Marie ist sechs Jahre alt, als sie vor ihrer Mutter steht und in diesem ernsten Ton, der sie darum bemüht wirken lässt, erwachsen zu klingen, erklärt: „Papa sagt, Du sollst meine Haare zum Zopf binden, sonst hängen die immer ins Essen. Und Markus darf mich gar nicht aus der Schule holen, der hat gar kein Sorgungsrecht!“ Markus ist der Lebensgefährte der Mutter und Marie offenbar in die zweifelhafte Ehre gekommen, zum Postboten zwischen ihren getrennten Eltern befördert worden zu sein. „Sag deinem Vater, dass er was Anständiges kochen soll, statt dauernd Pizza zu bestellen, das ist ungesund! Und du isst da keine Schokolade, hörst du?“, wird wiederum dem Achtjährigen Toni mitgegeben, als er zum Umgangswochenende mit dem Vater aufbricht.

Wenn ein Elternpaar sich trennt, dann kommt die Erkenntnis schnell, dass Abschließen mit dem Ex-Partner aufgrund der Kinder nicht zur Gänze möglich ist. Einig ist man sich jedoch auch nicht mehr und das dringende Verlangen nach Abstand ist nicht weniger vorhanden als bei kinderlosen Paaren, die eine Trennung durchlaufen. Man möchte den anderen weder sehen noch hören und am liebsten würde man zuverlässig dafür sorgen, dass man ihm oder ihr nie mehr über den Weg läuft. Doch da sind die Kinder. Umgangsregelungen müssen gefunden und umgesetzt werden, damit für die Kinder die Beziehungen zu beiden Elternteilen erhalten bleibt und keinen Schaden nimmt.

Diese Konstellation treibt nicht wenige Betroffene nach einer Trennung mit Kind in eine innere Zwickmühle. Mit dem/der Ex reden will man nicht, es lassen kann man nicht. Schnell zeigt sich, dass ohne Kommunikation nichts funktioniert. Einmal muss das Kind Hausaufgaben erledigen in der Umgangszeit, ein anderes Mal hat es sich verletzt und muss zur Wiedervorstellung noch einmal zum Kinderarzt wenn es nach dem Umgang zurückgekommen ist. Da viele den direkten Kontakt mit dem ehemaligen Partner insbesondere kurz nach der Trennung scheuen, wie der Teufel das Weihwasser, greift sich recht leicht zum scheinbar kürzesten Weg der Übermittlung: Das Kind.

 

Von Hausaufgaben zu Schokolade zum Imperativ

Oft beginnt das ganz harmlos und für das Kind tragbar. Es soll ausrichten, dass es die Hausaufgaben machen muss oder erzählen, wie es gestürzt ist. Doch zu schnell werden die Botschaften sehr viel differenzierter und verlangen von dem Kind auch einen anderen Tonfall, ganz demnach wie der Elternteil, der den kleinen Nachrichtenübermittler just beauftragt, es vormacht. Dann soll der Papa oder die Mama an etwas Bestimmtes denken, zum Beispiel ordentlich einzucremen, wenn die Sonne scheint oder beim Baden nur ein bestimmtes Shampoo für das Kind zu verwenden, weil das Haar sonst so knotig wird. Und irgendwann – die Eltern selbst wechseln da häufig kaum mehr als Schriftverkehr, der von den Anwälten weitergeleitet wird und den offiziellen Anstrich gerichtlicher Anträge hat – schlägt der Tonfall ins deutlich Erzieherische um.

„Sag dem Papa, er soll dich gefälligst um sieben ins Bett bringen! Du musst um sieben ins Bett, du gehst immer um sieben ins Bett. Wenn du bei Papa später ins Bett gehst, kommst du ganz aus deinem Rhytmus raus. Sag ihm das!“

Da finden sich dann rasch Kinder, oft genug auch junge Kinder, die den Inhalt dessen, was sie weitertragen sollen, gar nicht vollständig verstehen können, in einer Diskussion mit einem Elternteil wieder, in welcher man die Stellvertreterrolle des Kindes für den abwesenden Elternteil überdeutlich erkennen kann. Schon der Umstand, dass ein Kind mit den Eltern über Erziehungsmethoden diskutiert in einem Alter, in dem es „Pädagogik“ kaum aussprechen kann, bezeichnet die Abstrusität dieser Geschehnisse. „Du sollst mir keine Schokolade geben, das ist schlecht für die Zähne!“ ist da noch ein harmloses, wenn auch deutlich ungewöhnliches Statement. Schulmeisternd und anweisend wird dem Elternteil die Erziehungsphilosophie des zweiten, abwesenden Elternteils vordoziert. Will dieser das so nicht ohne weiteres annehmen, fällt zumeist der Satz: „Aber Papa/Mama hat gesagt…“

 

Vor der Trennung war ja auch alles anders

Betrachtet man die Entwicklung der übertragenen Botschaften, laufen sie am Ende praktisch immer und sehr zuverlässig auf eine Debatte um Erziehungsstile hinaus. Streitgespräche, die in nicht von Trennung betroffenen Familien meist hinter verschlossenen Türen stattfinden, wenn die Kinder längst im Bett sind, werden nicht nur vor sondern sogar durch die Kinder ausgetragen. Wie fragwürdig diese Herangehensweise ist, zeigt der simple Direktvergleich:

Man stelle sich vor in einer nicht getrennten Familie säße der Vater in einem Zimmer, die Mutter im anderen und das Kind wird von beiden hin und her geschickt um mitzuteilen, was der jeweils andere falsch macht. Undenkbar. Wo ohne Trennung oft größten Wert darauf gelegt wird, die Kinder heraus zu halten, werden sie nach der Trennung aktiv und sehenden Auges hineingezogen. Und ein Unrechtsbewusstsein fehlt gewöhnlich zur Gänze bei den Auftrag gebenden Eltern.

Auf kritische Nachfragen, ist eine Erklärung schnell parat: Wenn man es dem anderen Elternteil direkt mitteilt, spurt der/die nicht. Aber das Kind selbst, nachdem es eindringlich darauf hingewiesen wurde, das ein oder andere zu tun oder zu unterlassen beim anderen Elternteil, beginnt sich zu verweigern. Den Joghurt, den der Vater vor dem Essen gab und den die Mutter nie gut hieß wird bald einfach verweigert. Pizza, die das Kind vorher immer begeistert gegessen hat, mag es plötzlich angeblich nicht mehr. Unternehmungen, an denen sich das andere Elternteil stört, werden plötzlich verweigert, obschon das Kind zuvor begeistert mitgemacht hat und sich darauf freute.

Das ist der Punkt, an dem mehrere Grenzen gleichzeitig durch den abwesenden Elternteil übertreten werden. Einerseits jene des Umgangsrechts – denn ob Umgangsberechtigt oder nicht, was mit dem Kind unternommen wird, was auf den Tisch kommt oder wann es Zeit zum Schlafen ist, bestimmt immer derjenige Elternteil, bei dem sich das Kind grade befindet. Nicht der andere und auch nicht stellvertretend über das Kind. Zum anderen werden die Grenzen der Beeinflussung, genauer der Instrumentalisierung spätestens dann überschritten, wenn das Kind beginnt eigentlich gern gemochte Dinge zu verweigern, weil der abwesende Elternteil es entsprechend indoktriniert hat.

 

Du  hast mir gar nichts zu sagen!

Ein noch erheblicheres Problem, das durch diese Stellvertreterrolle des Kindes entsteht ist allerdings deutlich grundsätzlicher: Die Autorität des Elternteils wird latent untergraben und das Kind gerät in für es gar nicht handelbare Konfliktdebatten. Durch die Botschaft „Wenn der Papa/die Mama xy will, muss du das nicht machen/sagst du Nein!“ wird der Eindruck geschaffen, das betroffene Elternteil habe keine Entscheidungsgewalt, die liege beim abwesenden Elternteil und, in dessen Stellvertretung, beim Kind.

Das Kind allerdings wird sich schwer tun zu begreifen, warum Papa/Mama zwar nicht entscheiden darf, ob es Marmelade auf´s Frühstocksbrot gibt aber die Bettzeiten, die dürfen entschieden werden, ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Kind die gemachte Erfahrung überträgt und auch in anderen Belangen immer zögerlicher Weisungen des Elternteils annimmt. Oft rückt der abwesende Elternteil als Alleinherrscher auch verbal in den Vordergrund. Wenn der eine Elternteil etwas verbietet, kontert das Kind mit „Das sage ich Mama/Papa!“ oder „Dann frage ich eben Mama/Papa!“ oder aber „Mama/Papa hat aber gesagt ich darf!“. Was andere Kinder ohne Trennungserfahrung still und heimlich versuchen – die Eltern gegeneinander auszuspielen – bricht bei dem als Postboten missbrauchten Trennungskind ganz offen zu Tage.

Es weiß, die Eltern stehen sich entgegen und dass es seinen Willen durchsetzen kann, wenn es nur einen der beiden auf seine Seite bringt. Schnell versteht es auch, wie leicht es ist, die verfeindeten Eltern gegeneinander aufzubringen. Was in nicht getrennten Familien lediglich zur ein oder anderen Nachdiskussion zwischen den Eltern führen mag, führt in der Trennungssituation nicht selten zu erheblichen Komplikationen und Konflikten. Das Kind, das dem anderen ausrichten soll, es habe Hausaufgaben zu erledigen, wird das womöglich einfach nicht tun, weil das Wetter schön ist und es lieber spielen möchte. Wieder zurück beim beauftragenden Elternteil wird es das jedoch natürlich nicht einräumen. Stattdessen erklärt es, der andere Elternteil habe gesagt, es müsse das nicht tun.

Um solche vermeintlichen Versäumnisse des jeweils anderen Elternteils, die tatsächlich auf ganz normalem kindlichen Verhalten beruhen, bauschen sich oft genug ganz erhebliche Nachtrennungskonflikte auf, die nicht selten erst vor einem Gericht ein Ende finden. Dort stranden dann die Eltern, nur um festzustellen, dass kein Gericht sich zuständig fühlt zu entscheiden, wieviel Schokolade ein Kind essen sollte, so lange es sich nicht davon ernährt oder ob Fußball eine zu gefährliche Sportart für ein Kind sein könnte.

 

 

Quicktips:

  1. Geben Sie dem Kind grundsätzlich keine Nachrichten für das andere Elternteil mit, auch wenn sie Ihnen völlig harmlos erscheinen.
  2. Schreiben Sie stattdessen einen kleinen Brief, den das Kind mitnehmen kann, rufen Sie das andere Elternteil an oder schicken Sie eine E-Mail.
  3. Halten Sie das Kind ganz bewusst aus allen Erwachsenengesprächen heraus. Das Kind kann und soll nichts für sie mit dem anderen Elternteil klären.
  4. Suchen Sie bei Unstimmigkeiten und Irritationen das direkte Gespräch mit dem anderen Elternteil – nicht mit dem Kind.
  5. Verlieren Sie nicht aus dem Blick, dass sich ihr Kind, trotz Trennung, immernoch verhält wie ein normales Kind und ggf. versucht, Sie gegeneinander auszuspielen.
  6. Halten Sie grundsätzliche Dinge, die Ihnen besonders wichtig sind in einer Umgangsvereinbarung schriftlich fest.
  7. Wird eine Regelung durch ein Gericht getroffen, sprechen Sie die Ihnen wichtigen Punkte an. Nimmt das Gericht sie nicht mit auf, müssen Sie damit umgehen, dass Sie nicht relevant genug erscheinen um die Weisungshoheit des anderen Elternteiles in seiner/ihrer Zeit mit dem Kind anzutasten.
  8. Bedenken Sie, dass keiner der getrennten Partner die Entscheidungshoheit über den gepflegten Erziehungsstil beanspruchen kann.
  9. Beeinflussen Sie niemals das Kind dahingehend, Dinge, die es eigentlich mag, abzulehnen, weil Sie diese Dinge nicht befürworten. Das ist Instrumentalisierung und schadet dem Kind.
  10. Machen Sie sich bewusst, dass es für ihr Kind entwicklungspsychologisch sehr wichtig ist, einen eigenen Standpunkt jenseit derer der Eltern zu entwickeln. Für ein Kind das schon früh dazu benutzt wurde, dass ein Postboten-Kind Ihren Konflikt mit einem anderen erwachsenen Austragen muss. Das kann und sollte es nicht tun. Es muss zu einer Überforderung kommen. Schützen Sie ihr Kind davor.