Wenn der erste Staub der Lebensumstellung “Er/Sie hat ein Kind!” sich gelegt hat, der Kontakt mit dem Kind stattfindet und gut verläuft, die Gesamtsituation inklusive latent präsenter/präsentem Ex des neuen Partners weitgehend verarbeitet ist und sich etwas ähnliches wie Routine einstellt, kommen die meisten Unsicherheiten und Fragen für den Stiefelternteil in Spe erst auf.

Eine Bindung und Beziehung zu dem sogenannten Bonuskind (ein wunderbarer Ausdruck und deutlich zeitgemäßer als “Stiefkind”) zu entwickeln ist die eine Sache – nicht zuletzt weil Kind ja kräftig mitbandelt – im Alltag bzw. innerhalb der Umgangszeit mit dem Bonuskind umzugehen ist allerdings ein kleines Minenfeld.

Nicht so sehr, weil das Kind hochspezifische Ansprüche stellen würde, sondern weil jeder einzelne beteiligte Erwachsene in der Regel eine ganz eigene Idee davon hat, wie sich ein Stiefelternteil (in Spe) zu verhalten hätte, was es zu tun und zu unterlassen hätte.

Oft führt man Gespräche, unterhält sich unter den Partnern über die Konstellation und in der Theorie klingt alles gelöst und geklärt und nur wenige Stunden später steht man vor dem nächsten Problem: Wenn der Partner grade unter der Dusche ist und das Kind die Windel voll hat – darf ich es dann wickeln? Sollte ich es wickeln? Das ist eine der typischen und häufigsten Fragen von Stiefelternteilen (in Spe) – und eine der typischsten Handlungen, die Ex-Partner gerne (zur Not gerichtlich) verbieten lassen möchten.

 

Die Charts:

  • Das Kind des Partners baden/mit dem Kind baden/duschen
  • mit dem Kind des Partners kuscheln
  • das Bonuskind wickeln
  • an Veranstaltungen wie z.Bsp. Kindergarten- oder Schulfesten des Kindes teilnehmen
  • an der Erziehung mitwirken i.S.v. Verbote aussprechen und dergleichen
  • mit dem neuen Partner und Kind in den Urlaub fahren

 

Die Extremfälle, in denen der andere Elternteil versucht, den Kontakt zwischen Stiefelternteil (in Spe) und Kind grundsätzlich zu verhindern bzw. verbieten zu lassen ohne nachvollziehbaren Grund, klammern wir bewusst aus. Hierzu soll es zeitnah einen eigenen Artikel geben, auch um zu verdeutlichen, welchen Mehrwert die Beziehung zu einem Stiefelternteil für das Kind bedeuten kann.

Bei aufmerksamer Durchsicht der oben aufgeführten “Rangliste” der am meisten kritisierten Interaktionen fällt sofort eines ins Auge: Es geht um Nähe. Zum einen ganz plump körperliche Nähe – Baden und Kuscheln – aber auch emotionale Nähe und Involviertsein in das Leben des Kindes – Urlaub und Schulveranstaltungen. Die Erklärungen, weshalb das eine oder andere nicht im Sinne des Kindes sei sind wahrlich andere. Das Kind würde irritiert, verwirrt, verunsichert. Gegenüber neuen Partnern der Eltern werden die Begründungen allerdings manchmal auch klarer: “Der/die hat da nichts zu suchen!”, heißt es dann in Bezug auf eine Schulaufführung. Vom Kind keine Rede mehr.

Für den Stiefelternteil in Spe bergen diese Situationen ohnehin ein hohes Maß an Verunsicherung. Nicht nur kann auch hier die Nähe verunsichern – denn es ist ja nun doch nicht das eigene Kind. Was, wenn es zur Trennung kommt? Was, wenn man sich dann eng an das Kind gebunden hat und es nie wieder sehen darf? Zudem nicht wenige Stiefelternteile selbst ganz erheblichen “Hoheitsbammel” vor dem anderen Elternteil mit sich herum tragen. Man sagt sich also selbst ständig “Du bist nicht der/die Vater/Mutter, also halt dich zurück!”

So wie schon beim Kennenlernen das gesunde Bauchgefühl aussetzt, weil der Kopf das Ruder übernommen hat, so spinnt es sich fort. Der intuitive Gedanke, dem armen Kind eben die Windel zu wechseln, damit es sich wohler fühlt wird verdrängt von theoretischen und oft unterkühlten Gedankengängen – sollte ich dem Kind die Windeln wechseln, wenn es doch nicht mein eigenes ist? Und dort endet der Gedanke auch. Er wird in dieser theoretischen Ausrichtung gar nicht zuende geführt, sonst käme zwangsläufig die Erkenntnis, dass ja auch die Betreuer/innen in der Krippe dem Kind die Windeln wechseln. Das dürfen also nicht nur die Eltern. Aber darum geht es nicht. Es geht um Sicherheitsabstand zu diesem Kind.

Tatsächlich müssen viele selbst mit Kindern erfahrene und vertraute Stiefelternteile erst regelrecht lernen, ihr Bonuskind anzufassen und Nähe zuzulassen. All die Gedanken darüber, was angemessen ist und erlaubt hemmen einen natürlichen Umgang und Nähe wird nur Quentchenweise und in steter Hab-Acht-Stellung zugelassen.

Kinder spüren das. Und nicht selten geht das Bonuskind auf Abstand, weil es die verhaltene Ablehnung, das übertriebene Zurückhalten des Stiefelternteils spürt und erlebt und selbst Unsicherheit entwickelt, ob es sich nähern darf. Zudem das Kind in der Regel keine Handlungsmuster im Bezug auf “Stiefeltern” hat. Die Konstellation ist neu, die Bezugsperson Stiefvater/Stiefmutter ist neu und alle probieren herum, wie diese Beziehung genau aussehen kann und funktioniert.

Schnell kommt es da zu einem Sozialmikado – wer sich zuerst bewegt, verliert. Der Elternteil in der Beziehung weiß selbst nicht, wie es sein soll und hält sich heraus, denkt sich, die beiden regeln das schon selbst. Das Kind ist verunsichert und durch die schwer nachvollziehbare Distanz des Stiefelternteils irritiert und bleibt auf Abstand, wartet darauf, dass ein Erwachsener die Situation klärt und steuert. Der Stiefelternteil rührt sich auch nicht, weil er/sie darauf wartet, dass entweder der andere Partner als verantwortlicher Elternteil oder eben das Kind selbst das Problem löst, indem es Nähe sucht oder klar ablehnt. Aus der allgemeinen Verunsicherung entsteht eine völlig realitätsferne “Hop oder Top!”-Erwartung. Entweder Nähe oder nicht. Dass eine Beziehung zwischen Menschen – auch kleinen und großen Menschen – sich nicht so sprunghaft entwickelt, sondern langsam wächst, gerät aus dem Blick.

Genau dieses Dilemma spiegelt sich dann auch an jeder Veranstaltung des Kindes, bei der in der Regel die Eltern und nahe Bezugspersonen teilnehmen. Der eine Elternteil will das nicht über die Köpfe hinweg entscheiden – die Köpfe des Kindes und des Stiefelternteils in der Regel – während der andere Elternteil aus verschiedenen Gründen, die begrenzt auf das Kind zu beziehen sind nicht möchte, dass der Stiefelternteil an einer Veranstaltung teilnimmt und fragt nicht selten auch einfach das Kind, ob es denn wirklich möchte, dass der/die kommt. Wie in einem früheren Artikel erwähnt passiert Beeinflussung gegen neue Partner der leiblichen Eltern häufiger als gegen die Eltern selbst. Und dann warten alle auf das Kind und dessen Entscheidung. Es soll doch fragen, wenn es möchte, dass der Stiefelternteil mitkommt bzw. es doch sagen, dass und ob derjenige auch anwesend sein soll. Dadurch entsteht dem Kind subtiler Druck, den spürbaren Konflikt unter den Erwachsenen zu lösen. Das ist nicht seine Aufgabe – das kann es nicht leisten.

Der Gipfel dieses Berges ist dann eines Tages die “korrekte” Anrede des Stiefelternteils. Doch dieses Thema ist so komplex, dass wir es zeitnah in einem eigenen Artikel behandeln wollen.

 

Quicktip

  • Entspannen Sie sich – es ist nur ein Kind.
  • Denken Sie nicht für andere mit, sondern reflektieren Sie ihre eigene Haltung und Empfindungen sorgsam und ausführlich. Was fühlt sich “richtig” an?
  • Schaffen Sie sich ein inneres Vergleichsbild oder auch mehrere, die Ihnen dabei helfen, die Situation objektiver und von mehreren Seiten betrachten zu können. Versetzen Sie sich in die Position des Kindes oder stellen Sie sich vor, das Kind sei nicht das ihres Partners sondern das einer Schwester/eines Bruders und zu Besuch Ihrer Obhut überlassen. Wie würden Sie die Situation dann beurteilen? Suchen Sie nach vergleichbaren Ereignissen im Leben des Kindes mit anderen Personen als Ihnen – wie würde es da vermutlich gelöst?
  • Nehmen Sie ihren Partner in die Pflicht. Er/sie muss nicht zwingend entscheiden aber sich positionieren. Wie steht er/sie zu dem Thema, was empfindet er/sie als angemessen und wo sieht er/sie Grenzen und weshalb? Diskutieren Sie diese Unsicherheiten offen miteinander. Mit wem, wenn nicht ihrem Partner, teilen Sie die Bedenken und Nöte?
  • Lassen Sie sich auf das Kind ein und beobachten Sie es ganz wertfrei. Sucht es ihre Nähe? Lungert es häufiger etwas um Sie herum, traut sich aber nicht so ganz über die letzte Armlänge? Macht es womöglich im Spiel sogar Anstalten, sich Ihnen in die Arme werfen zu wollen, bremst aber plötzlich und dreht ab, wenn es realisiert, was es zu tun im Begriff ist? Haben Sie dem Kind schon einmal Körperkontakt angeboten oder warten Sie darauf, dass die Initiative vom Kind ausgeht?
  • Nehmen Sie ihre Verantwortung als erwachsener Mensch im Gefüge wahr und an und überlassen Sie Entscheidungen, mit denen es überfordert ist, nicht dem Kind.
  • Lassen Sie sich nicht von quasimoralischen oder ethischen Bedenken hemmen. Selbstverständlich kann und darf ein Mann ein kleines Mädchen und eine Frau einen kleinen Jungen wickeln oder baden. Das geschieht täglich millionenfach und auch der unbefangene Umgang mit Menschen beider Geschlechter gehört zur gesunden Entwicklung eines Kindes.
  • Richten Sie den Fokus ihrer Überlegungen auf das Kind. Freut es sich wohl, wenn Sie mit zur Schulaufführung kommen? Dann ist es Aufgabe aller beteiligten Erwachsenen, sich so weit zusammen zu reißen, dass dem Kind diese Freude ungetrübt möglich ist.
  • Trauen Sie sich. Wenn das Kind nicht oder nicht mehr will, wird es Ihnen das unmissverständlich deutlich machen.