Der Umgang mit einem beeinflussten Kind ist schwierig und nervenaufreibend. Insbesondere die immer wiederkehrenden Situationen, in denen das Kind verdeutlicht, dass es den Kontakt vermeintlich nicht will, sich gegen die Abholung wehrt oder bei geringsten Konflikten umgehend zum beeinflussenden Elternteil zurück will, sind emotional hoch belastend.

Mancher Umgangselternteil kommt so nach einer Trennung mit Kind mit der Zeit an einen Punkt, an dem die Frage auftaucht, ob ein Rückzug nicht die bessere Lösung und insbesondere im Sinne des Kindes wäre, eben weil es den Kontakt ja scheinbar nicht will.

 

Mangelnde Bindungstoleranz kann Sorgerechtsentzug begründen

Verdrängt wird hierbei, welchen Schaden das Kind durch den Verlust einer Elternbeziehung nimmt, auch ohne dies selbst unmittelbar zu begreifen. Gerichte werten das mutwillige und fortgesetzte Stören und Verhindern der Beziehungspflege zwischen dem Kind und einem Elternteil nach einer Trennung mit Kind inzwischen regelmäßig als kindeswohlgefährdendes Verhalten.

So entzog zum Beispiel das OLG Brandenburg 2009 einer Mutter das Sorgerecht und übertrug es dem Vater, weil die Mutter keinerlei Bindungstoleranz gegenüber dem Vater zeigte. Auch das AG München entschied in einem von den Medien vielfach aufgegriffenen Beschluss, einer Mutter das Sorgerecht zu entziehen, weil diese fortgesetzt und unbelehrbar den Umgang mit dem Vater verhinderte.

Eine Vielzahl an familienpsychologischen Gutachten werden in Auftrag gegeben, um unter anderem die Frage der Bindungstoleranz zu klären. Ist diese in relevantem Maße eingeschränkt, ist von einer eingeschränkten Erziehungsfähigkeit auszugehen.

 

Einfach blockiert oder manipuliert?

Hierbei ist allerdings wesentlich, ob lediglich der Kontakt zwischen dem Kind und dem anderen Elternteil verhindert, oder das Kind aktiv gegen den anderen Elternteil beeinflusst wird.

Wird dem Kind eingeredet, der andere Elternteil sei böse, gefährlich, bedrohlich oder anderweitig abzulehnen, stellt sich die Situation anders dar. Dann wird Zeit zu einem sehr kritischen Faktor, denn mittelfristig wird das Kind die Indoktrination so sehr verinnerlichen, dass es tatsächlich große Angst und Misstrauen gegen den entfremdeten Elternteil entwickelt. Die Bindung und Beziehung wird sehr viel erheblicher gestört als bei bloßer Kontaktunterbrechung, womöglich sogar zerstört.

Kommt es dazu, entsteht ein ganz neues und sehr viel schwierigeres Problem: Ein Wechsel in den Haushalt des anderen Elternteils ist nicht mehr ohne Weiteres möglich, weil das Kindeswohl dadurch gefährdet wäre.

Geht zu viel Zeit ins Land, hat ein entfremdender Elternteil nach der Trennung zu lange Gelegenheit, das Kind gegen den anderen Elternteil zu vereinnahmen, dann ist eine simple Übertragung des Sorgerechtes alleine auf den entfremdeten Elternteil und ein Umzug dort hin nicht mehr möglich. Es werden langwierige Wiederanbahnungsprozesse und therapeutische Begleitung notwendig. Das Kind muss fremduntergebracht werden, bis die Beziehung zum entfremdeten Elternteil wiederhergestellt ist.

Dann ist also die verbleibende Alternative zum Haushalt des entfremdenden Elternteils eine Pflegefamilie oder ein Kinderheim. Die Hemmschwelle, dem Kind einen solchen Wechsel zuzumuten liegt ungemein höher als jene, das Kind “einfach” vom einen leiblichen Elternteil zum anderen umziehen zu lassen – hier stünde lediglich die Kontinuität zur Diskussion.

 

Er/sie kümmert sich ja gut um das Kind, aber…

Wenn ein Elternteil nach einer Trennung mit Kind ernsthaft die Überlegung anstellt, sich aus dem Leben seines Kindes zurück zu ziehen, besteht häufig die Idee, das Leben des Kindes würde dann schlagartig harmonisch und frei von Druck und Stress, denn das entfremdende Elternteil habe dann ja keinen Grund mehr, auf das Kind einzuwirken. Womöglich ist zudem ein neuer Partner/eine neue Partnerin vorhanden, den/die das Kind mit “Mama” oder “Papa” anspricht.

Der entfremdete Elternteil fühlt sich auch selbst zunehmend real in der Rolle, die ihm zugewiesen wird – das fünfte, störende Rad am Wagen. Alles wäre gut, wäre er/sie nicht mehr da.

Wird das Kind außerdem ansonsten gut durch den entfremdenden Elternteil versorgt, verstärkt sich dieser Effekt noch.

Vergessen wird hierbei, dass ein solches Verhalten, wie es der entfremdende Elternteil gegenüber dem Kind an den Tag legt, kein isoliertes Verhaltensmuster ist, das mit Verschwinden des gehassten ehemaligen Partners ebenfalls verschwindet. Nicht umsonst gilt mangelnde Bindungstoleranz als potentiell kindeswohlgefährdend.

Der entfremdende Elternteil hält nicht nur das Kind von einer entwicklungsrelevanten Beziehung fern, er/sie bemüht sich aktiv darum, diese Beziehung zu zerstören. So deutlich es im Kontext Elternentfremdung zu Tage tritt (vgl. Parental Alienation Syndrome) so allgegenwärtig ist diese Grundeinstellung gegenüber dem Kind auch in anderen Dingen.

Entfremdet ein Elternteil das Kind dem anderen Elternteil bewusst und gezielt, ist mindestens erkennbar, dass die Interessen und das Wohl des Kindes deutlich hinter den Interessen des entfremdenden Elternteils zurückgestellt werden. Dieses Muster beschränkt sich dann in der Regel nicht auf das Verhindern der ungewünschten Elternbeziehung. Auch in anderen Dingen wird das Kind mit seinen Wünschen und Bedürfnissen im Zweifel den Interessen und Wünschen des entfremdenden Elternteils untergeordnet.

Manche Beweggründe für die Beeinflussung eines Kindes sind latent pathologischer Natur. Lesen Sie hierzu unbedingt auch Verhaltensmuster und Persönlichkeitsstruktur entfremdender Eltern.

Die mutwillige Zerstörung einer Eltern-Kind-Beziehung nach einer Trennung mit Kind stellt eine Kindeswohlgefährdung dar. Sie als nicht beeinflussender Elternteil sind der Anker des Kindes. Seine Verbindung zur objektiven Realität und womöglich sein wichtigster Anwalt in Bezug auf seine eigenen Bedürfnisse und Interessen.

Wenn Sie gehen, wird niemand dem Kind erklären, dass Sie sich aus Rücksicht auf das Kind zurückgezogen haben. Zu den Schmähungen und Vorwürfen, die das Kind ohnehin hört, kommt dann die Erklärung, Sie hätten es verlassen, sich ohnehin nie interessiert, sich aus dem Staub gemacht. Das Kind lebt mit und in der Wahrheit, dass es von einem Elternteil abgelehnt und verlassen wurde. Das kann kein Ersatzpapa/keine Ersatzmama kompensieren.

Lassen Sie ihr Kind nicht alleine. Verschwinden können Sie ja doch nicht, denn jedes Kind lernt früher oder später, dass irgendwo noch eine Mama/ein Papa sein muss. Dann sind Sie also mit Nichten aus dem Leben des Kindes verschwunden, Sie sind nur nicht mehr (für das Kind) da.