Es ist eine sich seit Jahren wiederholende Diskussion: Was bringt eigentlich das Sorgerecht, wenn das Kind nicht überwiegend seinen Wohnsitz beim betroffenen Elternteil hat?

Man könnte Ordner und Romane füllen mit Berichten betroffener Elternteile, welche – trotz gemeinsamem Sorgerecht – die Erfahrung machen, dass im Ernstfall niemand so recht fragt, wie denn die Entscheidungsbefugnis geregelt ist. Wer das Kind hat, hat die Macht. Kindergärten schließen Betreuunsverträgt mit einzelnen Elternteilen obschon die gemeinsame Sorge vorliegt. Man beruft sich auf die Alltagssorge und eine Fehlinterpretation eines Gerichtsurteiles. Dagegen unternehmen lässt sich wenig, denn wer will schon aus Prinzip das Kind aus einer gewohnten Betreuungsumgebung reißen, um seinen Standpunkt klar zu machen?

Ähnliches spiegelt sich an anderer Stelle: Wenn der Kinderarzt trotz gemeinsamem Sorgerecht die Auskunft verweigert oder die Schule sich weigert, Zeugniskopien heraus zu geben und auf den anderen, überwiegend betreuenden Elternteil verweist, bleibt nicht viel außer die gesuchte Information einzuklagen. Und prompt wird man zum Kriegstreiber, welcher die Schule des eigenen Kindes verklagt – welche Auswirkungen das wohl auf das Kind haben wird? Beliebter wird es gewiss nicht.

 

Eine Umgangsregelung können Sie durchsetzen – das Sorgerecht meist nicht

Was im Rahmen gerichtlicher Umgangsregelungen inzwischen Gang und Gäbe ist – die Absicherung der Vollstreckbarkeit durch Festlegung von Ordnungsmitteln – ist im Kontext Sorgerecht weder möglich noch vorgesehen. Es gibt keine Handhabe, wenn der andere Elternteil einfach Fakten schafft und meist ließe sich dann das eigene Recht nur noch auf Kosten des Kindes durchsetzen. Das wiederum bringt allerdings die Tendenz mit sich, dass angerufene Gerichte und Fachpersonen sich auf die Seite desjenigen schlagen, welcher den IST-Zustand vertritt, um vermeidbare Veränderungen für das Kind zu verhindern.

In der Regel kommt somit ein das gemeinsame Sorgerecht ignorierender Elternteil nicht nur damit durch sondern verbessert zudem seine eigene prozesstaktische Situation, indem der andere Elternteil in die Rolle eines Quertreibers und ewigen Blockierers gedrängt wird, wenn er oder sie versucht, das gemeinsame Sorgerecht auch real umzusetzen, indem Alleinentscheidungen nicht einfach akzeptiert werden.

Hier wird sehr deutlich, dass es an greifbaren rechtlichen Rahmenregelungen fehlt, um ein gemeinsames Sorgerecht auch in der tatsächlichen Umsetzung abzusichern und die Möglichkeiten für blockierende Elternteile zu reduzieren, durch das Schaffen von Fakten und somit unmittelbar durch Missbrauch des Kindes als Instrument – denn letztlich versteckt sich der blockierende Elternteil hinter dem Kindeswohl – das Sorgerecht des anderen Elternteils kurzum auszuhebeln.

 

Lassen oder nicht lassen – die Macht unbeteiligter Dritter

Alles steht und fällt mit der Bereitschaft Dritter, dem einzelnen Elternteil bei gemeinsamem Sorgerecht eine Alleinentscheidung einzuräumen. Beginnend bei Kinderkrippen und Kindergärten, welche Einzelunterschriften auf Betreuungsverträgen akzeptieren über Schulen, die einfach an den überwiegend betreuenden Elternteil verweisen bis hin zu Ärzten, die Austausch mit dem sorgeberechtigten aber nicht überwiegend betreuenden Elternteil ablehnen – ebenfalls mit Verweis darauf, sich entsprechende Informationen doch bitte vom – informierten – anderen Elternteil weiterleiten zu lassen.

Oft geht es dabei nicht einmal um Bequemlichkeit oder verwaltungstechnische Problematik, oft geht es simpel um Gedankenlosigkeit oder Ideologie.

Natürlich erzählt der “alleinerziehende” Elternteil im Kindergarten nicht, dass man sich seit Jahren beständig um Sorge- und Umgangsrecht streitet, eigentlich beide Eltern sehr gut mit dem Kind umgehen und sich um es sorgen, man selbst jedoch einfach nicht will, dass der andere irgendeine Mitentscheidungsbefugnis ausüben kann. Stattdessen werden dramatische bis theatralische Beziehungskonflikte dargestellt, oft auch simpel gelogen, um den abwesenden Elternteil in ein schlechtes Licht zu rücken. Der überwiegend betreuende Elternteil stilisiert sich zum Opfer der Sorgeregelung, gezwungen, wichtige Entscheidungen für das Kind mit einem anderen Menschen abzusprechen, welcher durch schlechten Charakter, mangelndes Interesse oder schlechte Urteilsfähigkeit glänzt. Um das Kind zu schützen solle man sich doch solidarisch zeigen und mitziehen – ohne Einbezug des anderen Elternteils.

 

Konfliktflucht auf Kosten des Kindes

Was dann folgt ist in der Regel lupenreine Konfliktflucht auf Kosten des Kindes, die mit angeblichem Schutz des Kindes vor dem elterlichen Konflikt begründet wird. Welche Projektion hierbei stattfindet, wird oft gar nicht wahrgenommen. Wenn die Kindergärterin sich nicht mit dem Elternkonflikt auseinandersetzen muss, dann muss es auch das Kind nicht – das ist die Idee. Dass tatsächlich durch das Unterlaufen der gemeinsamen Sorge der Elternkonflikt außerhalb der Kindergartenmauern erheblich befeuert wird, wird ausgeblendet.

Es sind Fälle bekannt, in welchen betreuende Elternteile kategorisch den Kontakt des anderen Elternteils zu Betreuungseinrichtung oder Schule zu verhindern versuchten und auf erfolgreiche Kontaktaufnahme mit Androhung rechtlicher Schritte gegen Kindergarten oder Schule reagierten. In Schriftsätzen ließ sich dann entnehmen, der Elternkonflikt sei in den geschützten Rahmen des Kindergartens oder der Schule vorgedrungen – nicht selten nebst der schriftlichen Erklärung der Einrichtung, der umgangsberechtigte Elternteil möge fern gehalten werden, das habe den Konflikt dort hineingetragen.

Von welchem Elternteil der Konflikt ausgeht wird hierbei völlig ignoriert. Man beruft sich auf den kürzest sichtbaren Zusammenhang: Als der zweite Elternteil auftauchte, gab es Streit. Vorher gab es keinen. Also muss das zweite Elternteil wieder weg, dann verschwindet auch der Streit wieder.

 

Zwischen Verantwortungslosigkeit und Selbstüberhöhung

Es ist als direkte Folge der mangelnden Handhabe gegen Sorgerechtsblockaden zu begreifen, dass fachlich dazu nicht qualifizierten und im Thema in der Regel auch nicht firmen Dritten die Aufgabe zufällt, über Realität oder Theorie eines gemeinsamen Sorgerechts zu entscheiden.

Wir kennen andere Beispiele. Von Kindergärten, die auf beide Unterschriften bestehen, sofern keine Alleinsorge belegt werden kann. Von Ärzten, die sich nicht beeindrucken lassen von Versuchen, sie zur Parteinahme zu drängen. Von Schulen, die ganz selbstverständlich alle Informationen in doppelter Ausführung an beide Eltern weiterleiten. Doch die Regel bildet das leider noch nicht.

Denn so sehr geschaffene Fakten theoretisch angreifbar sind – dem betroffenen Elternteil bleibt in der Regel nur zähneknirschende Akzeptanz. Wenn das Kind erst einmal im Kindergarten angemeldet und eingewöhnt ist, bliebe als Maßnahme, das eigene Recht durchzusetzen, nur noch übrig, den Betreuungsvertrag via Gericht als nichtig auflösen zu lassen, was zur Folge hätte, dass das Kind aus der gewohnten Umgebung wieder herausgerissen würde. Insbesondere dann, wenn der umgangsberechtigte Elternteil gar keine Einwände gegen den Kindergarten hat, sondern schlicht gerne gefragt oder zumindest informiert worden wäre, ist das keine vernünftige Option und somit bleibt gar kein Handlungsspielraum um die Bereitschaft des anderen Elternteils, die gemeinsame Sorge künftig auch umzusetzen, zu bestärken.

Betreuungseinrichtungen, Schulen und Ärzte wanken oft zwischen einer durchaus verantwortungslosen Unbeteiligung – das alles sollen die Eltern gefälligst unter sich klären – welche regelmäßig den Elternkonflikt verschärft, weil Pufferfunktionen einfach nicht genutzt werden und Selbstüberhöhung, indem ohne entsprechende Ausbildung, Erfahrung oder Themenkenntnis der Versuch unternommen wird, im Vorbeigehen das zu vollbringen, woran oft fachkundige Menschen schon seit Monaten oder Jahren arbeiten. Es werden Elterngespräche eingefordert mit beiden Eltern, während die fachkundige Erziehungsberatung von solchen Gesprächen noch deutlich Abstand nimmt und mit den Eltern nur einzeln Gespräche terminiert. Es werden gerichtliche Anordnungen und Entscheidungen leichtfertig abgewandelt oder die Nichtumsetzung unterstützt, ohne dass zur Kenntnis genommen wird, dass diesen Regelungen häufig monate- und jahrelange Verhandlungen, Mediationen und Beweiserhebungen vorangingen.

Insofern wird, man kann es anders kaum beschreiben, aus der Hüfte schießend in zum Teil hochkomplexen Konfliktkonstellationen schier herumgepfutscht, nicht selten auch die bemühte Arbeit prozessbeteiligter Fachpersonen damit unterminierend.

 

Was kann man tun, was sollte man tun?

Theoretisch könnte man klagen – jedes Mal. Auf Auskunft allem voran, denn meist geht es um Verweigerung von direkter Information an den zweiten Elternteil. Allerdings müsste man dieses Auskunftsrecht praktisch gegenüber jedem Kindergarten, jedem Kinderarzt und jeder Schule erneut durchsetzen. Das ist in aller Regel weder finanziell noch nervlich eine wirkliche Option, zudem man, wie zuvor erwähnt, sehr schnell in die Rolle eines Quertreibers/einer Quertreiberin hineingdrängt wird und das völlig berechtigte Auskunftsersuchen wirkt sich mittelfristig negativ für die eigene Position aus. Das gilt es in jedem Fall zu vermeiden.

Oft lohnen sich Hartnäckigkeit und Konsequenz. Auf Auskunft bestehen, immer wieder nachfragen, immer wieder die rechtliche Situation klarstellen. Häufig bestehen auch Möglichkeiten ohne Anrufung des Gerichtes Druck aufzubauen, zum Beispiel über die Fachaufsicht von Kinderkrippen und Kindergärten oder über sonstige vorgesetzte Behörden oder Organe.

Kriegsentscheidend ist nicht selten, sich selbst nicht in die Sortierung in “guten” und “bösen” Elternteil einzureihen. Den Arzt oder Lehrer davon überzeugen zu wollen, der jeweils andere Elternteil sei der Böse wird zu nichts führen, bestenfalls die Abwehrhaltung noch bestärken. Neutralität, Sachlichkeit und vor allen Dingen Aussicht auf weniger Konflikt sind nützlicher. Denn wie erwähnt möchten die meisten unfreiwillig involvierten Dritten gerne aus dem Streit herausgehalten werden. Wenn Sie nun deutlich zeigen, dass mit Ihnen kein Konflikt auf den Dritten zukommt – wohl aber mit dem anderen Elternteil, zum Beispiel weil diese sich dann lautstark über die Kooperation beschwert – verbessern Sie ihre Chancen auf Austausch ganz erheblich. Seien Sie nicht der “gute” Elternteil sondern schlicht der angenehmere Gesprächspartner. Führen Sie die Vorwürfe, welche in Ihrer Abwesenheit gegen Sie vorgebracht werden, ad absurdum indem Sie sich interessieren, engagieren und einbringen – auch wenn Ihnen zunächst keine Gegenliebe entgegenschlägt.

 

Taugt die Blockade als Begründung für das alleinige Sorgerecht?

In aller Regel nein – und das gilt für beide Elternteile. Zuerst die kooperative Elternschaft blockieren und dann mit Verweis eben darauf das alleinige Sorgerecht erfolgreich durchsetzen ist ein Relikt aus alten Familienrechtszeiten, das zum Glück nur noch äußerst selten vorkommt. Heute fragen Gerichte nach, wer die Kommunikation blockiert, wer die Zusammenarbeit unterwandert, wer also dafür verantwortlich ist, dass es nicht läuft wie es laufen sollte.

Umgekehrt ergibt sich für den umgangsberechtigten Elternteil kaum eine Handhabe, seinerseits/ihrerseits das alleinige Sorgerecht zu begründen. Alleine zu entscheiden ist nicht unmittelbar kindeswohlschädlich. Umgekehrt kann verargumentiert werden – insbesondere dann, wenn sich nicht eigeninitiativ um Kontakte zu relevanten Dritten bemüht sondern darauf gewartet wird, dass der andere Elternteil sie herstellt oder als Sprachrohr fungiert – es bestünde gar keine hinreichende Einsicht in die aktuellen wesentlichen Themen des Kindes, so dass kindeswohlgerechte Entscheidungen bloßer Zufall wären. Auch deshalb müssen betroffene Elternteile stets eigenverantwortlich dafür Sorge tragen, dennoch im Bilde zu sein, auch wenn der andere Elternteil sie nicht informieren möchte und andere Wege zur Information suchen. Denn diese wiegt am Ende deutlich mehr als das Recht.