Teil 3

Dem Kind Druck/ein schlechtes Gewissen machen

“Das würde ich niemals tun!”, höre ich Sie sagen. Doch lesen Sie den Artikel zunächst zu Ende.

Bereits in Teil 1 “Das Verhalten des Kindes persönlich nehmen” wurde das völlig menschliche Problem angesprochen, das Verhalten des Kindes zumindest teilweise persönlich zu nehmen und sich auch ein wenig gekränkt zu fühlen.

Oft entstehen solche Gefühle spontan aus der Situation heraus. Man empfindet das Kind als undankbar oder kann sich nicht erklären, wie es sich “so leicht” beeinflussen lassen konnte. Zudem ist da dieses nagende Bedürfnis, die Dinge “richtig zu stellen”, dem Kind “die Wahrheit zu sagen”. Welche Beeinflussung tatsächlich stattgefunden hat und wie massiv diese war bzw. mit welchen Drohungen sie verknüpft gewesen sein mag, weiß der Betroffene in der Regel nicht.

Hinzu kommt die Unerträglichkeit der PAS-Situationen in sich selbst. Wenn nach einer Trennung mit Kind das Kind da steht und vollkommen willkürliche Anschuldigungen erhebt, Vorwürfe macht oder den entfremdeten Elternteil beschimpft, ist guter Rat teuer. Schwenkt das Kind stattdessen zu Weinkrämpfen und Brüllen, weil plötzlich “nur die Mama/nur der Papa” es baden darf, fordert es unter Weinen und Schreien sofort zum anderen Elternteil zurückgebracht zu werden oder wehrt es den entfremdeten Elternteil körperlich mit allem Nachdruck ab, stößt ihn von sich und läuft weg, ist der Betroffene mit der Situation heillos überfordert.

Irgendwie muss er/sie aber auf das Kind reagieren.

Und an genau diesem Punkt greift eine besonders destruktive Dynamik des PA-Syndroms in voller Schwere:

Das Kind ist in diesem Augenblick in der fiktiven Wahrnehmung gefangen, der entfremdete Elternteil sei böse, rücksichtslos, verantwortungslos, liebe es nicht, kümmere sich nicht oder schade ihm in irgendeiner Weise. Diese Haltung ist allerdings – weil eben nicht mit der Realität vereinbar – vollkommen abstrakt. Das Kind ist bis zum Bersten gefüllt mit vollkommen zusammenhanglosen Gefühlen.

Bereits in dem beliebten Artikel “Das beeinflusste Kind – was tun?” konnten Sie erfahren, dass sich das Kind intuitiv darum bemüht, sich selbst, dem entfremdeten Elternteil und jedem, der es hören möchte, scheinbar rational zu erklären, warum es so aufgebracht gegen den Vater/die Mutter ist. Es sucht nach Erklärungen für diese extremen Gefühle, weil es die zu Grunde liegende Manipulation nicht begreifen kann.

Dieser völlig abstrakte Sumpf an negativen Emotionen bietet eine breite Fläche für Fehlinterpretationen nahezu jeder Einlassung, die der entfremdete Elternteil vorbringt. Insbesondere wenn dieser es eigentlich gut meint. Das deutlich führende Paradebeispiel für eine destruktive Reaktion auf ein Kind mit einem PAS-Anfall, die Druck und ein schlechtes Gewissen auslöst und den Loyalitätskonflikt akut verstärkt:

“Soll ich dich zurück zur Mama/zum Papa bringen?!”

Ein altes Sprichwort besagt “gut gemeint” sei das Gegenteil von “gut gemacht” – in diesem Fall trifft es leider zu.

Die Intention hinter diesem Angebot sind zweifellos fürsorglich und verantwortungsbewusst. Man möchte das Kind ja nicht zwingen und so schlimm wie es sich aufregt, kann das ja auch nicht gesund sein. Vielleicht weiß man sich auch einfach nicht mehr zu helfen und sieht sich selbst nicht imstande, das Kind anderweitig zu beruhigen. Gefühlt bleibt vielleicht keine andere Option, als anzubieten, den Umgang abzubrechen.

Entspinnt sich nun aus dieser Frage ein Dialog, entsteht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine schadhafte Spirale gut gemeinter Ansätze, die das Kind immer weiter in den Loyalitätskonflikt bringen.

Ein Beispiel:

Sie: “Soll ich dich zur Mama/zum Papa zurückbringen?!”
Kind: wenn es nicht Ihre Frage vollständig ignoriert, wiederholt es vielleicht einfach seine letzte Beschimpfung oder wirf mit einem Spielzeug nach Ihnen, schlägt oder tritt Sie. Die Chancen, dass es tatsächlich mit “Ja!” reagiert sind, besonders wenn das PAS noch nicht deutlich fortgeschritten ist, tatsächlich eher gering, denn an genau diesem Punkt wird dem Kind bewusst, dass es ja gar nicht will, was es wollen soll – weg von Ihnen.
Sie: “Ich habe Dich doch auch sooo lieb und wenn du nicht hier bist, dann fehlst du mir ganz, ganz doll! Aber wenn Du nicht hier sein möchtest, fahre ich dich zurück. Ich zwinge Dich nicht, hier zu sein.”

Solche und ähnliche Dialoge geschehen häufig. Insbesondere wenn im Durcheinander aus tatsächlichen und angeblichen Aussagen des Kindes der Vorwurf auftaucht, der betroffene Elternteil “zwinge” das Kind zum Kontakt oder zwinge dem Kind den Kontakt gegen dessen Willen auf. Schnell wird daraus, grade in Auseinandersetzungen zwischen dem Kind und dem entfremdeten Elternteil, das demonstrative Angebot der freien Entscheidung, ob das Kind den Umgang wahrnehmen wolle oder nicht.

Was lösen nun dieser durchweg gut gemeinte Dialog und das Angebot, selbst zu entscheiden, bei dem betroffenen Kind aus?

Völlige emotionale Überforderung und ein sprunghaftes Zuspitzen des Loyalitätskonfliktes.

Sich zwischen den eigenen Eltern entscheiden zu sollen, ist genau der Konflikt, den der entfremdende Elternteil durch seine Beeinflussung auslöst und schürt.

Dem Kind wird beständig vermittelt, einfach beide (gleich) lieb zu haben sei unmöglich. Die gesamte Beeinflussung des Kindes fußt auf der emotionalen Erpressung “Wenn du DIE/DEN lieb hast, dann bedeute ich dir wohl nicht genug, um das sein zu lassen!”, häufig noch unterfüttert mit willkürlichen Vorwürfen und Anschuldigungen gegen den entfremdeten Elternteil, die dem Kind erklären sollen, warum der andere böse ist und dem Entfremdenden und dem Kind schade. Die Kernbotschaft ist immer “Entweder der/die oder ich!”. Das ist die Urnatur des Loyalitätskonfliktes selbst.

Hat das Kind dieses Grundmuster einmal verinnerlicht – und das hat es zweifellos, wenn es zu Zwischenfällen wie oben beschrieben kommt – dann ist genau dieses Muster auch die Grundlage, auf der es ein Angebot, es zurück zu bringen zum anderen Elternteil, verstehen muss. Ob das Angebot gut gemeint war und liebevoll unterbreitet wurde, spielt dabei für das Kind keine Rolle. Die Entscheidung, die es treffen soll, ist im Kern identisch mit jener, die der beeinflussende Elternteil immer wieder verlangt: Der/die oder ich. Willst du hier bleiben oder zu dem/der zurück? Bei wem möchtest du lieber sein? Wen hast du lieber?

Der Versuch, dem Kind die eigenen Gefühle noch einmal zu verdeutlichen und Zuneigung auszudrücken, indem ihm gesagt wird, wie sehr es in Abwesenheit vermisst wird, verstärkt diesen Effekt noch zusätzlich. Es kann gehen, wenn es will – dann geht es dem Papa/der Mama eben schlecht, weil es nicht da ist. Ein von Entfremdern häufig benutztes Werkzeug, um das Kind subtil zu manipulieren, ohne ein schlechtes Wort über den anderen Elternteil zu verlieren.

Hinzu kommt, dass für das Kind diese Gefühle der Ablehnung ja eigentlich auch fremd sind. Sie sind da, kommen aber nicht aus dem eigenen Erleben des Kindes. Sobald nun diese abstrakten Gefühle mit der Realität konfrontiert werden, muss das Kind nach scheinbar logischen Zusammenhängen suchen.

Der/die will mich zurückbringen?! Mama/Papa hatte Recht, der/die will mich eigentlich gar nicht hier haben und holt mich nur immer ab, um Mama/Papa zu ärgern!

Je nachdem wie weit das PAS bei einem Kind fortgeschritten ist und auch abhängig vom Alter des Kindes, stehen die indoktrinierten Gefühle gegenüber dem entfremdeten Elternteil und die eigenen, tatsächlichen Gefühle regelrecht nebeneinander und brechen je nach Situation durch.

Wird das Kind direkt gefragt, zu welchem Elternteil es jetzt möchte, implodiert dieses emotionale Chaos regelrecht und die teilweise deutlich entgegengesetzten Emotionen geraten völlig durcheinander. Eigentlich will es ja, es darf aber nicht wollen.

Quicktip

Um mit einem von PAS ernsthaft betroffenen Kind umgehen zu können, ist es von absoluter Wichtigkeit zu verstehen, wie PAS im Grundmuster funktioniert und warum das Kind reagiert, wie es reagiert. Zu verstehen, was im Inneren des Kindes vor sich geht ist der Schlüssel zu angemessenen Reaktionen, die das Kind entlasten, erleichtern und vor dem Loyalitätskonflikt schützen können.

Das Kind selbst kann das ohne Hilfe von außen nicht leisten und sich kaum selbst helfen, auch wenn immer wieder Berichte von erstaunlichen Schutzstrategien schon kleiner Kinder auftauchen.

Wir werden das Thema in einem späteren Artikel noch aufgreifen.

Wie also reagiert man möglichst konstruktiv und für das Kind hilfreich?

  • Nehmen sie dem Kind grundsätzlich jede Verantwortung für das, was geschieht, ab. Fragen Sie es nicht, lassen Sie ihm keine Entscheidungen, die es eigentlich nicht treffen kann. Der Richter/das Jugendamt/Mama und Papa haben entschieden, dass es Dienstags immer bei Mama/Papa ist und so wird es gemacht.Das entbindet das Kind davon, irgendetwas verhindern zu müssen. Ein anderer ist “schuld”, dass es beim Umgang ist, nicht das Kind. Somit gerät es nicht in die innere Zerrissenheit, erklären zu müssen, warum es den Kontakt zum entfremdeten Elternteil nicht verhindert hat, obwohl es das doch soll. Für viele Kinder reicht allein diese Erkenntnis, dass Sie nichts gegen den Umgang unternehmen können, um es schlagartig wieder in völlig normales Verhalten zurückkehren zu lassen.
  • Machen Sie dem Kind unter keinen Umständen Vorwürfe. Dazu gehört auch die Erklärung, wie es denn weg wollen könne, Sie würden es dann so vermissen, man habe doch ohnehin nur so wenig gemeinsame Zeit etc. Damit werfen Sie dem Kind vor, keine Rücksicht auf Ihre Gefühle zu nehmen und stellen seine Gefühle zu Ihnen in Frage.
  • Bewerten Sie das Geschehen nicht und fordern Sie das auch nicht von Ihrem Kind ein!
    Versuchen Sie nicht, dem Kind zu erklären, dass seine Haltung “falsch” ist oder “unbegründet”. Versuchen Sie nicht, ihm das Gegenteil zu beweisen oder ihm die mangelnde Logik seiner Vorwürfe vorzuführen. Das Kind handelt nicht rational, Sie können das Problem so nicht lösen. Fragen Sie nicht “Meinst du nicht, das tut dem Papa/der Mama weh, wenn du sowas sagst?!”.
  • Versuchen Sie, auch wenn wieder Ruhe eingekehrt ist, nicht, das Geschehene mit dem Kind aufzuarbeiten. Dazu sind speziell erfahrene und ausgebildete therapeutische Fachkräfte nötig. Das Risiko, dass Sie auf diesem Wege mehr Schaden als Heil machen, ist unberechenbar groß.
  • Legen Sie sich zu allen “Papa vs. Mama”-Themen eine eiserne “Wir haben dich beide lieb, der Rest geht dich nichts an.”-Haltung zu und leben Sie diese dem Kind vor. Diskutieren Sie keine derartigen Themen mit dem Kind und versuchen Sie auch nicht, dem Kind irgendetwas diesbezüglich zu erklären jenseits von “Wir haben dich beide sehr lieb, der Rest geht dich nichts an.”
  • Fragen Sie das Kind nicht, ob es öfter, seltener, kürzer oder länger bei Ihnen sein will, ob es lieber bei Ihnen leben möchte, lieber zum anderen Elternteil ziehen möchte, gar keinen Kontakt mehr will oder dergleichen. Wenn Sie den Eindruck haben, eine Änderung in der bestehenden Umgangsregelung wäre sinnvoll, sprechen Sie mit dem Verfahrensbeistand, dem Jugendamt, einer Beratungseinrichtung oder – in der Konsequenz – mit dem zuständigen Familiengericht und lassen Sie sich diesbezüglich beraten aber sprechen Sie über solche Themen niemals mit dem beeinflussten Kind (Siehe hierzu auch Punkt 1).
  • Kurzum – gehen Sie mit keinem Wort und in keiner Weise inhaltlich auf das ein, was das Kind im Rahmen eines PAS-Anfalles oder eines aufflammenden Loyalitätskonfliktes sagt, schreit, erzählt oder Ihnen vorwirft. Achten Sie darauf, was das Kind tut – nicht, was es sagt – und orientieren Sie sich daran. Wenn das Kind Sie mit allen Schimpfworten bedenkt, die es in seinem Alter kennt, während es Ihnen weinend die Arme entgegenstreckt und Sie sind sicher, es handelt sich nicht um einen Trotzanfall, nehmen Sie es auf den Arm und lassen Sie es schimpfen.

Um PAS besser zu verstehen, sehen Sie sich außerdem den Vortrag von Dipl. Psych. Ursula Kodjoe an.

 

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