Die Beziehung zwischen Eltern und Kind ist in der Regel etwas so Stabiles und Unverrückbares, dass nicht wenige Erwachsene sich sehnlichst ein wenig mehr Abstand wünschen würden. Ganz anders ergeht es Kindern und Eltern, die nach einer Trennung den Kontakt zueinander verloren haben, manchmal über Jahre, sogar Jahrzehnte hinweg. Während die Kinder die Situation sehr unterschiedlich durchleben, oft auch abhängig davon, ob ein alternatives Rollenvorbild – ein Stiefvater oder eine Stiefmutter – präsent ist und wie gut die Beziehung und Bindung zu dieser Person ist, durchleben Elternteile, die unfreiwillig den Kontakt zu ihrem Kind verloren haben die Hölle.

Viele greifen wie Ertrinkende nach jeder Information, jeder Möglichkeit, mit dem Kind in Kontakt zu bleiben und sei es nur indirekt über Auskünfte über schulische Leistungen oder die Berufswahl. Oft berichten solche Eltern von regelrechten Verfolgungen, Recherchen und ständiger Suche nach neuen Hinweisen und Informationen über das „verlorene“ Kind. Häufiger kommt es dabei vor, dass die im Kontakt behinderten Elternteile in ihrer Verzweiflung Grenzen überschreiben und eine meist ohnehin vorhandene Entfremdung noch zusätzlich verstärken – doch Alternativen scheint es nicht (mehr) zu geben.

 

Wie ist ein Kontaktabbruch überhaupt möglich?

Die Frage, wie so etwas überhaupt passieren kann, drängt sich auf. Auch deshalb sehen sich betroffene Elternteile durchaus auch mit argwöhnischen Blicken konfrontiert. Da muss es doch Gründe geben, wenn ein Kind seine eigene Mutter/seinen eigenen Vater nicht mehr sehen will.

Tatsächlich gibt es diese Gründe in der Regel für das Kind auch – ob sie real sind ist allerdings eine völlig andere Frage. Sind Kinder Opfer von Manipulation und Beeinflussung oder sogar dem Parental Alienation Syndrome, beginnen sie selbst den Kontakt zu einem Elternteil abzulehnen, reagieren panisch oder wehren sich mit Händen und Füßen ganz körperlich, wenn sie dem entfremdeten Elternteil begegnen sollen. Wird diese Eskalationsstufe erreicht, kann es dazu kommen, dass Umgangskontakte nicht mehr umgesetzt werden können, weil das Kind sich derart ängstigt oder auffällig wird, dass es ernsten Schaden durch den Kontakt nehmen könnte. Dann bricht der Kontakt ab – auf Wunsch des Kindes, könnte man sagen. Werden Kinder dergestalt beeinflusst, dass sie dazu angehalten werden, die Kontakte abzulehnen, ohne den Kindern jedoch faktisch Ängste und Abwertungen des anderen Elternteils zu indoktrinieren, plagen sich diese Kinder später häufig mit immensen Schuldgefühlen. Spätestens rückblickend verstehen sie, was sie selbst – wenn auch auf Anweisung – getan haben und nicht selten hemmt die Angst, nun vom abgelehnten Elternteil abgelehnt zu werden den sehnlichen Wunsch, wieder Kontakt zu suchen.

Eine ganz andere Möglichkeit ist klassischer Kindesentzug. Wenn mit dem Kind einfach unbekannt – womöglich sogar ins Ausland – verzogen wird und nicht mehr nachvollziehbar ist, wo das Kind steckt. Auch dann kommt es zum Kontaktabbruch, wobei in diesen Fällen die Kinder mitunter ganz klar, wenn auch selten offen, den abwesenden Elternteil vermissen und sich nach ihm/ihr sehnen.

 

Irgendwann kommt das Kind von selbst?

Betroffenen Eltern wird gerne ertklärt, das Kind käme sicherlich irgendwann von ganz alleine und suche den Kontakt. Wenn es alt genug sei, die Zusammenhänge verstanden habe. Das kann geschehen – allerdings nur dann, wenn das Kind ohne weitere Beeinflussung einfach mitgenommen wurde, meist durch einen Umzug ohne Rücksprache und Information, wohin und wann.

Wird ein Kind hingegen aktiv gegen den abwesenden Elternteil beeinflusst und gegen ihn vereinnahmt, mitunter sogar in paranoide Perioden hineingetrieben aus einer völlig gestaltlosen Angst vor dem eigenen Vater oder der eigenen Mutter, weil es „einfach mitgenommen“ werden könnte oder „nicht zurückgebracht“, dann verschärft sich ein folgender Kontaktabbruch dramatisch und die Chancen, dass dieses Kind in einigen Jahren von selbst auf den verlorenen Elternteil zukommt sind äußerst gering.

Kommt es zu einer Annäherung durch das Kind selbst, dann setzt dies in der Regel eine Form von Schlüsselmoment voraus: Entweder ist die Abnabelung vom anderen Elternteil so weit fortgeschritten, dass sich das Kind ganz bewusst dazu entscheidet, sich nun ein eigenes Bild machen zu wollen – oder Antworten und Erklärungen für die von ihm als real angenommenen Vorwürfe – oder es gibt eine andere Form von Strukturbruch, der mit einer Neuorientierung einher geht. So geschehen solche Kontaktsuchen häufig bei Geburt des ersten eigenen Kindes, durch Zutun eines neuen Partners/einer neun Partnerin des Kindes, durch einen Bruch mit dem anderen Elternteil oder einen anderen Auslöser, der schon länger vorhandene Zweifel an der kollektiven Haltung gegenüber dem abwesenden Elternteil bekräftigt.

Auch ein Auszug von zu Hause kann ein solcher Abnabelungspunkt sein.

Ist ein Kind allerdings aufgrund von Beeinflussungen in einem durchweg negativen und schadhaften Bild eines Elternteils gefangen, stehen die Chancen denkbar schlecht. Selbst bei Abnabelung oder Strukturbruch wird der abwesende Elternteil gar nicht als alternative Bindungsperson erlebt. Er oder sie ist ein Problem und das ist weg – warum sollte man das ändern wollen?

 

Loslassen oder überfahren?

Ob es sich „lohnt“ an der Hoffnung auf eine Wiederannäherung fest zu halten ist nicht verallgemeinert zu beantworten. Es gibt Fälle, in denen man zum Wohle aller Beteiligten eigentlich dazu raten muss, los zu lassen, weil sowohl das Elternteil als auch das Kind an jedem alternativen Ansatz zu zerbrechen drohen würden.

In vielen Fällen jedoch kann zumindest das offene Angebot wieder in Kontakt zu kommen riskiert werden. Es liegt dann in der Hand des Kindes, dieses Angebot anzunehmen oder nicht – und vor allen Dingen dann, wenn es dazu bereit ist. Viele betroffenen Eltern unterschätzen aus eigenem Sehnen heraus völlig, welche Überforderung es für das Kind bedeutet, plötzlich mit dem seit Jahren nicht gesehenen und fremd gewordenen Elternteil konfrontiert zu werden. Oft werden Grenzen überschritten, persönliche Distanzzonen gar nicht mehr wahrgenommen. Der verlorene Elternteil steht womöglich vollkommen verständnislos da, wenn er das grade wiedergefundene Kind mitten zur Vorlesungszeit auf dem Campus abgepasst hat und dieses regelrecht die Flucht ergreift.

Briefe, Telefonate und E-Mails, angefüllt mit Jahren voller Trauer, Sehnen und Zuneigung erschlagen die betroffenen Kinder förmlich, zudem nicht selten jeder Brief, jedes Paket, das den Absender des abgelehnten Elternteils zeigt im familiär gelebten Umfeld des Kindes zu schlechter Stimmung oder neuen Hasstiraden führt.

 

Wiederannäherung – so kann es funktionieren

Wenn betroffene Elternteile glauben, ihr Kind wiedergefunden zu haben oder sich dessen sogar sicher sind, stolpern die meisten zwischen völliger Regungslosigkeit aus Angst, das Kind wieder zu „verscheuchen“ einerseits und dem bereits erwähnten Überfahren – einer totalen Überforderung des Kindes durch plötzliches persönliches Auftauchen oder für das Kind viel zu übertriebene Zuneigungsbekundungen oder gar Geschenke.

Folgende Ideen helfen Ihnen dabei, die Situation sinnvoll zu meistern:

  • Auf keinen Fall das Kind irgendwo persönlich abfangen! – Einer der wohl häufigsten Fehler betroffener Eltern ist unangekündigtes Auftauchen im (meist auch noch öffentlichen) Lebensumfeld des Kindes zum Beispiel an Schule oder Universität, am Arbeitsplatz oder sogar am Wohnort des anderen Elternteils. Nicht nur ist eine so entstehende Situation völlig ungeeignet für eine Kontaktwiederaufnahme nach Jahren des Schweigens, darüber hinaus wird sich das Kind zusätzlich mit peinlicher Berührtheit (Schule, Uni, Arbeitsplatz) über die hochpersönlichen Vorgänge in aller Öffentlichkeit oder der Angst herumschlagen müssen, es käme unweigerlich zu einem erheblichen Konflikt – zum Beispiel zwischen den aufeinandertreffenden Elternteilen.
  • Geben Sie dem Kind Raum und Zeit – und die Entscheidungsgewalt. – Die Gefahr, dass ihr Kind sich bedrängt fühlt, ist immens groß. Daher ist es ratsam, eine völlig druckfreie Form der Kontaktaufnahme zu wählen, die dem Kind die Möglichkeit bietet, selbst über Geschwindigkeit und Zeitpunkt einer Annäherung zu entscheiden. So bietet sich zum Beispiel ein Brief oder eine E-Mail an.
  • Keine Erklärungsversuche! – ein großes Problem entsteht häufig durch den von entfremdeten Eltern verspürten Drang, das Kind vor allem anderen „aufzuklären“, zu informieren darüber, dass sie nichts getan haben, wie gut sie sich immer gekümmert haben oder dass der andere Elternteil den Kontaktabbruch bewusst herbeigeführt und damit ihnen beiden schweren Schaden zugefügt hat. Das führt regelmäßig bestenfalls zu keiner Reaktion, eher treibt es das Kind noch weiter vom entfremdeten Elternteil fort. Wahrheit und Umstände sind nicht relevant in dieser sensiblen Situation. Das Kind vertraut ihnen nicht – mit großer Wahrscheinlichkeit jedoch dem anderen Elternteil, zu dem es vermutlich in regelmäßigem Kontakt steht. Anschuldigungen und Vorwürfe – und diese werden indirekt auch transportiert, wenn Sie beschreiben, wie gut sie sich doch immer gekümmert haben – treiben auch ein erwachsenes Kind in einen Loyalitätskonflikt, den Sie als entfremdeter Elternteil unmöglich gewinnen können.
  • Nicht überfahren. – ist ein verlorenes Kind „wiedergefunden“ neigen die überglücklichen Elternteile zur maßlosen Übertreibung. Die über Jahre gesammelten Weihnachtsgeschenke werden eingepackt und via Paket zugeschickt, es werden Briefe über Dutzende von Seiten verfasst, in denen das Kind mit Zuneigung, Sehnsüchten und Erwartungen regelrecht erschlagen wird. Tun sie das nicht. Treten Sie auf die Bremse.
  • Einen Mittler einschalten. – eine sehr elegante Art, um die Situation anzugehen, ist ein Mittler zwischen Ihnen und dem Kind. Da in der Regel das Kind ein Vertrauensproblem und große Unsicherheiten erleben wird, bietet ein Mittler, den das Kind aussucht und verpflichtet, die besten Chancen auf eine erfolgreiche Wiederannäherung. Das kann ein Freund sein, ein entfernter Verwandter, der in den Konflikt zwischen den Eltern nicht verstrickt war oder auch ein Lehrer, Therapeut oder dergleichen. Wenn das Kind die Möglichkeit hat, sich in der Situation durch einen vertrauten Menschen unterstützen zu lassen, können Ängste schon vorab in Teilen abgebaut werden.
  • Geduld aufbringen – viel Geduld. – Häufig werden verlorene Kinder durch die schiere Wucht der Zuneigung überfordert, die ihnen von Seiten eines entfremdeten Elternteils entgegenschlägt. Alles, was dem Kind Zeitdruck in der Angelegenheit nimmt, hilft. So können Sie zum Beispiel zunächst eine lose Brieffreundschaft vorschlagen – das nimmt dem Kind die Angst, dass Sie plötzlich unangekündigt vor der Tür stehen könnten.
  • Das Kind entscheidet wie, wann und wie lange. – Umso weniger Druck – auch Erwartungsdruck – Sie dem Kind entgegenbringen, umso besser die Chancen, dass es sich eine eigene Kontaktaufnahme zutraut. Lassen Sie das Kind entscheiden, wie der Kontakt gestaltet werden soll und helfen Sie dem Kind durch diese Hochbelastungssituation, zum Beispiel indem Sie beim ersten Treffen vorab erklären, Sie hätten aber leider an diesem Termin nur eine Stunde Zeit – Sie können das ja im Treffen revidieren, sofern ihr Kind Ihnen ganz deutlich signalisiert oder sogar sagt, es wünsche sich, das Treffen könnte länger dauern. So hat es aber eine Möglichkeit mit sicherem Ende erst einmal unverkrampft in die Begegnung hinein zu gehen und wird nicht überfordert.
  • Suchen Sie selbst ggf. aktive Unterstützung in dieser Phase. – Die Situation ist für alle Beteiligten und insbesondere auch für den betroffenen Elternteil hochbelastend und emotional. Häufig zu emotional. Die Begleitung, Unterstützung und Verarbeitung des Erlebten gemeinsam mit einer therapeutischen Fachkraft kann hier eine große Hilfe sein.