Wir sind betont sachlich, ausdrücklich neutral und konsequent deeskalativ. Wenn aber unsere Arbeit und die Arbeit unzähliger Berater, Richter, Umgangspfleger und Selbsthilfegruppen durch Sensationsjournalismus und Lobbyarbeit torpediert wird, dann frustriert uns das.

Nicht nur, weil ein einzelner Journalist die Chance wahrnimmt, aus einem eigentlich konstruktiven Thema eine regelrechte Aufforderung zum Nachtrennungskrieg zu stilisieren, sondern auch, weil er damit nicht alleine ist. Insofern soll uns der Artikel als leuchtendes Beispiel für wenig konstruktive Arbeit mit dem Thema dienen und stellvertretend stehen für zahllose Ratschläge, Warnungen und Ermahnungen, die täglich via Telefon, Internet oder persönlich an Trennungseltern herangetragen werden.

Es werden Ängste geschürt, Vorurteile gepflegt und frisch getrennte, zutiefst desorientierte Eltern regelrecht gegeneinander aufgehetzt. Im Interesse der Betroffenen liegt das wahrlich nicht, wohl aber im Interesse derjenigen, die hetzen.

 

Um wessen Interessen geht es eigentlich?

Seien es Lobbygruppierungen, die sich zusätzliche Meinungssoldaten und Mitglieder erhoffen, fanatische, selbst Betroffene, die sich durch die Kriegstreiberei mit jedem weiteren Überzeugten bestärkt sehen, den sie erfolgreich in dieselbe Misere getrieben haben, sonstige Gruppierungen mit tendenziöser Ausrichtung, die auf diesem Wege den Stammmitgliedern nach dem Munde reden oder eben schlicht Journalisten, die ein bisschen Krawall schlagen, weil es ja sonst keiner liest.

Und in der Verwirrung, der Verletzung und der völlig verloren gegangenen Struktur der Situation kurz nach der Trennung fallen solche Einflüsterungen auf fruchtbaren Boden.

Es werden Feindbilder gepflegt: Alle Mütter beeinflussen die Kinder und alle Väter wollen überhaupt nur Umgang, um die Mütter zu ärgern. Und taucht im Dunstkreis der “Trennungsszene” tatsächlich ein Elternteil auf, das gar keine Probleme mit dem ehemaligen Partner/der ehemaligen Partnerin hat, dessen Leben gar nicht so viel Unordnung erfahren hat und der/die ganz zufrieden ist mit den Regelungen, die man bezüglich der Kinder, des Hausrates und der gemeinsamen Hauses getroffen hat, dann darf das nicht sein.

 

Nur jeder Zehnte erlebt eine hochstrittige Trennung

Einerseits, weil das bedeutet, dass es möglich ist, manche Trennungspaare es jedoch nicht schaffen und zum anderen, weil die eigene Verbissenheit und der eigene Frust in fanatische Denkmuster geführt hat: Wenn da jetzt noch alles friedlich ist, dann nur, weil es noch nicht richtig angefangen hat. Oder nur, weil derjenige zu naiv ist zu begreifen, wie übel ihm/ihr schon mitgespielt wurde.

5-10% der Trennungspaare sind belastbaren Schätzungen zufolge betroffen. Anbetracht 170.000 Scheidungen, die in 2013 erfolgt sind – zuzüglich Trennungen eheähnlicher Beziehungen, die natürlich nicht konkret erfasst sind – eine sehr überschaubare Zahl.

Man muss sich zwangsläufig fragen: Wieso ausgerechnet ich? Was ist in unserem Fall anders als bei der Mehrheit derer, die sich mit Kind trennen? Wieso schaffen die es friedlich und wie machen die das?

Erhält man auf die letzte Frage eine Antwort, kommt in aller Regel zurück: “Ja gut, aber in meinem speziellen Fall ist das ja anders, weil…”

Jeder Zehnte bedeutet, dass Neun es irgendwie geschafft haben, sich zu einigen oder zumindest zu einem sachlichen Frieden zu finden. Es ist also nicht nur möglich, es ist die Regel und erhebliche, sich über Monate und Jahre ziehende Trennungskonflikte und Streit um die Kinder die klare Ausnahme.

Es sind immer Einzelfälle und es ist immer der andere, der verantwortlich dafür ist, dass es nicht friedlich und kooperativ funktioniert. Manchmal mag das tatsächlich so sein. In aller Regel aber braucht es mindestens zwei für eine Konflikt diesen Ausmaßes.

 

Harmonie ist kein Automatismus

Dabei sind bei Leibe nicht alle übrigen 90% der Trennungen von Beginn an friedlich und alle kommen miteinander aus. Im Gegenteil. Oft kommt es zu Umgangsverfahren, weil die Eltern sich nicht außergerichtlich einigen können, auf keinen gemeinsamen Nenner kommen. Der maßgebliche Unterschied ist, dass innerhalb dieser 90%, wenn es denn dazu kommt, dass gerichtliche Regelungen irgendeiner Art getroffen werden müssen, häufig eine einzige gerichtliche Regelung ausreicht.

Hat einmal ein Richter oder eine Richterin in Form eines klärenden Gewitters zwischen die Ex-Partner “geschlagen” und erklärt, wie es ab sofort laufen muss, dann fügt es sich. Viele Paare finden nach einer gewissen Zeit des Abstandes wieder gute Fundamente für konstruktiven Austausch und eine gemeinsame Betreuung der Kinder – in welcher Ausgestaltung auch immer.

Hochstrittige Paare hingegen finden diesen Abstand nicht. Wie bei einem Ping-Pong-Spiel geht es immer wieder hin und her. Ob dabei beide agieren oder ein Elternteil immer wieder agiert und der andere immer wieder darauf reagiert gibt sich nichts, denn das Ergebnis ist praktisch identisch: Dauerstreit. Immer wieder neue Umgangsanträge, immer wieder neue Sorgerechtsanträge. Immer wieder Beratungen, die zu nichts führen.

 

Radikalität oder Realität?

Bewegt man sich innerhalb der “Trennungsszene”, muss man sich diesen Umstand ab und zu vor Augen führen, um nicht der Vorstellung zu erliegen, der Kriegszustand sei üblich und Kriegstreiberei nur Selbstschutz. Umso leichter begegnet man Einflüsterungen kritisch, die eben das behaupten: Dass es ja immer so sei. Oder meist. Oder zumindest sehr oft.

Denn das stimmt nicht. Es ist nicht oft so und schon gar nicht meistens. Es sind Einzelfälle. Eine bedenklich hohe Zahl, keine Frage, aber dennoch Einzelfälle, in denen es vollkommen eskaliert.

Ein Fahrlehrer erklärte einem Fahrschüler einmal nachdrücklich: “Du fährst immer dorthin, wohin Du schaust, also schau gefälligst auf die Straße!” Das gilt durchaus auch für Konflikte. Man bewegt sich in seinen Aussagen und Handlungen auf das Ergebnis zu, das man vor dem inneren Auge sieht. Zwangsläufig. Ist dieses Ziel eine möglichst friedliche Lösung für alle, wird man sich dem annähern. Ist es ein “Sieg” über den anderen, Rache, Genugtuung oder Hass, wird auch das unweigerlich konkrete Folgen haben.

Um die Zahl hochstrittiger Trennungen nicht weiter ansteigen zu lassen, um Eltern in und nach Trennung und Scheidung ganz konkrete Hilfe und Unterstützung an die Hand zu geben, wurde diese Projekt gegründet.

Zwischenzeitlich wurde uns vorgeworfen, wir seien parteiisch. “Mütterverachtend” wurden wir genannt von den einen und “Systemfreundlich” bis “naiv” von den anderen. Kurzum werden wir angegriffen von jeder Front, deren Schussrichtung wir uns nicht anschließen.

 

Die Wahrheit ist: Wir schießen nicht. Aus Prinzip.

Wir reden, wir begleiten und beraten, wir analysieren und publizieren, aber wir schießen nicht. Weil man sich Frieden nicht mit Waffengewalt erkämpft und Kinder im Krieg nichts verloren haben.

Wir setzen uns ein für gleichberechtigte Elternschaft auf Augenhöhe in und nach einer Beziehung, für den Erhalt beider Eltern für Trennungskinder, die Auflösung von Rollenmustern und für kooperative Lösungsansätze im Sinne aller Beteiligter und insbesondere der betroffenen Kinder.

Und wer in diesem Gebilde seine persönlichen Rechte nicht ausreichend berücksichtigt oder die eigene Position durch die Forderung nach gleichen Rechten für alle, unabhängig von deren Geschlecht, angegriffen sieht, dem sei empfohlen, diesen Zusammenhang einmal ehrlich und selbstkritisch zu hinterfragen.