Wenn Eltern sich trennen, stehen viele Betroffene erstaunt vor den mitunter erheblichen Kettenreaktionen, die eine solche Trennung nach sich zieht. Nicht nur Vater und Mutter sind nun kein Paar mehr, auch der Kontakt zu früheren gemeinsamen Freunden und insbesondere zur Familie des jeweils anderen Ex-Partners wird ein kniffliges Thema. Besonders problematisch werden solche Situationen oft dann, wenn das Verhältnis noch zu Beziehungszeiten belastet, schwierig oder sogar problematisch war. Mit Trennung vom ehemaligen Partner sehen sich hier viele auch regelrecht befreit vom bis dahin zwanzsläufigen Kontakt zu dessen Umfeld und Familie. Doch für die betroffenen Trennungskinder ist die Situation äußerst schwierig.

 

Entfremdung ist nicht Elternexklusiv

Häufig wird das Problem einer Entfremdung sehr ausschließlich im Kontext der Trennungselternteile betrachtet. Tatsächlich kommt eine Entfremdung von weiteren Bezugspersonen deutlich häufiger vor. Das mag sich durch zwei Umstände ergeben: Zum einen ist in aller Regel die Bindung und Beziehung zu weiteren Personen nicht so eng wie zu den Eltern, so dass ein betroffenes Kind einer versuchten Entfremdung deutlich weniger entgegen zu setzen weiß, zum anderen wird das Problem ausschließlich im Elternkontext als kindeswohlgefährdend wahrgenommen.

Dass auch eine abgerissene Beziehung zu den Großeltern, einer liebgewonnenen Tante oder gleichaltrigen Kindern innerhalb der Familie zu unnötigem und vermeidbarem Schaden für das Kind führen kann, wird insbesondere im Rahmen eines tobenden Nachtrennungskrieges gerne als zweitrangig bei Seite geschoben. Betrachtet man familiengerichtliche Entscheidungen der vergangenen Jahre, lässt sich durchaus auch erahnen, dass man sich hier hilflos wähnt. Schon in heftigen Elternkonflikten ist häufig nur Schadensbegrenzung per Gericht durchzusetzen. Geht es um weitere, für das Kind vermeintlich nicht kriegsentscheidend wichtige Beziehungen zu Dritten, zieht man wenig konstruktive Untätigkeit dem Versuch einer Problemlösung häufig vor.

 

Umgangsrecht kann haben, wer eine Beziehung zum Kind hat

In §1685 BGB regelt der Gesetzgeber ausdrücklich, dass nicht nur Eltern ein Umgangsrecht zusteht. Demnach können Geschwister und Großeltern Umgang beantragen und durchsetzen, sofern dieser dem Wohl des Kindes dient – hier spricht man von der sogenannten Positivprüfung. Vereinfacht bedeutet das, es muss dargelegt werden, dass dem Kind durch den Umgang mit der jeweiligen Person ein Vorteil entsteht. Er also dem Kindeswohl dient. Ansonsten spräche man von einer Negativprüfung, wenn belegt werden müsste, dass der Umgang dem Kindeswohl nicht entgegensteht. Dieser Passus ist wichtig, denn er entscheidet maßgeblich darüber, wie stichhaltig ein solcher Umgangsantrag begründet werden muss. Man kann sich den Unterschied auch mit dem Begriff der Beweislast verdeutlichen: Muss belegt werden, dass es dem Kindeswohl dient, muss derjenige, der Umgang möchte, darlegen, warum für das Kind ein Leben mit Umgang besser wäre als ein Leben ohne. Umgekehrt müsste bei einer Negativprüfung der Antragsgegner belegen, dass ein Umgang dem Kind schaden würde. Ein maßgeblicher Unterschied.

Tatsächlich wäre somit nach Wortlaut des Gesetzes der Weg zum Großelternumgang relativ leicht. Die Gerichtspraxis zeigt allerdings regelmäßig, dass allein durch den Verwandschaftsgrad noch nichts gewonnen ist. Diverse Entscheidungen zeigen auf, dass davon ausgegangen wird, dass bereits eine Beziehung zu dem Kind bestanden haben muss, manche Gerichte bemühen sich sogar, die Intensität dieser Beziehung zu hinterfragen und danach abzuwägen. Das birgt für Großeltern, die das Enkelkind noch nie kennenlernen konnten denkbare Schwierigkeiten. Anders zeigen sich Entscheide in Sachen Geschwisterbindung. Das mag darauf zurückzuführen sein, dass Entwicklungspsychologen Geschwisterbindungen als konkret entwicklungsrelevant bewerten. Zudem kommen natürlich deutlich seltener Fälle vor, in denen Geschwister gar keine Beziehung und Bindung zueinander aufweisen und dann Umgang miteinander geregelt werden muss. Oft fällt dieser Punkt eher erschwerend zu Umgangsentscheidungen bezüglich der Eltern ins Gewicht.

Besonderes Gewicht gewinnt die Qualität der Beziehung zum Kind vor Kontaktabbruch bei nicht verwandten Dritten, die ein Umgangsrecht mit dem Kind durchsetzen wollen. Betroffen sind hier Allem voran Stiefelternteile bzw. Partner der getrennten Eltern, die zum Teil über Jahre hinweg mit Kind und Partner unter einem Dach gelebt und eine intensive Bindung zu dem Kind aufgebaut haben. Hier wird man konkret und nachvollziehbar belegen müssen, dass eine stabile Beziehung zu dem Kind entstanden ist, deren Fortsetzung dem Kindeswohl dient. Zumeist wird als Maßgabe hierbei ein Zusammenleben vorausgesetzt. Wurde also bei einem sechsjährigen Kind über vier Jahre hinweg eine Beziehung zu einem Elternteil unterhalten und der Alltag geteilt, allerdings in formell unterschiedlichen Wohnungen, kann das zu einem ernsten Problem werden, zudem der Elternteil mit großer Wahrscheinlichkeit eine intensive Beziehung abstreiten wird.

 

Was hat das Kind davon?

Wenn es zur Trennung der Eltern kommt, gerät die Welt betroffener Kinder stark ins Wanken. Dinge, die selbstverständlich waren und unveränderlich wahrgenommen wurden, ändern sich plötzlich, verschwinden oder werden schwer erreichbar. Oft beginnt es schon mit einem durch die Trennung notwendig werdenden Umzug, einem Wechsel des Kindergartens oder der Schule, von der Tatsache ganz zu schweigen, dass nicht länger beide Eltern jederzeit ansprechbar sind. Beständige Beziehungen nicht nur zu beiden Eltern sondern auch anderen Bezugspersonen können diese zahlreichen Veränderungen für die Kinder abfedern und deutlich leichter machen. Zur Not ist ein neues Zimmer in einer neuen Wohnung schon in Ordnung, so lange die Oma genau wie zuvor jeden Sonntag zum Kuchen einlädt. Auch wenn es die Oma der „anderen Seite“ sein mag.

Eltern sind hier in besonderer Weise gefordert im Sinne der Kinder zwischenmenschliche Unstimmigkeiten zu überwinden und einen vernünftigen, regelmäßigen Kontakt zu ermöglichen. Beratende Begleitung kann hierbei helfen und wird u.a. durch die örtlichen Erziehungsberatungen durchaus auch angeboten. Es gilt wie stets den Gang zu Gericht möglichst zu vermeiden um ein Zuspitzen des Konfliktes und unnötige Kosten  von allen Beteiligten abzuwenden. Zudem kann die Beibehaltung familiärer Strukturen für das Kind auch deutliche Entlastungen beider Eltern mit sich bringen, wenn Großeltern oder der Onkel es einmal vom Kindergarten holen oder einen Tag lang betreuen können. Solche Möglichkeiten werden oft ohne Not vergeben um dann teure private Betreuungslösungen in Anspruch zu nehmen.

 

Quicktip

  1. Für Kinder ist der Umgang mit wichtigen Bezugspersonen nach einer Trennung besonders wichtig, da diese Beständigkeit die zahlreichen, durch die Trennung verursachten Umbrüche abmildern kann.
  2. Insbesondere Kontaktverluste zu engen Bezugspersonen, zum Beispiel Stiefelternteilen, können unabhängig von einer biologischen Verwandschaft sehr wichtig sein, damit das Kind nicht schweren Verlustängsten ausgesetzt wird.
  3. Der Gesetzgeber sieht grundsätzlich die Möglichkeit des Umganges mit Dritten vor, insbesondere mit Großeltern und Geschwistern aber auch mit Weiteren, sofern diese mindestens mit dem Kind in einem Haushalt gelebt haben.
  4. Zur Regelung solcher Kontakte können Beratungen durch die örtliche Erziehungsberatung und alle anderen einschlägigen Institutionen in Anspruch genommen werden, die auch in Umgangsfragen der Eltern beratend unterstützen.
  5. Der Gang vor Gericht sollte im Interesse aller Beteiligten möglichst vermieden werden, es entstehen sonst ggf. hohe Kosten und der Konflikt spitzt sich in aller Regel deutlich zu.
  6. Bei Umgangsanträgen von Personen im Umfeld eines Elternteils sollte bedacht werden, dass ggf. kein eigenständiger Umgang beschlossen, sondern auf die Umgangszeit des Elternteils verwiesen werden kann. Wenn Elternteil und z.B. Großeltern ein gutes Verhältnis pflegen, wird dann davon ausgegangen, dass der Kontakt zu den Großeltern im Rahmen der elterlichen Kontakte möglich ist.