Viele betreuende Elternteile beklagen wenig oder kein Interesse am Kind durch den anderen Elternteil. Während in manchen Fällen ein Elternteil regelrecht untertaucht, Kontakt zu dem Kind ablehnt und/oder Informationen zu dessen Entwicklung und für das Kind wichtigen Themen schlicht abwehrt oder ignoriert, werden allerdings ebenso auch regelmäßig Umgang wahrnehmende Elternteile angeklagt, deren offen gezeigtes Interesse an Themen, die das Kind betreffen, dem betreuenden Elternteil unzureichend erscheint. In manchen Fällen wird mit mangelndem Interesse sogar ein Antrag auf Ausschluss oder Reduktion von regelmäßig stattfindendem Umgang begründet. Doch wie kommt es dazu und wie passt das zusammen? Ein Elternteil, welches regelmäßig das Kind zu sich nimmt und gleichzeitig kein Interesse am Kind zeigt? Der Versuch einer Erklärung.

 

Kein Interesse und kein Kontakt

Leicht verständlich ist der Vorwurf ein Elternteil zeige keinerlei Interesse an seinem Kind spätestens dann, wenn nach einer Trennung der Eltern ein Elternteil tatsächlich regelrecht abtaucht, jeden Kontakt abbricht oder ablehnt, das Kind nicht sehen und erstrecht nichts über das Kind wissen möchte. In solchen Fällen haben betreuende Elternteile bereits versucht auf dem Gerichtswege den Umgang zwischen dem anderen Elternteil und dem Kind per Beschluss und Ordnungsgeldandrohung zu erzwingen – ohne Erfolg. Die zuständigen Gerichte befanden mit Präzedenzcharakter, dass ein zum Umgang mit dem Kind gegen seinen Willen gezwungenes Elternteil dem Kind gegenüber mit großer Wahrscheinlichkeit in einer Weise auftreten würde, die zu einer latenten Beeinträchtigung des Kindeswohls führt.

Somit lautete das Fazit: Erzwungener Kontakt steht grundsätzlich dem Kindeswohl entgegen, da das Kind die ablehnende Haltung des Elternteils unmittelbar erleben und hierdurch erheblichen Schaden nehmen könnte.

Allerdings bedeutet das nicht, wie häufig fälschlich angenommen, dass ein betreuendes Elternteil gar keine Möglichkeit hätte, eine Umgangsregelung gerichtlich durchzusetzen. Der maßgebliche Unterschied liegt in der Frage, ob der Kontakt selbst durchgesetzt werden soll – also ein Elternteil, das ausdrücklich keinen Kontakt zu dem Kind pflegen will zu diesem Kontakt gezwungen würde – oder ob ein grundsätzlich kontaktbereites Elternteil mit dem womöglich auch schon (unregelmäßig) Umgang stattfindet mit Hilfe eines Umgangsbeschlusses zu Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit angehalten wird.

Hat ein Elternteil tatsächlich keinerlei Interesse an Kontakt zu seinem Kind, bleibt dem betreuenden Elternteil leider nicht viel Handlungsspielraum. Das Erzwingen von Kontakt wäre, wie erwähnt, für das Kind schädlich. Demnach beschränken sich die Möglichkeiten auf Schadensbegrenzung und die Frage, wie man diesen Umstand dem Kind erklärt. Darauf kann es allerdings keine allgemeingültige Antwort geben, denn jedes Kind geht mit einer anderen Persönlichkeit anders mit der Situation um. Allgemein lässt sich nur raten:

  • bleiben Sie dem Kind gegenüber neutral bis positiv. Erklären Sie den abwesenden Elternteil nicht zum Täter oder zum Schuldigen („Da musst du ihn/sie selbst fragen!“), jede Negativbelegung eines Elternteiles reflektiert immer auch auf das Kind, das zu 50% von diesem Menschen abstammt. Bleiben Sie bei den nüchternen Fakten: Sie wissen nicht, warum Mama/Papa sich nicht meldet.
  • Lügen Sie nicht. Es ist nicht notwendig dem Kind mit abenteuerlichen Geschichten zu erklären, weshalb Papa oder Mama nie zu Besuch kommt. Mittelfristig entspinnt sich so lediglich eine Pseudorealität, in welcher das Kind im guten Glauben auf Sie lebt. Das äußert schmerzliche Aufbrechen dieser falschen Realität ist vorprogrammiert.
  • Regieren Sie bei Fragen des Kindes mit den für es wichtigsten Informationen: Du bist wichtig, du bist toll, du wirst geliebt, es hat nichts mit dir zu tun.
  • Das Kind muss im Zweifel gar nicht verstehen, warum Papa/Mama nicht zu Besuch kommt oder einen Gruß zum Geburtstag schickt und oft kann es das auch noch gar nicht, gleich wie sehr Sie sich um Erklärungen bemühen. Wirklich wichtig ist, dem Kind verständlich zu machen, was es keinesfalls ist: Es ist nicht die Schuld des Kindes. Es hat nichts falsch gemacht und trägt keinerlei Verantwortung an der Situation.

 

 Nicht „ausreichendes“ Interesse

Allerdings taucht derselbe Vorwurf immer häufiger im Zusammenhang mit Elternkonflikten auf. Dabei findet oft genug regelmäßiger Umgang zwischen dem Kind und dem vermeintlich desinteressierten Elternteil statt, nicht selten wird das mangelnde Interesse dann im Zuge von Sorgerechtsverfahren als Argument für eine Alleinsorge angeführt. Hier verhält es sich in aller Regel vollkommen anders als in den zuvor geschilderten Fällen, denn der Disput dreht sich im Kern nicht um die Frage nach Kontakt, sondern nach Informationen.

So empfinden manche betreuenden Elternteile ausbleibende Fragen nach der Gesundheit des Kindes als Desinteresse. Andere Betroffene erwarten detaillierte Auseinandersetzungen unter den Eltern über die Karriere des Kindes im Kindergarten oder der Schule, über Hobbies oder sonstige Umstände. Eine Ausnahme bilden hierbei Konflikte um Themen, die für das Kind von erheblicher Bedeutung sind. So ist zum Beispiel das Ignorieren von Allergien oder Erkrankungen des Kindes während des Umganges ein ernstes Problem, während sich darüber streiten ließe, wie detailliert ein Elternteil in den Schulstoff des Kindes involviert sein muss, wenn nicht just ein Doppelresidenzmodell gelebt wird.

Auffallend bei diesen Konstellationen aus laufendem Umgang und dem Vorwurf von mangelndem Interesse ist die Erwartungshaltung des betreuenden Elternteils, diese Informationen bei ihm oder ihr selbst einzuholen. Informiert sich das „desinteressierte“ Elternteil hingegen bei Schule, Kindergarten oder Kinderarzt direkt, verändert sich der Vorwurf rasch in mangelndes Interesse am Austausch oder Dialog mit dem anderen Elternteil. Hierin zeigt sich dann der eigentliche Konflikt. Denn um Interesse am Kind geht es dabei in den seltensten Fällen.

Vielmehr treibt zum einen eine gewisse Machtfrage den Konflikt an:

Wenn du dich nicht ausreichend informierst, bist du ein schlechter Vater/eine schlechte Mutter und „richtig“ informieren kannst du dich nur bei mir, also bist du von mir abhängig. (Denn wenn die Informationen durch mich nicht fließen, was dann?)

Zum anderen spielt häufig eine gewisse Instrumentalisierung eine Rolle. Wie in diversen anderen Bereichen ist es relativ einfach den ehemaligen Partner oder die ehemalige Partnerin mittels des Kindes zu Kontakt unter den Elternteilen zu drängen. In einem gewissen Rahmen ist ein solcher Kontakt auch unabdingbar und wichtig für das Kind, ohne Frage. Wird allerdings mit Verweis auf die Interessen des Kindes verlangt, dass mehrstündiger Austausch wöchentlich zu erfolgen habe, andernfalls sei von Interesse ja nicht zu sprechen, liegt der Verdacht nahe, dass es nicht die Belange des Kindes sind, die wirklich im Vordergrund stehen, sondern vielmehr auf der Paarebene ungelöste Konflikte übertragen werden. Ganz nach dem Motto:

Wenn du exzessiven Kontakt mit mir ablehnst, lehnst du damit automatisch auch ab, dich „richtig“ um dein Kind zu kümmern.

Eine solche Haltung blockiert allerdings die  Lösung des Konfliktes auf der Paarebene völlig und eine Eskalation, spätestens wenn neue Partner ins Spiel kommen, ist regelrecht vorprogrammiert. Nicht selten lässt sich Berichten von eskalierten Fällen entnehmen, der oder die andere habe just mit Auftreten eines neuen Partners oder einer neuen Partnerin plötzlich „viel weniger Interesse am Kind“ gezeigt. Dabei liefen oft Umgangskontakte exakt wie zuvor ab, regelmäßig und im gewohnten zeitlichen Rahmen. Lediglich der Austausch zwischen den Elternteilen reduzierte sich meist auf das Notwendige oder der andere Elternteil hat damit begonnen, sich nicht beim ehemaligen Partner zu informieren, sondern selbst mit relevanten Stellen zu sprechen.

Hier zeigt sich, dass oft der ungelöste Trennungskonflikt auf diese Ebene projeziert wird. Es geht also eigentlich nicht um das Kind und auch nicht um die Frage nach spezifischem Interesse an dem gemeinsamen Kind, sondern um die Suggestion, eine Trennung sei im Grunde gar nicht möglich, weil mit Verweis auf das Kind uneingeschränkte und ggf. auch zeitlich willkürliche Aufmerksamkeit von jedem Elternteil gefordert werden könne  – durch den ehemaligen Partner.

Dieses Phänomen ist auch in umgekehrter Konstellation bekannt – wenn Umgangselternteile es kategorisch ablehnen, sich eigenständig über Belange des Kindes informieren und vom ehemaligen Partner verlangen praktisch allzeit ansprechbar und für einen Dialog verfügbar zu bleiben, da sonst die Kindesinteressen nicht hinreichend im Mittelpunkt stünden.

  • Reflektieren Sie sich selbst kritisch. In einem Gesamtüberblick – kann die Rede wirklich davon sein, dass der ehemalige Partner kein oder kaum Interesse am Kind zeigt? Oder zeigt sich das Interesse lediglich nicht in dem von Ihnen selbst erwünschten Umfang?
  • Besteht überhaupt die Möglichkeit eines tatsächlichen Schadens für das Kind durch die von Ihnen angemahnten Informationen, oder beschränkt sich das Problem im Grunde auf das Ärgernis über mangelnden Austausch? Was würde sich tatsächlich verändern, wenn das andere Elternteil exakt die von Ihnen gewünschten Informationen hätte?
  • Fragen Sie sich selbst: Wenn die Möglichkeit bestünde, das andere Elternteil mit allen von Ihnen gewünschten Informationen zu versorgen aber unter der Maßgabe, dass diese Information nicht durch Sie selbst erfolgt – wären Sie mit der Situation zufrieden?

 

Das „falsche“ Interesse

Eine wieder andere Konstellation zeigt sich bei auf dieser Ebene ausgetragenen Erziehungskonflikten zwischen den getrennten Elternteilen. Information und Interesse bedeutet immerhin auch eine gewisse Priorisierung verschiedener Themen und genau an dieser Stelle zeigen sich schnell unterschiedliche Erziehungskonzepte. Während ein Elternteil mehr Gewicht auf gesundheitliche Fragen legt und hier sehr wachsam das Kind beobachtet, empfindet das andere Elternteil eher schulische Fragen als besonders wichtig und sucht entsprechend verstärkt nach aktuellen Informationen in diesem Bereich.

Aus der eigenen Wahrnehmung heraus, der oder die andere beschäftige sich mit „den falschen Themen“, oft verbunden mit empfundenem Desinteresse an genau den Informationen, welche Sie selbst als wichtig empfinden, entsteht dann rasch der Vorwurf es herrsche mangelndes Interesse am Kind. Die selbst als wichtig empfundenen Informationen werden nicht abgefragt, also schlussfolgert der oder die Betroffene, die „wirklich wichtigen Themen“ seien dem anderen Elternteil gleichgültig. Dass es sich dabei schlicht um ein Problem subjektiver Wahrnehmung und Wertung handelt, wird nicht erkannt und oft entstehen vollkommen unnötige Konflikte, weil Diskussionen über die Wichtigkeit einzelner Themen entstehen – nicht über unterschiedliche Herangehensweisen und Erziehungsstile.

Wir wissen heute, dass Kinder von unterschiedlichen Ansprachen durch die Elternteile profitieren. So erleben zum Beispiel wie immer wieder in Studien belegt viele Kinder ihre Väter als sorgloser und risikofreudiger im gemeinsamen Spiel als ihre Mütter und haben so die Möglichkeit, beide Aspekte zu erlernen – mutiges Ausprobieren und sorgsame Vorsicht.

Derselbe Lernreichtum entsteht auch in anderen Bereichen durch unterschiedliche Erziehungsstile, sofern sich diese nicht negierend aufeinander auswirken. Diese Gefahr ist allerdings überschaubar – das Kind wird im oben beschriebenen Fall ja auch nicht entweder mutig oder vorsichtig. Hier darf und muss Kindern gerne eine differenzierte, sich komplex entwickelnde Persönlichkeit zugetraut werden.

  • Hinterfragen Sie kritisch, wie stark eigene Prioritäten in das Empfinden einfließen, das andere Elternteil zeige zu wenig Interesse. Geht es womöglich um Themen und Schwerpunkte, nicht um Interesse per se?
  • Bemühen Sie sich um bewusste Wahrnehmung der Unterschiedlichkeit ihrer beider Erziehungsstile und Ansprache des Kindes und halten Sie sich bewusst, dass ihr Kind in aller Regel von dieser Vielseitigkeit profitieren kann.
  • Bedenken Sie, ob tatsächlich eine Beeinträchtigung oder sogar potentieller Schaden für das Kind im Raum stehen, oder ob das Problem sich im Kern um eigene Frustration über den unbefriedigenden Austausch dreht. Kurz: Für wen stellt das ein Problem dar? Für Sie selbst oder ihr Kind?
  • Suchen Sie einen offenen, vorwurfsfreien Dialog mit dem anderen Elternteil. Sprechen Sie darüber, was Ihnen wichtig ist. Nicht darüber, was Ihrer Ansicht nach für das Kind wichtig ist. Bemühen Sie sich darum, das Kind nicht als Argumentationsfläche im Elterndialog zu bemühen.