Menschen in schwierigen Lebenssituationen suchen Austausch und Rat anderer, die Ähnliches erlebt haben. Oft kann das direkte Umfeld die Situation des betroffenen Elternteils nach einer Trennung mit Kind nicht nachvollziehen, Ratschläge gehen gefühlt  völlig an der Realität vorbei oder bestechen durch ein utopisches Situationsbild, das die emotionale Problematik außen vor lässt.

So, oder weil sie sich anders einfach nicht mehr zu helfen wissen, kommen Betroffene letztlich zum Internet und suchen dort nach Hilfe und Austausch – und werden fündig.

Es gibt unzählige Themenforen für von Scheidung und Trennung betroffene Erwachsene. Einige davon finden sich auch in unserer Linkliste wieder – aber nicht alle. Und das aus gutem Grund.

 

Gruppen, Fronten und Feindbilder

Auffallend ist, und das oft schon für den ungeübten Leser, dass die überwiegende Zahl an Communities, Foren und Gruppen ein sehr klares und tendenziell simples Wertegefüge propagiert:

Gut und Böse.

Eine bestimmte Personengruppe ist erklärter Feind, alle die dem zustimmen, machen es richtig, alle anderen sind entweder auch der Feind oder einfach nur naiv, jedenfalls machen sie es falsch. Diese Überzeugung schlägt dem unbedarften Betroffenen, der womöglich grade frisch getrennt und völlig verwirrt in der neuen Situation steht, ungefiltert und mit Nachdruck entgegen.

Emotional hilft das, weil es Unterstützung und Verständnis im Übermaß transportiert und irgendeinem anderen die volle, uneingeschränkte “Schuld” an dem zuspricht, was geschehen ist und womöglich gleich noch dazu die Schuld an allem, was noch geschehen wird. Dem Trennungselternteil bietet sich ein sehr attraktives Szenenbild: Er/sie hat alles richtig gemacht, alle anderen sind die Bösen.

Das ist bequem und lenkt von den bis dahin oft präsenten Schuldzuweisungen gegen sich selbst ab. Viele fragen sich kurz nach der Trennung, ob der Schritt der richtige war, ob nicht doch sie selbst das Beziehungsaus maßgeblich mit verursacht haben. Eine ganze Gruppe von Menschen, die sofortige Absolution ausspricht, noch bevor alle Fakten bekannt werden, kommt da sehr gelegen, um eine trügerische innere Ruhe zu entwickeln.

Die extremsten und verbreitetsten Frontenbildungen finden sich anhand der beteiligten Geschlechter – also Mutter vs. Vater und umgekehrt – oder gegenüber Gerichten und/oder Jugendämtern, kurzum gegenüber dem “System” rund um das Familienrecht.

 

Ziele ergeben sich aus Ideologien, nicht aus Bedürfnissen

Entsprechend der dann vorherrschenden Gruppendynamik, nach der ein konkreter Feind eindeutig identifiziert ist,  gestalten sich auch die jeweiligen Zielsetzungen der präsentierten Ratschläge:

Den Feind vernichten!

Es geht nicht um die Kinder oder darum, eine vernünftige Regelung unter den Eltern zu fördern. Es geht nicht einmal um den betroffenen Elternteil und seine/ihre Wünsche und Nöte. Das Gruppenziel, die übereinstimmende Ideologie, gibt das einzig vertretbare Ziel vor: Gewinnen. Koste es, was es wolle. Und dieses “Gewinnen” meint in der Regel, sich durchsetzen, nicht nachgeben, den anderen in seine Schranken weisen oder für das ideologisch bestimmte Schuldverhältnis bestrafen, in jedem Fall aber mit allen Mitteln verhindern, dass “der andere” oder “die anderen” gewinnen.

Die Rhetorik innerhalb solcher Communities und Gruppen ist eingespielt und abgestimmt. Die Sätze und Zeilen sind zig-fach geübt und erprobt – und sie klingen mitunter sehr überzeugend. Spätestens wenn einer eine Behauptung vorgibt und fünf oder sechs andere reflexartig zustimmen.

Es dauert oft nicht lange, bis das Elternteil diese Dogmatismen übernimmt, ohne es selbst wirklich zu bemerken. Im inneren Erleben geht es noch immer um den eigenen Konflikt, die eigene Situation in all ihrer Individualität und es geht um konkrete Zielen. Gleichzeitig finden Ratschläge zunehmend Gehör, die in eine völlig andere Richtung deuten.

 

Denn sie wissen, wie es nicht geht

Oft könnte eine ganz simple Frage die Qualität der Ratschläge empfindlich in Frage stellen: Wer von den Beratenden hat eine ähnliche Situation erfolgreich gelöst, mit welchem Ergebnis und wie?

Ähnlich wie bei Produktkritiken, bei denen oft die Kritiker scheinbar in der Überzahl sind, weil zufriedene Kunden keinerlei Bedarf an nachfassendem Austausch haben, verhält es sich durchaus auch in vielen Trennungs- und Scheidungscommunities. Dort sind diejenigen, die gute, tragfähige Lösungen erarbeitet haben und diese leben in der deutlichen Unterzahl, weil diese Personengruppe kaum Eigenmotive für den Austausch mit anderen Betroffenen hat.

Übrig bleibt eine deutliche Mehrheit an Betroffenen mit eigenen, teils deutlich schwerwiegenderen Problemen und ohne Lösung für die eigene Situation.

Die Chance, dass Ratschläge zur Durchsetzung von Umgangskontakten von einer Person kommen, die ihre eigenen Kinder seit Jahren laut gerichtlichem Beschluss nicht mehr sehen darf, ist erschreckend groß. Ebenso die Wahrscheinlichkeit, dass nicht wenige der Ratgebenden selbst den totalen Krieg mit dem anderen Elternteil leben, während sie Stellung zu kooperativen Ansätzen nehmen.

 

Projektion und Provokation

Häufig zeigt sich auch regelrecht plumpe Projektion. Dem Feindbild werden aus der Luft heraus Defizite oder Vorsätze unterstellt, von denen seiten des Betroffenen nie die Rede war. Plötzlich stehen Vorwürfe im Raum, die der Betroffene nie erhoben hat – und die Diskussion dreht sich ab da um dieses neue und völlig hypothetische Szenario, das mit der tatsächlichen Situation des Betroffenen gar nichts zu tun hat.

Ob dann ohne Kontext die Rede von PAS ist, wenn ein Kind beim Umgang einmal weint, der Vorwurf der physischen Gewalt im Raum steht, weil die Rede von heftigen (verbalen) Auseinandersetzungen (miteinander) ist oder aus dem Nichts psychiatrische Erkrankungen unterstellt werden; Es geht dann viel mehr um die Ratgebenden als um den Ratsuchenden.

Dabei handeln diese Personen in der Regel nicht bösartig, obschon man das bei genauerer Betrachtung unterstellen könnte, insbesondere dann, wenn man sich vor Augen führt, dass viele der erteilten Ratschläge völlig hypothetischer und theoretischer Natur sind. Man könnte das vergleichen mit einem Forenteilnehmer in einem Medizinforum, der auf die Frage eines Krebspatienten nach weiteren medizinischen Möglichkeiten etwas von Eisbädern erzählt – im Brustton der Überzeugung, weil er oder sie das einmal gehört/gelesen hat oder sich aus unausgereiftem medizinischen Verständnis so denkt. Der Rat als solcher ist meist gut gemeint. Allerdings werden die möglichen schädlichen Auswirkungen für den Betroffenen dabei völlig außer Acht gelassen.

Es wird äußerst leichtfertig mit dem Leben anderer gespielt – aus Mitteilungsbedürfnis, Achtlosigkeit oder schlicht mangelndem Respekt vor der Ernsthaftigkeit der Situation.

Zudem verschaffen sich solche “falschen Ratgeber” auf diese Weise in ihrer eigenen Situation Erleichterung. Nicht nur spielen sie praktisch auf Kosten anderer verschiedene Szenarien durch, die sie selbst nie umgesetzt haben, zudem bringt ein Misserfolg auf Basis solcher Ratschläge die innere Genugtuung, dass “der Feind” einmal mehr gesiegt hat. Es lag also nicht an ihm oder ihr selbst – das System ist krank und der Feind übermächtig.

 

Quicktip

  • Sondieren Sie Gruppen, Communities und Foren sorgfältig, bevor Sie sich aktiv beteiligen. Sehen Sie sich an, wie mit gestellten Problemfällen umgegangen wird und ob Sie dieses Vorgehen für zielgerichtet in ihrer persönlichen Situation halten.
  • Achten Sie auf ein kategorisches Feindbild, das sich durch alle Themen zieht. Sind – laut Community – grundsätzlich immer dieselben ganz bestimmten Personen verantwortlich, nehmen Sie Abstand.
  • Werden Sie hellhörig bei absoluten Ratschlägen, die Sie spontan als überzogen oder extrem empfinden. Nehmen Sie Abstand und reflektieren Sie, fragen Sie persönliche Bekannte oder Freunde nach deren Meinung und deren Einschätzung.
  • Gleichen Sie immer wieder Ihre tatsächlichen Ziele mit den Lösungen ab, auf welche die erteilten Ratschläge zielen. Kann Ihnen dieser oder jene Ansatz tatsächlich dabei helfen, zu erreichen, was Ihnen wichtig ist, oder werden Sie in einen großen, ideologischen Kampf eingespannt?
  • Scheuen Sie sich nicht, nachzufragen, wenn Ihnen etwas spanisch vorkommt. Hinterfragen Sie offen, wer Sie da berät und basierend auf welchem Erfahrungsschatz.
  • Holen Sie mehrere Meinungen ein. Es gibt zahlreiche Gruppen, Communities und Themenforen mit unterschiedlichem Ansatz. Stellen sie Ihre Frage in mehreren und betrachten Sie sich die Unterschiedlichkeit der Antworten reflektiert und mit gesunder Skepsis.
  • Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl. Lassen Sie sich von guten Argumenten überzeugen aber nicht von (bequemen) Phrasen einwickeln.