Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Wartezimmer eines Arztes und neben Ihnen ein Elternpaar mit einem ungefähr zwei Jahre alten Kind. Das Kind nörgelt und quengelt und schließlich sagt es: “Nicht pieksen will!” Da schauen sich die Eltern an, stehen auf, ziehen dem Kind die Jacke an und verlassen die Praxis mit den Worten: “Wenn du nicht geimpft werden möchtest, dann musst du natürlich auch nicht, Schatz!”

Klingt völlig verantwortungslos für Sie? Ein Kind versteht doch gar nicht, weshalb es so wichtig ist, geimpft zu sein, meinen Sie? Ist doch ganz normal, dass es den Pieks nicht mag, aber die Impfung ist wichtig, da müssen die Eltern ihrer Verantwortung gerecht werden, finden Sie?

Stellen Sie sich vor, dasselbe Kind wäre vier oder fünf, vielleicht sogar sechs Jahre alt. Denken Sie, es wäre jetzt imstande die Wichtigkeit der Impfung über den Impuls “Ich will mich nicht stechen lassen!” zu stellen? Eher nicht?

Und doch gibt es zahllose Fälle, in denen ein Elternteil erklärt, das Kind wolle nach einer Trennung keinen Kontakt mehr oder keinen Umgang mit dem anderen Elternteil und man weigere sich, das Kind zu irgendetwas zu zwingen. Zunächst klingt das sehr vernünftig – das Kind nicht zwingen zu wollen – es sei denn, man hat das Bild der Impfung im Hinterkopf.

 

Kindeswille ist immer so stark wie das eigene Interesse am Ergebnis

Dass diejenigen Elternteile, die darauf abstellen, das Kind zu nichts zwingen zu wollen, wenn es um den Kontakt zum anderen Elternteil geht, in anderen Alltagssituationen kein Problem damit haben, dem Kind klare Vorgaben in seinem eigenen Interesse zu machen, ist die deutlich überwiegende Regel. Andernfalls würden sich desaströse Protokolle finden über Fehlzeiten in Kindergarten und Schule, versäumte Arzttermine, nicht erfolgte Impfungen und das Kind würde sich vermutlich ausschließlich von Keksen und Schokolade ernähren. Kurzum, es bräuchte wohl nicht viel, bevor offen über eine Inobhutnahme des Kindes durch das Jugendamt diskutiert werden müsste.

Denn Kinder sind eben nicht imstande, selbst zu entscheiden. Aus eben diesem Grund gibt es die Sorgepflicht der Eltern und aus eben diesem Grund haben Kinder bis zu einem gewissen Alter bestimmte Rechte und Pflichten noch nicht, während Erwachsene sie sehr wohl haben. Wieso also zählt der Kindeswille plötzlich doppelt und dreifach, wenn eine Trennungssituation eintritt und es um den Kontakt mit dem anderen Elternteil geht?

Weil es bequem ist und dem Ego schmeichelt.

Es ist bequem, der/dem ungeliebten Expartner/in das Kind nicht geben zu müssen und nichts dafür zu können – denn es ist ja das Kind, das nicht will. Und es schmeichelt dem eigenen Ego, wenn das Kind scheinbar klare Präferenzen zwischen den beiden Eltern zeigt – zu Gunsten desjenigen, der es dann nicht “zwingen” möchte, diese Meinung zu ändern.

 

Kindeswohlgefährdung durch Unterlassen

Wie zuvor beschrieben, kann man ein Kind nicht einfach völlig ohne Anleitung belassen, ohne mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine handfeste Kindeswohlgefährdung zu verursachen. Das Kind würde sich nicht mehr waschen und nur noch Süßigkeiten essen, hätte keinen Schlaf-Wach-Rythmus mehr, ginge nicht in den Kindergarten oder nur nach Belieben und hätte mit großer Wahrscheinlichkeit wochenlang dasselbe Lieblings-T-Shirt an. Es leuchtet vollkommen ein, dass ein solches Leben der Entwicklung des Kindes nicht zuträglich wäre. Völlig eingeschmutzte T-Shirts und zu Bett gehn um 23.00 Uhr – das sehen wir ein, das funktioniert nicht. Und uns ist auch sofort klar, wer verantwortlich wäre für diese Verwahrlosung – nicht das Kind, sondern die Eltern, die das alles zulassen.

Wenn es aber um den Kontakt zu den engsten Bezugspersonen des Kindes geht, da soll es plötzlich anders sein. Da soll plötzlich das Kind entscheiden können und dürfen und soll die Reichweite dessen erfassen können.

Ein Kind, das sich im Supermarkt brüllend auf den Boden wirft, weil es diesen einen Schokoriegel unbedingt haben will haben wir schnell als “unerzogen” einsortiert, dasselbe Kind, das sich wütend kreischend an einem Elternteil festkrallt, während es zum anderen zum Umgang wechseln soll, da ist plötzlich alles anders. Da muss auf einmal mehr dahinter stecken, das Kind intuitiv richtig reagieren und der Kindeswille soll Gewicht haben.

Wie oft Kinder außerhalb von Trennungssituationen die Mama “hassen” und den Papa “doof” finden, ist schlagartig vergessen. Welche immensen Probleme zahllose Eltern ohne Trennungshintergrund beim zu Bett bringen ihrer Kinder haben, davon wollen wir plötzlich nichts mehr wissen – wenn das Kind beim Umgang nicht ins Bett gehen will, hat das bestimmt mehr zu bedeuten.

 

Hurra, das Kind findet Dich auch blöd!

Tatsächlich geht es in aller Regel um die Ideologien und ganz eigennützigen Wünsche und Vorstellungen der Erwachsenen, wenn es heißt, das Kind solle nicht gezwungen werden.

Um die Begeisterung der Mutter, wenn das Kind nicht zum Vater will, zu dem sie es ohnehin nur lässt, weil sie muss. Der Stolz des Vaters, wenn das Kind nicht zur Mutter zurück will, weil er ja ohnehin schon immer wusste, dass er der bessere Elternteil ist und das Kind das natürlich instinktiv weiß. Die bestärkten Vorurteile von pädagogischen Fachkräften, wenn das Kind eine völlig unnatürliche Überpräferenz zu einem der beiden Elternteile zeigt.

Wenn wir Salat blöd finden, freuen wir uns, wenn das Kind ihn auch blöd findet. Dann sind wir stolz, weil es das offenbar von uns hat. Dann fühlen wir uns verbunden und vereint in unserer Abneigung und nehmen stattdessen Gurken oder Paprika und beruhigen unser Gewissen mit der Ausflucht, dass es ja immernoch genug andere gesunde Nahrungsmittel gibt. Dass unser Kind gar kein Problem mit Salat hätte, würden wir ihm das nicht offen vorleben, verdrängen wir. Abneigung gegen Salat wird nicht vererbt. Aber wir reden uns das gerne ein, obwohl wir es natürlich besser wissen.

Wir wissen, dass Kinder nicht zwingend wollen, was gut für sie ist.

Nach einer Trennung vom anderen Elternteil  wird dieses Wissen allerdings oft und allzu gern abgestritten. Alles, was das Kind sagt und tut ist authentisch und unmittelbar auf Verfehlungen der/des anderen zurück zu führen – weil wir es gerne so hätten. Weil nichts unserem Ego mehr schmeichelt als die Idee, dass unser Kind mit der Zeit das begriffen hat, was wir schon immer wussten – wir sind der/die Bessere. Mensch, Elternteil, Charakter – völlig gleichgültig.

So verfolgen wir sehenden Auges eine sich immer weiter auswachsende Verhaltensauffälligkeit des Kindes und klatschen noch begeistert Beifall – Juchhu, es findet ihn/sie auch blöd!

 

Egoismus und die Pflicht, es besser zu machen

Ein Kind zu haben ist, neben allen anderen Pflichten und Anstrengungen, immer auch moralisch ein fortgesetzter Kraftakt. Plötzlich ernähren wir uns gesünder, damit das Kind sich gesund ernährt. Wir gehen an die frische Luft, damit das Kind an die frische Luft kommt. Zumindest die meisten von uns. Wir singen, damit das Kind musikalisch wird und tanzen, damit es körperliche Selbstsicherheit lernt. Wir äffen Stimmchen aus Kinderbüchern nach, um seine Fantasie anzuregen und essen Salat, obwohl wir Salat hassen, damit das Kind Salat isst.

Bis es aus dem Gröbsten heraus ist tun wir eine Menge Dinge, die wir eigentlich nicht mögen oder wollen, weil sie wichtig und gut für das Kind sind. Das ist vermutlich das, was man als Sorgepflicht bezeichnet. Wir dürfen entscheiden – müssen es aber eben auch. Und meist geht das gut – bis wir etwas so nachdrücklich wollen oder nicht wollen, dass wir nur zu gerne die Gelegenheit nutzen, das Kind vorzuschieben.

Es will ja nicht. Es möchte ja unbedingt. Denn diese Erklärung ist besser, als jene, dass wir das nicht wollen, obschon wir genau wissen, dass wir dem Kind damit etwas vorenthalten, eine wichtige Erfahrung nicht ermöglichen oder ihm sogar unmittelbar schaden.

Wenn sich ein Paar trennt, nicht im Guten sondern im Streit, dann wollen wir nicht, dass das Kind zum anderen Elternteil will. Dann baden wir in ablehnenden Äußerungen des Kindes und sonnen uns in seiner Präferenz für uns selbst. Will das Kind doch oder freut sich auf die Papa- oder Mamazeit, sind wir verletzt und beleidigt. Wie kann es zu dem/der wollen?!

Dass wir hierbei das Kind instrumentalisieren, um uns selbst zu erhöhen, bemerken wir meist gar nicht. Dass wir längst damit begonnen haben, das Kind zu beeinflussen, schon weil wir zwar darauf bestehen, dass es den Salat aufisst und sich impfen lässt und in den Kindergarten und zu Bett geht, wenn es Zeit ist, wenn es nicht zum Papa/zur Mama will aber sofort zustimmen – das verdrängen wir. Beeinflussen – das tun andere. Böse, rücksichtslose Eltern, die einen Streit auf Paarebene über den Rücken der Kinder austragen, aber nicht wir.

Wir wollen nur das Beste für unser Kind. Und es deshalb natürlich zu nichts zwingen.