Die bekannte Fabel von Äsop taugt gut als Erklärung für ein Erlebnis, das viele Eltern im Zuge einer problematischen Trennung insbesondere im Umgang mit Behörden und Gerichten machen werden.

Ein Hirtenjunge, den beim hüten der Schafe die Langeweile packte, rief zum Vergnügen „Wolf!!“, woraufhin ihm einige Dorfbewohner schnell zur Hilfe eilten. Das amüsierte ihn und so rief er noch einmal am nächsten Tag „Wolf!!“ und die Dorfbewohner kamen wieder den Berg heraufgeeilt. Als aber am dritten Tag der Wolf plötzlich wahrhaftig aus dem Wald kam und der Junge rief „Wolf!!“ da glaubte ihm keiner mehr und der Wolf frass die ganze Herde und auch den Hirtenjungen auf.

So wie dem Hirtenjungen kann es auch Ihnen im Umgang mit dem Jugendamt, einem Familiengericht oder deren bestellten Fachkräften ergehen. Dabei haben Sie selbst ja gar nicht „Wolf!!“ gerufen. Aber zu viele andere haben das getan.

Häufig lassen sich getrennt lebende Eltern im Eifer des Gefechtes dazu hinreißen, auch völlig substanzlose Vorwürfe von erheblicher Schwere gegen den anderen Elternteil zu erheben. Häufig bis hin zum Vorwurf des sexuellen Missbrauches und der schweren Misshandlung.

Hinzu kommen die bereits erwähnen absurden Vorwürfe, die in hochstrittigen Konstellationen ohne Unterlass vorgetragen werden. Aus dem Bestreben heraus, beweisen zu wollen, dass der andere Elternteil schlechter Umgang für das Kind ist, produziert das aktive Suchen nach Fehlern und Nachlässigkeiten immer neue Anklagen.

Jugendämter, Familiengerichte, Erziehungsberatungen und Verfahrensbeistände erleben ein beständiges auf sie Einwirken, um sie zu überzeugen, dass der andere Elternteil der „schlechtere“ Elternteil ist, sei es, um das bestehende Sorgerecht abändern zu lassen, Umgang einzuschränken oder einfach grundsätzlich die eigene Position im Prozess zu stärken.

Grundsätzlich ist es beruhigend, zu wissen, dass ein erfahrener Verfahrensbeistand oder Familienrichter/in nicht aus dem Häuschen geraten wird, wenn aus der Luft heraus der Vorwurf einer Kindesmisshandlung oder des sexuellen Missbrauches erhoben wird, auch wenn solchen Vorwürfen in der Regel nachgegangen werden muss. Andererseits bedeutet dies jedoch auch, dass bei berechtigten Bedenken bezüglich des Umganges eines Elternteils mit dem gemeinsamen Kind, lange Wege und viel Durchhaltevermögen nötig sind, um wirklich Gehör zu finden.

Hinzu kommt, dass, eben aufgrund dieser Tendenz getrennter Eltern, sich gegenseitig mit wilden Vorwürfen zu belasten, im Familienrecht sich die schlichte Nichtbeachtung solcher Vorgänge eingebürgert hat. Man nimmt es nicht mehr ernst. Das sorgt zwar dafür, dass der Vorwurf des sexuellen Missbrauches nicht mit aller Härte verfolgt wird, wenn im Grunde klar ist, dass er aus prozesstaktischen Gründen erhoben wurde, gleichzeitig bedeutet dies jedoch ebenso, dass eine – eigentlich berechtigte – Anzeige gegen den vorwerfenden Elternteil wegen falscher Beschuldigung mit derselben Begründung nicht weiter verfolgt wird. „Die streiten sich eben“, heißt es dann.

Diese Bemühungen, eine immer weitere Eskalation des Konfliktes nicht von Behördenseite auch noch zu unterstützen hat den fatalen Nachteil, dass diverse Straftaten im Rahmen eines familienrechtlichen Verfahrens einfach nicht verfolgt werden und somit auch kaum ein Risiko- und Unrechtsbewusstsein entsteht.

Es kann dem Anklagenden Elternteil ja praktisch nichts geschehen.

Zudem – und diese Information ist äußerst wichtig insbesondere für Elternteile, bei denen das Kind nicht überwiegend lebt – gewinnt der ständige Aufenthalt des Kindes immenses Gewicht in solchen Konfliktfällen. Eine Anzeige gegen den anderen Elternteil, die auf eine Gefängnisstraße hinausliefe, wird insofern schnell zum Boomerang, denn wo hin sollte dann das Kind?

Es wird davon ausgegangen, dass der Verlust des Elternteiles, bei dem das Kind überwiegend lebt, weil dieser ins Gefängnis müsste, ein schweres Trauma beim Kind auslösen würde. Daher dreht sich schnell die Aufmerksamkeit hin zum Anzeigenden mit der Frage, was er dem Kind da zuzumuten bereit sei, nur um Recht zu behalten.

Aufgrund dessen kann von Anzeigen gegen den anderen Elternteil außer in seltenen Extremfällen wie z.B. einer Körperverletzung nur dringend abgeraten werden.

Nicht nur wird bis zu einer gewissen Schwere des Vorwurfes in aller Regel keine weitere Verfolgung stattfinden, spätestens wenn die Behörden in Erfahrung gebracht haben, dass Sie zur Zeit auch familiengerichtlich gegeneinander vorgehen, zum anderen kann Ihnen, wie erwähnt, die Anzeige selbst zum Vorwurf gemacht werden.

In diesem Zusammenhang ist auch dringend davon abzuraten, zu eskalierenden Aufeinandertreffen mit dem anderen Elternteil z.B. bei Übergaben zum Umgang mit dem Kind, die Polizei hinzu zu ziehen. Auch hier wiegt der Vorwurf, dem Kind würde zugemutet mit anzusehen, wie Polizisten einen der Elternteile aus der Szenerie wegführen, deutlich schwerer als der vermutlich gute Wille, die Polizei als Schlichter und Vermittler in die Situation einzubeziehen.