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Nach einer Trennung ergibt sich durch Not-gedrungenes Aufeinandertreffen der Elternteile oft Konfliktpotential, das sich vermeiden lässt. Auch deshalb finden sich heute in vielen gerichtlichen Umgangsregelungen Hol- und Bring-Modelle, die den Kindergarten, die Schule oder den Hort des Kindes einbeziehen. Dann wird das Trennungskind von dort zum Umgang abgeholt und auch dorthin wieder zurück gebracht. Die Vorteile liegen auf der Hand: Nicht nur müssen die Eltern sich nicht begegnen und ein womöglich vorhandener Elternkonflikt bekommt auf diese Weise etwas Deeskalationsraum, darüber hinaus wird automatisch der nicht überwiegend betreuende Elternteil in das Alltagsleben des Kindes eingebunden, indem fortgesetzter Kontakt zum Personal der besuchten Krippe/des besuchten Kindergartens oder auch zu Lehrkräften der besuchten Schule entsteht, ebenso zu Freunden der Kinder.

Theoretisch also ein durchweg konstruktiver Ansatz, der nicht zufällig immer häufiger von Gerichten und auch Eltern selbst aufgegriffen wird. Allerdings häufen sich im selben Zug Probleme und Konflikte, die durch diese Dreieckskooperation mit Betreuungseinrichtungen und/oder Schulen entstehen.

 

Kindergarten und Alltagssorge

Die Unstimmigkeiten beginnen nicht selten schon bei den grundsätzlichsten Fragen: Wer hat welche Entscheidungsgewalt bezüglich Kindergarten oder Kinderkrippe?

Während bei den Schulen die meisten Elternteile mit gemeinsamem Sorgerecht wissen und verstehen, dass gemeinsam entschieden werden muss, welche Schule das Kind besucht, haben einige Grundsatzurteile, die in der Folge – auch durch Anwälte im Versuch, winkeladvokatisch gewisse Wünsche der jeweiligen Mandantschaft durchzusetzen – falsch bzw. mit verfremdetem Tenor zitiert wurden zu großer Verwirrung geführt. Nach wie vor hält sich so zum Beispiel das Gerücht, derjenige Elternteil, bei dem das Kind überwiegend lebe, könne über sämtliche Angelegenheiten rund um Kindergarten oder Kinderkrippe alleine entscheiden einschließlich dessen, ob der umgangsberechtigte Elternteil das Kind dort abholen darf oder nicht.

Tatsächlich ging es in den beiden relevanten Beschlüssen um etwas ganz anderes. Zum einen war die Frage zu klären, ob ein umgangsberechtigter Elternteil den Besuch einer Krippe oder eines Kindergartens gänzlich verhindern kann, indem er/sie die Zustimmung verweigert – das wurde verneint. Wenn der überwiegend betreuende Elternteil das Kind in einen Kindergarten schicken möchte, dann kann er das tun und ein Gericht wird in der Tendenz die Zustimmung des anderen einfach ersetzen. Hieraus entsteht allerdings das Problem, dass eigentlich(!) gemeinsam sorgeberechtigte Eltern auch gemeinsam entscheiden müssen, welchen Kindergarten das Kind besuchen soll – denn auch Kindergärten sind heutzutage durch sehr unterschiedliche Ansätze und pädagogische Überzeugungen geprägt. Insofern handelt es sich um eine Entscheidung von erheblicher Tragweite für das Kind und somit müssen die Eltern gemeinsam entscheiden – wenn das gemeinsame Sorgerecht vorliegt. Wenn jedoch die Grundentscheidung, ob das Kind eine Krippe oder einen Kindergarten besuchen soll, aufgrund der Alltagssorge bei demjenigen Elternteil liegt, bei welchem das Kind überwiegend lebt, ergibt sich automatisch erhebliches Konfliktpotential, wenn es um die Wahl der Betreuungseinrichtung geht.

Der zweite häufig zitierte Beschluss befasste sich in keiner Weise mit der Frage, ob ein Elternteil dem anderen den Kontakt zum Kindergarten verbieten könne, wie es häufig dargestellt wird, sondern damit, inwiefern ein umgangsberechtigter Elternteil ein Mitspracherecht haben muss und kann, wer das Kind außer den Eltern von der Betreuungseinrichtung abholen darf – es ging also um die Frage, ob derjenige, bei dem das Kind nicht überwiegend lebt, verbieten kann, dass die Oma oder der neue Partner es – in der Zeit, die das Kind beim überwiegend betreuenden Elternteil verbringt – vom Kindergarten abholt – was deutlich als Teil der Alltagssorge in den Entscheidungsbereich desjenigen geordnet wurde, bei dem das Kind zum Zeitpunkt der Abholung ist – es ist also Teil der Alltagssorge. Eine weitere Frage, die im Rahmen dieses Beschlusses zu klären war, drehte sich um einen bestehenden Konflikt zwischen Sorgerecht und Umgangsrecht. Die Frage lautete, ob ein sorgeberechtigter aber nicht überwiegend betreuender Elternteil sein Kind nach Belieben vom Kindergarten abholen könne – auch jenseits bestehender Umgangsvereinbarungen, denn eigentlich muss der Kindergarten das Kind herausgeben. Das wiederum verneinte das Gericht: Willkürliche Umgangsausweitung um Alleingang durch unangekündigtes Abholen des Kindes gibt es nicht.

Mit der Frage also, ob einer der Elternteile irgendein Hoheitsrecht in Bezug auf Kindergarten oder Krippe hätte, befassten sich beide Beschlüsse praktisch nicht. Allerdings deckten beide Verfahren bestehende Rechtsunsicherheiten auf, die nach wie vor nur unzureichend aufgelöst sind.

 

Revierbeißen bei den Bauklötzen

Häufig ist bei ohnehin bestehenden Elternkonflikten mit Eintritt des Kindes in eine Krippe oder einen Kindergarten ein deutlicher Eskalationsschub zu verzeichnen. Nicht selten ergibt sich dieser aus schlichtem Revierbeißen der Elternteile, zumeist des überwiegend betreuenden Elternteils. Dass viele Konflikte rund um Umgangsregelungen entbrennen ist kein Zufall – oft genug geht es um die Kontrolle über das Kind, die Zeit des Kindes, Anteile am Leben des Kindes. Krippe und Kindergarten stellen hier nun einen klaren Schlüsselpunkt dar – immerhin ist das Kind täglich dort und grade dann, wenn die Kommunikation zwischen den Eltern nicht gut funktioniert und der umgangsberechtigte Elternteil nur schwer oder kaum Informationen zum Alltagsleben des Kindes erhält, ergibt sich an dieser Stelle eine sehr gute Möglichkeit, auf dem Laufenden zu bleiben.

Eben hier beginnt dann auch der neue Konfliktschub. Wie in den meisten Fällen liegt auch hier eine Vermischung von Paar- und Elternebene zugrunde: Wissen über das Alltagsleben des Kindes wird fälschlich als Wissen über das Alltagsleben des betreuenden Elternteils wahrgenommen und abgewehrt. Die natürliche, gesunde Abgrenzung vom ehemaligen Partner wird zu Unrecht auf das Kind ausgedehnt und versucht, auch das Kind vom ehemaligen Partner abzugrenzen. Die Ebenen verschieben sich.

So kommt es nicht selten selbst dann, wenn die Abholung vom und das Zurückbringen zum Kindergarten klappt, zu Streit zum Beispiel darüber, ob der umgangsberechtigte Elternteil alleine Elterngespräche mit dem Kindergarten wahrnehmen soll oder inwiefern Absprachen zwischen dem Umgangselternteil und der Betreuungseinrichtung zu befolgen sind.

Auf diesem Wege wird der Elternkonflikt nach und nach in die Betreuungseinrichtung getragen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch das Kind die Auswirkungen spüren muss.

 

Kindergarten mit Größenwahn

Zu all diesem Konfliktpotential kommt dann auch noch eine dritte involvierte Partei: Der Kindergarten oder die Kinderkrippe bzw. das dort beschäftigte Personal.

Während viele Betreuungseinrichtungen inzwischen basierend auf Erfahrung mit Trennungsfällen belastbare und konstruktive Handhabungen zum Umgang mit dieser Situation entwickelt haben, werden immer wieder auch Berichte laut von Erzieher/innen und Kindergartenleitungen, die deutlich nicht nur ihre Fachkompetenzen überschreiten sondern zudem völlig unnötig bestehende Elternkonflikte noch zusätzlich anfachen. Eines der typischsten Beispiele sind gemeinsame Elterngespräche per Zwang. Viele umgangsberechtigte Elternteile verlangen – völlig zu Recht – eigene Elterngespräche mit der Betreuungseinrichtung, Einladungen zu Elternabenden und Einbindung in Feste und besondere Aktivitäten des Kindes dort. Aus einem verheerend fehlgeleiteten Ansatz heraus, sich neutral verhalten zu wollen, reagieren darauf noch immer viele Betreuungseinrichtungen mit der Erklärung, ab sofort nur noch Elterngespräche mit beiden Eltern durchführen zu wollen.

Die Intention dahinter ist nachvollziehbar: So sind beide Eltern auf dem exakt selben Stand, jeder weiß, was mit dem anderen besprochen wurde und der Kindergarten hat sich zunächst jeder Parteinahme entzogen. Nicht bedacht wird hierbei, dass in manchen Trennungsfällen selbst dahingehend geschultes Fachpersonal der Erziehungsberatungen und Elternberatungen zunächst Abstand von gemeinsamen Gesprächen mit beiden Eltern nehmen, um eben den Konflikt zu meiden, der bei Aufeinandertreffen beinahe sicher entstehen wird.

So kommt es also dazu, dass dahingehend in keiner Weise ausgebildete Erzieher/innen mit einem hochstrittigen Elternpaar beisammen sitzen mit der Erwartung, konstruktiv über die Entwicklung des Kindes sprechen zu können, nicht ahnend, dass oft genug solche Gespräche auch als Bühne zur Darstellung der eigenen Streitposition verstanden und genutzt werden. Der Konflikt eskaliert unnötig weiter.

 

“Das müssen Sie untereinander klären!”

Ein anderer Aspekt, in welchem Kindergarten und Kinderkrippe deutlich deeskalierend wirken können, es oft jedoch wiederum aus fehlinterpretierter Neutralität ablehnen, ist die Frage des Informationsflusses.

Grundsätzlich haben sorgeberechtigte Eltern einen Auskunftsanspruch, sowohl gegenüber dem jeweils anderen Elternteil als auch gegenüber einer Betreuungseinrichtung, welche das Kind besucht. Oft genug sind diese Auskünfte ein fortgesetzter Streitpunkt, weil Informationen nicht oder nicht vollständig fließen. Theoretisch muss das hierdurch entstehende Informationsgefälle nicht eintreten, denn beide Eltern mit Sorgerecht können sich unabhängig voneinander direkt beim Kindergarten oder der Kinderkrippe erkundigen – es sei denn, die Betreuungseinrichtung lehnt das ab.

Eben dieser Fall scheint leider nach wie vor weit verbreitet. Zwar werden Elterngespräche – ggf. nur mit beiden Eltern – angeboten, wenn es jedoch um Einladungen zu Elternabenden oder Informationen über anstehende Veranstaltungen geht, verweist der Kindergarten kurzum an den überwiegend betreuenden Elternteil. Man selbst habe die Information weitergegeben, alles Weitere sei durch die Eltern untereinander zu klären. Dass durch diesen Rückzug aus der möglichen Position einer Pufferstelle oft genug ganze Gerichtsverfahren um Auskünfte entstehen, wird nicht bedacht und leider sind die Betroffenen in einer Situation, in welcher schon dem Kind zuliebe davon Abstand genommen wird, die Einrichtungen zur Not auch auf dem Gerichtsweg an ihre Pflichten zu erinnern.

 

Quicktip

  • Beide Eltern, insbesondere umgangsberechtigte Elternteile, sollten früh und umfassend eigeninitiativ Kontakt zu den Betreuungseinrichtungen des Kindes suchen und pflegen. Hier ergibt sich ein guter, eskalationsfreier Weg, intensiver am täglichen Leben des Kindes Teil zu haben und gleichzeitig Konfliktpotentiale im direkten Austausch der Eltern zu reduzieren.
  • Umgangsregelungen, die ein Abholen vom und Zurückbringen zum Kindergarten beinhalten wirken oft deutlich deeskalierend und können nicht übergekochte Elternkonflikte so weit befrieden, dass ein ausreichend konstruktives Miteinander als Eltern möglich wird.
  • Themen aus Gerichtsverfahren oder sonstigen Konflikten zwischen den Eltern haben im Kindergarten, der Kinderkrippe und der Schule des Kindes absolut nichts verloren. Versuche, das Personal auf die eigene “Seite” zu ziehen erweisen sich oft genug mittelfristig als Boomerang.
  • Feste und besondere Anlässe im Kindergarten sollten, soweit absehbar, in Umgangsregelungen einbezogen werden um akuten Streit ums Laternenlaufen, Kekse backen und dergleichen zu verhindern. Diese Termine werden oft bei der Regelung des Umganges einfach vergessen.
  • Einfach “Nein!” sagen, funktioniert nicht. Sind sich gemeinsam sorgeberechtigte Eltern über die Wahl des Kindergartens oder der Kinderkrippe nicht einig, dann wird, sofern sich ein Beteiligter einfach auf “Bin dagegen!” zurückzieht, ein um Hilfe angerufenes Gericht tendenziell einfach dessen Zustimmung ersetzen. Anders sieht es aus, wenn Alternativen gesucht, geprüft und vorgelegt werden. Dann verändert sich die Fragestellung hin zu: Wer weigert sich, am konstruktiven Dialog über Betreuungsmöglichkeiten mit zu wirken.
  • Für die betroffenen Kinder sind Kindergarten, Kinderkrippe und Schule wichtige Säulen ihres täglichen Lebens. Die Erfahrung, dass beide Eltern dort präsent sind, gibt Sicherheit und das Bewusstsein, dass nach wie vor beide tatsächlich in den wesentlichen Aspekten des Lebens “da” sind, ansprechbar und im Bilde. Diese Erfahrung ist, grade auch in der Nachtrennungsverarbeitung, wichtig und wertvoll und sollte in jedem Fall geschaffen werden.
  • Auch wenn keine Umgangsregelung in die Betreuungszeit hineinreicht sollten alle Elternteile sich um Kontakt und Austausch mit der Betreuungseinrichtung des Kindes bemühen. Nicht nur, um die erwähnte Pufferwirkung im Informationsfluss zu nutzen. Darüber hinaus ist der regelmäßige Austausch mit pädagogischem Fachpersonal, welches das Kind täglich erlebt, äußerst wichtig.
  • Weigert sich eine Einrichtung, bestehende Umgangsregelungen oder die kooperative gemeinsame Elternschaft im Sinne der gemeinsamen Sorge mit zu tragen oder blockiert sogar eigenmächtig diese Elternebene auf Augenhöhe, besteht die Möglichkeit der Beschwerde bei der Fachaufsicht. Der entsprechende Kontakt ist über das örtlich zuständige Jugendamt herzustellen.

 

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