Ich sehe was, was Du nicht siehst

“Der Papa/die Mama macht etwas ganz Schlimmes mit Dir, ich verrate Dir aber nicht, was!”

Oft genug beginnt die eigentliche Beeinflussung dann schleichend und nicht selten genau da, wo Elternteile krampfhaft versuchen, dem Kind nichts offen zu vermitteln. Der missbilligende Blick zu der neuen Jacke, die Mama gekauft hat oder das leise Seufzen, wenn das Kind von einer Unternehmung mit Papa berichtet, Gespräche mit anderen Erwachsenen darüber, wie verantwortungslos und wenig kindgerecht der abwesende Elternteil mit dem Kind umginge, die das Kind vielleicht nicht versteht, wohl aber wahrnimmt.

Allein die Stimmung unmittelbar vor oder nach Kontakt zum anderen Elternteil und/oder sobald die Rede auf den abwesenden Elternteil kommt, vermittelt dem Kind ein sonderbares Sammelsurium negativer Emotionen, die es nicht einzuordnen weiß. Immer vor dem Umgang hat Mama/Papa schlechte Laune und immer nach dem Umgang ist er/sie sehr aufgeregt, kritisch, hinterfragt vieles am Kind und durch das Kind. Oder umgekehrt – immer wenn der Umgang beginnt fragt Mama/Papa ganz viel nach, was in der Woche sonst so war und hat dann schlechte Laune oder schnallzt mit der Zunge oder seufzt.

Diese Eindrücke erweitern sich noch zusätzlich, sobald das Kind alt genug ist auch von selbst die Sprache auf den anderen Elternteil und seine Zeit dort zu bringen. Wenn es dann erzählt, Vergleiche zieht oder dergleichen, spürt es schnell, wenn jedes Mal die Stimmung kippt oder der anwesende Elternteil einen scheinbar freundlichen aber stets kritischen Kommentar zu dem Berichteten abzugeben weiß.

Mittel- und langfristig entsteht dem Kind so ein ganz deutlicher Eindruck – ohne dass irgendjemand konkret schlecht vom anderen Elternteil gesprochen hätte: Irgendetwas bei dem/der oder was der/die mit mir macht, ist nicht in Ordnung und macht den/die andere/n immer wütend, traurig oder missmutig.

 

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Immerhin kann man denjenigen, die versuchen, den Kindern keinen Negativeindruck zu vermitteln zu Gute halten, dass sie sich bemüht haben, das Richtige zu tun. Andere berufen sich auf eine „Wahrheit„, die sie den Kindern sagen wollen. Oft genug wird diese Erklärung noch mit der Aussage untermauert, man weigere sich, das Kind anzulügen. Nun hat ja zunächst einmal jeder Mensch seine ganz eigene subjektive Wahrheit, die nicht zwingend mit der allgemein objektiven übereinstimmen muss. Man bedenke religiöse Fanatiker oder verwirrte ältere Menschen. Wahrheit ist für uns immer das, was in unserem Kopf und mit Hilfe dessen, was wir wahrnehmen am logischsten erscheint. Mit den Fakten muss das nicht übereinstimmen und objektiv richtig muss es auch nicht sein. Es genügt ja schon, wenn uns Informationen fehlen.

Ein Beispiel:

Er und sie trennen sich, das gemeinsame Kind ist 2 Jahre alt.
Sie denkt: Dieser verantwortungslose Kerl! Ruft nicht an, erkundigt sich nicht nach dem Kind, ihm ist das alles völlig gleichgültig, der ist froh, dass er nicht mehr Vater spielen muss.
Er denkt: Die Trennung war schlimm und hat uns beide sehr verletzt, es geht der Ex jetzt nicht gut und ich will es auf keinen Fall noch schlimmer machen! Am Ende leidet sonst nur das Kind unter dem Streit. Am Besten warte ich erst einmal ab und bedränge sie nicht, bis sie sich so weit gefangen hat, dass wir darüber reden können, wann ich mein Kind sehen kann.

Der typische weitere Verlauf sähe dann so aus, dass er sich nach Monaten meldet, weil von ihr kein Lebenszeichen kommt und vorsichtig nachfragt, wie es denn mit Umgangskontakten mit dem Kind aussieht, woraufhin sie völlig empört darauf verweist, es bestünde ja gar keine Beziehung mehr zum Kind, sofern da je eine gewesen wäre und bestenfalls könnte man über ganz kurze, seltene und keinesfalls unbeaufsichtigte Kontakte sprechen. Oft genug treffen sich dann beide weitere Monate später vor Gericht, weil sich der Streit darum, ob der Vater mit dem Kind alleingelassen werden kann, hochschaukelt.

Was wir für „wahr“ halte hängt also ganz unmittelbar von dem ab, was wir wissen und nicht wissen. Hinzu kommt, dass (insbesondere frisch) getrennte Ex-Partner in aller Regel emotional ein eher durchwachsenes Verhältnis zueinander haben. Man mag sich nicht mehr. Oft genug mehr als das: Man kann sich absolut nicht (mehr) leiden. Zumindest unmittelbar nach der Trennung trifft das wohl auf die deutliche Mehrheit zu und abhängig auch vom Verlauf der Beziehung und den Trennungsgründen kann sich diese Ablehnung über Jahre hinweg halten. Wie wir zu einer Person stehen beeinflusst zusätzlich und ganz erheblich wie wir interpretieren, was sie tut oder lässt. Sehr schön zu sehen am oben genannten Beispiel. Wir alle kennen Menschen, die einen anderen derart „gefressen“ haben, dass der oder die nichts, aber auch gar nichts recht machen kann. Selbst der Versuch, Gefallen zu erweisen wird umgedeutet in böse Absicht. Genau so ergeht es vielen Ex-Partnern. Was auch immer sie tun oder nicht tun – die schlechtestmöglichen Absichten werden unterstellt.

Eines der befremdlichsten Beispiele hierfür ist der Vorwurf, ein Vater oder eine Mutter spiele sich in der Zeit mit Kind als „Vorzeige-Mama/Papa“ auf, um das Kind gegen den anderen aufzuhetzen. Das fürsorgliche Kümmern um das Kind und das liebevolle Umsorgen wird also umgedeutet in einen Angriff auf die eigene Person.

Ist nun also ein Elternteil beseelt von der Idee, dem Kind die „Wahrheit“ über den anderen Elternteil sagen zu wollen, meint das in aller Regel die eigene, subjektive Wahrheit. Er/sie ist ein schlechter Mensch, ein/e schlechte/r Mutter/Vater, macht alles falsch und das auch noch mit böser Absicht. Unnötig zu erwähnen, dass dieselben Eltern kein Problem damit haben, dem Kind zu sagen, sie hätten keine Zeit zum Spielen, wenn sie keine Lust haben und zu dicht vor dem Fernseher zu sitzen mache blind.

 

Einer spielt PAS und alle machen mit

Nun kann bereits an dieser Stelle der Beginn eines späteren PAS liegen, sofern ein Elternteil konstant, energisch und völlig unreflektiert an das Kind vermittelt, der andere sei „Böse“. Denn das ist letztlich das Grundprinzip der Eltern-Kind-Entfremdung: Das Kind sortiert die Elternteile kategorisch in einen „guten“ und einen „bösen“ Part. Während der „gute“ Part idealisiert wird, unangenehme Erlebnisse auch einfach ausgeblendet werden, wird der andere, der „böse“ Part irrational verteufelt. Dann zeigt sich beim Kind genau das oben beschriebene Muster: Egal was er/sie tut, er/sie macht es mit den schlechtestmöglichen Absichten.

Ein ganz erheblicher und oft unterschätzter Faktor in der Entstehung eines PAS ist allerdings das Umfeld des betroffenen Kindes. Beim Parental Alienation Syndrome dreht sich alles um Wahrnehmung. Das Kind lügt nicht und sagt, der Papa/die Mama sei böse und gefährlich, weil der andere Elternteil das hören möchte, sondern weil das Kind selbst es tatsächlich glaubt. Ein oft schwer verkannter Umstand, der nicht wenige entfremdete Eltern in die Sackgasse führen, den Kind entgegen zu halten, das habe man ihm eingeredet. Ja, hat man gewisser Maßen, aber das ist an diesem Punkt in aller Regel schon so lange her, dass das Kind das so nicht mehr realisieren kann. Kommt ein PAS tatsächlich zu Tage, klammert sich ein Kind also beim Umgangsversuch am heimischen Türrahmen fest und schreit und tritt, wenn man versucht, es dazu zu bewegen, sich dem entfremdeten Elternteil auch nur zu nähern, dann tut es das nicht, weil es ihm so beigebracht wurde, sondern weil es vollkommen vernünftig auf die eigene Realität reagiert – der/die ist gefährlich und böse und ich will da nicht hin!

Solch eine Realität kann sich allerdings nur dann etablieren, wenn die Menschen, die täglich und regelmäßig auf das Kind treffen diese Wahrnehmung ein Stück weit mittragen. Lebt im Haushalt ein neuer Partner/eine neue Partnerin, die, unbelastet von emotionalen Altlasten bekräftigt, dass der Papa/die Mama das sicher lieb gemeint hat beim letzten Umgang, weicht das Entfremdungen auf. Großeltern, die sich der chronischen Anti-Stimmung gegen den Ex-Schwiegermenschen nicht anschließen sondern maßvoll die Zuneigung zu beiden Eltern bestärken, weichen Entfremdungsansätze auf. Sogar Erzieher/innen und Lehrer/innen, welche nicht – wie es leider häufig vorkommt – die Horrorgeschichten des meist betreuenden Elternteils übernehmen, sondern neutral bleiben, weichen häufig Entfremdungsansätze auf, ohne es zu erahnen.

Spielt sich allerdings gegenteiliges ab, oft weil Schauergeschichten aus der subjektiven Wahrheit des einen Elternteils unkritisch übernommen werden, mitunter sogar noch weiter ausgeschmückt und wird diese Realität dann an das Kind zurückgespiegelt, festigen sich Entfremdung und PAS erschreckend schnell. Das Kind, welches seine eigene, in der Regel abweichende, Wahrnehmung der Mutter/des Vaters als liebevolles Elternteil mit der ganz anderen Darstellung des entfremdenden Elternteils konfrontiert sieht, sucht förmlich nach Orientierungshilfen, welche Wahrnehmung nun die „richtige“ ist. Umso jünger das Kind umso weniger, denn umso stärker wird die vom Elternteil präsentierte Realität übernommen. Dabei entspricht dann „Es gibt einen Weihnachtsmann“ demselben Prinzip. Das Kind glaubt es felsenfest, obschon es mit Sicherheit nie einen Weihnachtsmann im heimischen Wohnzimmer ertappt hat. Aber die Eltern leben diese Realität vor, also gibt es einen Weihnachtsmann. Und mit derselben Selbstverständlichkeit ist Mama/Papa der Teufel, wenn die unmittelbaren Bezugspersonen des Kindes diese Realität vorleben.

Daraus ergibt sich natürlich auch, dass es sehr viel schneller zu einem praktisch „versehentlichen“ Entfremden des Kindes durch den betreuenden Elternteil kommen kann als durch den Umgangselternteil. Während tägliches und anhaltendes Vermitteln eines negativen Bildes auch dann zu einer sehr vehementen Ablehnung führen kann, wenn die eigentliche Beeinflussung eher unspektakulär erscheint, braucht es im Rahmen einer klassischen Vierzehn-Tage-Wochenend-Umgangsregelung schon handfeste Beeinflussungen, um das Kind in seiner Wahrnehmung so nachhaltig zu manipulieren. Davon muss dann auch die Rede sein, von aktiver und bewusster Manipulation, mindestens jedoch von völlig unreflektiertem und nicht kindgerechtem Verhalten dem Kind gegenüber.