Recht & Gerechtigkeit

Das Familienrecht ist in seiner Grundstruktur für juristische Laien nur schwer durchschaubar, weil es dem allgemeinen Verständnis von Recht & Gerechtigkeit wie es zum Beispiel durch das bekanntere Strafrecht oft vorliegt, scheinbar widerspricht. Insbesondere das Fehlen einer Täter-Opfer-Struktur irritiert häufig und führt zu völlig falschen Vorstellungen der Abläufe vor dem Familiengericht. In dieser Kategorie finden Sie Erklärungen, Hilfen und Ratschläge zum konstruktiven Umgang mit Familienrechtlichen Fragestellungen, Verfahren vor dem Familiengericht und relevanten Beteiligten.

Papas Neue, Mamas Neuer – was sie dürfen und was nicht

Nicht selten verläuft eine Trennung mit Kind erst einmal relativ ruhig oder befriedet sich nach erster Aufregung wieder so weit, dass ein konstruktives Miteinander möglich ist – und dann kommen die Neuen. Seine Neue, ihr Neuer – neue Partner der getrennten Eltern. Dann ist es oft genug ganz schnell wieder vorbei mit dem Frieden.

Der/die soll sich nicht einmischen, soll sich nicht aufspielen – oft genug wird sogar die Forderung laut, der/die Neue solle sich ja hüten zu versuchen, eine Beziehung zum Kind aufzubauen.

Eifersüchteleien, Ängste und leider häufig auch das eigene Ego treiben die beteiligten Erwachsenen in einem Dreieckskonflikt, der mit dem Kind selbst meist nichts oder nur sehr wenig zu tun hat. Eher geht es um Status, um Vorrechte am Kind. “Es hat nur einen Papa/eine Mama!” als Aussage und energische Bemühungen eben diesen Umstand dem Kind immer und immer wieder zu verdeutlichen zeugen von der latenten Angst, ersetzt zu werden.

Dabei tun sich die betroffenen Kinder mit mehreren Bezugspersonen oft deutlich leichter als die beteiligten Erwachsenen. Und das wiederum betrifft nicht nur die Elternteile und deren neue Partner, sondern darüber hinaus auch das Umfeld, Bekannte, Freunde und die jeweilige weitere Familie.

Jeder hat eine gewisse Idee und Vorstellung davon, wie es “zu sein hat”, wenn ein getrennt lebendes Elternteil eine neue Partnerschaft eingeht. Häufig genügen schon diese verfestigten Haltungen, um aus dem Nichts ganz neuen Streit entstehen zu lassen, wo zuvor relative Ruhe herrschte. Was genau ein neuer Partner/eine neue Partnerin nun aber tatsächlich “darf” oder auch nicht darf, haben wir mit Bezug zu einigen der häufigsten Fragen zusammengefasst. [Weiterlesen…]

By |September 4th, 2015|Patchwork, Recht & Gerechtigkeit|0 Comments

Wegweisender Beschluss des OLG Brandenburg: Sorgerecht

Es macht regelrecht Freude, den brandaktuellen Beschluss des OLG Brandenburg zur Herstellung des gemeinsamen Sorgerechts nicht miteinander verheirateter Eltern zu lesen, denn deutlich und unmissverständlich wie selten stellt das OLG Brandenburg unter anderem fest: gäbe es keinen Konflikt, gäbe es keinen Sorgerechtsprozess. Eine Ablehnung der gemeinsamen Sorge mit einem Konflikt zu begründen führe daher den Rechtsweg ad absurdum.

 

Was war geschehen?

 

Ein unverheirateter Vater stellte Antrag auf Herstellung der gemeinsamen Sorge für sein sechsjähriges Kind. Die Kindesmutter widersprach dem Antrag und beantragte Abweisung mit der Begründung, eine Kommunikation der Eltern sei nicht möglich, daher schade eine gemeinsame Sorge dem Kindeswohl. Das Jugendamt folgte dieser Argumentation, während der Verfahrensbeistand vorschlug, zumindest das Aufenthaltsbestimmungsrecht bei der Mutter alleine zu belassen, um deren Ängste, der Vater wolle ihr das Kind wegnehmen, zu mildern.

 

In der ausführlichen und wirklich lesenswerten Begründung des Beschlusses, mit welchem das OLG den Beschluss des Amtsgerichts kassiert und die gemeinsame Sorge herstellt, zeichnet sich ein Argumentationsstrang ab, der schon seit einer geraumen Weile von Väterrechtsgruppen geführt und auch von uns in früheren Artikeln bereits aufgegriffen worden ist:

Wenn es dazu kommt, dass ein nicht ehelicher Vater einen Antrag auf das gemeinsame Sorgerecht stellen muss, impliziert das einen Konflikt um die Sorgerechtsfrage zwischen den Eltern. Andernfalls würde die gemeinsame Sorge durch eine entsprechende Erklärung beim zuständigen Jugendamt herzustellen und es würde gar kein involviertes Gericht benötigt. Dann jedoch – im Falle eines solchen Antrages – auf die Uneinigkeit der Eltern abzustellen und den Antrag mit dieser Begründung abzuweisen, führt die Möglichkeit, einen solchen Antrag zu stellen, ad absurdum und hebelt quasi die Gesetzesnovellierung aus.

Außerdem, so das OLG in anderen Worten, sollten die Eltern, wenn sie schon zu negativer Kommunikation in der Lage seien, was unter anderem durch E-Mails ersichtlich wurde, welche die Kindesmutter vorlegte, auch in die Pflicht genommen werden können, diese Kommunikation konstruktiv zu entwickeln.

Der Beschluss in voller Länge ist einsehbar auf den Seiten des Bürgerservice Berlin: OLG Brandenburg 13 UF 50/15 vom 3.08.2015

 

 

By |August 15th, 2015|Recht & Gerechtigkeit|0 Comments

Erziehungsfähigkeit

Sowohl bei Inobhutnahmen durch das Jugendamt aber auch bei Trennung mit Kind spätestens dann, wenn ein Elternteil das alleinige Sorgerecht beantragt, wenn zuvor das gemeinsame Sorgerecht bestanden hat, kommt die Frage nach der Erziehungsfähigkeit der Elternteile auf. Familienpsychologische Gutachten sollen dann die Frage klären, ob beide Elternteile grundsätzlich erziehungsfähig sind, ob Einschränkungen zu bemerken sind und letztlich, ob die Elternteile die elterliche Sorge für das Kind zu dessen Wohl ausüben können oder nicht.

Dabei wird häufig die Erziehungsfähigkeit verwechselt mit einem Erziehungsideal. Wer der bessere Mensch oder kompetenter bei der Nachhilfe ist, spielt dabei jedoch gar keine Rolle. Denn die Erziehungsfähigkeit bezieht sich auf die grundliegenden Fähigkeiten, die notwendig sind, um ein Kind zu erziehen und zu betreuen, ohne es dabei in seiner Entwicklung zu stören oder ihm gar zu schaden.

Viele Betroffene missverstehen den Begriff und mit einem Antrag auf das alleinige Sorgerecht bricht ein regelrechter Wettstreit darum aus, wer dem jeweils anderen mehr vermeintliche Verfehlungen im Umgang mit dem gemeinsamen Kind vorhalten kann. Im Kampf um die vermeintlich bessere Erziehungsfähigkeit werden Fruchtzwerge zur Kindeswohlgefährdung, der Opa zur latenten gesellschaftlichen Bedrohung und eine zu dünne Jacke zum Sinnbild von Ignoranz und Gleichgültigkeit.

Dabei geht es bei der Frage um die Erziehungsfähigkeit um etwas ganz anderes.

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By |Juli 22nd, 2015|Allgemein, Recht & Gerechtigkeit|0 Comments

Umgangspflegschaft?

Wenn sich ein Elternpaar nicht friedlich voneinander trennt, sind Folgekonflikte die Regel. Wo in anderen Beziehungsabbrüchen oft der totale Kontaktabbruch Heilung verschafft, ist das bei gemeinsamen Kindern nicht möglich, denn die Kinder brauchen den Kontakt zu beiden Elternteilen auch nach einer Trennung für eine gesunde Entwicklung. Wie wichtig dieser Kontakt ist, macht der Gesetzgeber deutlich, indem ausdrücklich festgehalten wurde, dass der Kontakt zu beiden Eltern dem Kindeswohl in der Regel entspricht. Das führt zu einer sogenannten Negativprüfung – Umgang hat also grundsätzlich statt zu finden, weil es dem Kindeswohl dient. Davon abgewichen werden kann nur mit stichhaltigen Gründen, welche vorgebracht werden müssten. Es muss also niemand beweisen, dass der Umgang dem Kind gut tut, das Gegenteil ist der Fall.

Oft genug kommt es jedoch grade bei einer hochstrittigen Trennung mit Kind gar nicht oder nicht mehr zum Umgang, weil das betreuende Elternteil die Herausgabe verweigert oder die Elternteile schaffen es nicht, die Übergaben des Kindes ohne offenen Streit und Schuldzuweisungen vor dem Kind umzusetzen.

Dann landen solche Umgangsstreitigkeiten häufig vor Gericht und müssen von außen befriedet werden. Hierzu steht den Gerichten in Form der  Umgangspflegschaft ein vielseitiges und lebensnahes Werkzeug zur Verfügung, das den Eltern dabei helfen soll, eine kindgerechte Gestaltung von Übergaben und Umgangsregelungen zu entwickeln. Dazu kann dem Umgangspfleger/der Umgangspflegerin in letzter Konsequenz sogar das Recht übertragen werden, für die Zeit des Umganges den Aufenthalt des Kindes zu bestimmen.

Ist das der Fall, kann die Herausgabe des Kindes vom betreuenden Elternteil sogar mit Hilfe der Polizei durchgesetzt werden.

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By |Juli 14th, 2015|Allgemein, Recht & Gerechtigkeit|0 Comments

Das Aufenthaltsbestimmungsrecht

Nach einer Trennung mit Kind sollte durch das Sorgerecht beider Eltern sichergestellt werden, dass weiterhin Vater und Mutter am Leben des Kindes Teil haben, sich informieren und Entscheidungen im Sinne des Kindes treffen können. Besondere Bedeutung erlangt dabei allerdings das Aufenthaltsbestimmungsrecht, denn wer dieses inne hat, der entscheidet, wo das Kind leben soll.

Ob im eigenen Haushalt, bei den Großeltern oder im Heim, durch diesen Entscheidungsrahmen wird das Aufenthaltsbestimmungsrecht zum wohl wichtigsten empfundenen Teil der elterlichen Sorge für viele von Trennung betroffene Elternteile. Umso schwieriger wird es, wenn die Eltern sich nicht darüber einig sind, wo das Kind leben soll. Wünschen beide Elternteile, dass das Kind nach der Trennung in ihrem Haushalt lebt, muss ein Gericht entscheiden.

Doch oft genug wird auch kurzsichtig das alleinige Sorgerecht oder Aufenthaltsbestimmungsrecht beantragt als vermeintlicher Ersatz für umfangreichen Umgang oder als eine Art Erziehungsmaßnahme gegenüber dem anderen Elternteil. Ein solcher Antrag allerdings kann gravierende Folgen haben. Denn wird ein Familiengericht genötigt, das Aufenthaltsbestimmungsrecht auf ein Elternteil alleine zu übertragen, steht danach auch einem Umzug nach Dubai nicht mehr viel im Wege.

Zudem kursieren einige Fehlinformationen dahingehend, welche Entscheidungsgewalt mit dem alleinigen Aufenthaltsbestimmungsrecht tatsächlich einher geht. Darf dann entschieden werden, wo Umgang stattfinden darf? Wer entscheidet über Urlaubsreisen des Kindes mit dem umgangsberechtigten Elternteil?

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By |Juli 3rd, 2015|Allgemein, Recht & Gerechtigkeit|0 Comments

Umgangsausschluss?

Frisch nach der Trennung im Streit um Zeiten, Erziehungsmethoden oder auch Dinge, die mit den Kindern gar nichts zu tun haben, ist die Drohung schnell einmal ausgesprochen: “Dann lasse ich den Umgang vom Gericht ausschließen!”

So einfach ist das allerdings nicht. Im Gegenteil.

Der Super-GAU für jeden Umgangsberechtigten, der völlige Ausschluss von Kontakten über einen längeren Zeitraum – kommt selten vor und muss solide begründet werden können. Andernfalls heben Gerichte höherer Instanzen solche Beschlüsse durchaus auch auf und verweisen zurück.

Der Gesetzgeber hat eindeutig Stellung bezogen: Umgang mit beiden Eltern entspricht in der Regel dem Kindeswohl. Wörtlich ist dem §1684 BGB zu entnehmen, dass Umgang nur dann auf Dauer eingeschränkt oder ausgeschlossen werden kann, wenn andernfalls das Kindeswohl gefährdet wäre. Das ist eine vergleichsweise hohe Hürde für Gerichte, die einen Umgangsausschluss tatsächlich in Erwägung ziehen.

Kommt es dazu, befindet man sich meist am Ende einer destruktiven Spirale aus diversen Prozessen um Sorge- und Umgangsrecht, die sich bereits über Jahre hinzieht. Spätestens dann, wenn ein Umgangsausschluss tatsächlich zur Diskussion gestellt wird, ist auch die Beauftragung eines familienpsychologischen Gutachtens nahezu obligatorisch. Nach dem Grundsatz des anzuwendenden mildesten Mittels sind in der Regel schon diverse Lösungsansätze gescheitert oder ergebnislos im Sande verlaufen.

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By |Juni 5th, 2015|Allgemein, Recht & Gerechtigkeit|0 Comments

Keine Kommunikation zwischen den Eltern mehr möglich?

Vor einigen Jahren noch war das Argument, eine Kommunikation sei zwischen getrennten Eltern nicht mehr möglich eine solide Grundlage, um einem Elternteil das Sorgerecht für ein gemeinsames Kind alleine zu übertragen. Weshalb die Kommunikation nicht funktionieren wollte, hinterfragten Gerichte damals kaum und leider finden sich auch heute noch vereinzelte Beschlüsse, in denen die Unwilligkeit eines Elternteils eine Zusammenarbeit mit dem anderen Elternteil nach der Trennung zu erreichen als Grund angeführt werden, um einem Elternteil die Alleinsorge zu übertragen. Allerdings nicht zwingend dem kooperationsbereiten Elternteil.

Auch wenn eine problematische Kommunikation heute kaum noch ausreicht, um schwerwiegende Änderungen im Sorgerecht oder sogar im Umgangsrecht durchzusetzen bleibt es ein wesentliches Thema – denn die Eltern müssen in der Lage sein, gemeinsame Entscheidungen für das Kind zu treffen, wenn die gemeinsame Sorge besteht oder hergestellt werden soll. Und Entscheiden ist nur möglich, wenn Kommunikation möglich ist.

Wenn das aber nun nicht funktioniert? Wenn einer von beiden einfach die Kommunikation rundheraus ablehnt, im schlimmsten Fall derjenige, bei welchem das Kind überwiegend lebt?

Schnell fühlt der andere Elternteil sich hilf- und ratlos in Sippenhaft genommen, denn es heißt stets: “Eine Kommunikation ist den Eltern nicht möglich.” Das es weniger die Möglichkeit als die Willigkeit ist, findet in den wenigsten Beschlüssen klar Einzug.

Wie kann man nun mit einer solchen Blockadehaltung umgehen und kann man überhaupt, wenn man gefühlt gegen eine Wand anredet?

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OLG Bremen – Konflikte der Eltern = keine gemeinsame Sorge?

Was sich das OLG Bremen nun im Verfahren 4 UF 33/15 geleistet hat, grenzt an bewusste Blockade einer positiven Entwicklung der Familienrechtslandschaft.

Nicht von ungefähr war Kern der Gesetzesnovellierung vor zwei Jahren, nicht ehelichen Vätern das Erlangen einer gemeinsamen Sorge für leibliche Kinder zu erleichtern. Nicht zufällig war insbesondere das bis dahin geltende Veto-Recht der Kindesmutter weggefallen – der EuGH hatte Deutschland keine andere Wahl gelassen, als die Gesetze diesbezüglich zu überarbeiten, denn dass unter dem Fähnchen der Gleichberechtigung Mütter entscheiden durften, ob Väter das Sorgerecht für gemeinsame Kinder erhalten, das stellte laut EuGH eine klare Diskriminierung dar und das darf nicht sein.

Die Lösung des Gesetzgebers war o.g. vereinfachtes Verfahren zur Erlangung der gemeinsamen Sorge, die sogar rein schriftlich durch ein Gericht erteilt werden kann. Eine Anhörung der Parteien ist also nicht einmal mehr zwingend notwendig – und das ergibt durchaus Sinn, wenn man bedenkt, dass auch niemand die Kindesmutter genauer unter die Lupe nimmt, bevor sie mit vollem Sorgerecht für das Kind das Kranken- oder Geburtshaus verlässt. Entsprechend eigenartig mutet das schon unmittelbar nach Gesetzesänderung aufgekommene Argument an, man könne ja nicht einfach so irgendwem Sorgerecht erteilen, ohne denjenigen zumindest einmal persönlich gesehen zu haben. Doch, kann man. Kann der Gesetzgeber per se bei sämtlichen Müttern in Deutschland ja auch.

 

Die Sache mit der Kommunikation

Durch familienrechtliche Beschlüsse der vergangenen zehn Jahre zieht sich das Triggerwort “Kommunikation” wie ein roter Faden. Eines der beliebtesten Argumente, um eine gemeinsame Elterliche Sorge wahlweise abzulehnen oder sogar aufzuheben waren Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den Eltern. Dabei entstand durch die Grundausrichtung der Familiengerichte auf das Kindeswohl – wonach in erster Linie gleichgültig ist, warum ein Problem für das Kind entsteht und die Frage, wie es auf kürzestem Wege zu lösen ist, davon unabhängig beantwortet werden sollte – ein maligner Motivator insbesondere für betreuende Elternteile, die eine gemeinsame Sorge mit dem anderen Elternteil ablehnten – in erdrückender Mehrheit von über 90% Mütter, die ihrerseits mit Geburt des Kindes automatisch sorgeberechtigt sind.

Denn wer die Schuld daran trug, dass keine vernünftige Kommunikation in Angelegenheiten des Kindes möglich war, untersuchten die Gerichte im Grunde gar nicht. Das eröffnete einem betreuenden Elternteil, welches nicht bereit war, die gemeinsame elterliche Sorge mit dem Umgangselternteil auszuüben die Möglichkeit, sich seiner quasi zu “entledigen”, indem selbst einfach die Kommunikation verweigert wurde.

Es ist unmöglich nachzuvollziehen, wie häufig eine gemeinsame Sorge aufgehoben oder nicht beschlossen worden ist, weil ein Elternteil mutwillig und vollkommen bewusst die konstruktive Zusammenarbeit mit dem anderen Elternteil verweigert hat. In entsprechenden Beschlüssen ist grundsätzlich die Rede von zur Kommunikation unfähigen “Eltern”. Sippenhaft im Grunde, wenn man so möchte.

Erst im Zuge der Debatte um paritätische Betreuungsmodelle und die Gesetzesnovellierung wurde auch dieses Problem mehr und mehr erkannt, so dass heute die überwiegende Mehrheit der zuständigen Gerichte bewusst ergründet, woher ein Kommunikationsproblem tatsächlich rührt, wer sich inwiefern verweigert und sich diesbezüglich nicht mehr instrumentalisieren lässt. Das geht so weit, dass mittlerweile davon ausgegangen wird, dass eine chronische Verweigerungs- und Blockadehaltung ein Ausweis für eine eingeschränkte Erziehungsfähigkeit des Elternteils sein kann. Die Frage, wie es in diesen Fällen um die Bindungstoleranz bestellt ist taucht rasch auf.

 

Ein Rückschritt

Insofern ist das Aufheben der – völlig nachvollziehbaren – Entscheidung des zuständigen Amtsgerichtes durch das OLG in diesem Fall ein klarer Rückschritt, insbesondere im Bezug auf die Begründung, ein vereinfachtes Verfahren käme nicht in Frage, da es offensichtlich Konflikte gebe. Allerdings – gäbe es die nicht, wäre der Fall nicht vor Gericht. Dann säßen die Eltern beim örtlichen Jugendamt und würden eine gemeinsame Sorgeerklärung unterzeichnen. Denn dass die Kindesmutter die gemeinsame Sorge nicht wünscht, begründet ja schon den Hauptkonflikt, der zu einer gerichtlichen Entscheidung überhaupt erst führen muss.

Man kann sich an dieser Stelle nur wünschen, dass das zuständige Amtsgericht das nun anstehende Hauptsachverfahren dazu nutzen wird, eine deutliche Signalentscheidung für die gemeinsame Sorge und wider Launen und Sympathien der beteiligten Eltern zu fällen.

Denn es kann und muss von Eltern verlangt werden, dass zwischenmenschliche Konflikte so weit zurückgehalten werden, dass die Angelegenheiten des Kindes in dessen Sinne und gemeinsam besorgt werden können. Wer das nicht kann oder will und eigene Befindlichkeiten über für das Kind wichtige Belange stellt, muss sich kritische Nachfragen zur tatsächlichen Erziehungsfähigkeit gefallen lassen.

Einfach einen der Konfliktfaktoren aus der Gleichung zu streichen – gewöhnlich denjenigen, dessen Streichung für das Kind oberflächlich betrachtet die geringere Erschütterung bedeutet – ist weder der Qualität und Kompetenz unserer Gerichte noch dem Gewicht solcher Entscheidungen für die betroffenen Kinder angemessen.

 

By |Mai 15th, 2015|Recht & Gerechtigkeit|4 Comments

Ausgefallenen Umgang nachholen? Muss man das?

Umgangsregelungen, ganz egal ob gerichtlich beschlossen oder allein unter den Eltern nach einer Trennung mit Kind vereinbart, sind oft komplex, umfangreich und gute Regelungen zudem sehr spezifisch. Das muss auch so sein, denn immerhin müssen die Terminplanungen zweier Erwachsener und mindestens eines Kindes irgendwie unter einen Hut – und im Idealfall soll das alles auch noch möglichst stressarm umsetzbar sein.

Es lässt sich in aller Regel nicht über Jahre hinweg völlig verhindern, dass Termine einmal nicht eingehalten werden können. Das kann durch eine schwere Erkrankung des Kindes notwendig werden, durch berufliche Abwesenheiten eines Elternteils, durch Urlaubsreisen oder sonstige unvorhergesehene Zwischenfälle, die zum Beispiel den/die Umgangsberechtigte/n daran hindern, wie geplant den Umgang wahr zu nehmen. Hierbei ist zunächst wichtig zu verstehen, dass Umgangstermine – insbesondere durch einen Gerichtsbeschluss festgelegte – keine Wahlveranstaltungen sind[Weiterlesen…]

By |Mai 11th, 2015|Allgemein, Recht & Gerechtigkeit|0 Comments

Was ist Bindungstoleranz?

Wenn eine Trennung mit Kind eskaliert, sogar bis vor ein Familiengericht kommt um Umgang oder Sorgerecht (neu) zu regeln, dann fällt oft der Begriff “Bindungstoleranz”. Er ist wesentlicher Bestandteil praktisch jedes familienpsychologischen Gutachtens und kann sogar entscheidend für die Frage sein, wo das Kind zukünftig leben und wie das Sorgerecht geregelt werden soll.

Häufig wird Bindungstoleranz sehr unreflektiert in direkten Zusammenhang mit Entfremdung und Beeinflussung gebracht, allerdings handelt es sich um zwei zwar aufeinander aufbauende aber jeweils komplexe Problemstellungen. Eine Entfremdung, Beeinflussung oder auch ein Umgangsboykott ist letztlich die Blüte, die ein eklatanter Mangel an Bindungstoleranz treibt. Die Frage nach Letzterer ist viel mehr die Frage nach dem “Warum?”. Wieso tut jemand so etwas? Was treibt eine entfremdende Person dazu, dem Kind scheinbar sehenden Auges zu schaden und weshalb ist die Bindungstoleranz derart wichtig, dass bei einem erheblichen Mangel sogar ein Entzug des Sorgerechts in Erwägung gezogen werden kann, wenn Umgangspflegschaften und Mediationen keine Ergebnisse erzielen?

So hat bereits in 2009 das OLG Brandenburg einer Mutter das Sorgerecht für ihr Kind gänzlich entzogen und auf den Vater übertragen, nachdem fortgesetzt der Umgang verweigert wurde – aufgrund eines erheblichen Mangels an Bindungstoleranz.

Wenn Umgang verweigert oder boykottiert wird, lässt sich im Grunde immer von einem Problem der Bindungstoleranz sprechen, so auch bei Beeinflussung, Manipulation und Entfremdung des Kindes von einer Bezugsperson. Elternexklusiv ist das Problem jedoch nicht. Auch Großeltern und Stiefeltern können von mangelnder Bindungstoleranz betroffen sein.

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