Eine Trennung mit Kind ist heutzutage kaum ohne Aufkommen des Begriffes “Loyalitätskonflikt” zu durchleben. Erstaunen, überraschen und mitunter erschrecken muss daher, wie wenige Betroffene tatsächlich wissen, was ein Loyalitätskonflikt bei einem Trennungskind genau ist und welche vor allen Dingen schädlichen Folgen sich für das Kind daraus ergeben. Auch deshalb gerät fast jedes von einer Trennung der Eltern betroffene Kind früher oder später in einen Loyalitätskonflikt hinein – es wird unbewusst und ungewollt regelrecht hineingetrieben.

 

Loyalitätskonflikt – wenn Zwei sich streiten, leidet der Dritte

Der Begriff selbst erklärt, was bei einem Loyalitätskonflikt zwangsläufig geschehen muss: Die Loyalitäten des Betroffenen treten miteinander in Konflikt. Das ist ein weder kinder- noch trennungsexklusiver Vorgang, auch jeder erwachsene Mensch kennt Loyalitätskonflikte, wenn zum Beispiel der eigene (Ehe)partner und eines der eigenen Elternteile sich nicht grün sind. Da mag einmal der eine, einmal die andere im Recht sein, viel belastender für uns ist jedoch, uns zwischen den beiden geliebten Menschen entscheiden und Partei ergreifen zu sollen, völlig unabhängig von Recht und Unrecht. Das wollen und können wir nicht und geraten somit zwischen die Fronten, nicht nur indem beide immer wieder versuchen uns für den eigenen Standpunkt einzunehmen, sondern auch und grade durch deutliche Enttäuschung und Ärger, wenn wir uns weigern, Partei zu ergreifen. Denn eigentlich wollen wir ja keinen von beiden verletzen.

Genau das erleben auch Kinder in Trennungssituationen, allerdings stehen ihnen viel weniger Möglichkeiten offen, sich diesem Konflikt ohne Hilfe zu entziehen als uns Erwachsenen. Kinder sind abhängig von ihren Eltern und deren Zuwendung. Entsprechend katastrophal ist die Zwickmühle, in welche ein Kind gerät, wenn es zwischen den Fronten der eigenen Eltern aufgerieben zu werden droht.

 

Der/die andere ist Schuld!

Tatsächlich ist es beinahe unmöglich, ein Kind im Trennungsfall völlig vor einem Loyalitätskonflikt zu schützen, wenn nicht eine sehr friedliche, freundschaftliche Trennung durchlebt wird. Je nach Persönlichkeit des Kindes kann dieser schon durch den Auszug eines der Elternteile ausgelöst werden – wahlweise in Form von Wut dem gegenüber, der die Familie “verlässt” oder umgekehrt, der oder dem gegenüber, der/die das Kind vom anderen “weg bringt”, seltener gibt es Schuldzuweisungen an denjenigen, der nicht geht, er oder sie haben den/die andere/n “vertrieben”. Der Loyalitätskonflikt entsteht in dem Augenblick, in welchem das Kind Schuld und Recht zwischen den Eltern verteilt. Damit geht einher, dass der jeweils andere Elternteil wohl im Unrecht sein muss bzw. den- oder diejenige keine Schuld trifft. Es entstehen die ersten Ansätze eines schwarz-weiß-Bildes, in dem ein “guter” und ein “böser” Elternteil auftreten. Wird dieser Vorgang nicht aufgefangen sondern auch noch bestärkt, gefördert und womöglich sogar forciert, landet man am Ende einer extrem schädlichen Entwicklung bei Beeinflussung, Entfremdung und, im absoluten Extrem, beim sog. Parental Alienation Syndrome. All das beginnt damit, dass das Kind innerhalb der Familienkonstellation beginnt zu bewerten, was es gar nicht verstehen kann – den Konflikt der Eltern auf Paarebene.

Nach einer frischen Trennung, grade wenn diese nicht in aller Ruhe und gegenseitigem Respekt von Statten ging, empfinden sich die meisten Betroffenen als Opfer des ehemaligen Partners oder der ehemaligen Partnerin, unabhängig davon, wer die Beziehung beendet hat. Verletzt und von Emotionen getrieben wird Schuld und Fehlverhalten gesucht und überwiegend oder gänzlich beim anderen auch gefunden.

“Wenn der/die andere nicht dieses getan oder jenes vernachlässigt hätte, dann …”

 

Eltern- und Paarebene und das Bedürfnis nach Streit

Dabei vermischen sich in der Hitze der emotional aufgeladenen Situation Dinge in gefährlicher Weise. Plötzlich hat der andere nicht mehr uns als Partner verlassen, sondern uns als Familie, sprich, uns selbst und das Kind/die Kinder. Normale Beziehungsstreitigkeiten aus der Vergangenheit werden gedanklich ausgeweitet, das Kind in alle Szenarien mit einbezogen. Dann hat der/die andere “vor dem Kind” gestritten oder “ohne Rücksicht auf das Kind” das Hobby ausgeübt, das am Ende als Hauptstreitpunkt zur Trennung geführt hat. Jeder Kleinkonflikt wird gedanklich auf das Kind ausgeweitet, es werden Fronten gebildet – wir selbst und das Kind als Opfer und “die Guten”, der andere als Täter/in und Problemquelle. Das Kind wird zur Konfliktpartei, entweder als Verbündeter oder auch – zum Glück seltener – als Hauptperson: “Das Kind will aber” / “Das Kind will aber nich!”. Dabei hat es selbst gar keinen Streit mit dem anderen Elternteil – den haben wir. Und in der Regel auch gar nicht in unsrer Funktion als Eltern, sondern als ehemalige Beziehungspartner.

Aber es ist schwer, das eine nicht mit dem anderen zu verknüpfen. Zu oft sind noch ungelöste Streitthemen im Raum. Und weil man die Sache mit dem Seitensprung auf Elternebene – und das ist ja nun die einzige, über welche man noch miteinander in Kontakt steht – nicht ausdiskutieren kann, wird ein Streit darum geführt, inwiefern es dem Kind schadet, wenn es während der Zeit beim jeweiligen Elternteil von den Großeltern betreut wird.

“Hast du wohl was Besseres zu tun, als Dich um dein Kind zu kümmern?!”

So erklärt sich auch, wie zahllose Dinge, die vor der Trennung nie Thema waren, nach der Trennung plötzlich zu einem erheblichen Problem mutieren. Das tun sie gar nicht. Aber sie werden Platzhalter für einen ganz anderen Streit, der nicht ausgetragen werden darf.

Solche Haltungen allerdings vor den  involvierten Kindern zu verbergen ist schier unmöglich, sofern man es überhaupt versucht. Manche tun das. Einige Betroffene bemühen sich redlich, nicht schlecht über den anderen Elternteil zu sprechen vor dem Kind und gute Miene zum gefühlt bösen Spiel zu machen. Oft genug ohne sich der Tatsache bewusst zu sein, dass ein überzogenes Reagieren auf Schrammen und/oder Schmutz nach oder zu jedem Umgangstermin die Aussage “Mama/Papa ist unfähig!” gleichwertig ersetzt und man auch gleich hätte erklären können, dass “Papa/Mama mich nur ärgern und mir schaden will!” statt das Kind bei jedem Wiedersehen danach auszufragen, was Mama/Papa denn so getan und gesagt hat. Die Kinder spüren die deutliche Ablehnung und den Argwohn ganz genau.

 

Fallstrick Kindeswille

Und selbst diejenigen, die es schaffen, ihre eigene Haltung gegenüber dem früheren Partner vor dem Kind nicht auszuleben, stolpern nicht selten über eine enorm knifflige Falle:

Den Kindeswillen.

Viel zu oft werden Kinder von Elternteilen gefragt, bei welchem Elternteil sie lieber leben möchten oder bei wem es ihnen besser gefällt. Häufig nicht einmal im Kontext einer tatsächlichen Auseinandersetzung um den dauerhaften Aufenthalt des Kindes, sondern in Form eines “Fishing for Compliments”. Das verletzte Ego möchte hören, dass das Kind viel lieber bei uns ist. Dass wir uns besser darum kümmern und es uns – in der Quintessenz – lieber mag als den anderen Elternteil.

Genau hier beginnt allerdings die Sortierung in einen “besseren” und einen “schlechteren” Elternteil. Ein Kind kann bis zu einem gewissen Alter gar nicht erfassen, was es bedeutet, bei einem oder dem anderen Elternteil dauerhaft zu leben und danach kann es dieselbe Frage in aller Regel nicht entscheiden. Das Kind selbst denkt nicht tatsächlich darüber nach, wo es sich “wohler” fühlt oder besser gefördert wird. Wenn Mama oder Papa vor ihm stehen, relativ bald nach einem Trennungstrauma – denn einer ist ja schon “weggegangen” – und das Kind fragen, ob es ausziehen will, welche Antwort wird erwartet?

Eben diese Fragen führen dann zu für Trennungseltern oft vollkommen unverständliche Stereo-Realitäten. Das Kind sagt nämlich, nur weil es der Mama sagt, es möchte dort leben, nicht dem Papa auf dieselbe Frage ebenfalls, dass es bei der Mama leben will. Wie könnte es das? Wenn es bei Papa ist, will es bei Papa sein, also sagt es das dort auch.  Aus diesem Grund sollten solche Fragen ausschließlich von für das Kind neutralen Dritten wie dem Verfahrensbeistand oder einem Richter/einer Richterin in Abwesenheit der Eltern gestellt werden – und tatsächlich fragen just diese Personen nie so direkt, weil sie sich des Problems um den Loyalitätskonflikt bewusst sind. Stattdessen wird das Kind dazu befragt, was ihm bei Papa oder Mama gut oder weniger gut gefällt oder wie es sich vorstellen würde, wie es wäre, bei dem Elternteil zu leben, bei dem es zum Zeitpunkt nicht überwiegend lebt. Niemals wird das Kind aufgefordert, Partei für eines der Elternteile zu ergreifen oder sich für oder gegen ein Elternteil zu entscheiden.

Denn Kinder denken nicht darüber nach, welcher Elternteil des bessere, kompetentere, verantwortungsvollere oder erziehungsfähigere ist. Kinder haben ihre Eltern einfach lieb. Beide. Und “wieviel” ist dabei völlig egal.