Wenn das Umgangsrecht eines Kindes mit einem Elternteil aufgrund einer großen Entfernung oder auch aus zeitlichen Gründen nur begrenzt persönlich umgesetzt werden kann, zunehmend aber auch bei kleineren Kindern im Hinblick auf die Empfehlung, häufig kürzere Kontakte durchzuführen, haben sich Telefonate zwischen dem Kind und dem abwesenden Elternteil inzwischen eingebürgert.

Häufig werden solche Telefontermine im Rahmen des Umganges mitverlangt, auch ohne konkreten besonderen Grund, um die Kontaktfrequenz zu erhöhen. Die Hoffnung hierbei ist in der Regel die, dass durch kürzere Phasen ohne Kontakt die Bindung und Beziehung zwischen Kind und Elternteil stabiler wird oder bleibt.

Den einen am Telefon, den anderen im Nacken

Wird eine solche Regelung vereinbart und umgesetzt, zeigen sich jedoch häufig schnell Probleme. Während einige Betroffene beklagen, dass häufig niemand das Telefon beantworte oder das jeweilige Kind angeblich keine Lust zum Telefonieren habe, berichten andere Elternteile von hochbelastenden Situationen für die Kinder, in denen ein Elternteil am Telefon mit dem Kind spricht, während der andere Elternteil im Hintergrund über den Lautsprecher mithört und deutlich vernehmbar das Gespräch kommentiert, Einwürfe macht oder dem Kind sogar souffliert, was es sagen soll.

Es kann behauptet werden, dass die problematischen Telefontermine die konstruktiven zumindest in hochstrittigen Konstellationen deutlich überwiegen, wobei zumindest gerichtlich angeordnete Telefontermine häufiger in strittigen Konstellationen vorkommen.

Für das betroffene Kind bedeutet das Alles in der Regel großen Stress, ebenso für die Eltern und für den Kontaktelternteil zudem erheblichen Frust über den Verlauf der Telefonate.

Ein anderes Problem schildern häufig Betreuungselternteile, wenn keine festen oder für den Tagesablauf sehr ungünstige Zeiten für die Telefontermine vereinart werden. Anrufe, die das Abendessen unterbrechen oder just dann, wenn das Kind schon halb zu Bett geht, werden als sehr störend empfunden. Gibt es gar keine festen Termine und der andere Elternteil ruft beliebig an, um dann zu monieren, dass niemand zu Hause ist, ist Streit vorprogrammiert. Auch ein großes Problem sind überzogen häufige Anrufe – zum Beispiel täglich – die eine Verarbeitung der neuen Situation mit zwei Familien eher erschwert als erleichtert.  Dasselbe Problem ergibt sich umgekehrt, wenn der betreuende Elternteil auf Telefonate während der Umgangszeit besteht, zudem hier von einer notwendigen Beziehungspflege nicht ausgegangen werden kann.

Loyalitätskonflikt frei Haus

Kurzum, wenn die Eltern sich nicht Grün sind, bedeuten Telefonkontakte für die Kinder in aller Regel ein großes, sehr belastendes Problem. Kann der anwesende Elternteil sich nicht beherrschen und wohnt den Gesprächen im Hintergrund bei, ist Streit regelrecht vorprogrammiert. Die Stimmung kippt – das spürt das Kind. Die Telefonate werden zunehmend als negative Erfahrung abgespeichert – der Stress rings herum überschattet die Freude über das Gespräch mit dem abwesenden Elternteil schnell vollständig.

Dann ist es oft allein der Kontaktelternteil, der noch etwas positives von den Telefonaten zu haben glaubt – zumindest war es ein Kontakt und zumindest hat man sein Recht auf regelmäßigen Kontakt geltend gemacht. Für das Kind allerdings ist es eine emotionale Tortur, vergleichbar nur damit, wenn das Kind gezwungen wäre, sich bei jedem Wechsel zwischen den zerstrittenen Eltern noch eine viertel Stunde im Beisein beide mit dem jeweils anderen zu unterhalten, als wäre der Zweite gar nicht da.

Ein erheblicher Loyalitätskonflikt ist praktisch unvermeidbar und stürzt das Kind in große Nöte. Nicht selten dauert es dann nicht lage, bis die Kinder aus purem Selbstschutz angeben, keine Lust zu haben, ans Telefon zu kommen, um sich dieser Situation nicht mehr aussetzen zu müssen.

Der Kontaktelternteil, der oft noch erfeut ist, seine Rechte durchgesetzt zu haben – und die des Kindes – nimmt meist gar nicht wahr, was er einbüßt. Selbst wenn das Kind ansonsten nicht gegen den abwesenden Elternteil beeinflusst wird – die Erfahrung, dass immer alles doof ist, wenn der/die anruft, prägt sich ein. Über klassische Konditionierung verknüpft sich so mittelfristig ein unangenehmes Bauchgefühl mit dem Kontakt zum abwesenden Elternteil. Dazu muss der anwesende Elternteil gar nichts tun – er muss nur schlechte Laune haben, weil “wieder Telefontag ist”.

Telefon – ja oder nein?

In hochstrittigen Konstellationen ohne Not – eindeutig Nein. Es schadet mehr als es nützt und am Ende gewinnt niemand, bestenfalls entfremdet sich das Kind aufgrund der immer wieder erlebten Negativerfahrung.

Ist eine sinnvolle Beziehungspflege aufgrund großer Entfernung anders nicht möglich, sollten absolut klare Regeln für diese Kontakte gelten, angefangen mit den jeweiligen Terminen.

Es ist weder nötig noch sinnvoll, jeden Tag bei dem/der Ex anzurufen, um dem Kind eine gute Nacht zu wünschen, das benötigt eine gesunde Bindung gar nicht und dient in der Mehrheit eher der Belästigung des ehemaligen Partners und einer Art Präsenzmachtdemonstration: “So lange mein Kind bei dir lebt, kann ich in deinen Alltag einbrechen, wie und wann ich will!”

Umgekehrt benötigt ein Kind – von Kleinstkindern abgesehen – keine erwachsene Aufsicht beim Telefonieren mit dem anderen Elternteil, der anwesende Elternteil hat also nichts beim Gespräch verloren und insbesondere gibt es keinerlei Grund, das Gespräch via Lautsprecher mit zu verfolgen. In jedem Fall hat der anwesende Elternteil keinerlei Anteil am Gespräch – Querkommentare und dergleichen oder Elterngespräche über das Kind als Sprachrohr sind absolut tabu.

Quicktip

  • Überlegen Sie sich gut, ob Telefonate wirklich nützlich, konstruktiv und für Ihre Beziehung zum Kind mittel- und langfristig förderlich sind unter den jeweils gegebenen Umständen.
  • Verlieren Sie vor lauter “Recht auf Kontakt” nicht die Auswirkungen aus dem Blick, wenn durch die Telefonate am Aufenthaltsort des Kindes die Stimmung kippt.
  • Telefonkontakte sind kein Werkzeug “gegen” den anderen Elternteil, sei das im Sinne der Durchsetzung irgendwelcher Rechte noch als Kontrollmittel. Ein Kind in dieser Weise zu benutzen ist hochbelastend und schädlich.
  • Wenn Sie Telefonate umsetzen und sich darauf einigen, legen Sie in jedem Fall feste Termine, die Sie dann auch zuverlässig einhalten und bleiben Sie vernünftig – tägliche Telefonate sind einfach überzogen. Sie leben nicht mehr im selben Haushalt und je eher Sie das verarbeiten, kann auch Ihr Kind das begreifen. Eine Pseudo-Dauerpräsenz dessen, der eigentlich  nicht immer da ist, hilft dem Kind nicht, sondern belastet.
  • Lassen Sie das Kind beim anderen auch einfach einmal in Ruhe. Seit der Trennung gibt es zwei Welten, in denen das Kind lebt. Das muss erst einmal verstanden und verarbeitet werden. Es hilft dem Kind nicht, wenn ständiger Mischmasch und Unklarheit darüber herrscht, wer in welcher Welt präsent ist. Die Bindung zwischen Kind und Elternteil braucht nicht tägliche Telefonate, sondern Grundzuverlässigkeit und das Wissen, dass es okay ist, beim anderen Elternteil zu sein.
  • Bei älteren Kindern, die ein eigenes Handy haben, ist es klug, dem Kind zu überlassen, ob und wann es anrufen möchte. Dazu muss es übrigens keine entsprechende Umgangsregel oder dergleichen geben. Außerhalb bestehender Umgangsregelungen besteht kein Kontaktverbot zum abwesenden Elternteil.