Die wohl größte Herausforderung nach einer Trennung mit Kind mag es sein, eine neue Kommunikationsbasis auf Elternebene zu finden, wenn auf der Paarebene eigentlich eisiges Schweigen Einzug gehalten hat. Auch deshalb betonen Fachkräfte und Beratungsberufene immer wieder, wie wichtig es ist, diese Ebenen voneinander zu trennen. Den Ex-Partner/die Ex-Partnerin mag man verachten, ablehnen und nie wieder sprechen wollen. Der Vater/die Mutter des eigenen Kindes aber nimmt eine ganz andere Stellung ein. Hier ist es den Eltern nicht selbst überlassen, ob sie miteinander reden wollen oder nicht, hier müssen sie, weil das Kind darauf angewiesen ist. Denn ohne Kommunikation funktioniert gemeinsame elterliche Sorge natürlich nur schwer oder gar nicht.

 

Was bedeutet Kommunikation auf Elternebene?

Entgegen verbreiteten Irrtums bedeutet dieser Kommunikationszwang nicht, dass gemeinsam Kaffee getrunken werden müsste oder ohne ersichtlichen Anlass telefonischer Smalltalk mehrmals wöchentlich notwendig wäre. Es geht auch mit Nichten darum, wie wohlwollend oder warmherzig die Elternteile noch miteinander umgehen – stattdessen geht es alleine und ausschließlich um das Kind und dessen Belange.

Informationen müssen von einem zum anderen gelangen und gemeinsame Entscheidungen möglich sein – so die Theorie.

Tatsächlich scheitert die Elternkommunikation seltener an Sprachlosigkeit und Funkstille als an der Unfähigkeit, gemeinsame Entscheidungen zu treffen, sich einig zu werden. Und das wiederum scheitert viel zu oft an mindestens einem mauernden Elternteil, das unter „gemeinsame Entscheidung“ verstanden wissen will, dass der eigenen Haltung zugestimmt und entsprechend verfahren wird. Das beginnt bei Kleinigkeiten wie Fragen der alltäglichen Erziehung oder Ernährung und erstreckt sich bis hin zur Religionsfrage und Schulwahl.

Ein Beispiel

Anna K. (7) ist musikalisch talentiert und möchte gerne ein Instrument erlernen. Ihre Eltern haben sich wenige Jahre zuvor getrennt, die Kommunikation funktioniert eher leidlich aber der Umgang klappt und findet regelmäßig statt. Anna lebt bei ihrem Vater und sieht die Mutter an jedem zweiten Wochenende, zwei Tage mit Übernachtung unter der Woche und in den hälftigen Ferien. Die Eltern sind gemeinsam sorgeberechtigt. Nun findet Annas Vater die Vorstellung prima, dass seine Tochter Geige spielen lernen soll, während die Mutter einer Geige absolut nichts abgewinnen kann und mit Nachdruck für Querflöte plädiert. Beide Elternteile beharren auf ihren Standpunkten. Dabei ist weniger kritisch, dass der Vater lieber Geige und die Mutter lieber Flöte mag als der Umstand, dass jeder den jeweils anderen mit seinem Vorschlag konsequent blockiert. Anna kann also gar kein Instrument lernen, weil die Mutter der Geige nicht zustimmt und der Vater der Flöte nicht.

Am Ende kommt es, wie es kommen muss – der Vater meldet Anna im Alleingang zum Geigenunterricht an, die Mutter findet es heraus und die ganze Sache landet vor Gericht. Schriftsätze werden gewechselt, die über körperliche Entwicklungsschwierigkeiten durch das Halten einer Geige dozieren und Motive der persönlichen Rache in eine Querflöte hineindeuten. Plötzlich ist alles hochpolitisch – und dreht sich nur noch um die Eltern. Mit Anna hat all das nichts mehr zu tun. „Der“ will nur seinen Willen durchsetzen und „die“ will nur den Alltagsablauf mit der Tochter stören, weil die Unterrichtszeiten bei der Flöte so ungünstig liegen würden. Niemand kümmert sich mehr um Anna und ihren Wunsch, Musik zu machen.

So oder sehr ähnlich verläuft es leider meist, wenn die Entscheidungswilligkeit der Eltern eingeschränkt ist. Und tatsächlich ist es die Willigkeit, nicht so sehr die Fähigkeit, wie Familiengerichte in entsprechenden Beschlüssen gerne diplomatisch formulieren. Man will einfach lieber Recht haben als eine Lösung finden. Darauf läuft es hinaus. Daran, sich über andere Instrumente Gedanken zu machen, einen Kompromiss zu finden oder Anna einfach einmal erkunden zu lassen, welches Instrument ihr überhaupt liegt, kommen die Eltern im Beispiel nicht. Es geht ja auch gar nicht mehr um Instrumente oder das Kind, sondern um´s Recht, um Macht und um Einfluss auf das Kind und dessen Leben.

 

Es geht um Ergebnisse, nicht um Freundlichkeiten

Tatsächlich geht es bei der Frage der Elternkommunikation immer um die Frage, ob die Eltern im Stande sind, Ergebnisse zu erzielen. Also Lösungen, Übereinkünfte. Gemeinsame Entscheidungen, egal wie diese am Ende aussehen. Wenn Anna am Ende Drehorgel lernt, weil damit beide Eltern leben können, ist das eine gemeinsame Entscheidung und damit – so die Logik spätestens vor Gericht – findet konstruktive Kommunikation statt. Daran und nur daran kann die Kommunikation gemessen werden, denn einen Anspruch auf Höflichkeit oder gar Freundlichkeit besteht auch nach einer Trennung mit Kind nicht.

Nach wie vor befinden sich viele Betroffene in dem Glauben, wenn ein freundlicher Umgang miteinander nicht mehr möglich sei oder so gar keine Lust mehr vorhanden, mit dem Ex-Partner/der Ex-Partnerin überhaupt zu sprechen, sei damit auch keine Kommunikation mehr möglich. Tatsächlich ist es allerdings gleichgültig, wie Sie zu einer Entscheidung kommen – schriftlich, brüllend oder in einem ruhigen Gespräch. So lange sie entscheidungsfähig sind, findet Kommunikation im Sinne der Belange des Kindes statt. Das sollte jedoch nicht dahingehend missverstanden werden, dass nur lange genug alle Entscheidungen blockiert werden müssten, um eine Änderung im Sorgerecht zu erreichen. Gerichte lassen sich heutzutage durchaus vorlegen, inwieweit Kommunikation versucht aber abgeblockt wurde und wer dauerhaft und offenbar grundlos ein konstruktives Miteinander auf Elternebene blockiert, der riskiert ggf. sein Sorgerecht.

 

Ohne Kommunikation kein gemeinsames Sorgerecht

Denn der Gesetzgeber räumt ein, dass es notwendig sein kann, die Alleinsorge für gemeinsame Kinder auf einen Elternteil zu übertragen, wenn eine Kommunikation zwischen den Kindeseltern nicht mehr möglich ist. Dabei bewerten Gerichte zunehmend und in der Mehrheit eine Kommunikation erst dann als nicht mehr möglich, wenn wahlweise ein Elternteil völlig blockiert und jedwede Entscheidungsfindung verunmöglicht – zum Beispiel, indem einfach stur auf dem eigenen Standpunkt beharrt und jede Diskussion darüber abgewiesen wird – oder wenn zwischen den Eltern derart erhebliche Konflikte vorliegen, dass man im Grunde ohne Betreuung durch eine Drittperson keinen Dialog der Eltern alleine verantworten kann, zum Beispiel weil mit Handgreiflichkeiten oder schweren Ausfälligkeiten zu rechnen wäre.

Sind die Eltern lediglich nicht imstande bei persönlichen Gesprächen einen vernünftigen Ton anzuschlagen, stehen Mediation, Erziehungsberatung und auch eine Umgangspflegschaft als Deeskalationsinstrumente zur Verfügung. Also jeweils begleitete Aufeinandertreffen mit einer Fachperson, die dazu angehalten ist, den Eltern bei der Entwicklung einer konstruktiven Kommunikationsbasis zu helfen.

 

Ich will ja Kommunikation, aber der/die andere nicht!

Es liegt in der Natur der Sache, dass die wenigsten Betroffenen den Fehler im eigenen Lager sehen. Dem eigenen Empfinden nach ist es nahezu immer der/die andere, der die Kommunikation verweigert, blockiert oder stört. Sicherlich ist es auch niemals einfach, einen Dialog zu finden, wenn alle Beteiligten im Grunde wenig Lust auf Austausch generell haben. Allerdings kann die Frage, wer wie kommunikationsbereit ist oder war spätestens im Falle einer Eskalation und eines Gerichtsverfahrens sehr wichtig werden. Folgende Punkte sollten Sie beachten:

  1. „Er/sie hätte ja anrufen können“ zählt nicht. Wichtig ist das glaubhafte Bestreben, die Kommunikation wieder herzustellen.
  2. Bieten Sie immer wieder Gesprächsmöglichkeiten an, sei das schriftlich, persönlich oder fernmündlich.
  3. Bieten Sie insbesondere auch dann immer wieder Austausch an, wenn Sie absolut sicher sind, dass man dieses Angebot nicht annehmen wird.
  4. Bleiben Sie beharrlich, ruhig und sachlich. Werden Sie nicht polemisch oder moralisierend. Bleiben Sie stets beim Thema: Das gemeinsame Kind.
  5. Scheuen Sie sich nicht, Hilfe zu suchen und in Anspruch zu nehmen, wenn Sie sehen, dass es alleine nicht funktioniert.
  6. Brechen Sie laufende Beratungen, Mediationen etc. nicht ab, weil sie keine Gesprächsbereitschaft bei der/dem anderen sehen. Überlassen Sie es den Fachleuten zu beurteilen, ob Hopfen und Malz verloren ist und versuchen Sie es bis dahin einfach weiter.
  7. Nicht-Kommunikation ist keine Option. Einem Gericht ist es zur Not gleichgültig, wer zuerst aufgehört hat, an einem Strang zu ziehen. Wichtig ist, wer bereit ist, den Strang wieder aufzunehmen.
  8. Bemühen Sie sich um Deeskalation vor Recht. Ja, Sie haben das Recht die verhasste Ex-Schwiegermutter mit zur Abholung zum Umgang zu bringen. Helfen wird es aber der Situation nicht.
  9. Übertreiben Sie es nicht. Auch Kommunikation hat konstruktive Grenzen. Den Ex-Partner/die Ex-Partnerin beständig mit E-Mails, Anrufen und Briefen zu bombardieren mit Dutzenden von Fragen zum Kind, einem „ich habe Recht auf Auskunft“-Tenor und Verweis auf mangelnde Kommunikationsbereitschaft, falls keine Antwort erfolgt, ist nicht hilfreich und nicht konstruktiv.
  10. Auch ist Ihr Kind keine Eintrittskarte ins weitere Leben ihres Ex-Partners/ihrer Ex-Partnerin. Dinge das Kind betreffend müssen Sie miteinander besprechen – mehr aber auch nicht. Es geht Sie nichts an, wer beim Umgang sonst noch dabei ist oder was der neue Partner beruflich macht, auch nicht mit Verweis auf Kommunikation des Kindes wegen.