Ängste verknüpft. Kommt hierzu dann noch die für Kinder ohnehin eher gruselige Dunkelheit der Nacht und die dünnen Nerven der Müdigkeit, kann das zu-Bett-gehen beim Umgang eine Herausforderung werden.

Tatsächlich kommt es auch vor, dass Kinder am späten Abend doch wieder zurück zum Betreuungselternteil gebracht werden, weil sie sich einfach nicht beruhigen wollen, schreien und weinen und an Einschlafen nicht zu denken ist.

In den meisten Fällen jedoch lassen sich Übernachtungen gut vorbereiten und werden schnell Routine. Zahlreiche kleine Kniffe machen es dem Kind einfacher, sich auf die Situation einzulassen und mit etwas Ausdauer und Einfühlungsvermögen ist der Übernachtungsumgang kein Problem.

Machen Sie sich bewusst, dass auch nicht von Trennung betroffene Eltern oft große Schwierigkeiten damit haben, das Kind zum Schlafen zu überreden. Nicht umsonst sind Sachbücher zu diesem Thema mit die meistverkauften Erziehungsratgeber überhaupt.

 

Quicktip

  • Behalten Sie in Bezug auf die Übernachtungen unbedingt den Lerneffekt im Auge. Das Zu-Bett-gehen ist für Kinder ein signifikantes Ereignis des Tages und wird auch bei kleinen Kindern entsprechend gut erinnert. Ebenso schnell lernt das Kind – entweder wie schön es ist, beim Umgangselternteil zu übernachten, oder aber auch, dass man mitten in der Nacht alles haben kann, was man möchte, wenn man nur lang und laut genug schreit. Inklusive einer Rückfahrt zum anderen Elternteil.
  • Machen Sie das Kind richtig müde. Gehen Sie schwimmen, machen Sie eine ausgedehnte Entdeckungswanderung oder besuchen Sie einen Indoor-Spielplatz, auf dem sich das Kind richtig auspowern kann. Umso erschöpfter es später ist, umso schneller es einnickt, ob es will oder nicht, umso leichter haben Sie es.
  • Der erste Übernachtungsumgang ist ein wichtiges Schlüsselerlebnis für alle Beteiligten. Die goldene Regel dabei lautet: Erlaubt ist, was hilft. Und wenn Sie mit dem zweijährigen Knirps gemeinsam vor einer Dauerschleife Sandmännchen vor dem Fernseher auf dem Sofa einnicken, oder 37 Runden mit dem Kind im Kindersitz um den Block drehen, bis es einschläft, dann ist das auch in Ordnung. Hauptsache Knirps schläft und wacht am kommenden Morgen auf mit der Erkenntnis, dass Schlafen bei Ihnen gar nicht schlimm war.
  • Sprechen Sie leise und ruhig. Bewegen Sie sich nicht hektisch oder ruckartig. Kurzum – vermitteln Sie insgesamt eine ruhige, getragene Stimmung. Lassen Sie das Kind kurz vor dem zu-Bett-gehen auch keine lauten oder schnellen Spiele mehr beginnen.
  • Etablieren Sie Rituale, die das zu-Bett-gehen vorbereiten wie zum Beispiel das Zähneputzen, eine Geschichte vorlesen, ein bestimmtes Einschlaflied singen oder anhören (achten Sie auch hier darauf, ein ruhiges Lied auszuwählen), ggf. das Nachtlicht gemeinsam anschalten, noch einmal nach dem Bett für den kleinen Kobold schauen, der im Flurschrank wohnt u.s.w.
  • Möchte das Kind nicht im eigenen Bett schlafen, können Sie sich durchaus mit dem Kind zusammen in Ihr Bett legen und bei ihm bleiben, bis es eingeschlafen ist. Auch können Sie sich vor das Kinderbett legen und so beim Kind bleiben, bis es schläft. Ihre Anwesenheit vermittelt dem Kind das Gefühl von Sicherheit. Grade bei den ersten Übernachtungen ist das wichtiger, als das Kind alleine in seinem Bett schlafen zu lassen.
  • Vorsicht mit den Worten „Heia“ und „Schlafen“. Der sicherste Weg, ein kleines Kind vom Schlafen abzuhalten kann sein, ihm zu sagen, dass es jetzt schlafen soll oder muss. Für viele Kinder ist das ein regelrechtes Alarmwort, das ausreicht, um Schreikrämpfe und Weinen auszulösen. „Bett“ scheint aus unerfindlichen Gründen oft weniger kritisch.
  • Diskutieren Sie auf keinen Fall mit dem Kind über das Schlafen und versuchen Sie nicht, es mit Worten zu überzeugen, dass Schlafen vernünftig oder eine gute Idee ist. Sie drehen es nur wieder auf oder legen ihm „Argumente“ gegen das Schlafen in den Mund. Rationalen Erklärungen ist es in dieser Situation ohnehin nicht zugänglich.
  • Halten Sie den Mund! Lassen Sie sich auf keine Debatten ein, trösten oder bedauern Sie das Kind auch nicht – es passiert ihm ja nichts – sondern bleiben Sie einfach ruhig, zugewandt und ggf. mit Körperkontakt präsent und warten Sie gemeinsam mit dem Kind darauf, dass es einschläft. Desto weniger Sie reden, umso schneller wird dem Kind zur Müdigkeit und Ruhe auch noch langweilig. Spätestens dann werden die Augen sehr schnell sehr schwer.
  • Vermeiden Sie, sofern irgend vertretbar, das Kind zurück zum anderen Elternteil zu bringen, weil es nicht einschlafen oder zu Bett gehen will. Nicht nur produziert das durch den Lerneffekt größte Probleme und macht jeden weiteren Versuch schwieriger, darüber hinaus sollten auch Sie selbst sich nicht der Situation auf diese Weise entziehen. Grade kleine Kinder gehen häufig nur ungern zu Bett. Viele Umgangselternteile resignieren hier deutlich zu früh und interpretieren die Problematik fälschlich als Produkt der Trennung oder einer instabilen Beziehung zum Kind. Halten Sie durch!
  • Gute-Nacht-Anrufe beim anderen Elternteil sind ein schwieriges Thema. Was gut gemeint ist und dem Kind helfen soll, Ruhe zu finden, weckt nicht selten erst Sehnsüchte, Ängste und Heimweh. Das Kind wird mit der Nase darauf gestoßen, dass es nicht im gewohnten Bett schlafen wird und der andere Elternteil nicht da ist. Arbeiten die Eltern darüber hinaus nicht uneingeschränkt kooperativ zusammen, kann durch wenige unreflektierte Sätze des Elternteils am Telefon das Unternehmen „Übernachtung“ nahezu verunmöglicht werden. Hier muss also sehr genau abgewogen werden, was dem Kind nützt und was nicht.
  • Seien Sie selbstbewusst und selbstsicher – Sie sind da. Mehr braucht das Kind gar nicht. Viele Umgangselternteile werden regelrecht unsicher im Umgang mit ihrem eigenen Kind. Oft spielen hier auch Wertungen von außen eine große Rolle. Der Umgangselternteil wird, neben dem Betreuungselternteil, nicht selten als besserer Anverwandter des Kindes wahrgenommen. Elternbeziehung, Bindung und Vertrauen wird recht unreflektiert dem Betreuungselternteil angedichtet und dem Umgangselternteil eine gewisse Distanz und Unvertrautheit mit dem Kind. Funktioniert dann etwas nicht auf Anhieb, ist die Erklärung schnell zur Hand, es sei eben „der falsche“ Elternteil da. Lassen Sie sich soetwas nicht einreden. Kinder können enge Bindungen zu mehreren Bezugspersonen aufbauen. Eine zwangsläufige oder gar „natürliche“ Hierarchie gibt es nicht.