Schon in nicht getrennten Familien ist die Erziehung der Kinder mitunter ein heikles Thema. Selten sind die Elternteile sich ausnahmslos in allen Dingen einig und häufig genug ziehen sich Diskussionen um den richtigen Ansatz und darüber, was man dem Kind vermitteln möchte und wie über Jahre und die zahllosen Themen, die beim Aufwachsen eines Kindes in Fragen der Erziehung relevant werden. Kommt es dann zudem noch zur Trennung der Eltern und damit fällt scheinbar die zwingende Notwendigkeit weg, sich am Ende irgendwie einig werden zu müssen, spitzen diese Streitereien sich häufig bis ins Extrem zu. Anträge vor Familiengerichten, Umgangszeiten zu reduzieren oder auszusetzen und auch Anträge auf die Alleinsorge mit eben dieser Begründung – der andere Elternteil sei erziehungsunfähig oder unterlaufe die Erziehung des anderen – sind nicht selten.

So kann man doch (m)ein Kind nicht erziehen!

Sehr oft sind es regelrechte Kleinigkeiten, die zu großen Konflikten führen: Wann soll das Kind abends ins Bett? Darf es Süßigkeiten essen? Welche Filme darf es sehen und welche Tagesabläufe und Routinen werden gelebt?

Dabei gewinnt die Idee viel Raum, dass es immer exakt identische Abläufe sein müssten, um Kindern Inhalte zu vermitteln. Der Begriff Kontinuität wird häufig missbraucht um eine gewisse Ablaufstarre als pädagogisch besonders wertvoll darzustellen. Kommt das Kind beim anderen Elternteil später zu Bett oder darf dort nach dem Abendessen noch etwas naschen, wird schnell – auch im Eifer der Trennungsstreitigkeiten allgemein – eine schwere Beeinträchtigung des Kindes konstruiert. Da kann ein Fruchtzwerg bei ansonsten überzeugt zuckerfreier Ernährung schon einmal zur manifesten Kindeswohlgefährdung werden.

Ganz besonders heikel wird es dann, wenn – nachdem die Erfahrung gemacht wurde, dass der andere Elternteil sich in seine/ihre Erziehung nicht hineinreden lässt – das Kind selbst mehr oder weniger dazu instruiert wird, sich entsprechend der Erziehungsvorstellungen des abwesenden Elternteils zu verhalten, unabhängig davon, was der anwesende Elternteil wünsch oder nicht wünscht. Fälle, in denen Kleinkindern eindringlich erklärt wurde, sie dürften keinesfalls Schokolade von Papa/Mama annehmen sind keine Seltenheit. Auch Grundschulkinder, die einem Elternteil – meist trifft es den umgangsberechtigten Elternteil – altklug erklären, sie dürften nicht vor dem Schlafengehen noch fernsehen oder sie dürften grundsätzlich nicht zu McDonald´s kommen immer wieder vor. Unnötig zu erklären, dass sich hier ein ganz klassisches Muster des PAS zeigt, das hier lediglich aus dem Zusammenhang gerissen ist. Das Kind äußert nicht die eigene Haltung, sondern oft wortwörtlich die Haltung des abwesenden Elternteils und wird so zum Stellvertreter dessen im Konflikt mit dem anwesenden Elternteil.

Nicht nur bringt das Kinder in die mehr als fragwürdige Position, Erziehungsinhalte gegen einen Elternteil vertreten zu müssen, die sie oft inhaltlich nicht durchdringen können, darüber hinaus wird selbstverständlich auf das Schärfste die Authorität und Glaubwürdigkeit des anwesenden Elternteils unterwandert und somit erheblich die Eltern-Kind-Beziehung angegriffen, denn unter anderem auf eben dieser Funktion, Grenzen für das Kind zu setzen, fußt die Elternrolle.

 

Beeinträchtigen mehrere Erziehungsstile die Kinder?

Ein Hauptargument für diese geforderter Starre innerhalb der Erziehung ist, neben einer Fehlverwendung des Begriffes “Kontinuität”, ist die Erklärung, wenn das Kind nicht konsequent gleichbleibende Abläufe, Ver- und Gebote erlebe, könne es diese nicht verinnerlichen und werde verwirrt, das beeinträchtige die Entwicklung. Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings häufig der schlichte Unwille, andere als die eigene Erziehungsideologie anerkennen zu wollen und das selektiv beim ehemaligen Partner im Umgang mit dem Kind.

Was im Kontext des anderen Elternteils schnell zu Gefährdung oder Vernachlässigung stilisiert wird, funktioniert nicht selten beim selben Kind völlig Problemlos – in Kindergarten, Schule oder bei den Großeltern. Auch hier erlebt das Kind ganz andere Regeln und Verbote als zu Hause, ohne Schaden zu nehmen. Niemand käme auf die Idee, den Kontakt zu den Großeltern auszuschließen, weil dort nicht minutiös die Erziehungsbilder der Eltern nachgetanzt werden. Auch in Kindergarten oder Schule ist selbstverständlich, dass in diesem ganz anderen Umfeld andere Regeln gelten und dass die Kinder hinreichend flexibel und imstande sind, damit umzugehen, wird selbstverständlich vorausgesetzt.

Es sei denn, das Kind ist nach der Trennung beim anderen Elternteil. Dort erreichen dieselben Abweichungen monströse, das Kind in seiner Persönlichkeitsentwicklung unmittelbar gefährdende Ausmaße.

Verletztheiten spielen hier eine große Rolle und ungelöste Konflikte aus der Paarebene. Selbst bei nicht hochstrittigen Trennungspaaren spiegelt sich nicht selten auf der Fläche “Erziehung des Kindes” der Wunsch, ein gewisse Machtposition dem ehemaligen Partner gegenüber zu etablieren, indem darum gerungen wird, wer am Ende darüber bestimmt, wie das Kind erzogen wird.

 

Er ist verantwortungslos und sie überbehütend

Die Vorwürfe, mit denen sich die Elternteile konfrontiert sehen, sind auf sehr klassische Weise eingefärbt und spiegeln tatsächlich häufig einen altbekannten Erziehungskonflikt, der scheinbar tatsächlich einen gewissen Zusammenhang zum Geschlecht des Elternteiles aufweist. Auch in nicht getrennten Familien haben Studien immer wieder aufgezeigt, dass Väter dazu neigen, den Kindern mehr zuzutrauen, sie in ihrer Autonomieentwicklung stärker zu fördern und insgesamt das Kind mehr “laufen” zu lassen, während Mütter eher eine Tendenz zur Vorsicht und zur Behütung zeigen, dem Kind ein Gefühl für Sicherheitsdenken vermitteln.

Eben dieser Unterschied kommt nach einer Trennung regelmäßig zum Tragen, wenn dem Trennungsvater Verantwortungslosigkeit vorgeworfen wird, häufig zum Beispiel in Verbindung mit der Erklärung, das Kind sei noch zu klein für bestimmte Unternehmungen, die Verletzungsgefahr sei zu groß. Umgekehrt sehen sich Mütter mit dem Vorwurf der Überbehütung konfrontiert und mit der Erklärung das Kind werde so massiv in seiner Entwicklung behindert, weil es sich nicht ausprobieren dürfe. Der klassische Elternkonflikt, wie er auch ohne Trennung stattgefunden hätte, führt sich also im Extrem und ohne die Hemmungen, die eine bestehende Paarbeziehung mit sich bringt, einfach fort.

 

Perspektivische Fehleinschätzung

Ein anderes, allgegenwärtiges und schier unerschöpfliches Sammelsurium an Streitauslösern findet sich in einem simplen Denkfehler: Die eigene Situation wird uneingeschränkt auf die Situation beim anderen Elternteil übertragen und verglichen.

Hier sehen sich betreuende Elternteile oft genug mit realistisch betrachtet vollkommen überzogenen Vorstellungen davon konfrontiert, wie reibungslos ein Alltagsablauf mit Kind gestaltet werden kann – täglich – während Umgangselternteile sich den Vorwurf anhören müssen, das Kind werde verwöhnt oder man versuche die Zuneigung des Kindes zu erkaufen durch ständige Unternehmungen oder Geschenke.

Vergessen wird die auch heute in aller Regel noch grundverschiedene zeitliche Rahmenbedingung: Während der eine Elternteil täglich Alltag mit dem Kind lebt, ist der andere gezwungen, gewisse Dinge auf einige Stunden oder Tage zu kompensieren. Dadurch ergeben sich natürlich deutliche Unterschiede im Ablauf. So mag es überzogen sein, wenn das Kind täglich eine aufregende Unternehmung erlebt – sehen sich Kind und Elternteil allerdings nur vierzehntägig, dann ist es nachvollziehbar, dass diese kurze Zeit ganz besonders zelebriert werden soll. Alltag im engeren Sinne stellt sich gar nicht erst ein. Umgekehrt bringen Umgangselternteile regelmäßig nur wenig Verständnis dafür auf, dass dem Kind aufwändige – auch für den Elternteil zeitaufwändige – Hobbies, Liebhabereien oder bestimmte Unternehmungen nicht gestattet werden, man selbst wäre ja gerne bereit, diesen Aufwand im Rahmen der Umgangszeiten mit zu tragen. Vergessen wird dann, dass die Belastung, wenn solche Aufwände alltäglich bewältigt werden müssen, eine völlig andere Dimension erreicht.

 

Quicktips

  • Unterschiedliche Erziehungsstile sind vollkommen natürlich und auch in intakten Familien die Regel. Der Umgang mit den unterschiedlichen Auffassungen entscheidet zwischen konstruktiver Vielfalt und konfliktreichem Hin- und Her.
  • Bevor Sie sich über eine Haltung des anderen Elternteils ärgern, stellen Sie sich vor, dieselbe Haltung brächte Ihnen die Großmutter des Kindes oder eine Erzieherin im Kindergarten entgegen. Wie würden sie diese Haltung dann bewerten?
  • Reflektieren Sie: Geht es bei gewissen Streitpunkten tatsächlich um die Entwicklung des Kindes oder nicht doch darum, die Entscheidungsgewalt über diese Entwicklung gegen den anderen Elternteil zu verteidigen?
  • Niemals dürfen Sie das Kind in die Pflicht nehmen, dafür zu sorgen, dass ihr persönlicher Erziehungsstil ausnahmslos umgesetzt wird. Das ist eine für das Kind schädliche und belastende Form der Beeinflussung, die dazu geeignet ist, die Eltern-Kind-Beziehung deutlich zu beschädigen.
  • Trennen Sie sehr bewusst Wichtiges von Unwichtigem. Über eine grundsätzlich vegetarische Ernährung ist es ggf. wichtiger, sich zu einigen, als über Fruchtzwerge zum Nachtisch. Die Grundsatzfrage, wann das Kind zu Bett geht und wann es morgens aufsteht ist von größerer Relevanz als jene, was es in den letzten 30 Minuten vor dem zu Bett gehen noch tut oder nicht tut.
  • Wenn es alleine nicht geht, holen Sie sich einen Mittler. Das kann ein gemeinsamer Freund/Freundin sein oder auch eine externe Person, zum Beispiel von der örtlichen Erziehungsberatung. Dabei geht es allerdings ausdrücklich nicht darum, denjenigen in die Funktion eines Richters zu drängen, der entscheiden soll, wer den besseren Ansatz hat und sich somit durchsetzt, sondern um die gemeinsame Suche nach Schnittmengen und Kompromisslösungen.
  • Machen Sie sich die Unterschiedlichkeit der Situationen sehr bewusst. Was alltäglich funktioniert, lässt sich nur sehr eingeschränkt auf klassische Umgangszeiträume übertragen und umgekehrt.
  • Bleiben Sie gelassen. Kinder können sehr gut mit unterschiedlichen Regelrealitäten an unterschiedlichen Orten umgehen. So wie ihr Kind in der Schule anderen Regeln folgt als zu Hause kann es das auch beim anderen Elternteil. Stress entsteht in alledem oft erst durch die Eltern, die solche Themen heillos überbewerten und einen Paarkonflikt unter dem Deckmantel der Erziehungsfrage austragen.