Innerhalb praktisch jeder seriösen Beratungsumgebung zu Trennung und Scheidung mit Kind wird Ihnen die Unterscheidung in Eltern- und Paarebene begegnen.

Ihr Berater/Ihre Beraterin meint damit die zwingend notwendige Unterscheidung zwischen Ihrer Haltung gegenüber dem ehemaligen Partner – dem Sie womöglich kaum noch Sympathie entgegen bringen können, dem Sie Fehlverhalten, vielleicht Betrug, Verrat oder Verletzungen vorwerfen – und Ihrer Haltung gegenüber dem Vater/der Mutter des gemeinsamen Kindes, der/die ein sehr guter Vater/eine sehr gute Mutter sein kann, ganz unabhängig davon, was Sie von diesem Menschen auf anderer Ebene erfahren haben mögen.

Das bedeutet, dass ein Seitensprung keine schlechte Mutter macht und mangelndes Engagement im Haushalt keinen schlechten Vater, so schwer das zunächst zu akzeptieren sein mag. Es ist wichtig, die Person des ehemaligen Partners von dessen Rolle als Elternteil zu trennen.

Nur so finden Sie die Grundlage für eine kooperative, für das Kind harmonische Elternschaft auch nach Trennung, unabhängig davon was zwischen Ihnen als Eltern vorgefallen sein mag.

 

Das Kind ist kein kleiner Ersatz-Partner

Es gilt unbedingt eine unbewusste Symbiose mit oder Projektion auf das Kind zu verhindern. Das andere Elternteil hat Sie betrogen – nicht das Kind, hat Sie verletzt – nicht das Kind. Es hat Sie verlassen – nicht das Kind. All das sind klassische Konflikte auf Paarebene.

Wird auf eine Trennung dieser Ebenen nicht geachtet, äußern Kinder später durchaus auch einmal Sätze wie “Der Papa hat UNS verlassen” oder werfen der Mutter den Seitensprung vor, der zur Trennung geführt hat. Hier zeigen sich häufig schon erste Zeichen einer Elternentfremdung, die auch die Ausmaße von PAS (vgl. Das Parental Alienation Syndrome) annehmen kann.

Trennungskinder können diese Art der Konflikte kaum verarbeiten. Schon durch ihre eigene Position gegenüber den Eltern ist es für sie nicht begreifbar, was geschehen ist. Wird das Kind von einem der ehemaligen Partner sodann zur Parteilichkeit angehalten, gerät es automatisch in einen erheblichen Loyalitätskonflikt, denn es will sich nicht fragen, wer die Schuld trägt. Für das Kind ist das unerheblich.

 

Loyalitätskonflikte vermeiden

Sein Instinkt, seine gesamte emotionale Realität verlangt danach, beide Eltern zu lieben und anzunehmen. Wird dieses Lieben und Annehmen gestört, indem das Kind dazu angehalten wird, sich für eine Seite zu entscheiden – die der Mutter oder die des Vaters – wird das Kind dazu gezwungen, sich vehement gegen seine Instinkte zu verhalten.

Das kann zu schweren Belastungen bis hin zu Entwicklungsstörungen führen.

Fragen Sie sich daher sehr bewusst und so oft wie nötig – auch wenn der ehemalige Partner in Ihrer Wahrnehmung der schlimmste Mensch sein mag, dem Sie je begegnet sind:

Ist er nicht trotz Allem ein guter Vater?

Ist sie nicht trotz Allem eine gute Mutter?

Die gedankliche Unterscheidung zwischen dem ehemaligen Partner als Partner und Person im erwachsenen Miteinander und dem ehemaligen Partner als Vater oder Mutter der gemeinsamen Kinder ist der Grundstein für zwei der wichtigsten und wirkungsvollsten Werkzeuge, die Sie nach einer Trennung in die Hand nehmen können:

 

Grenzen und gesunder Abstand

 

Es ist schwer, den ehemaligen Partner nicht mehr in dieser Rolle wahrzunehmen. Man war sich sehr nah, kennt sich sehr gut und Privatsphäre oder persönliche Distanzräume im engeren Sinne gab es innerhalb der Beziehung womöglich gar nicht mehr.

Insbesondere wenn eine Ehe oder Beziehung einseitig aufgekündigt, einer der Partner vom anderen verlassen wurde oder einer der ehemaligen Partner sich mit dem Ende der Beziehung noch nicht abfinden kann oder will, verschwimmen häufig die Grenzen.

Der Vater/die Mutter ihres Kindes ist nicht länger ihr/e Partner/in und damit ist auch die alte Vertrautheit, Intimität und Nähe hinfällig – auch auf sachlicher Ebene.

Dass heftige Konflikte mitunter erst dann aufkommen, wenn eine Weile nach der Trennung ein neuer Partner/eine neue Partnerin ins Spiel kommt ist kein Zufall – auch hier geschieht der Konflikt in der Regel auf Paarebene. Zu häufig ist mit der Beziehung eben doch noch nicht abgeschlossen. Und sei es die pure Wut, dass der andere “so schnell” über die Trennung hinweggekommen ist. Verletzungen des Egos und Macht spielen häufig eine große Rolle.

Die Trennungskinder dienen schnell als Universalschlüssel zur Privatsphäre des ehemaligen Partners und was dieser nicht freiwillig preisgeben möchte, wird gerne und oft mit dem Argument erzwungen, es ginge ja nur um das Wohl und die Interessen der Kinder.

So kommt es zum Beispiel immer wieder vor, dass Trennungseltern vom anderen Elternteil ganz selbstverständlich verlangen, ein neuer Partner/eine neue Partnerin müsse ihnen erst vorgestellt werden, bevor es zu einem Kontakt mit den Kindern kommt. Nicht selten werden solche “Vereinbarungen” unmittelbar bei oder sehr kurz nach der eigentlichen Trennung getroffen. Begründet wird dieser Wunsch meist damit, dass es sich ja um eine zukünftige Bezugsperson des Kindes handle.

Stellen Sie sich, nur des Effektes halber, einmal kurz vor, ein Expartner/ihre Expartnerin, mit dem/der sie kein Kind haben würde Ihnen unmittelbar nach der Trennung mitteilen, wenn Sie eine neue Beziehung eingehen, wollte derjenige den/die neue Partner/in unbedingt kennenlernen. Welches Bauchgefühl hätten Sie bei dieser Idee?

Bleiben wir bei diesem sehr häufig vorkommenden Beispiel:

Nehmen wir an, einem solchen Kennenlernen wird zugestimmt, es findet statt und der nicht frisch gebundene Elternteil kommt zu dem Schluss, dass der neue Partner/die neue Partnerin nicht als Bezugsperson taugt. Und nun?

Oder ihr neuer Partner/ihre neue Partnerin verweigert sich einem “Bewerbungsgespräch” mit der Mutter/dem Vater Ihres Kindes. Und nun?

Nun sollte nicht missverstanden werden, wodurch genau das Problem entsteht – grundsätzlich ist ein Kennenlernen aller engen Bezugspersonen eines Kindes eine großartige und konstruktive Idee, gesetz dem Fall, alle Beteiligten können das leisten.