Teil 2

Das Kind gegenkonditionieren – Warum Schokolade nicht gegen PAS hilft

Schon ohne Anzeichen von PAS und bei guten Verhältnissen nach einer Trennung mit Kind neigen Umgangselternteile bekannter Maßen dazu, das Kind sehr zu verwöhnen und ihm eher einmal seinen Willen zu lassen.

Die wenigen Stunden und Tage, die einem gemeinsam geblieben sind, will man unter keinen Umständen mit Streit oder einem nicht glücklich strahlenden Kind verbringen. Zudem schweben schon bei kleinsten Uneinigkeiten zwischen den Trennungseltern schwere Unsicherheiten in der Luft:

Bin ich gut genug für mein Kind? Mache ich alles “richtig genug”? Fühlt sich das Kind “wohl genug” bei mir?

Zur Meßlatte wird nur zu oft die Stimmung des Kindes – wenn also das Kind quietscht und strahlt und glücklich ist, dann hat man alles richtig gemacht.

Kommt nun auch noch das Parental Alienation Syndrome hinzu und/oder das Kind zeigt erste Anzeichen von Entfremdung, nimmt diese Spirale nicht selten erst richtig Fahrt auf. Wenn das Kind dahingehend beeinflusst wird, wie doof alles bei Papa/bei Mama ist, dann soll dagegen gehalten werden mit noch mehr Spaß und noch mehr Fröhlichkeit und noch weniger Streit und Konfrontation. Nach einer Trennung mit Kind sind Wettkämpfe der Eltern darum, wer der „Bessere“ ist, leider sehr verbreitet.

Dem Kind soll im Grunde durch Handlung bewiesen werden, dass die Behauptungen des entfremdenden Elternteils unwahr sind, es soll vom Gegenteil überzeugt werden.

So funktionieren Kinder allerdings leider nicht.

Aus dem dringenden Bedürfnis heraus, dem Kind zu beweisen, wie glücklich es doch beim Kontakt mit dem von Entfremdung bedrohten Elternteil ist, verschwinden Regeln und Grenzen. Beginnt das Kind zu Quengeln oder zu Weinen, wird es nicht selten mit einer besonders schönen Unternehmung, einem neuen Spielzeug oder einem Stück Schokolade abgelenkt.

Das Kind soll glücklich sein – nonstop.

Dass ein gesundes Kind, dessen Familie nicht von Trennung betroffen ist, niemals nonstop quietscht, strahlt und glücklich ist, gerät vollkommen außer Sicht. Das große Gesamtbild geht unter.

Besonders problematisch wird es, wenn ein neuer Partner/eine neue Partnerin das ständige Bespaßen des Kindes kritisiert, sich selbst – oft genug zurecht – zurückgesetzt fühlt, oder und nahezu garantiert, wenn Patchwork hinzukommt und weitere Kinder in der Familie leben. Wenn dann alle Kinder gewisse Regeln zu befolgen haben – außer dem Kind, das zum Umgang kommt – gibt es nicht nur unter den Kindern schnell Mißgunst und Neid, auch mit dem neuen Partner/der neuen Partnerin sind Konflikte vorprogrammiert.

Das betroffene Elternteil sieht oft keinen anderen Ausweg. Jeder Protest, jedes Weinen des Kindes fährt durch Mark und Bain und sofort ist die Assoziation PAS im Bewusstsein und die Rat- und Hilflosigkeit gegenüber einem Kind, das plötzlich nichts mehr für Papa/Mama übrig zu haben scheint.

Fand die Trennung mit Kind zudem statt, als das Kind noch sehr klein oder noch nicht geboren war oder war der Kontakt sehr selten und ist es das erste Kind des/der Betroffenen, verstärkt sich die Dynamik oft noch zusätzlich. Was schon Eltern, die nicht mit einer Trennung konfrontiert sind, erst lernen müssen – dass ihr Kind auch einmal wütend auf sie ist, herumwütet oder protestiert, Trotzanfälle und pubertäre Phasen durchlebt als ganz normalen Teil seiner Entwicklung – muss das Trennungselternteil, das zudem von Entfremdung bedroht ist auch noch sortieren nach “PAS” und “So sind (Trennungs-)kinder eben!“.  Eine Mammutaufgabe.

 

QUICKTIP

Kinder brauchen das Gefühl von Sicherheit. In einer Welt, in der sie sich noch nicht alleine zurecht finden und tagtäglich ein Stück lernen und erfahren, wie diese Welt funktioniert, sind die Grundpfeiler dieser Sicherheit die Eltern. Durch Regeln und Konsequenz lernen Kinder, dass ihre Eltern als “Puffer” zwischen ihnen und dieser fremden, riesigen Welt stehen und steuern, womit sie konfrontiert werden und womit nicht. Das gilt auch und insbesondere nach einer Trennung der Eltern.

Bewusst ist das den Kindern nicht, wenn sie gegen unliebsame Regeln rebellieren und Verbote nicht akzeptieren wollen. Tatsächlich schaffen aber genau diese Regeln das Gefühl der Sicherheit. Da ist jemand, der die Welt verstanden hat und mich – das Kind – in ihr sortiert und beschützt. Da ist jemand, der das Ruder fest und sicher in der Hand hält und alles unter Kontrolle hat. Dieses Gefühl der Sicherheit, der Umsorgung und Behütung bildet eines der stärksten Fundamente für die Eltern-Kind-Bindung.

Wird nun nach einer Trennung mit Kind die situative Bespaßung des Kindes zum Fokus aller Bemühungen, verschwindet diese Sicherheit – die Bindung nimmt Schaden. Nun steuert das Kind und das kann es nicht. Das weiß es intuitiv auch, ist sich dessen aber nicht bewusst. Natürlich genießt es zunächst die Freiheiten, doch gleichzeitig greift eine gestaltlose Angst um sich. Wo hört Richtig auf und Falsch fängt an? Was ist gut für mich und was nicht? Was ist gefährlich und was ist sicher? Das geht so weit, dass ältere Kinder ihren Eltern vorwerfen, ihnen gewisse Dinge nicht verboten zu haben.

Kinder haben das Recht auf Fürsorge und Erziehung durch ihre Eltern. Dazu gehört auch das Recht, sich an den Eltern zu reiben, Konflikte zu erleben und zu erproben und zu lernen, wie man mit unterschiedlichen Interessen vernünftig umgehen kann. Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer zu nehmen und ein gesundes Maß zu lernen.

Als Vater/als Mutter haben Sie einen Job, dem Sie nicht gerecht werden, wenn Sie sich darum bemühen, der beste Freund/die beste Freundin des Kindes zu sein oder sich ständig beliebt zu machen. Damit enthalten Sie dem Kind die sichere, Richtung gebende und unerschütterliche Figur eines starken, fähigen Elternteils vor. Und diese sucht das Kind unbewusst. Auch und grade dann, wenn es protestiert oder sich gegen Regeln auflehnt.

Stellen Sie sich vor, Sie stünden draußen vor ihrem Wohnhaus und würden mit Anlauf gegen die Wand springen um zu sehen, ob sie stabil steht. Nun stellen Sie sich vor, die Wand würde nachgeben…

Wieviel Sicherheit würde Ihnen dieses Haus noch vermitteln?

Ihr Fazit: Sie sind ein Haus. Keine Schaukel. Sie sind Vater/Mutter. Kein Geburtstagsclown.

 

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