Manche Gerüchte halten sich bekanntlich hartnäckig. Auch vor dem Hintergrund von Trennung und Scheidung macht dieses Phänomen nicht halt, vielmehr lässt sich die Bildung regelrechter Legenden beobachten. Ein Funke Wahrheit ist oft darin enthalten – doch richtig werden die häufig zitierten Weisheiten dadurch keinesfalls. Wir haben einige der hartnäckigsten Urbanen Legenden gesammelt:

 

  1. Das Aufenthaltsbestimmungsrecht hat automatisch derjenige Elternteil alleine, bei dem das Kind überwiegend lebt (Variation: „Wenn das Kind länger als x Monate dort lebt.“)Woher dieses Gerücht stammt, das teils sogar Anwälte ihren Mandanten weitergeben, ist uns völlig schleierhaft. Das Aufenthaltsbestimmungsrecht ist Teil des Sorgerechtes und obliegt bei gemeinsamer Sorge beider Eltern auch beiden Eltern gemeinsam, so lange kein Gericht etwas anderes beschlossen hat.

  2. Das Jugendamt kann über den Umgang und dessen Ausgestaltung (z.Bsp. begleitet, Übernachtungen ja oder nein) entscheiden.Das Jugendamt hat keinerlei Entscheidungsbefugnis bezüglich des Umganges mit dem Kind. Es kann weder Umgang anordnen noch aussetzen oder reduzieren. Lediglich kann es die Eltern bezüglich der Ausgestaltung beraten und eine außergerichtliche Einigung in Form einer schriftlichen Umgangsregelung anbieten, die beide Eltern gegenzeichnen. Eine solche Vereinbarung hat allerdings hauptsächlich Beweischarakter und ist nicht gerichtlich durchsetzbar.

  3. Wer das Aufenthaltsrecht- und/oder Sorgerecht alleine innehat, darf über den Umgang des anderen Elternteils mit dem Kind bestimmen, weil er entscheiden darf, wo das Kind sich aufhält und mit wem es Umgang haben soll.Auch falsch. Das Aufenthaltsbestimmungsrecht bezieht sich im Wesentlichen auf den dauerhaften Wohnort des Kindes, nicht auf seinen akuten Aufenthalt in der Küche, bei Freunden oder beim anderen Elternteil. Der Passus „Umgang mit Dritten“ im §1632 BGB bezieht sich ausdrücklich auf „Dritte“ weil damit der andere Elternteil nicht inbegriffen ist. Es besteht also keinerlei Recht eines alleinsorgeberechtigten Elternteils, den Umgang mit dem anderen Elternteil zu verbieten oder ähnlich.

  4. Ob der andere Elternteil das Kind aus Kindergarten und/oder Krippe abholen darf, kann der Elternteil, bei dem das Kind lebt, alleine entscheiden, dazu gab es ein Grundsatzurteil – diese Entscheidung gehört zur Alltagssorge.Bei dieser Legende handelt es sich um ein Missverständnis. Im besagten Grundsatzurteil ging es nämlich just nicht darum, ob der andere Elternteil das Kind vom Kindergarten abholen dürfe, sondern um Dritte. Der Elternteil, bei dem das Kind nicht überwiegend lebte, wollte mitbestimmen, wer außer dem Betreuungselternteil das Kind abholen dürfe. Das wurde mit der Begründung, dies falle unter die Altagssorge, abgelehnt. Auf die Frage, ob der andere Elternteil das Kind abholen darf hat das allerdings gar keinen Einfluss, im Gegenteil. Jeder sorgeberechtigte Elternteil kann die Herausgabe seines Kindes von einer Betreuungseinrichtung einfordern, insbesondere innerhalb einer stattfindenden Umgangszeit mit diesem Kind. Von einem sich dem verweigernden Kindergarten u.ä. könnte das betroffene Elternteil die Herausgabe theoretisch auch mit Polizeigewalt erzwingen siehe §1632 (1) BGB. Allerdings, holt das nicht betreuende Elternteil das Kind außerhalb seiner Umgangszeiten einfach vom Kindergarten ab, um damit Umgang zu erzwingen o.ä. stellt dies – auch dazu gab es inzwischen ein Grundsatzurteil – eine unrechtmäßiges Übergehen der bestehenden Umgangsregelung dar, sofern eine solche gerichtlich getroffen wurde und kann z.B. zu dem darin angedrohten Ordnungsgeld führen und auch zu Einschränkungen des Regelumganges oder, in letzter Konsequenz, zum Verlust des Sorgerechtes, wenn dieses eben dazu missbraucht wird.

  5. Wenn der überwiegend betreuende Elternteil mit der Ausgestaltung der Umgangszeit nicht einverstanden ist oder Unternehmungen für zu gefährlich erachtet, kann er verweigern, das Kind zum Umgang heraus zu geben, denn dann dient das dem Kindeswohl.Auch das ist falsch. Die Herausgabe des Kindes verweigern darf ein Betreuungselternteil nur und ausschließlich dann, wenn unmittelbar eine Gefährdung des Kindeswohls damit einherginge. Ein Beispiel dafür wäre ein Umgangselternteil, das merklich betrunken zur Abholung erscheint oder ein wildfremder Mensch, der ohne Ankündigung beim betreuenden Elternteil vorstellig wird mit der Erklärung, das Kind für den anderen Elternteil in Empfang nehmen zu wollen. Insbesondere die Ausgestaltung des Umganges ist kein Grund, die Herausgabe des Kindes zu verweigern. Hier müsste eine (andere) gerichtliche Lösung oder Vermittlung durch das Jugendamt angestrebt werden. Den Umgang einfach eigenmächtig aussetzen darf ein Betreuungselternteil ausdrücklich nicht.

  6. Begleiteter Umgang und eine Umgangspflegschaft sind ein und dasselbe.Im Gegenteil. Eine Umgangspflegschaft ist vor allen Dingen dafür zuständig, die Umsetzung des Umganges zu gewährleisten und die Übergaben zwischen den Eltern zu befrieden – sie kommt dementsprechend meist dann zum Einsatz, wenn ein Elternteil den Umgang boykottiert oder die Aufeinandertreffen der Eltern eskalieren. Begleiteter Umgang hingegen findet dann statt, wenn aus triftigen Gründen ein Umgang alleine mit dem umgangsberechtigten Elternteil nicht kindeswohldienlich ist, zum Beispiel weil der betroffene Elternteil das Handling eines Kleinkindes erst mit pädagogischer Unterstützung erlernen muss, oder noch nicht möglich ist, zum Beispiel weil lange kein Kontakt stattgefunden hat.

  7. Ein sorgeberechtigter Elternteil darf bestimmen, ob das Kind, wenn es beim anderen Elternteil ist, mit deren Partner/in, den Großeltern oder sonstige Verwandte Kontakt haben darf oder nicht, weil das Sorgerecht den Umgang mit Dritten beinhaltet.
    Das ist wiederum ein Denkfehler. Grundsätzlich beinhaltet das Sorgerecht auch den Umgang mit Dritten, ein sorgeberechtigtes Elternteil darf also bestimmen, mit wem das Kind in Kontakt kommen darf (mit Ausnahme des anderen Elternteils), allerdings handelt es sich hierbei um einen klassischen Teil der Alltagssorge. Innerhalb einer Trennungsfamilie bedeutet das, dass derjenige entscheidet, bei dem sich das Kind grade aufhält. Während also ein Elternteil zwar alleine entscheiden kann, ob das Kind mit dem eigenen Nachbarn Kontakt haben soll, wenn es im eigenen Haushalt ist, besteht keinerlei Mitspracherecht bei den Kontakten, die das Kind beim anderen Elternteil pflegt. Ausnahmen wären nur denkbar, wenn ein Kontakt unmittelbar dem Kindeswohl entgegen steht – und das müsste gerichtlich festgestellt werden.

  8. Die sog. „Alltagssorge“ hat immer der betreuende Elternteil alleine inne, weil das Kind dort seinen Alltag erlebt.
    Falsch. Alltagssorge umfass alle die Entscheidungen, die im tatsächlichen Umgang mit dem Kind und ohne nennenswerte Auswirkungen von erheblicher Tragweite für das Kind zu treffen sind, unabhängig davon, wo das Kind sich befindet. Demnach hat die Alltagssorge immer derjenige Elternteil alleine inne, bei dem sich das Kind grade aufhält. Typische Entscheidungen der Alltagssorge wären: Was gibt es zu Essen? Welche Unternehmungen finden statt? Darf das Kind mit dem Nachbarshund spielen oder nicht? Besucht das Kind die Oma/den Opa? Zieht es die rote oder die blaue Jeans an?

  9. Wer das Sorgerecht alleine innehat, der kann bestimmen, wer das Kind bekommen soll, falls ihm/ihr etwas zustößt.
    Das ist völlig falsch und zudem ist auch der häufig gehörte Rat, das einfach in einem Testament festzuhalten, dann würde es umgesetzt, nicht richtig. Kinder kann man nicht vererben und das Sorgerecht kann nicht beliebig weitergegeben werden. Stößt einem allein sorgeberechtigten Elternteil etwas zu, wird immer dem anderen biologischen Elternteil das Sorgerecht allein übertragen werden, sofern dies dem Kindeswohl dient oder diesem nicht entgegen steht (abhängig von der Ausgangssituation).

  10. Sind Eltern eines Kindes nicht miteinander verheiratet, so hat die Mutter die elterliche Sorge grundsätzlich alleine und der Kindesvater kann nur mit Zustimmung der Mutter die gemeinsame Sorge für das Kind bekommen.Das war so, bis zu einer Gesetzesnovellierung im Mai 2013. Der Europäische Gerichtshof hatte schon in 2009 die vorherige Rechtslage in Deutschland, wonach ein unverheirateter Vater nur mit Zustimmung der Mutter das gemeinsame Sorgerecht erhalten konnte und gegen ihren Willen nicht, als deutliche Diskriminierung angemahnt und eine Änderung verlangt. Mit der Gesetzesänderung wurde das umgesetzt, so dass nun unverheiratete Väter das gemeinsame Sorgerecht durch Antrag beim zuständigen Familiengericht erhalten, wenn es dem Kindeswohl nicht widerspricht. Im Gegensatz zur Übergangsphase, in der die Positivprüfung vorausgesetzt wurde „Sofern es dem Wohl des Kindes dient“, gilt somit nun die Negativprüfung. Ein unverheirateter Vater muss also nicht mehr belegen, dass sein Kind deutliche Vorteile durch die gemeinsame Sorge hätte, sondern es muss belegt werden, dass die gemeinsame Sorge der Kindeseltern dem Kindeswohl unmittelbar entgegenstehen würde.