Relativ häufig kommt es nach einer Trennung mit Kind zu Konflikten und Streit und sobald diese Streitigkeiten vor Gericht gehen, sind Anträge auf alleiniges Sorgerecht beinahe schon ein Klassiker. Viele Betroffene sehen in der Alleinsorge eine Art Allheilmittel. Mit der alleinigen Entscheidungsgewalt, so glauben sie, könnten sie viele für sie akut bestehende Probleme mit dem anderen Elternteil auf einen Schlag lösen, sei das, weil dessen Haltung und Meinung nicht länger Gewicht hat, oder weil sie glauben fortan einfach gar nicht mehr mit dem anderen kommunizieren zu müssen.

Einige der häufigsten Irrtümer rund um das alleinige Sorgerecht, die regelmäßig zu Anträgen auf Übertragung der Alleinsorge führen, haben wir einmal zusammen getragen:

 

1. Wer alleiniges Sorgerecht hat, bestimmt auch den Umgang

Sehr häufig werden Anträge auf alleiniges Sorgerecht aus einem Umgangskonflikt heraus gestellt. Sei das, weil ein betreuendes Elternteil den Umgang gerne einschränken oder ganz abstellen möchte oder umgekehrt, weil ein Umgangselternteil mehr und häufigeren Umgang wünscht und damit beim betreuenden Elternteil auf taube Ohren stößt. Auch wiederkehrende Unregelmäßigkeiten und Umgangsausfälle sind oft Grund für einen Antrag auf alleiniges Sorgerecht.

Tatsächlich haben Umgangsrecht und Sorgerecht nichts, wirklich gar nichts miteinander zu tun.

Aus genau diesem Grund werden diese Verfahren, sofern sie gleichzeitig betrieben werden, von den Gerichten auch getrennt voneinander behandelt. Aus dem Sorgerecht erwächst keinerlei Bestimmungsbefugnis bezüglich des Umganges des anderen Elternteils mit dem Kind.

 

2. Ohne Sorgerecht darf der andere sich nicht mehr in Schule/Kindergarten reinhängen

Ein sehr kniffliger Punkt, der regelmäßig falsch eingeschätzt wird. Denn zwar darf ein Elternteil ohne Sorgerecht nicht mitentscheiden, auf welche Schule oder in welchen Kindergarten das Kind gehen soll, das Informationsrecht räumen allerdings Gerichte regelmäßig auch nicht sorgeberechtigten Eltern ein. Wer also hofft durch alleiniges Sorgerecht keinerlei Informationen mehr an den anderen Elternteil weitergeben zu müssen, der irrt.

Grade in solchen Fällen legen die zuständigen Gerichte für gewöhnlich sogar explizit fest, welche Informationen wie und wann dem anderen Elternteil zur Verfügung gestellt werden müssen – durch das sorgeberechtigte Elternteil. Bei gemeinsamem Sorgerecht hingegen, kann, darf und muss sich jedes Elternteil selbst informieren. Hier halst man sich also mit etwas Pech zusätzliche Interaktion mit dem ehemaligen Partner auf, die man sich hätte sparen können, wenn er oder sie sorgeberechtigt wäre.

Zudem – Veranstaltungen in Kindergarten oder Schule, welche in die Umgangszeiten fallen, haben nichts mit dem Sorgerecht zu tun und können natürlich besucht werden, ebenso öffentliche Veranstaltungen der Betreuungs- oder Bildungseinrichtung. Auch die Idee, das andere Elternteil gänzlich aus der Einrichtung heraus zu halten ist also in der Regel nicht realistisch.

 

3. Mit alleinigem Sorgerecht kann ich gefährliche Unternehmungen verbieten

Nicht selten führen auch Unstimmigkeiten über Unternehmungen mit dem Kind oder Hobbies des Kindes zu einem Antrag auf alleiniges Sorgerecht – in der Hoffnung, das dann unterbinden zu können. Hierbei muss allerdings zunächst klargestellt werden, dass keinerlei Weisungsbefugnis bezüglich der Umgangsausgestaltung mit dem Sorgerecht zusammenhängt. Über die Ausgestaltung der Umgangszeit bestimmt allein der umgangsberechtigte Elternteil – Sorgerecht hin oder her. Die Hoffnung also, den unwillkommenen Reitsport unterbinden oder Besuche im Kletterpark verhindern zu können, wird zu einer Enttäuschung führen.

Nur Themen, die tatsächlich dem Sorgerecht zuzuordnen sind verbleiben auch während der Umgangszeit in der Alleinentscheidung des allein sorgeberechtigten Elternteils. So dürften zum Beispiel keine ärztlichen Eingriffe am Kind ohne Zustimmung vorgenommen werden, sofern kein akuter Notfall vorliegt.

 

4. Wer das Sorgerecht hat, bestimmt auch, wer das Kind treffen und/oder betreuen darf

Ein weiterer Irrglaube bezieht sich auf weitere Bezugspersonen bzw. Betreuungspersonen des Kindes. Wenn schon während der Paarbeziehung das Verhältnis zur Schwiegermutter nicht harmonisch war, dann treibt viele Betroffene nach der Trennung der Glaube, es ließe sich der Kontakt des Kindes zur verhassten Großmutter unterbinden oder ein Kennenlernen des neuen Partners/der neuen Partnerin des anderen Elternteils verhindern zu einem Antrag auf alleiniges Sorgerecht. Hier greift allerdings zum einen abermals die Gestaltungsfreiheit des Umgangsberechtigten – denn auch wen das Kind innerhalb der Umgangszeit trifft und mit wem es Zeit verbringt entscheidet dieser alleine – zum anderen wird Großeltern sogar ein eigenes Umgangsrecht mit dem Enkelkind zugestanden, zumindest dann, wenn bereits eine tragfähige Beziehung vor der Trennung bestanden hat.

Auch Fremdbetreuung des Kindes innerhalb der Umgangszeit zum Beispiel durch einen Babysitter kann der oder die Umgangsberechtigte alleine entscheiden. Hier hat auch ein allein sorgeberechtigter Elternteil keinerlei Veto- oder Mitbestimmungsrecht. Insbesondere darf eine solche Betreuung über kürzere Zeit nicht fälschlich gleichgesetzt werden mit der Entscheidung für einen Kindergarten oder ähnlich – denn dabei handelt es sich um eine Entscheidung von erheblicher Tragweite für das Kind. Immerhin wird es Jahre seines Lebens diverse Stunden werktäglich dort zubringen und der pädagogische Ansatz eines Kindergartens kann dabei erhebliche Auswirkungen auf das Kind haben.

 

5. Mit dem alleinigen Sorgerecht kann ich einer Adoption durch meine/n neue/n Partnerin zustimmen

Der wohl größte Irrglaube bezieht sich auf eine mögliche Adoption des eigenen Kindes durch den/die neue/n Partner/in. Tatsächlich ist eine Adoption eines nicht verwaisten Kindes ausschließlich mit Zustimmung des anderen Elternteils möglich. Diese Zustimmung kann auch, entgegen landläufiger Meinung, nicht gerichtlich ersetzt werden. Wenn also der zweite noch lebende Elternteil einer Adoption durch eine/n Dritte/n nicht zustimmt, ist eine solche Adoption kurzum nicht möglich.

Wie unumstößlich diese Haltung ist, zeigt sich besonders deutlich darin, dass selbst in Fällen, in welchen ein Elternteil vollkommen untergetaucht ist und bereits seit Jahren keinerlei Kontakt mehr zum Kind besteht die Gerichte ein Ersetzen der Zustimmung zur Adoption rigoros ablehnen.