Teil 4

Das Kind umdrehen

Gerechtigkeitsempfinden ist in Kindschaftsstreitigkeiten häufig auf scheinbar verlorenem Posten. Die meisten Erwachsenen kennen Recht und Gericht  nur aus dem Fernsehen und verstehen es im Wesentlichen als Instanz, die entscheidet, wer gut und wer böse ist, der/die Gute bekommt dann alles und der/die Böse wandert ins Gefängnis oder muss eine hohe Geldstrafe zahlen.

Dieses Bild bestimmt das Verständnis von Recht und Richtigkeit der meisten Erwachsenen.

Mit einem Familienrechtlichen Verfahren konfrontiert kommt dann sehr schnell ein böses Erwachen, denn nicht nur bemühen sich diese Gerichte nicht, einen „Bösen“ zu finden, es kümmert sie auch gar nicht weiter, wer „gut“ und wer „böse“ ist. Die Entscheidungen dort fallen auf anderen Ermessensgrundlagen, die für Laien und insbesondere Betroffene schwer bis nicht nachzuvollziehen sind.

Das entstehende Gefühl des Alleingelassenwerdens und die Wahrnehmung, die zuständigen Gerichte und Behörden seien untätig oder unwillig, etwas zu unternehmen, bringt viele betroffene Eltern dazu, die Dinge selbst in die Hand nehmen, sich wehren zu wollen gegen die Entfremdung.

Der einfachste und naheliegendste Weg scheint dann zu sein, dem Kind klar zu machen, dass es entfremdet wird.

So wird dem Kind unmissverständlich erklärt, wer für den langen Umgangsausfall verantwortlich war, und dass die seltenen Besuche auf den böswilligen Umzug des entfremdenden Elternteils zurückzuführen sind. Übt das Kind Kritik, wird diese sofort aufgegriffen und festgestellt: „Das hat dir doch deine Mutter/dein Vater eingeredet!“ und so wird in der gemeinsamen Zeit konsequent die Erkenntnis gelebt, dass der andere Elternteil im Sinn hat, der Beziehung zwischen dem Kind und dem zweiten Elternteil zu stören und sie zu beschädigen, dass er/sie lügt, manipuliert und jede sich bietende Gelegenheit nutzt, um das Kind aufzubringen. Das Kind soll diese Zusammenhänge begreifen und verstehen, wer hier nur sein Bestes will. Es soll die Wahrheit erfahren.

Sobald das Kind ein entsprechendes Alter erreicht und sich selbst artikulieren kann, wird ihm seine Eigenverantwortung im Umgang mit dem entfremdenden Elternteil deutlich gemacht. Es selbst soll mehr Umgang/Übernachtungen/den Umzug zum anderen Elternteil einfordern. Es selbst soll Verfahrensbeistand, Richter oder Umgangspfleger deutlich sagen, was wahr ist und wie es manipuliert wird. Das Kind selbst soll den Elternkonflikt mit dem entfremdenden Elternteil ausfechten.

Die Vorstellung, eine Beeinflussung des Kindes zu dessen Schaden im Sinne von PAS sei dann gegeben, wenn das Kind bezüglich eines Elternteils belogen würde und nur dann, ist weit verbreitet.

Viele entfremdete Eltern leben in der Überzeugung, Sie selbst seien ja nur darum bemüht, dem Kind die Wahrheit vor Augen zu führen, während der andere Elternteil dem Kind durch Lügen und falsche Behauptungen schade. Daraus entsteht die Idee, dass Beeinflussung durch „wahre Aussagen“ nicht schädlich sei. Dem Kind ja nur die Augen öffnen und es gegen den entfremdenden Elternteil wappnen solle.

Nicht wenige PAS-Kinder werden von beiden Elternteilen massiv beeinflusst. Vom einen ursprünglich, vom zweiten in „Abwehr“ der vorausgegangenen Beeinflussung oder einfach weil er/sie denkt, das Kind werde beeinflusst.

Elternentfremdung ist, so wie sie innerhalb einiger Jahrzehnte zu einem belastbaren Gesprächspunkt vor deutschen Familiengerichten geworden ist, auch zu einer bequemen Erklärung, Entschuldigung und Ausrede geworden:

– Entstehen Unstimmingkeiten während der gemeinsamen Zeit, muss das Kind manipuliert worden sein.

– Mag das Kind irgendetwas nicht, muss es manipuliert worden sein.

– Gehorcht es nicht, hat ihm das sicher der andere Elternteil eingeredet.

– Benimmt es sich nach der Zeit mit dem anderen Elternteil anders als gewöhnlich, hat dieser bestimmt auf das Kind eingewirkt.

Diese Vorkomnisse dienen dann als moralische Rechtfertigung, dem Kind „die Wahrheit sagen“ zu müssen, ihm klarmachen zu müssen, dass der andere Elternteil es beeinflusst. Gleichzeitig wird das eigene Verhalten gar nicht mehr reflektiert. Es findet keine sachliche Überlegung mehr statt, ob das Kind die jeweilige Unternehmung vielleicht einfach wirklich doof finden könnte. Der abwesende Elternteil etabliert sich als Sündenbock für alles, was in der gemeinsamen Zeit nicht wunschgemäß abläuft und wird als Projektionsfläche sodann zum Feindbild.

Nach und nach verschwindet das Gefühl der Eigenverantwortung für die Beziehung zum Kind und die gemeinsame Zeit. Läuft es gut, war es Eigenverdienst. Läuft es nicht gut, muss da wieder diese Entfremdung gewesen sein.

Dann wird dagegen gehalten und das Kind „aufgeklärt“.

Pflegeeltern und Mitarbeiter in Wohneinrichtungen für Kinder und Jugendliche können davon ein Lied singen. PAS im Grundmuster ist kein elternexklusives Phänomen. Es kommt uns nur besonders widernatürlich und extrem vor, wenn ein Kind seine eigenen Eltern ablehnt. Den öffentlichen Einrichtungen, die sich mit in Obhut genommenen Kindern auseinandersetzen müssen sind diese Probleme mehr als vertraut. Nicht selten kommt es nach Inobhutnahmen zu immer weiteren Umgangseinschränkungen zwischen den Kindern und den leiblichen Eltern, weil diese die Kontakte wiederholt dazu nutzen, die Kinder gegen die Betreuer und Pflegeeltern aufzubringen bis dahin, dass die Kinder weglaufen, sich selbst gefährden beim Versuch, auszubrechen u.vgl.

Elternentfremdung kann sich sehr schnell zu einer Art destruktivem Ping-Pong-Spiel mit der Psyche des Kindes entwickeln. Die Situation, dass beide Eltern auf das Kind einwirken und jeder von beiden beschwören würde, er/sie selbst wolle das Kind ja nur aufklären, während der/die andere es vorsätzlich gegen den anderen Elternteil aufbringen wolle, ist sehr viel häufiger als man glauben mag.

Um die Interessen des Kindes geht es dabei freilich nicht. Das Kindeswohl ist nicht Zentrum der Bemühungen. Stattdessen geht es um Recht und das Gefühl Recht zu „haben“, das Gefühl, den anderen Elternteil ausgestochen, vorgeführt oder besiegt zu haben. Um das Kind geht es nicht. Das wird zum Boten, zum Söldner, manchmal zur Waffe.

Mittel- und langfristig nimmt das Kind massiven Schaden, entweder, weil es sich in abweisender und viel zu erwachsener Art und Weise mit einem Elternteil auseinander zu setzen gezwungen wird und so die eine Elternbeziehung nach und nach zerstört wird, oder weil es irgendwann aus Überforderung den Kampf aufgibt, sich für eine Seite entscheidet und die Beziehung zum anderen Elternteil endgültig zerstört wird. Das Kind will dann einfach nicht mehr.

Irgendwann lässt das Kind eine der beiden Hände, die an ihm zerren und es zu zerreißen drohen, einfach los.

Quicktip

  • PAS definiert sich nicht nach den Motiven und Intentionen desjenigen, der das Kind beeinflusst sondern nach den Folgen für das Kind. Es gibt kein „gutes“ PAS. Jede Beeinflussung des Kindes gegen den anderen Elternteil ist falsch und richtet erheblichen Schaden beim Kind an.
  • Wahr oder nicht spielt dabei keine Rolle. Ob dem Kind „die Wahrheit“ gesagt wird oder es belogen wird ist nicht relevant. Es geht nicht um wahr oder unwahr. Es geht um die Frage, wessen Konflikt es ist und wer ihn austragen muss. Das Kind hat keinen Streit mit niemandem. Es „aufklären“ bedeutet in diesem Zusammenhang lediglich, es zum Söldner im Krieg gegen den anderen Elternteil zu machen.
  • Kommen Sie nicht in die Verlegenheit, PAS als bequeme Entschuldigung für alles heran zu ziehen, das nicht in ihrem Sinne läuft. Kinder sind auch einmal unzufrieden, quengeln oder werden wütend. Das muss nichts mit Beeinflussung zu tun haben. Bleiben Sie kategorisch reflektiert und selbstkritisch. Schließen Sie grundsätzlich immer erst alle anderen denkbaren Möglichkeiten aus, bevor Sie an PAS denken.
  • Selbst wenn Sie absolut sicher sind, dass Ihr Kind beeinflusst wird: Das Kind selbst ebenfalls zu beeinflussen ist keine Lösung. Damit gewinnen Sie nichts und schaden dem Kind noch zusätzlich. Setzen Sie sich situationsgerecht mit dem Kind auseinander unter Berücksichtigung seiner Situation.
  • Helfen Sie ihrem Kind, statt vom Kind Schützenhilfe in ihrem eigenen Konflikt mit dem anderen Elternteil zu erwarten. Klüngeln Sie nicht mit dem Kind gegen den anderen Elternteil und bilden Sie auf keinen Fall eine Kampfeinheit mit dem Kind gegen den anderen Elternteil.
  • Nehmen Sie ihr eigenes Gefühl, zurückschießen zu wollen, sich rächen zu wollen etc. zurück und konzentrieren Sie sich auf das, was Ihr Kind braucht. Setzen Sie sich mit PAS intensiv auseinander und verstehen Sie, warum es nicht dem Kind sondern ausschließlich Ihnen selbst hilft, wenn das Kind beginnt, gegen den anderen Elternteil zu „kämpfen“.
  • Kämpfen Sie für Ihr Kind. Nicht mit ihm.