Die Befürchtung, ein Kind würde beeinflusst, ist nach einer Trennung und ersten Verhaltensauffälligkeiten des Kindes weit verbreitet. Einerseits weil typische Trennungsfolgen, die das Kind zeigt, nicht also solche erkannt werden, andererseits weil verkannt wird, dass die neue Situation auch zu neuem, womöglich bislang unbekanntem Verhalten des Kindes führt.

Allein die Tatsache, dass ein betroffenes Kind nicht mehr die Familiendynamik aus beiden Eltern sondern jeden Elternteil nun einzeln in einer eigenen Dynamik mit dem Kind erlebt, verändert das kindliche Verhalten. Oft zeigen sich unterschiedliche Erziehungsstile der Eltern zunehmend deutlich im Verhalten des Kindes, weil es bei einem Elternteil folgsamer ist als vor der Trennung, beim anderen Elternteil aber über “Tische und Bänke” geht. Was sich zuvor durch das Miteinander der Eltern ausgeglichen hat, wird dann deutlich. Tatsächlich an Beeinflussung denken, sollten Sie erst, wenn Ihr Kind eine der folgenden Verhaltensweisen zeigt:

Das Kind beginnt auf Trigger zu reagieren

Es lösen also ganz spezifische Schlagworte, Gegenstände oder Personen eine nicht nachvollziehbare Verhaltensänderung beim Kind aus, die deutlich auffällt. Zum Beispiel geht das sonst offene Kind plötzlich auf deutliche Distanz, sobald der neue Partner/die neue Partnerin hinzukommt, wird bei der bloßen Erwähnung von “Kletterpark” regelrecht panisch, obwohl es dort immer großen Spaß hatte oder reagiert auf die Erwähnung von Oma und Opa, die es eigentlich immer sehr gern besucht hat, plötzlich rabiat abweisend und verweigert sich jeder Interaktion.

Hört ein Kind immer und immer wieder im Haushalt des anderen Elternteils, eine bestimmte Aktivität oder Person sei falsch, böse, gefährlich oder abzulehnen, reagiert es irgendwann regelrecht automatisch dementsprechend, sobald der Begriff fällt. Während diese Reaktion im Haushalt des beeinflussenden Elternteils logisch wäre und ins Bild passen würde, fällt sie im Haushalt des betroffenen Elternteils meist deutlich auf, weil sie völlig “unpassend” oder kontextlos erscheint. Die Tatsache, dass das Kind diese Reaktion so verinnerlicht hat, dass sie kontextfremd auftritt, zeigt deutlich die Beeinflussung.

Worte und Verhalten des Kindes passen nicht mehr zueinander

Das Kind reagiert auf Vorschläge oder Personen nur noch verbal oder nur noch nonverbal, während “der Rest” nicht oder anders, oft entgegengesetzt reagiert. Ein typisches Phänomen, das sich immer dann beobachten lässt, wenn Kinder etwas nachplappern, das sie inhaltlich nicht begreifen können oder selbst nicht glauben. So schüttelt das Kind vielleicht energischst den Kopf, während es “Ja.” sagt oder beschimpft und verunglimpft eine Person, während es sich an ihr festklammert, erklärt im Brustton der Überzeugung, es möge keine Nudeln mit Soße, während es sich dieselben in den Mund schaufelt. Grade bei Kleinkindern, die nicht oder noch nicht gut sprechen können zeigt sich diese Auffälligkeit zwischen körperlicher und sonstiger Reaktion deutlich.

Kinder sind deutlich weniger selbstbeherrscht als Erwachsene – im wörtlichen Sinne. Sie können Mimik, Gestik, Körpersprache und Ausdruck noch nicht so steuern wie erwachsene Menschen dazu fähig sind. Daher kommt es bei beeinflussten Kindern zu “Übertragungsfehlern”, weil das Kind die authentische Haltung und die abverlangte, erwartete Haltung nicht gleichzeitig ausdrücken kann. Je nach Alter des Kindes fallen ihm womöglich die offensichtlichen Widersprüche selbst auch gar nicht auf.

Geborgte Szenarien und nicht kindgerechte Sprache

Dies zeigt sich wahlweise in Vorwürfen, die ein Kind einem Erwachsenen nie machen würde: “Du sollst mir keine Schokolade geben, das ist schlecht für mich!” Themen, die ein Kind im entsprechenden Alter eigentlich weder versteht noch anspricht: “Wieso zahlst du keinen Unterhalt?/Wieso willst du den Papa/die Mama in den Ruin treiben?” bis hin zu simplen Beschimpfungen aus dem Nichts gegenüber dem betroffenen Elternteil und/oder weiteren Bezugspersonen, oft auch hier mit Begriffen, die ein Kind in der Regel gar nicht kennt  oder verwendet und auch kaum im Kindergarten oder Schule aufschnappen kann wie zum Beispiel “Blender”, “Miststück” und dergleichen.

Das Phänomen “geborgte Szenarien”, das Richard A. Gardner in Bezug auf PAS beschrieb kommt grundsätzlich bei fortgesetzter Beeinflussung eines Kindes vor. Irgendwann – sprachliche Fähigkeit vorausgesetzt – wiederholt das Kind die immer wieder gehörten Vorwürfe, ohne sie inhaltlich wirklich verstehen, erkären oder in einen sinnvollen Kontext setzen zu können.

Das Kind zeigt unerklärliche Bindungsschäden in der Beziehung zu Ihnen

Es lehnt also plötzlich zuvor häufig genossene Nähe oder typische Gemeinsamkeiten – zum Beispiel Liebhabereien – überzogen vehement ab, verlangt auffallend konsequent stets die Hilfe und Unterstützung anderer anwesender Erwachsener und/oder schließt ausdrücklich und konkret Sie als Person fortgesetzt aus Interaktionen aus oder lässt sich plötzlich nicht mehr von ihnen trösten, obwohl das zuvor nie ein Problem war.

Das beschriebene Verhalten in Summe zeigt deutliche Entfremdung an, die nicht grundlos geschieht. War also der Kontakt nicht über einen signifikanten Zeitraum unterbrochen oder nur unregelmäßig möglich und gab es auch keinen Vorfall, der ein solches Verhalten erklären könnte, kann darin ein Hinweis auf konkrete Beeinflussung gegen Sie als Person liegen.

Das Kind hat Sie lieb… doch nicht… doch.. doch nicht

Das Kind reagiert auf konkrete Fragen dazu, ob es Spaß hat in der Zeit mit Ihnen, ob es Sie lieb hat oder ob Sie lieb sind grundsätzlich mit Verneinung oder sogar zunächst mit einem sichtbaren “Ja”, gefolgt von kurzem Überlegen und einem dann oft stark überzogenen “Nein!” – verbal oder nonverbal.

Hierbei gilt zu bedenken, dass Kinder es mitunter lustig finden, das Gegenteil von dem zu sagen, was man hören möchte. Ein Kind, das zunächst auf die eigene Wahrnehmung zurückgreift, sich dann jedoch entsinnt, dass es doch eigentlich nicht soll und seine eigene Aussage um 180 Grad revidiert, verhält sich deutlich auffällig. Es wirkt nicht lustig sondern konzentriert oder nachdenklich. Häufig können Sie auch zusammen mit den sich verändernden Antworten eine veränderte Haltung beobachten – war das Kind grade noch fröhlich, wird es schlagartig ernst bis feindseelig. Ähnliches Verhalten kann auch spiegelverkehrt auftreten, wenn Sie dem Kind sagen, dass Sie es lieb haben. Dann schüttelt das Kind womöglich vehement den Kopf und widerspricht Ihnen.

Ein simpler und gut praktikabler “Test”, wie es um Ihr Kind steht, besteht also darin, ihm einfach möglichst oft zu sagen, wie lieb Sie es haben.

 

Grundsätzlich sind im Umgang mit allen Kindern, die klare Zeichen der Beeinflussng zeigen, die Ansätze wie in “Das beeinflusste Kind – was tun?” beschrieben nützlich und können nicht schaden, wohl jedoch helfen. Auch die “Häufigsten Fehler entfremdeter Eltern – Teil 1, Teil 2, Teil 3 unf Teil 4” sind umfassend auf jede Form der Beeinflussung übertragbar.