1. Das Kind hat zwei Eltern.
    Ganz grundsätzlich ist das gemeinsame Sorgerecht formaljuristischer Ausdruck der Tatsache, dass zwei Erwachsene gleichermaßen für das Wohl des Kindes verantwortlich und zu seiner Vertretung berechtigt sind, nämlich die beiden, die das Kind auch gemeinsam gezeugt haben und jeweils die Hälfte des Genmaterials mit ihm teilen. Neben allen pädagogischen und organisatorischen Gründen demonstriert das gemeinsame Sorgerecht die Gleichberechtigung dieser beiden Elternteile in Bezug auf das Kind und wichtiger Entscheidungen für das Kind und drückt somit unser modernes Verständnis von Familie und Elternschaft aus.

  2. Zwei paar Augen sehen mehr als eins.
    Für das Kind entsteht durch die gemeinsame Sorge Zugriff auf doppelte Kompetenz und doppelte Sorge um seine Angelegenheiten. Nicht ein Erwachsener sondern gleich zwei müssen sich um wesentliche Dinge für das Kind Gedanken machen und kommen miteinander womöglich zu besseren Lösungen als einer alleine. Nicht umsonst werden in der Wirtschaft wichtige Entscheidungen ebenfalls in aller Regel nicht alleine getroffen – weil mehrere Köpfe in aller Regel auch bessere Entscheidungen treffen.

  3. Wer das Sorgerecht hat, ist in der Sorgepflicht.
    Wer an etwas beteiligt ist, der fühlt sich verantwortlich und kümmert sich in der Regel auch darum. So verhält es sich auch mit dem Sorgerecht. Viele unverheiratete Väter empfinden zum Beispiel vor Herstellen der gemeinsamen Sorge eine deutliche Hemmschwelle, sich aktiv in die Angelegenheiten des Kindes einzubringen – sie fühlen sich einfach nicht in der Position dazu. Entsprechend kann das Sorgerecht auch ein Weg sein, einen Elternteil zu seiner Verantortung zu rufen und aktiver in die Angelegenheiten des Kindes zu involvieren.

  4. Aufkunftsrecht schafft Kommunikationslösungen.
    Das gemeinsame Sorgerecht bietet neben anderen Dingen den deutlichen Vorteil des Auskunftsrechtes. Das bedeutet, dass beide Eltern unabhängig voneinander benötigte Auskünfte und Informationen von Kindergarten, Schule, Sportverein, Kinderarzt oder Nachhilfelehrer anfordern können. Das löst die Notwendigkeit von Dreiecks-Konversationen, bei denen ein Elternteil den anderen zu gewissen Auskünften auffordern muss und reduziert somit den Kommunikationszwang und damit oft auch das Konfliktpotential zwischen den Eltern.

  5. Wer entscheiden muss, muss sich informieren.
    Ein weiterer positiver Nebeneffekt der gemeinsam zu leistenden Unterschriften bei gemeinsamem Sorgerecht ist die Tendenz, dass Menschen nur ungern etwas unterschreiben, ohne zu wissen, was es konkret bedeutet. Somit entsteht durch die Notwendigkeit zur Unterschrift eine Motivation, sich mit den wesentlichen Themen des Kindes auseinander zu setzen, um eine sinnvolle Entscheidung treffen zu können. Somit entsteht die Motivation, sich die potentielle neue Schule einmal anzusehen oder über unterschiedliche Betreuungskonzepte in Kindergärten Informationen einzuholen.

  6. Zwangstherapie via Kindeswohl.
    Weit unterschätzt wird häufig der implizite Zwang, den die Situation auf die beteiligten Eltern ausübt. Sie müssen sich im Sinne des Kindes verständigen und einigen – so will es der Gesetzgeber. Und das lässt sich nicht umgehen oder wegtrotzen oder niederbrüllen – so lange nicht beide unterschreiben, geht es nicht weiter. Das zwingt die Eltern dazu, sich mit dem Umstand auseinander zu setzen, dass sie Eltern bleiben – Trennung hin oder her – und in Fragen des Kindes nicht einfach die totale Abkehr vom anderen leben können.

  7. Im schlimmsten Fall fällt das Kind weicher.
    Man mag kaum daran denken, und doch: Kommt es einmal dazu, dass einem Elternteil etwas zustößt, hängt das, was folgt, maßgeblich auch von den Sorgerechtsverhältnissen zum jeweiligen Zeitpunkt ab. Da grundsätzlich(!) zunächst der andere biologische Elternteil dahingehend geprüft wird, ob das Kind zu ihm oder ihr könnte – sorgeberechtigt oder nicht – entsteht durch fehlendes Sorgerecht an dieser Stelle vor allen Dingen eines: Eine vermeidbare Verzögerung. Das Kind muss zur Not fremduntergebracht werden – also im schlimmten Fall in ein Kinderheim – bis ein Gericht dem noch lebenden Elternteil per Eilantrag das Sorgerecht übertragen hat. Besteht bereits das gemeinsame Sorgerecht, kann das Kind sofort zum anderen Elternteil, bis das weitere Vorgehen auch offiziell geklärt ist.

  8. Wer das Sorgerecht hat, kann Vollmachten erteilen.
    Ganz pragmatischer Natur ist der nächste Vorteil des gemeinsamen Sorgerechts: Wer seinerseits sorgeberechtigt ist, der kann Vollmachten erteilen im Rahmen der Alltagssorge – also all dessen, was derjenige selbst alleine entscheiden darf und kann. All das kann ein Sorgeberechtigter auch an Dritte übertragen, so zum Beispiel an die Großeltern oder auch einen neuen Partner oder eine neue Partnerin. Das macht in vielen Fällen die gemeinsame Zeit mit dem Kind organisatorisch bedeutend einfacher.

  9. Gemeinsames Sorgerecht erschwert das Streiten.
    In vielen Fällen hochstrittiger Trennungen eskalieren Konflikte durch Ausgrenzung eines Elternteils in wesentlichen Lebensbereichen des Kindes – zum Beispiel bezüglich der Gesundheit oder der schulischen Leistungen. Besteht jedoch das gemeinsame Sorgerecht, sind solche Eskalationsherde praktisch nicht mehr möglich, da jeder Elternteil sich unabhängig vom anderen Informieren kann, Gespräche wahrnehmen kann und dergleichen. Eine reelle Möglichkeit, einen sorgeberechtigten Elternteil wirklich auszugrenzen, existiert einfach nicht, weil diese sich kurzum direkt an Schule oder Arzt wenden und dort die gesuchte Information einfordern kann. Das reduziert Konfliktherde.

  10. Emanzipation lässt keine Alternative zum gemeinsamen Sorgerecht.
    Irritiert konnten wir verfolgen, dass nach der Erleichterung des Antrages zur gemeinsamen Sorge für nicht eheliche Väter vereinzelt argumentiert wurde, dies stünde Frauenrechten und der Emanzipation entgegen. Wir können diesem Gedankengang nicht folgen. Vielmehr verlangt eine moderne Gleichberechtigung genau das und nichts anderes: Männer wie Frauen, Väter wie Mütter für ihre biologischen Kinder in die Sorgepflicht zu nehmen, indem ihnen das Sorgerecht zugestanden ist. Kinder können, dürfen und sollten nicht mehr Frauensache sein sondern Familiensache. Und zu einer Familie gehören alle, die an der Existenz des Kindes Anteil haben.