Durch einige jüngere Gerichtsentscheidungen und auch die Medien wurde das bereits 1985 durch Richard A. Gardner formulierte Parental Alienation Syndrome auch in Deutschland populär. Es folgten hitzige Diskussionen sowohl unter Fachpersonen als auch Laien darüber, ob dieses Syndrom überhaupt existiere – vergleichbar der Diskussion, die Gardner damit in den Achtziger Jahren in den USA auslöste – und wenn ja, in welchen seltenen Extremfällen davon zu sprechen sei.

Aus Fachkreisen wurde Gardner vor allen Dingen auch für den Begriff “Syndrome” angegriffen, weil dieser einen pathologischen Zustand beschreibt, der aus mehreren, spezifischen Symptomen besteht.

Die Diskussion drehte sich also vorwiegend darum, ob die von Gardner beschriebenen und dokumentierten “Verhaltensauffälligkeiten” bei Trennungskindern, die sich in bestimmten Dingen erstaunlich ähnelten, krankhaft im eigentlichen Sinne seien und von Symptomen die Rede sein könne.

Heute diskutieren vorwiegend Laien in der Hauptsache darum, wann von PAS zu sprechen sei. Oft wird der Begriff dabei völlig falsch verwendet – ein Parental Alienation Syndrome kann ein Kind ausbilden aber nicht ein Elternteil. Ein Elternteil kann das Syndrome lediglich auslösen.

Auch muss klar unterschieden werden zwischen Entfremdung als solcher und PAS und ebenso klar muss unterschieden werden zwischen Beeinflussung per se und PAS.

Echtes PAS ist selten

Das Parental Alienation Syndrome beschreibt eine Ansammlung spezifischer, psychologisch markanter Verhaltensauffälligkeiten bei einem Kind, das aktiv gegen einen Elternteil beeinflusst wird und das in einer solchen Schwere, dass sich als pathologisch zu bezeichnende Reaktionen ausbilden. Man könnte, zum besseren Verständnis, von einer Art spiegelverkehrtem Stockholm-Syndrom sprechen, wobei das Kind eben nicht völlig entgegen der objektiven Fakten Zuneigung, Wohlwollen und/oder Verbundenheit zu einer Person entwickelt, die es bedroht und/oder ihm Gewalt angetan hat, sondern ebenso entgegen der Realität massive Abneigung und/oder Panik vor einer Person entwickelt, zu der es ursprünglich in der Regel eine stabile Beziehung pflegte und die keinen nachvollziehbaren Anlaß zu dieser extremen Ablehnung gegeben hat.

Durch das Aufkommen von PAS als Thema in den Medien und einschlägigen Themencommunities ist eine sehr inflationäre Verwendung des Begriffes üblich geworden, die heute regelmäßig dazu führt, dass vermeintlich Betroffene falsch, überzogen oder aus verfrühter Resignation gar nicht mehr in ihrer Sache reagieren.

Tatsächlich ist das Parental Alienation Syndrome wie Gardner es beschreibt eindeutig ein psychologisches Syndrom, das sich aus spezifisch beschriebenen Symptomen zusammenfügt. Die PAS-Konferenz hat einer hervorragende Einführung in PAS und Übersicht über diese Symptome und deren mögliche Ausgestaltung auf ihrer Website erstellt.

Treffen diese Symptome nicht und nicht in der beschriebenen Schwere zu, kann nicht von PAS gesprochen werden.

PAS entsteht nicht versehentlich oder aus Gedankenlosigkeit und ist – zum Glück – selten. Denn um in dieser Art fortgesetzt und massiv auf ein Kind einzuwirken, so dass dessen eigene Wahrnehmung so erheblich beeinträchtigt wird, dass PAS auftritt, setzt die Fähigkeit und Bereitschaft zu schwerer psychischer Kindesmisshandlung voraus. Es wird sehenden Auges und aktiv wahlweise eine emotionale Störung des Kindes (Gardner spricht vom Fehlen von Schuldbewusstsein – das Kind hat keinerlei Hemmungen, den entfremdeten Elternteil massiv zu verletzen und anzugreifen, die Empathie setzt selektiv aus) oder auch eine erhebliche Angststörung (das Kind wird beim bloßen Erwähnen des entfremdeten Elternteils panisch) herbei geführt.  Die Folgen für die seelische Entwicklung sind erheblich und potentiell irreparabel, womit echtes PAS unter den §225 StGB fällt – Misshandlung von Schutzbefohlenen.

Beeinflussung des Kindes

Mit am Häufigsten geschehen Verwechslungen zwischen einer Beeinflussung des Kindes und dem Parental Alienation Syndrome, nicht selten wird beides einfach gleichgesetzt. Zwar ist die Beeinflussung eines Kindes gegen einen Elternteil zwingende Voraussetzung für PAS, allerdings führt bei Weitem nicht jede Beeinflussung dazu, dass ein Kind das Entfremdungs-Syndrom nach R. Gardners Definition entwickelt.

Auch deshalb gab es in deutschen Fachkreisen erhebliche Diskussionen über die Existenz von PAS – weil selbst unter Fachpersonen Beeinflussung, Entfremdung und PAS relativ willkürlich durcheinander geworfen wurde.

Praktisch jedes Trennungskind ist Beeinflussung ausgesetzt, in aller Regel durch sämtliche Bezugspersonen, die eine Verbindung zu den Eltern haben einschließlich natürlich beider Eltern selbst. Die wenigsten involvierten Erwachsenen schaffen es, jeden Kommentar, jede kritische Äußerung und jedwede abfällige Wertung des anderen Elternteils oder dessen Gewohnheiten zu unterlassen. Und selbst wenn sie sich darum bemühen, schnappt das Kind doch immernoch die Grundstimmung auf. Die Fähigkeit auch kleiner Kinder, soziale Szenarien zu begreifen und instinktiv einzuordnen wird hierbei regelmäßig deutlich unterschätzt.

Tatsächlich hat ein durchschnittliches, gesundes Kind die nötigen inneren Ressourcen, die Ablehnung der Eltern gegeneinander nach einer Trennung zu verarbeiten. Die Trennung ist traumatisch, keine Frage, die Beziehung  und Bindung zu beiden Eltern ist jedoch in der Regel so belastbar, dass gelegentliche Seitenhiebe des einen gegen den anderen Elternteil für das Kind zwar schmerzlich sind, jedoch keine ernsten oder wahrnehmbaren Folgen für die Eltern-Kind-Beziehungen haben.

Eben das geschieht jedoch bei PAS – eine Eltern-Kind-Beziehung wird nicht nur vollständig zerstört, sie wird regelrecht umgekehrt.

Latente Beeinflussung wie sie häufig vorkommt hat nicht diese Durchschlagskraft und führt häufig gar nicht zu wahrnehmbaren Problemen im Umgang mit dem Kind.

Wird ein Kind allerdings aktiv und bewusst gegen einen Elternteil beeinflusst mit  dem klaren Ziel der Entfremdung von diesem Elternteil, zeigen sich früher oder später Auffälligkeiten, denen jedoch mit Geistesgegenwart und verantwortlicher Herangehensweise begegnet werden kann. Es gibt Wege und Möglichkeiten für entfremdete Elternteile, dem Kind zurück in eine stabile Eltern-Kind-Bindung zu helfen.

Ein verschärfender Faktor bei einem bewusst beeinflussten Kind ist ohne Zweifel das in Deutschland übliche Residenzmodell, wenn die Beeinflussung durch den überwiegend betreuenden Elternteil geschieht. Hier arbeitet die Zeit ohnehin gegen die Eltern-Kind-Bindung an den Umgangselternteil und zusätzliche Beeinflussung kann zu ernsten Problemen bis hin zu einer so starken Entfremdung führen, dass der Kontakt zwischen dem Kind und dem entfremdeten Elternteil abbricht. Leider nicht selten, weil der entfremdete Elternteil die geäußerte Ablehnung des Kindes nicht als Not erkennt und sich nicht aufdrängen will.

Die reine Ablehnung von Kontakten durch das Kind – abermals – ist jedoch für sich alleinstehend kein PAS. Insbesondere wenn das Kind durch immer weniger werdenden Umgang kaum noch die Möglichkeit hat, eine Beeinflussung durch Beziehungspflege mit dem entfremdeten Elternteil zu kompensieren, beschleunigt sich die Abwärtsspirale in die Entfremdung hinein rasant. Manchmal genügen Wochen oder Monate von Beginn der Beeinflussung bis zum totalen Kontaktabbruch.

Das entfremdete Kind

Entfremdet sich ein Kind einem Elternteil, kann dies, muss jedoch nicht mit Beeinflussung und/oder PAS zusammenhängen. Die Entfremdung eines Kindes beschreibt schlicht das Ausschwächen und letztliche Auflösern einer Eltern-Kind-Bindung.

Ob und wie schnell ein Kind entfremdet hängt von zahlreichen Faktoren ab. Alternativ-Bindungen scheinen hierbei einen erheblichen Stellenwert zu haben. Kinder, denen “Ersatz” zur Verfügung steht, die also aus der Not der fehlenden Bindung eine Alternativbindung knüpfen können – zum Beispiel zu Pflegeeltern -, entfremden schneller als Kinder, denen nach Entfremdung eine instinktiv gesuchte Bindung zu Mutter oder Vater in der Folge ersatzlos fehlt – zum Beispiel in einem Kinderheim.

Eltern-Kind-Bindungen sind stark und belastbar und verlieren sich nicht plötzlich. Wenn sich ein Kind entfremdet, wird oder wurde die Beziehung zum entfremdeten Elternteil einer Belastung ausgesetzt, der sie nicht mehr dauerhaft Stand halten konnte. Hierzu kann mangelnde Pflege wie zum Beispiel ausbleibender Kontakt führen oder auch aktive Angriffe auf diese Bindung – wie zum Beispiel durch Beeinflussung.

Nicht selten wird heutzutage mit einer angeblichen Fragilität einzelner Eltern-Kind-Beziehungen argumentiert, häufig im Bestreben, Umgangsausweitungen zu verhindern oder Kontakte einzuschränken. Die Bindung zwischen Elternteil und Kind sei nich stark genug oder noch nicht stark genug und müsse erst aufgebaut werden. Oft wird diese Argumentation untermauert mit der Erklärung, der andere Elternteil habe sich ja vor Trennung nie oder kaum um das Kind gekümmert, daher könne keine Bindung bestehen.

Träfe dies zu, müsste davon ausgegangen werden, dass vernachlässigte Kinder sich im selben Haushalt lebend von den eigenen Eltern ersatzlos entfremden. Dies geschieht allerdings nicht. Im Gegenteil, sehen sich eingreifende Behörden bei Inobhutnahmen mit erbitterter Gegenwehr der Kinder konfrontiert, die aufgrund der Bindung an die Eltern nicht erkennen können, dass eine Trennung ihrem Wohlergehen dient.