Trennungen und Scheidungen mit Kindern sind hochemotionale Konflikte, in denen häufig alle Grenzen des Vernünftigen und Verantwortungsvollen zumindest zeitweise über Bord geworfen werden. Wut, Hass, Vergeltungsdrang und der blinde Wunsch, dem anderen zu schaden, bringen auch vernünftige, intelligente Menschen auf wirklich schlimme Ideen mit fürchterlichen Folgen.

Konkrete Zahlen zu den innerhalb von Trennungskonflikten aufkommenden Vorwürfen zu sexuellem Missbrauch der gemeinsamen Kinder gibt es nicht, schon weil niemand Buch darüber führt, wieviele dieser Anschuldigungen von vorn herein unhaltbar sind, welche ernsthaft geprüft werden müssen und wann es tatsächlich zu Verurteilungen kam.

Auch und insbesondere am weiteren Verlauf familienrechtlicher Verfahren lässt sich kaum etwas ablesen, denn nicht wenige Gerichte reagieren massiv beim Aufkommen solcher Vorwürfe und schließen alle potentiellen Risiken für die betroffenen Kinder weiträumig aus.

Für betroffene Trennungselternteile stellt dieser Vorwurf den Super-GAU im Trennungsstreit dar. Dabei ist durchaus bekannt, dass angeblicher Missbrauch regelmäßig in strategischer Manier im Trennungskonflikt genutzt wird, ebenso wie der Vorwurf der Verwahrlosung. Allerdings setzt ein Vorwurf der Verwahrlosung bei Weitem nicht die Maschinerie in Gang, wie es die Anschuldigung des Kindesmissbrauchs tut. Und das zu Recht.

 

 

Die Anatomie einer Katastrophe

Man muss – und das ist wichtig und richtig – sich darüber im Klaren sein, dass Kindesmissbrauch vorkommt und dass es durchaus auch durch den dringenden Verdacht auf Missbrauch zu Trennungen kommt. Insofern ist es grundfalsch aus der Konstellation Trennung plus Missbrauchsvorwurf grundsätzlich zu schließen, dass falsche Vorwürfe erhoben werden.

Allerdings kann ein spezifischer Aspekt sehr zuverlässig Hinweis darauf geben, wie ernst ein solcher Vorwurf zu nehmen ist:

Wann kommt der Vorwurf auf?

Geschieht eine Trennung, weil einer der beteiligten Elternteile den dringenden Verdacht hat, es könnte Kindesmissbrauch durch den anderen Elternteil vorliegen, dann wird er oder sie die Kinder in jedem Fall mit sich nehmen und nicht alleine ausziehen. Dann wird der oder diejenige umgehend Anzeige erstatten. Dann wird der oder diejenige sofort alle Hebel in Bewegung setzen um den Verdacht aufzuklären und bis zur Klärung unbeobachteten Kontakt zwischen den Kindern und dem anderen Elternteil auf regulärem Wege mit Unterstützung des Jugendamtes und zum Beispiel durch eine Umgangsbegleitung verhindern.

Das ist aber nicht der Regelablauf bei der überwiegenden Mehrheit an Missbrauchsvorwürfen nach einer Familienauflösung und insbesondere in hochstrittigen Fällen zeigt sich eine andere Hierarchie der Ereignisse:

  • Es kommt zur Trennung und meist schon unmittelbar ab Trennung zu erheblichen Konflikten, insbesondere um das Umgangsrecht
  • Von Beginn an zeigt sich eine Partei unkooperativ in Bezug auf Kontakt des Kindes mit dem anderen Elternteil und/oder in Bezug auf eine kooperative gemeinsame Elternschaft generell
  • Oft kommt es zu Sorgerechts- oder Umgangsstreitigkeiten, die auch gerichtlich ausgetragen werden.
  • Zeichnet sich hier nun ab, dass die Sache nicht „zu Gunsten“ des unkooperativen Elternteiles ausgeht, taucht der Missbrauchsvorwurf auf.

Die Unterschiede sind deutlich und auch die fehlende Kausalität der Abläufe springt sofort ins Auge. Wenn doch der Verdacht des Missbrauchs bestünde, weshalb wird er erst derart spät ausgesprochen? Weshalb werden vermeintlich darauf zurückzuführende Verhaltensauffälligkeiten der Kinder erst mit zunehmender Eskalation im Umgangsrechtsverfahren thematisiert oder tauchen nun angeblich erst auf?

Schon die Idee, dass der ehemalige Partner/die ehemalige Partnerin jahrelang keinen Anlass zum Verdacht gegeben haben soll, pünktlich mit oder kurz nach Trennung jedoch spontane pädophile Neigungen entwickelt haben soll, lässt begründet an der Rationalität solcher Überlegungen zweifeln. Zudem man kaum erklären wird können, weshalb einem dergleichen nie aufgefallen sein sollte, während noch alle im selben Haushalt lebten.

 

Ein Feuerwehrmann versucht zu löschen – ein Brandstifter nicht

Werden bewusst falsche Vorwürfe vorgebracht – und es muss davon ausgegangen werden, dass in der deutlichen Mehrheit bewusst falsch verdächtigt wird – hilft zur Verdeutlichung der Situation das Bild eines als Feuerwehrmann verkleideten Brandstifters.

Während die wahren Feuerwehrleute darum bemüht sein werden, das Feuer unter Kontrolle zu bringen und zu löschen, wird der verkleidete Brandstifter zwar sehr geschäftig herumlaufen und den Anschein erwecken – doch er wird tunlichst alles unterlassen, was geeignet wäre, das Feuer einzudämmen.

Und genau dieses geschäftige „Herumlaufen ohne Lösungsabsicht“ kann auch bei falschen Verdächtigungen zu Kindesmissbrauch im Trennungskonflikt beobachtet werden.

Vernünftige und logische Reaktionsmuster finden einfach nicht statt. Das Kind, das verstörend konkret, fast nicht mehr kindgerecht vom angeblichen Missbrauch berichtet wird zwar bereitwillig zu Gericht und Jugendamt gebracht, um dort möglichst umfangreich auszusagen, nicht selten tatkräftig unterstützt durch den anklagenden Elternteil, gegen Untersuchungen durch einen Arzt oder Gespräche mit ausgebildeten Psychologen versperrt man sich jedoch mit der Begründung, das Kind nicht zusätzlich belasten zu wollen.

Für sämtliche Ungereimtheiten werden in Windeseile fantasievolle Erklärungen gefunden, die bald den Eindruck erwecken, dass der anklagende Elternteil nicht, wie es gewöhnlich der Fall ist, beständig und stets doch noch hofft, alles könnte sich als großes Missverständnis entpuppen. Viel mehr entsteht der Eindruck, der anklagende Elternteil wolle den Verdacht auf Biegen und Brechen und entgegen aller anderslautenden Hinweise erhärtet sehen.

Auffallend deutlich liegt der Fokus des anklagenden Elternteiles eben nicht auf dem Kind, dessen vermeintlicher Situation und den schweren, irreparablen Schäden, die mit Missbrauch einhergehen würden, sondern nahezu vollständig auf dem vermeintlichen Täter – dem anderen Elternteil und oft zeigen sich deutliche Gewichtungsverzerrungen – dann wird der Vorwurf des Kindesmissbrauches ohne nennenswerte Mehrgewichtung in einem Atemzug mit Uneinigkeiten zum Erziehungsstil und der angeblich kindeswohlgefährdenden Großmutter in einem Atemzug genannt.

 

 

Tatsächliche Vorwürfe von übler Nachrede unterscheiden

Sofern nicht aufgrund einer einschlägigen Vorgeschichte praktisch sofort durch alle Beteiligten ausgeschlossen kann, dass der Vorwurf ernst zu nehmen ist – das ist nur selten der Fall – so muss das zuständige Gericht, das Jugendamt oder die zuständige Polizeidienststelle einem solchen Vorwurf des Kindesmissbrauchs mit Ernsthaftigkeit und gewissenhaft nachgehen.

Daraus ergibt sich die für Sie zunächst wichtigste Frage:

Wer erhebt den Vorwurf Kindesmissbrauch, wie konkret und gegenüber wem?

 

Ein ernst zu nehmender Verdacht mit dem Sie sich auseinandersetzen müssen steht nur dann im Raum, wenn das zuständige Familiengericht oder die zuständige Polizeidienststelle bzw. Staatsanwaltschaft sich entsprechend Ihnen gegenüber äußert.

Alles andere ist heiße Luft und das müssen Sie sich sehr bewusst machen.

Nur das zuständige Familiengericht ist entscheidungsbefugt und kann Ihren Umgang aussetzen oder unter Begleitung anordnen. Weder das zuständige Jugendamt noch der andere Elternteil hat diesbezüglich Entscheidungskompetenz, auch nicht wenn ein vager Vorwurf im Raum steht. Als solches muss er aber gelten, wenn nicht einmal ein  Ermittlungsverfahren eröffnet wird – zum Beispiel weil trotz des angeblich dringenden Verdachtes niemand den ersten logischen Schritt geht und Sie anzeigt.

Der Vorwurf Kindesmissbrauch ist derart schwerwiegend und existenzbedrohend, dass Sie unter keinen Umständen außerhalb eines gerichtlich geordneten Rahmens und ohne die fachkundige Unterstützung einer anwaltlichen Vertretung irgendwelche weiteren Schritte machen sollten. Schützen Sie sich.

Viele Betroffene sind von einer solchen Vorhaltung – formlos mündlich oder auch im Rahmen eines simplen Schreibens, einer „Androhung“ oder dergleichen – derart eingeschüchter und schockiert, dass ohne jeden offiziellen Verdacht dem Druck nachgegeben wird. Es wird außergerichtlich Minimalumgang unter Begleitung „vereinbart“ – ohne zeitliche Einschränkung, ohne konkretes Ziel und ohne jede Aussicht auf Aufklärung.

Vor lauter Angst, der Verdacht könnte nicht ausgeräumt werden, wird der dringend notwendige Austausch und Kontakt mit relevanten Stellen gemieden – wie zum Beispiel Polizei, Gericht oder einem aktiven Verfahrensbeistand, der den Prozess begleitet hat und womöglich im Bilde ist über frühere falsche Anschuldigungen. Denn selten beginnt es mit dem Missbrauchs-Vorwurf. Häufig wurden zuvor schon andere Vorhaltungen gemacht, die allerdings aufgrund von Irrelevanz oder inhaltlicher Unstimmigkeiten gar nicht weiter verfolgt wurden.

Hier zeigt sich einer der erheblichsten Nachteile des Prinzips „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ – so lange die Vorwürfe nicht erheblich sind, werden Sie oft nicht einmal protokolliert.

 

Blick auf´s Ziel!

Steht der Vorwurf tatsächlich im Raum, wurde ein Ermittlungsverfahren gegen Sie eröffnet, oder – das ist im Grunde die light-Variante – vom Gericht ein spezifisches Gutachten angefordert um einen Missbrauchsvorwurf aufzuklären, darf das Ziel nie aus den Augen verloren werden.

Gegenanzeigen wegen Verleumdung bringen Sie ebensowenig weiter wie Nebenfronten durch Auseinandersetzungen mit Polizeibeamten, die nur ihre Arbeit machen oder Richtern, die einen solchen Verdacht nun einmal prüfen müssen. Ginge es nicht um Sie selbst, Sie würden ja auch lückenlose Aufklärung im Sinne ihres Kindes wünschen.

Konzentrieren Sie sich auf das, was wirklich wichtig ist: Ihr Kind. Behalten Sie den regelmäßigen Umgang gut im Auge und lassen Sie keine willkürlichen Einschränkungen oder Auflagen durch das Jugendamt oder den anderen Elternteil ohne konkrete Billigung des Gerichtes zu. Nur was der Richter/die Richterin anordnet, gilt im Zweifel und das uneingeschränkt bis zu einer anderslautenden Anordnung.

Wäre eine Abänderung tatsächlich so zwingend notwendig, stünde sowohl dem anderen Elternteil als auch dem Jugendamt der Weg zu Gericht ebenfalls frei. Ziehen Sie eigene Schlüsse daraus, wenn das nicht geschieht.

Denn oft zielt ein falscher Missbrauchsvorwurf ganz konkret auf Umgangsreduktion oder Umgangsausschluss. Hier ist also Ihre Aufmerksamkeit, große Sachlichkeit und Zielorientierung gefragt.

 

Quicktip

  • Wird Ihnen Kindesmissbrauch vorgeworfen, bleiben Sie vor allen Dingen ruhige. Emotionalität wird Ihnen an dieser Stelle nicht weiterhelfen. Bemühen Sie sich um Sachlichkeit und Ruhe, so schwer es auch fällt.
  • Überprüfen Sie gedanklich rational, was tatsächlich grade geschehen ist: Werden Sie tatsächlich des Missbrauchs verdächtigt (wurde also ein Ermittlungsverfahren eröffnet oder das Gericht hat Sie mit entsprechender Aussage kontaktiert, ein entsprechender Antrag der Gegenseite wurde Ihnen vom Gericht zugestellt?) oder werden Sie zunächst „nur“ mit wilden Vorhaltungen konfrontiert (Mündliche Aussagen, Drohungen des Vorwurfes durch den anderen Elternteil, Andeutungen oder Mutmaßungen, Schriftstücke des gegnerischen Anwaltes an Sie direkt oder willkürlich hinzugezogener Dritter wie z.Bsp. Betreuungskräfte des Kindergartens)?
  • Schützen Sie sich. Bemühen Sie sich darum bis zur Aufklärung nach Möglichkeit Zeugen zur Zeit mit ihrem Kind hinzu zu ziehen. Die Großeltern zum Beispiel, andere Verwandte oder auch den neuen Partner/die neue Partnerin.
  • Machen Sie keinen Blödsinn. Zeigen Sie sich nicht selbst in einem Anfall heroischer Theatralik an, fahren Sie nicht abends um Sieben zum Haus des anderen Elternteils um ihn/sie zur Rede zu stellen und bitten Sie nicht in vorauseilendem Gehorsam beim Jugendamt um begleiteten Minimalumgang, als wären Sie selbst nicht mehr ganz sicher, ob an den Vorwürfen etwas dran sein könnte. Reißen Sie sich zusammen. Sie müssen ruhig bleiben.
  • Suchen Sie sich Möglichkeiten, ihre eigene emotionale Lage auszudrücken, zum Beispiel mit Hilfe einer therapeutischen Fachkraft, bei engen Freunden oder dergleichen – Ihre Situation ist hochbelastend und es ist angezeigt, dass Sie jetzt gut auf sich Acht geben.
  • Vertrauen Sie an dieser Stelle ruhig auf das System, denn kaum etwas wird zuverlässiger ausgeschlossen als der falsche Verdacht auf Kindesmissbrauch. Gutachter und auch erfahrene Pädagogen, Polizeibeamte und Staatsanwälte sind regelmäßig sehr  erfolgreich in der Aufklärung solcher Vorwürfe, auch, weil es fast unmöglich ist ein Kind glaubhaft dahingehend zu beeinflussen, einen Missbrauch zu behaupten, der nie stattgefunden hat.
  • Bedenken Sie, dass ein bewusst falscher Vorwurf des Missbrauchs, insbesondere wenn das Kind selbst durch einen Elternteil suggestiv befragt oder gar beeinflusst wird, erhebliche Zweifel an der Erziehungsfähigkeit desjenigen aufkommen lässt. Setzen Sie sich also gedanklich damit auseinander, dass das Kind zukünftig womöglich beim anderen Elternteil nicht mehr leben oder nicht ohne therapeutische Aufarbeitung unbegleitet den Umgang mit dem anderen Elternteil wahrnehmen wird können, um eine Wiederholung solcher Vorkommnisse kategorisch ausschließen zu können, denn dem Kind droht erheblicher Schaden.

 

Sollte man den anklagenden Elternteil anzeigen?

Sehr bewusst stellen wir diese „Glaubens“frage ans Ende dieser Ausführungen. Grundsätzlich ist von Strafanzeigen gegen den anderen Elternteil abzuraten. Sie führen in der Regel zu nichts, eskalieren die Nachtrennungskonflikte zusätzlich und werden auch durch die zuständigen Gerichte ganz und gar nicht wohlwollend aufgenommen.

Allerdings ist der Vorwurf des Missbrauchs am eigenen Kind ein schwerwiegender Vorwurf, bei dem mitunter existenzvernichtende Konsequenzen drohen können. Deshalb und auch weil viel zu häufig bewusst fälschlich der Verdacht geschürt und der Vorwurf im Zuge von Trennungskonflikten erhoben wird, sind wir durchaus der Ansicht, dass ein solcher falscher Vorwurf nach Aufklärung strafrechtlich verfolgt werden müsste.

Aber.

Das Problem mit der strafrechtlichen Verfolgung solcher Vorwürfe ergibt sich durch die schwierige Belegbarkeit der Umstände. Theoretisch könnte man den anklagenden Elternteil wegen falscher Verdächtigung anzeigen – jedoch nur dann, wenn man plausibel belegen kann, dass der andere Elternteil tatsächlich wissen musste, dass die Vorwürfe falsch sind. Und das ist in der Regel einfach nicht beweisbar, das Verfahren wird mangels Beweisen eingestellt.

Auch Verleumdung setzt voraus, dass der Anklagende wusste, dass die Vorwürfe nicht wahr sind oder wahr sein können.

Einzig möglicher Ansatzpunkt wäre demnach die sog. Üble Nachrede, wozu jedoch der anklagende Elternteil gegenüber Dritten – nicht Gericht oder Jugendamt – behauptet haben müsste, der andere Elternteil habe das Kind missbraucht. Erschwerend kommt hinzu, wenn solche Äußerungen im öffentlichen Rahmen (im Kindergarten zum Beispiel) oder schriftlich durch z.Bsp. Wurfblätter erfolgen.