Bereits in „Wird mein Kind beeinflusst?“ und auch im Beitrag „Beeinflussung, Entfremdung, PAS – was ist das?“ haben wir versucht zu beschreiben, woran zu erkennen ist, dass ein Kind durch Beeinflussungsversuche belastet ist, wie sich Entfremdung und das Parental Alienation Syndrome unterscheiden lassen und in „Beeinflussung nach Trennung mit Kind“ haben wir erläutert, dass schwere Entfremdung und PAS teilweise regelrecht unbewusst hervorgerufen wird und es gar nicht den aktiven Willen braucht, das Kind zu entfremden, um dennoch ein PAS auszulösen.

Noch nicht beschrieben haben wir die Anatomie einer Entfremdung. Den typischen Ablauf der Dinge, bis ein Kind sich partout weigert, den Vater/die Mutter zu sehen. Denn betrachtet man diese Abläufe und versetzt man sich in die betroffenen Kinder hinein, erscheint eine Entfremdung plötzlich die einzig logische Quintessenz zu sein.

 

Krisenherd am Küchentisch

Bevor ein Elternpaar sich trennt, gibt es in aller Regel Streit und Konflikte. So sehr wir uns dabei wünschen und hoffen, die Kinder würden nichts davon bemerken, weil wir Türen geschlossen halten oder warten, bis sie im Bett sind, erreicht mindestens die entstehende Grundstimmung die im Haushalt lebenden Kinder immer. Selbst wenn tatsächlich die eigentlichen Streitereien nicht miterlebt werden und nicht einmal laute Worte im Haus belauscht worden sind – Papa und Mama gehen anders mit einander um. Da ist mehr Distanz, Kälte, es fehlen kleine Gesten liebevoller Zuwendung. Kinder bemerken so etwas. Die Idee, dass ein Kind also die sich anbahnende Katastrophe nicht miterleben würde ist Wunschdenken. Das Kind spürt, dass etwas nicht stimmt, kann aber nicht greifen, was.

Die Vorstellung, Mama und Papa könnten sich trennen, ist für ein Kind zunächst einmal vollkommen absurd. Womöglich kennt es Spielkameraden oder Freunde in Kindergarten oder Schule, deren Eltern getrennt leben. Es ist also ein gewisses Begreifen da, dass es auch anderen so ergangen ist. Dabei, mit diesen neuen Lebensumständen umgehen zu lernen, hilft das allerdings nur begrenzt.

Irgendwann ist es dann so weit – die Paarebene implodiert, die Eltern halten es nicht mehr miteinander aus. Wohl dem, der dann schlicht auszieht. Wird ein gemeinsames Haus bewohnt und es leben keine Verwandten oder Freunde mit entsprechendem Platz in unmittelbarer Nähe – ein weiteres gemeinsames Wohnen ist also erst einmal nicht zu umgehen – durchleben die gemeinsamen Kinder die vergiftete Atmosphäre des schwelenden Konfliktes hautnah mit, wenn nicht sogar offen Feindseligkeiten ausgetauscht werden. Kinder sind mit Konflikten dieser Ausmaße vollkommen überfordert und versuchen oft verzweifelt im Rahmen ihrer Möglichkeiten, etwas dagegen zu unternehmen.

Während grade jüngere Kinder sich dann schnell einmal zwischen die schreienden Erwachsenen werfen mit ganz simplen aber umso verzweifelteren Apellen: „Schrei den Papa nicht an!“ tendieren ältere Kinder aus schlichter Hilflosigkeit dazu, Partei zu ergreifen. In ihrer eigenen Lebenswelt ist es so einfach – wenn zwei Streiten, muss einer im Unrecht sein. Sie suchen dann diesen „Schuldigen“ unter den Eltern und wenn sie ihn gefunden zu haben glauben, sehen sich diejenigen Erwachsenen schnell mit einem sie tadelnden Halbwüchsigen konfrontiert, der – zumeist mit vom anderen Elternteil übernommenen Vorwürfen – erklärt, man solle sich entschuldigen und nicht mehr so gemein sein.

 

Entfremdung beginnt da, wo einer der Gute sein will

Die ersten Beeinflussungen geschehen in aller Regel bereits in dieser frühen Trennungsphase und sind durchaus „natürlich“, wenn man so möchte. Innerhalb des akuten Konfliktes sieht sich jeder der Beteiligten im Recht und äußert das auch. Sei das in Form von Vorwürfen gegenüber dem anderen oder durch Erklärungen dazu, weshalb man selbst zweifellos die besseren Argumente habe – zum Beispiel weil der andere ja nie im Haushalt geholfen hat, sich nie um die Finanzen gekümmert hat, die Kinder nie zum Fußball gefahren hätte oder nie Partei ergriffen hat gegen die gehasste Schwiegermutter. Ganz normales Streitverhalten also, wie es in den besten Familien vorkommt. Alle Beteiligten sind hochemotional. Es geht nicht um rationale Lösungen sondern um verletzte Gefühle. Ein „Deine Mutter weiß genau, warum ich ausziehe“ ist ebenso schnell gesagt wie ein „Dein Vater hat ja Besseres zu tun, als sich um uns zu kümmern!“.

Ganz plumpe und offene Beeinflussung also, die allerdings in aller Regel keinen größeren Schaden anrichtet, weil sie wieder aufhört. Wenn der Konflikt sich entzerrt, einer der beiden Elternteile auszieht, Raum entsteht, dann hören diese Aussagen in aller Regel auf. Eltern- und Paarebene lösen sich langsam voneinander und jenseits des Vergangenheit als Paar entwickelt sich eine neue Kommunikationsebene, die sich unmittelbar auf das gemeinsame Kind bezieht. Wer holt den Sohn wann vom Fußball? Welches Wochenende verbringt die Tochter bei wem? Welche Schulsachen müssen erledigt werden und wie sind die Allergiemedikamente einzunehmen? Tatsächlich funktioniert das in über 85% der Fälle zumindest nach einer kurzen Zeit des „Einrüttelns“ recht gut.

Die übrigen 15% sind das, was in Fachkreisen als „hochstrittig“ bezeichnet wird. Elternpaare also, deren Paarkonflikt sich nicht von der Elternebene löst sondern darauf überspringt. Der vorherige Streit darum, wer mehr im Haushalt gemacht hat und wer wen wie und wodurch vernachlässigt hat, kippt um in die Frage, wie das Kind zu erziehen ist und wo ein anderer Erziehungsstil aufhört und Kindeswohlgefährdung anfängt.

Sehr typisch für dieses „Kippen“ sind Dramatisierungen. Wenn das Kind einmal keine Lust auf den Geigenunterricht hat und das äußert, dann „zwingt der/die andere das Kind dazu, Geige zu lernen“. Kommt das Kind einmal mit einem aufgeschlagenen Knie an oder zurück, dann hat „der/die andere seine Aufsichtspflicht verletzt“. Der Drang, den größtmöglichen Fehler oder auch schlimmstmögliche Absichten in jedes denkbare Vorkommnis hinein zu interpretieren ist groß.

 

Das Wohl des Kindes als Geheimwaffe

Dass es eigentlich nicht um das Kind geht und man ehrlich und sachlich natürlich nicht glaubt, das Kind befände sich in akuter Gefahr, wenn es mit dem/der anderen den Zirkus besucht – weder körperlich noch moralisch – ist häufig gar nicht bewusst. Man tut sich schwer damit, sich selbst einzugestehen, dass man das Kind instrumentalisiert, denn genau das geschieht dann. Deshalb werden sehr eifrig „Beweise“ und „Zeugen“ gesucht, um zu belegen, dass es sich eben nicht um einen Machtkampf mit dem/der Ex handelt, sondern um Fakten, die man als besorgtes Elternteil natürlich wahrgenommen hat.

Lapalien werden dabei schnell zu Krisen. Wie absurd einige Vorhaltungen sind, ist für Außenstehende oft deutlich, die Betroffenen selbst aber – und zwar beide – widmen sich diesen Vorhaltungen und auch deren Abwehr mit todernstem Eifer.

Einige typische Beispiele:

  • Es sei verantwortungslos, das Kind nicht jederzeit an der Hand zu führen, es könnte vor ein Auto laufen. Daher stelle das eine Verletzung der Aufsichtspflicht dar und das Sorgerecht müsse entzogen werden bzw. Umgang könne nur noch unter Aufsicht stattfinden.
  • Das Kind habe sich mit dem neuen Partner/der neuen Partnerin gestritten, demnach sei diese Person ab sofort eine latente Kindeswohlgefährdung und müsse wahlweise vom Kind fern gehalten oder der Kontakt des Kindes zu ihm/ihr vollständig unterbunden werden.
  • Das Kind habe sich mit dem anderen Elternteil gestritten, es wolle ab sofort nie mehr dort hin, der Umgang müsse demnach ausgesetzt werden, bis der betroffene Elternteil sich entschuldigt hat.
  • Dem Kind würden Süßigkeiten angeboten, dies bedrohe die Gesundheit des Kindes, daher sei wahlweise das Sorgerecht zu entziehen oder der Umgang auszusetzen, bis das Elternteil sich schriftlich verpflichtet, dem Kind nie mehr Schokolade zu geben.
  • Das Kind wünsche sich etwas explizit und mit Nachdruck, da dem nicht entsprochen werde, sei offensichtlich, dass die Kindesinteressen ignoriert werden. Das Sorgerecht müsse entzogen, wahlweise der Umgang ausgesetzt oder eingeschränkt werden.

In einschlägigen Gesprächsrunden zeigt sich auch recht schnell, dass man viele vollkommen willkürliche Forderungen rechtfertigen kann, wenn man nur geschickt eine Gefahr oder Belastung für das Kind konstruiert. Die meisten dieser Vorwürfe lassen sich sehr leicht mit objektivem Maß messen, indem die Frage gestellt wird: Was würde im selben Fall geschehen, wenn die Eltern nicht getrennt wären? Wie würde man dann mit der Situation umgehen? Auch die Frage, wie man damit umginge, wenn nicht der Ex-Partner sondern die Großmutter, also die eigene Mutter, sich dem Enkelkind gegenüber exakt so verhalten würde, bringt oft eine gewisse Klarheit. Würde auch dort umgehend der Kontakt unterbunden?

 

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